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Ornamentale Betrachtungsweisen

Ornamentale Betrachtungsweisen
Was Muster über die Welt erzählen
Elisabeth Ritschard NDS D | A + I, 2005

Ornament

Radkappen. Fotos: Elisabeth Ritschard

Fünf mäandrierende Gespräche im Labyrinth des Ornaments: Viertes Gespräch

 

Lass uns für alle, die an unseren bisherigen Gesprächen nicht teilnehmen konnten, kurz am letzten anschliessen. Du sprachst damals von einer Tagung zum Thema Ornament, das Mitte der 80er Jahre in Wien stattgefunden hat. Damals ist dir die grosse Themenvielfalt der Referate aufgefallen, die unter dem Oberbegriff Ornament gehalten worden sind. Kurz nach diesem Gespräch Anfang Oktober hat in Zürich ein Symposium mit dem Titel 'Die Wiederkehr des Ornaments' stattgefunden. Du warst neugierig, ob sich die Diskussion in diesen zwanzig Jahren verändert hat. Hat sie sich verändert?

Leon Battista Alberti beschrieb zwei verschiedene Ornamenttypen. Der eine bezieht sich auf den Schmuck, das zusätzlich Angebrachte. Das Schöne als Schein, nicht als nackte Wahrheit. Dieses ornamentum, wie Alberti das Ornament nannte, ist ablösbar, eben als Schminke, als Kleid, als Frisur. Als zusätzlicher Schnörkel, als Beigabe. Der darunter liegende Körper wird durch eine Wegnahme dieses Ornaments nicht verletzt. Er ist eigenständig, weil unabhängig von dieser Art Verzierung. Auf diese Argumentation bezogen sich die meisten nachfolgenden Autoren. Alberti entwarf aber noch einen zweiten Begriff vom Ornament. Dieser ist abhängig von der Struktur eines Gegenstandes, der Körper bildet gemeinsam mit seiner Struktur das Ornament. Wird in diesem Verständnis das ornamentum in Form von Fleisch abgetrennt, bleibt nur noch ein Skelett, eine Konstruktion übrig. Ohne Fleisch am Knochen kein Körper. Das eine Ornament ist unabhängig von seinem Träger – soweit etwas Getragenes von seinem Träger überhaupt unabhängig gedacht werden kann. Dieses Ornament muss auf das Darunter liegende, das Tragende keine Rücksicht nehmen. Das andere Ornament ist verwachsen mit seinem Träger, mitbestimmt durch dessen Struktur.
(Alberti, Leon Battista: De re aedificatoria (1452) – Deutsch erschienen als: Zehn Bücher über die Baukunst. Darmstadt 1991)

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