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      Schulisches Wissen im öffentlichen Diskurs

      Zum Wandel und zur Legitimation zweier Sprachfächer: Deutsch und Französisch in der Volksschule seit 1830

      Julienne Furger, Sandra Grizelj, Claudia Crotti, Thomas Lindauer

      Über welche Kompetenzen sollen Jugendliche in Deutsch am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit verfügen? Wie viele und welche Fremdsprachen sollen Schülerinnen und Schüler der Primarstufe lernen? Diese Fragen werden zurzeit in der Schweizer Öffentlichkeit kontrovers diskutiert: So sind in mehreren Kantonen Bestrebungen im Gange, die zweite Fremdsprache in der Primarstufe zu streichen. Dies, obwohl sich die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) erst 2004 auf eine gemeinsame Fremdsprachenstrategie geeinigt hat. Lehrpläne und die Frage nach den Inhalten der einzelnen Fächer sind immer Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungen – dies zeigen die aktuellen Diskussionen wie auch die bereits vorliegenden Forschungsergebnisse (Hopmann & Künzli, 1994). Die Prozesse solcher Aushandlungen nimmt unser Projekt unter einer historischen Perspektive in den Blick.

      Das nationale Forschungsprojekt
      Am Projekt «Transformation schulischen Wissens seit 1830» sind verschiedene Forschungsgruppen aus mehreren Hochschulen und Sprachregionen der Schweiz beteiligt. Es sind dies die Pädagogischen Hochschulen FHNW und Zürich, die Universitäten Genf und Zürich (Gesamtleitung) sowie die Tessiner Fachhochschule SUPSI, wobei sowohl erziehungswissenschaftliche als auch fachdidaktische Sichtweisen eingebracht werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht einen vielseitigen Blick auf einen wichtigen Ausschnitt der Schweizer Bildungsgeschichte und erlaubt insbesondere auch sprach- und kantonsübergreifende Vergleiche von Fächerkulturen wie zum Beispiel die unterschiedlichen schulgrammatischen Traditionen in der West- und der Deutschschweiz.

      Gemeinsam verfolgen die Forschenden aus den drei Sprachregionen der deutschen, der französisch- und der italienisch-sprachigen Schweiz vor allem diese Fragen: Welche Inhalte sollen schulisch vermittelt werden? Wie verändern sich die Inhalte im Laufe der Zeit? Und wie werden diese Inhalte im Diskurs über schulische Bildung legitimiert? Welche Akteure haben in der schulischen Wissenspolitik mit welcher Definitionsmacht gewirkt?

      Antworten darauf suchen insgesamt fünf Teilprojekte für die Fächer Schulsprache (Deutsch, Französisch, Italienisch), Fremdsprache (Französisch und Deutsch) sowie Geschichte/ Politische Bildung.

      Das Projekt lenkt so den Blick der bisher stark auf Institutionen ausgerichteten historischen Bildungsforschung auf Inhalte und Akteure. Aktuelle Debatten über Lehrpläne und Lehrmittel können so in einem grösseren historischen Zusammenhang verstanden werden. Dadurch leistet das Projekt einen Beitrag zur Geschichte des (Schul-)Wissens; auf seiner Grundlage lassen sich aktuelle bildungspolitische Vorhaben wie der sprachregionale Lehrplan 21 und dazu passende Lehrmittel besser verstehen. Die Fachdidaktik als eine vergleichsweise junge wissenschaftliche Disziplin wird mit einer historischen Perspektive ergänzt, indem Lehrpläne und Lehrmittel im Zeitverlauf analysiert werden.

