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Erzählte Bilder. Vorgestellte Bilder.

Erzählte Bilder. Vorgestellte Bilder. 
Anna Schürch NDS D | A + I, 2005

Beispiel.
Meine Grossmutter habe, als sie in den 70er Jahren das erste Mal ihre Tochter in Amerika besuchte, ein Foto gemacht und damit einen Preis gewonnen. Vielleicht hat sie es auch den Schwiegersohn machen lassen. Jedenfalls habe sie sich gefreut wie ein Kind und sei sehr stolz gewesen über den Preis.
Das erzählte mir meine Tante, als ich kürzlich erstmals in Amerika war und sie in Boston besuchte. An das Sujet erinnerte sie sich nicht mehr. Ich hatte an meine Grossmutter noch nie als an eine gedacht, die Bilder machte. Sie machte den Garten und sie war die einzige in der Familie, die regelmässig nach Amerika ging. Ich stellte mir vor, dass dieses Bild, wenn es schon einen Preis gewonnen hatte, wohl diese amerikanische Stimmung, die ich die ganze Zeit empfand, in sich haben musste. Das Bild der ersten Amerikareise. Als ich zurückkam, bat ich meinen Vater, das Bild zu suchen. Der Preis hatte in einer Kodak-Vergrösserung bestanden und das Bild sei dann noch lange im Schaufenster der Drogerie in Wynigen gehangen. Er hat mir eine Farbkopie davon gemacht.

Einleitung.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Bilder zu erzählen: Über ein Bild kann geschrieben oder gesprochen werden in seiner Gegenwart, aber auch in seiner Abwesenheit. Das abwesende Bild kann bekannt sein oder unbedeutend, erinnert, verloren, erfunden, existent oder fiktiv. In jedem Fall entsteht es durch die Erzählung in bestimmter Weise in der Vorstellung der lesenden oder zuhörenden Person. Ich erzähle das Bild, damit an seine Stelle die Vorstellung treten kann.

Untersuchung.
Das Vorhaben, Bilder zu erzählen, löst eine ganze Reihe von Fragen aus.
Was stelle ich mir vor, wenn ich lese, was, wenn ich Bilder betrachte? Warum wähle ich das Medium der Sprache, um die Vorstellungskraft anzusprechen? Das Anliegen dieser theoretischen Arbeit ist es, in einem ersten Schritt aufzuzeigen, welche Rolle und Aufmerksamkeit der Vorstellungskraft beim Lesen von Texten einerseits und beim Betrachten von Bildern andererseits zukommt und dann der Frage nachzugehen, was das Ziel, der Gewinn einer Übersetzung von Bild in Text in Bezug auf die Imagination sein kann. Eine bestehende Form dieser Übersetzung, die Ekphrasis, wird beschrieben und in ihrem Verständnis der Vorstellungskraft kritisch begutachtet.
Die Übersetzung von Bild in Text provoziert rückwirkend die Frage nach dem Stellenwert der Vorstellungskraft in der Bildbetrachtung. Weshalb ist sie dort kein Thema? Aus dieser Frage ist das Anliegen motiviert, der Imagination einen Platz im Bild zu verschaffen. Hintergrund der Untersuchung ist die Diskussion um die abbildende bzw. konventionelle Funktion von Bild- und Textzeichen. Daraus entwickelt sich die These, dass mit der Loslösung des Bildes von einem mimetischen Anspruch, die Vorstellungskraft für die Bildrezeption zu gewinnen wäre. Diese neue Auffassung könnte der Betrachterin einen selbst bestimmten, subjektiven Zugang zum Bild eröffnen, eine Leerstelle einführen und sichtbar machen, zu deren Ergänzung die Vorstellungskraft gefragt wäre.

Bildlektüre.
Mich interessieren die Interpretationsbewegungen, die möglich werden, wenn das Bild aus diesem engen Wirklichkeitsbezug gelöst wird. Was heisst es, das Bild als willkürliches Zeichen zu lesen? Welcher Stellenwert kommt dabei der Imagination zu? Die Veränderung der Bildauffassung bringt neue Möglichkeiten oder verlangt gar neue Formen der Bildbetrachtung und der Bildrezeption. Wenn das Bild ein willkürliches Zeichen ist, wie der Text, lässt es immer etwas offen. Es ist nicht mehr eindeutig und vollständig vorbestimmt. Damit entsteht eine ähnliche Leerstelle, wie sie oben für den Text beschrieben wurde und mit ihr ein Spielraum für die Vorstellung. Das willkürliche Zeichen Bild muss animiert werden. Die Imagination wird dadurch konstitutiv für das Bild, wie subjektiv auch immer sie geprägt sein mag. Sich zu einem Text oder einem Bild Vorstellungen zu machen bedeutet eine Anreicherung und Vervollständigung des Gegebenen und auch eine subjektive Aneignung, eine Übersetzung in eigene Erfahrung. Ich richte über die Imagination einen Bezug zwischen dem Bild und meiner Wirklichkeit ein, damit das Bild beginnt, etwas mit mir zu tun zu haben und nicht in seiner Willkürlichkeit fremd bleibt. Je mehr das Bild als willkürliches Zeichen verstanden wird, umso stärker kommen Imaginationsprozesse im Sinne einer Anreicherung und Aneignung in Gang. Damit kommt der Betrachterin eine andere Rolle zu: Sie muss nicht länger das Gegebene wieder erkennen, sondern herausfinden, was das für sie heissen könnte. Die Eigenständigkeit der Imagination gegenüber dem Gegebenen, dem Bild ist als Qualität, als Gewinn für die Bildbetrachtung zu verstehen.
Eine solche Lektürekompetenz ist für die Rezeption von moderner und zeitgenössischer Kunst wichtig, die nicht mehr einer Abbildidee verpflichtet ist und mit einem mehr oder weniger stark gebrochenen Wirklichkeitsbezug arbeitet. Sinn kann nicht einfach abgelesen werden, sondern muss hergestellt werden. Imagination ist eine Möglichkeit, diesen Sinn zu erzeugen.

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