Schloss | Palast
SCHLOSS | PALAST – Ein Streitgespräch
Kann Denkmalpflege innovativ sein?
Catherine Bühler NDS D | A + I, 2006
Historische Luftaufnahme des Berliner Stadtschlosses um 1900. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Berlin_Stadtschloss_Luftaufnahme.jpg
Seit acht Jahren bin ich in meinem Beruf als Architektin im Bereich der Altbausanierung, Umbau und Instandstellung tätig. Die Bauaufgaben, sämtliche im denkmalpflegerischen Kontext, welche sich mir in der Zeit meiner bisherigen Tätigkeit gestellt haben, führten oft zu wiederkehrenden Fragestellungen, die in den Büros mehr oder weniger, neben den finanziellen und zeitlichen Aspekten, wahrgenommen, behandelt und berücksichtigt wurden. Diese sind z.B.:
- Wo hört die Restauration auf, und wo fängt die Rekonstruktion an?
- Wie weit darf eine Rekonstruktion gehen?
- Wo komme ich in den Bereich der Interpretation?
- Inwiefern kann ich das Gebäude an die heutigen Anforderungen der Nutzung, gerade der Infrastruktur (wie sämtliche Installationen, Technik, Statik, Brandschutz) annähern ohne strukturell grössere Veränderungen vornehmen zu müssen und damit an Authentizität zu verlieren?
- Wo sind in diesem Zusammenhang die Grenzen der Nutzbarkeit eines Gebäudes erreicht und wie kann ich diese der Bauherrschaft vermitteln?
Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich das Thema des Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses gewählt, da es hier nicht nur um die Motive einer privaten Eigentümerschaft geht, sondern viel umfassender, um den Verlust baulicher und kunsthistorischer Zeugen einer Kultur durch die Bombardements des zweiten Weltkrieges sowie den Folgen weiträumiger, politisch motivierter Stadtumbauten der Nachkriegszeit.
Ich habe die verschiedenen Stimmen der so genannten Schlossbefürworter und -gegner gesammelt und sie in einem fiktiv geführten Gespräch ihre Positionen darlegen lassen. Dieses Gespräch ermöglicht mir einen Überblick über die verschiedenen politischen, kulturellen, gesellschaftlichen und denkmalpflegerischen Haltungen zu gewinnen und auf dieser Grundlage eine eigene Auffassung zur Thematik zu entwickeln. Entsprechend findet sich im Anschluss an das Streitgespräch meine Ideenskizze für eine mögliche Wiederbebauung des Schlossplatzes.
Eine versöhnliche Geste wäre die Integration des Palasts in ein neues Gebäude gewesen, eine schon seit Jahrtausenden und aus unterschiedlichen Motiven heraus praktizierte Strategie. Ich denke da zum Beispiel an den Dom in Syrakus, bei dem die bestehende griechische Tempelanlage zum Kirchenraum wurde, jedoch in einem respektvollen Umgang mit der sichtbar gebliebenen Bausubstanz.
Mein Vorschlag für die Bebauung nimmt Bezug auf zu Fouriers Phalanstère anfangs des 19. Jahrhunderts. Fourier, ein Vordenker des frühen Sozialismus entwickelte auf der Grundlage der Palastarchitektur den so genannten «Sozialpalast», der die private und öffentliche Nutzung eines Gebäudes vereinte. Familien aller Schichten konnten am genossenschaftlichen Leben teilnehmen. Fournier suchte mit seinem vormarxistischen Gesellschaftskonzept eine Form der kommunistischen Insel in einer kapitalistischen Staat für «die Hingabe des Individuums an die Allgemeinheit ohne Aufgabe der Individualität oder Identität».
Mit dieser Referenz kann an die städtebauliche Prägung des Stadtschlosses und gleichzeitig, mit Fourniers Utopie, an die gesellschaftliche und städtebauliche Geschichte der DDR verwiesen werden. Verschiedene Nutzungen wie das «Humboldt-Forum», kulturelle Einrichtungen und Wohnen lassen sich im Sinne einer «Unité d’Habitation» vereinen.
In Anbetracht dessen, dass auf dem Schlossplatz (bald) keine Bauzeugen mehr vorhanden sind, werden die Themen Restauration und Rekonstruktion, wie das dokumentarische Ergänzen oder das Überliefern authentischer Geschichtszeugen, werden, nicht mehr im Vordergrund stehen. Die Denkmalpflege sollte vielmehr in einen interdisziplinären, ganzheitlichen Gestaltungsprozess einbezogen werden und somit nicht mehr vergangenheitsbezogen im Verlust verhaftet bleiben, sondern im Bewusstsein der aktuellen Situation des Ortes ihr Wissen zukunftsgewandt in eine neue «Mitte» transferieren. Die Denkmalpflege würde Mitgestalter einer «architecture parlante».