      Deutsch und Französisch in der Volksschule der deutschsprachigen Schweiz
      Im Zentrum der beiden Teilprojekte der Pädagogischen Hochschule FHNW stehen die Fächer Deutsch (untersucht durch das Zentrum Lesen) und Französisch (untersucht durch das Institut Primarstufe, Professuren für Selbstgesteuertes Lernen und Französischdidaktik).
      Untersucht werden die Entwicklungen im Bereich der sprachlichen und schriftbezogenen Bildung der Volksschule in den Kantonen Aargau, Schwyz, Zürich und Bern im Längsschnitt (1830 –1990). Inhalte und didaktische Konzepte des Sprachlernens sowie die damit verbundenen Legitimationsdiskurse stehen im Fokus des Forschungsinteresses.
      Die beiden Sprachfächer haben sich seit 1830 in ihrer Bedeutung und Stellung in der Primar- und der Sekundarstufe I unterschiedlich entwickelt. Das Fach Deutsch stand im Gegensatz zum Französischen nach 1830 nicht unter einem Legitimationsdruck. Gute mündliche und schriftliche Kenntnisse im Fach Deutsch waren unbestrittenes Lernziel für alle Schülerinnen und Schüler der Volksschule. Der Französischunterricht hingegen wurde im 19. Jahrhundert nur auf den höheren Bildungsstufen erteilt und war damit Schülerinnen und Schülern der sozialen Oberschicht vorbehalten. Die Vorverlegung in die unteren Klassen der Primarstufe (ab 3. Schuljahr) ist bis heute Gegenstand von politischen Diskussionen. Ausgehend von den unterschiedlichen Rollen, welche den beiden Fächern in der Geschichte der Schule zugeschrieben wurden, stehen im Fach Deutsch die Inhalte der Lehrmittel und Lehrpläne im Zentrum der Untersuchung, im Fach Französisch hingegen die kontroverse Policy zur Einführung und zum Ausbau des Fachs auf allen Schulstufen. Als Quellen für die Analyse dienen Lehrmittel und kantonale Lehrpläne, Rechenschaftsberichte der Kantonsregierungen und Schulgesetze. Diese werden durch serielle Quellen wie Lehrerzeitungen und kantonale Schulblätter ergänzt.

      Um zu rekonstruieren, welche Inhalte für die beiden Fächer ausgewählt und wie diese vermittelt wurden, wird eine Auswahl obligatorischer Lehrmittel für die Fächer Deutsch und Französisch mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse untersucht. Und damit nachvollzogen werden kann, wie die Auswahl und die Vermittlung in den beiden Fächern jeweils begründet wurde, welche Personen in welchen Funktionen beteiligt waren, nehmen wir die argumentativen Texte des Quellenkorpus besonders in den Blick. Die Art und Weise, wie das fachliche Wissen dargestellt und wie darüber kommuniziert wird, untersuchen wir mit einem diskursanalytischen Verfahren.

      Sprachliche Bildung im öffentlichen Diskurs – erste Ergebnisse
      Die ersten Ergebnisse im Längsschnitt weisen darauf hin, dass sich der Legitimationsdiskurs bei den Sprachfächern Deutsch und Französisch unterschiedlich entwickelt hat. So war das Fach Französisch zunächst nur für Schulen mit einem höheren Bildungsanspruch (in der Regel Sekundarschulen) gedacht. Der Französischunterricht war somit den sozial höheren Schichten vorbehalten. Über lange Zeit lernten die anderen Schülerinnen und Schüler der Volksschule kein Französisch bzw. überhaupt keine Fremdsprache.

      Vor diesem Hintergrund führten die deutschsprachigen Volksschulen den Französischunterricht schrittweise für alle ein. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde die Vorverlegung des Französischunterrichts auf die Primarstufe (4. oder 5. Schuljahr) zum grossen Thema und damit auch das Anliegen, dass die Einführung von Französisch auf der Primarstufe für alle Kantone gleich oder zumindest ähnlich geregelt werden sollte. Zum einen wurde dies mit der Entwicklung des Fremdsprachenunterrichts in mehreren europäischen Ländern begründet – die Schweiz sollte international anschlussfähig bleiben. Zum anderen stellte der unterschiedliche Beginn des Fremdsprachenunterrichts in den verschiedenen Kantonen beim Schulwechsel ein Problem dar.

