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Das Konzept der Lücke

Das Konzept der Lücke
Skizze einer Metaphysik der Wahrnehmung
Sibylle Feucht NDS D | A + I, 2006

"Lücken sind wie unbewohnte Häuser am Wegrand, die darauf warten bewohnt zu werden. Wir laufen an ihnen vorbei, wenn wir davon ausgehen, dass sie nicht existieren."

Lücke

Die Frage nach der Lücke ist unauflösbar mit der Frage nach der Funktionsweise von Wahrnehmung verknüpft und diese wiederum mit der Frage nach den jeweilig vorherrschenden Wertesystemen einer Gesellschaft.

Der Verdacht

Der Verdacht

Der Verdacht, dass das zur Zeit vorherrschende Wertesystem unserer Gesellschaft unsere Wahrnehmung in eine Richtung verschiebt, die das Füllen bekannter und offensichtlicher Lücken favorisiert und dadurch das Wahrnehmen neuer beziehungsweise anderer Lücken erschwert oder sogar verunmöglicht, treibt mich schon seit längerem um. Ich will damit nicht sagen, dass es gar keine Lücken mehr gibt und, dass nicht immer wieder Lücken wahrgenommen werden, aber in der Summe scheinen mehr Lücken geschlossen und weniger Lücken erkannt zu werden.

Mein Verdacht gründet im Wesentlichen auf zwei Beobachtungen:

Da ist zunächst einmal eine Entwicklung, die ich als Verdichtung bezeichne. Durch das nahezu flächendeckende Einführen von Regelsystemen in die unterschiedlichsten Organisationssysteme unserer Gesellschaft, werden die Handlungsspielräume sowohl auf der Ebene der handelnden Individuen, als auch auf der Ebene der Organisationssysteme selbst zunehmend eingeschränkt und in diskrete Bahnen gelenkt. Dieses, in gewisser Weise systematische Schliessen von Handlungsspielräumen reglementiert und bestimmt zwangsläufig die Wahrnehmung der sich darin bewegenden Individuen wie auch des Systems selbst. Da sich die Wahrnehmung zunehmend an den Regelsystemen selbst orientiert, kann irgendwann nichts mehr wahrgenommen werden, das in Abweichung oder im Widerspruch zu diesen steht. Ein Zustand maximaler Verdichtung ist erreicht.

Zu ähnlichen Ergebnissen wie die Verdichtung durch Regelsysteme führt eine Entwicklung, die Unterschiede aufhebt und die ich als Gleichheit bezeichne. Wahrnehmung braucht immer das Andere, das Differenz und daher Unsicherheit erzeugt. Differenz ist also immer Grundbedingung von Wahrnehmung. Die Reduktion von Differenz, sei es auf visueller, sprachlicher oder sozio-kultureller Ebene führt daher unweigerlich zu einer Reduktion dessen, was an Welt wahrgenommen werden kann, denn durch die Reduktion von Differenzen reduziert sich letztlich auch Weltmöglichkeit. So führt unter anderem die globale Verfügbarkeit der gleichen oder nahezu identischen Produkte zur Reduktion von Differenzen und in der Folge zu einer Reduktion von Welt, was wiederum eine Verarmung von Wahrnehmung durch Gleichheit darstellt. In dem Masse wie sich Welt bzw. Weltmöglichkeit reduziert durch die Aufhebung von Differenzen, in dem Masse wird auch ein mögliches Potenzial an Lücken reduziert, da die Menge an Lücken abhängig ist von der Menge an Möglichkeiten von Welt und daher von den möglichen Differenzen von Weltwahrnehmung. Es geht daher nicht darum die eine, allein gültige und wahre Welt wahrzunehmen, sondern darum die vielen Welten, die sich dieser annähern, was wiederum nur über die Vielfalt an Differenzerfahrungen möglich ist.

Die Diplomarbeit "Das Konzept der Lücke" ist ein Versuch Aufmerksamkeit auf die Lücke sowie deren Bedeutung für die Erzeugung von Erkenntnis und Innovation zu lenken.

Frau Sibylle Feucht hat auch nach ihrem Diplom am MAS Design | Art + Innovation am Thema der Lücke weitergearbeitet. Im Sommer 2009 erscheint von ihr dazu ein Buchbeitrag unter dem Titel " ... - Die Lücke zwischen den Punkten oder woher der Prototyp kommt-". (In: Bauer, Susanne; Bergermann, Ulrike et. al. (Hg.): Prototypisieren. Eine Messe für Theorie und Kunst. Bremen, 2009)

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