Senones dans les Vosges
Start 2002
Damals sucht unser Institut HyperWerk der HGK FHNW einen Seminarort in Frankreich, der sich für eine projektorientierte Unterrichtsform eignen soll. Dies führt nach kurzer Zeit zu der seit 1996 leerstehenden Abtei von Senones, die seit der Französischen Revolution als Textilfabrik genutzt wurde. Die 8000 Quadratmeter grosse Klosteranlage liegt in einer so charmanten wie desperaten Kleinstadt, in der seit dem Zusammenbruch der Textilindustrie eine extreme Arbeitslosigkeit herrscht.
Imperiale Vergangenheit
Architektonisch hat Senones viel zu bieten, da es bis zur französischen Revolution als Residenz des selbständigen Fürstentums Salm-Salm wirkte. Dies erklärt auch die prächtige Abtei und die beiden Schlossruinen, die in Senones stehen.
Industrielle Vergangenheit
Die Textilwerke von Senones sind ein Beweis, dass die Globalisierung nicht erst heute einsetzt; so verarbeiteten sie noch vor dem amerikanischen Bürgerkrieg Baumwolle aus Alabama zu Stoffbahnen, die wieder in die USA zurückgeschickt wurden. Die Werke gehörten dem französischen Unternehmer Boussac, der noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als der reichste Mann der Welt das Titelblatt vom TIME-Magazine schmückte. Nach dem Zusammenbruch seines Imperiums in den neunziger Jahren erwarb die Gemeinde die Abtei zu einem symbolischen Preis.
Tal der Tränen
Senones hat nach mehreren Kriegen eine schmerzhafte Geschichte hinter sich, was sich an vielen Denkmälern und an in den Wäldern vor sich hinmodernden Bunkern ablesen lässt. Das hat dazu geführt, dass das “Vallée du Rabodeau”, das nach seinem Fluss genannt wurde, auch als “Vallée des Larmes” bezeichnet wird. Rabodeau steht für rapida aqua, also das rasche Wasser, welches die Webstühle der Textilindustrie angetrieben hatte.
Der Kontext: Postindustrial Design
HyperWerk befasst sich mit dem Übergang von der Industriegesellschaft in eine postindustrielle Realität. Die behutsame Gestaltung dieser Transformation beinhaltet soziale, ökonomische, gestalterische, bildungspolitische und technologische Aspekte; in der Rahmenhandlung von Senones haben wir eine prototypische Aufgabenstellung für unser Arbeitsfeld vorgefunden, wie sie in Hunderten von europäischen bedrängten Kleinstädten am Ende der Industriezeit vergleichbar anzutreffen ist.
Ein Projekt entsteht
Im Herbst 2002 entwickelt HyperWerk eine skizzenartige Rahmenhandlung von sieben Modulen und stellt diese dem Gemeinderat als Anregung vor, wie Senones mittelfristig aus seinem Schockzustand erwachen und sich in Eigendynamik zu einer beispielhaften Forschungsplattform entwickeln könnte. Dazu soll das Wissen der etwa 50 Hochschulen und Forschungseinrichtungen produktiv genutzt werden, die im Umkreis von etwa 150 km zu finden sind. Gleichzeitig verbindet HyperWerk damit die Hoffnung, aus seiner schweizerischen EU-Isolation auszubrechen und für seine realitätsbezogene Hochschularbeit in anregenden Kontakt mit vielen kompetenten und kritischen Partnern zu kommen.
Stadtlabor und Laborstadt
Ein erster Testlauf findet im Wintersemester 2003/4 statt, als fünf Hochschulabteilungen unter der Leitung von HyperWerk aus Basel, Muttenz, Aargau und Karlsruhe in Senones ein Semesterprojekt lancieren, um städteplanerische, architektonische und innenarchitektonische Potenziale und Probleme dieser Stadt zu untersuchen und zu entwerfen. Dies resultiert in einer Ausstellung & Buchpublikation sowie in der Vereinsgründung durch die beiden Insitute IN3 und HyperWerk der HGK FHNW, durch das IFIB der Universität Karlsruhe und durch die ADEC aus Strasbourg.
Kurzfristig: Arbeitswohnung HyperWerk
Im Herbst 2002 beginnt HyperWerk mit dem Umbau einer 200 Quadratmeter grossen Arbeitswohnung in der Klosteranlage, die seit Frühjahr 2003 rege genutzt wird.
Mittelfristig: Klausuren und Workshops
Um dem Vorhaben ausreichend Anschub und auch Glaubwürdigkeit zu verleihen, wird der Umbau der ehemaligen Klosterzellen und der Prachtwohnung des Abts betrieben. Der Verein salm2 hat die gesamte Abtei für zwanzig Jahre zum symbolischen Mietpreis von 100 Euro/Jahr fest gemietet. Für die Renovation können dank der politischen Unterstützung der Gemeinde 75% der Kosten durch französische Fördermittel finanziert werden, während IKEA und das Hotel Trois Rois aus Basel das Sponsoring der Hoteleinrichtung übernehmen.
Langfristig: Machbarkeitsstudie & Grossprojekt
Der Préfet des Vosges lässt im Frühjahr 2004 eine Machbarkeitsstudie zum Vorhaben salm2 ausschreiben, was im Januar 2005 zu einer hervorragenden Beurteilung durch ein auf solche Kulturprojekte spezialisiertes Beratungsbüro aus Paris führt. Die Empfehlung lautet, in den nächsten Jahren insgesamt 16.8 Millionen Euro in das Vorhaben zu investieren. Wir freuen uns darüber, setzen aber nicht auf grosse Versprechen, sondern lieber auf die kontinuierliche Aufbauarbeit. Dass unterdessen im Kontext von acar2 in Senones bereits etwa 10 Arbeitsplätze entstanden sind, empfinden wir bereits als einen ersten Erfolg. Und dass das von D’Jeuns2 eingerichtete Internetcafé von bis zu 30 Personen pro Tag benutzt wird, ebenfalls.
Rahmenhandlung und Module
Der Verein salm2 wirkt als Gesprächspartner der Politik und als Mieter der Abtei von Senones. Er übernimmt die Rolle einer prozessgestaltenden Rahmenhandlung, die das Geschehen der teilautonomen Module synchronisiert. Gegenwärtig besonders aktiv sind der Theaterverein scène2, der Jugendverein d’jeuns2 sowie das Modul acar2, das die Thematik neoanalog entwickelt und in Senones eine ständig wachsende Laborwerkstatt betreibt.