      Im Gegensatz zum Fach Französisch stand die Legitimation des Deutschunterrichts im 19. Jahrhundert nicht mehr zur Debatte, seine Inhalte jedoch sehr wohl, denn das Fach Deutsch verfügt im Unterschied zu anderen Fächern über keinen homogenen Gegenstand (Friedrich 2006). So waren Teilbereiche wie Schreiben, Lesen, Grammatik, die aus heutiger Sicht selbstverständlich zum Deutschunterricht gehören, während Jahrzehnten nicht als Teile eines Faches, sondern als Bereiche je für sich verstanden worden. Im 19. Jahrhundert stand auch nicht die Vermittlung von literarischem und sprachlichem Wissen im Vordergrund, sondern der Erwerb grundlegender Lese- und Schreibfähigkeiten für das Lernen in allen Fächern. Die primäre Aufgabe des Sprachunterrichts in der Volksschule war also nicht die Auseinandersetzung mit den Gegenständen des Faches Deutsch, das heisst mit (deutscher) Literatur und Sprache, sondern die Vermittlung der Sprache als Werkzeug für die Bewältigung des gesellschaftlichen beziehungsweise wirtschaftlichen Lebens. Dementsprechend heftig wurde die Wirksamkeit des Sprachunterrichts diskutiert, wenn zum Beispiel an den jährlich stattfindenden Rekrutenprüfungen die jungen Männer ungenügende Schreib- und Lesekompetenzen zeigten. Im Vordergrund stand also das Ziel, dass die in der Schule Heranwachsenden auf die sprachlichen Anforderungen des öffentlichen Lebens und des Berufs vorbereitet wurden – ein Anliegen, welches später in der Diskussion nach der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 ähnlich wieder aufgenommen wurde.

      Im Zuge der Reformpädagogik trat der Nützlichkeitsgedanke zugunsten der Persönlichkeitsbildung im Sprachunterricht in den Hintergrund. Entsprechend löste im Aufsatzunterricht das freie Schreiben den reproduzierenden, sogenannt gebundenen Aufsatz ab. Aber auch dieser schreibdidaktische Trend wurde in der Lehrerschaft intensiv diskutiert – und natürlich auch heftig kritisiert. Der Schreibunterricht der folgenden Jahrzehnte war dann gekennzeichnet durch eine schnelle Abfolge neuer didaktischer Positionen – wie das kommunikative Schreiben, die Schreibwerkstatt oder der prozessorientierte Schreibunterricht.

      Trotz all dieser Diskussionen war immer klar: Schreiben ist ein wesentliches Element schulischer Bildung und muss daher nicht eigentlich legitimiert werden. Im Gegensatz dazu stand und steht nach wie vor der Grammatikunterricht: Er war immer einem Legitimationsdiskurs ausgesetzt (und ist es auch heute noch) – er blieb aber trotz diesem Diskurs, der zudem zahlreichen didaktischen Paradigmenwechseln unterworfen war, in den Lehrplänen bis heute erstaunlich konstant.
      Diese hier nur angedeuteten fachdidaktischen Entwicklungen sind unter anderem das Resultat von gesellschaftlichen und bildungspolitischen Wandlungsprozessen. Unser Forschungsprojekt will diese konzentriert auf die Entwicklung von Lehrplänen und Bildungsdiskursen herausarbeiten.

      Fazit und Ausblick
      Die ersten Ergebnisse zu den Schulfächern Deutsch und Französisch in der deutschsprachigen Schweiz werden in einem nächsten Schritt mit den beiden Kulturräumen der französisch- und italienischsprachigen Schweiz verglichen. Dabei werden die folgenden Fragen zu klären sein: Wie haben sich in den drei Kulturräumen die Schulsprachen und die jeweils erste Fremdsprache entwickelt? Lassen sich in den verschiedenen Sprachregionen ähnliche Fachveränderungen beziehungsweise -stagnationen nachweisen wie in der Deutschschweiz? Lassen sich übereinstimmende Argumentationsmuster nachweisen? Und schliesslich: Wird die Transformation schulischen Wissens nicht national respektive gesamtschweizerisch, sondern vornehmlich mit Blick auf den je eigenen Kulturraum gesteuert?

      Mit der parallelen Untersuchung in der deutsch-, der französisch- und der italienischsprachigen Region haben wir die Möglichkeit, die Entwicklung in diesen Sprachräumen zu vergleichen und zudem auch Bezüge aus einem mehrsprachigen Land zum jeweiligen deutschen, französischen und italienischen Sprach- und Kulturraum herzustellen.


      Literatur
      • Friedrich, B. (2006). Geschichte des Sprachunterrichts. In: Bredel, Ursula et al. Didaktik der deutschen Sprache. Band 2. S. 569 – 588.
      • Hopmann, S.T. & Künzli, R. (1995). Spielräume der Lehrplanarbeit. Grundzüge einer Theorie der Lehrplanung. In: Joachim, L. (Hrsg.). Lern- und Lehr-Forschung 11. Potsdam.
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