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Einflussfaktoren auf den Erfolg von Englischunterricht an der Primarschule

SNF Projekt 100013_129791 / 1

Projektleitung und Projektteam: Prof. Dr. Vera Husfeldt, Pädagogische Hochschule FHNW, Dozentin Schulische Leistungsmessung, Institut Forschung und Entwicklung, Zentrum Bildungsorganisation und Schulqualität
Ursula Bader Lehmann, Pädagogische Hochschule FHNW, Professur Englischdidaktik und ihre Disziplinen
Wissenschaftliche Mitarbeit: Anna von Ow, Pädagogische Hochschule FHNW, Institut Forschung und Entwicklung, Zentrum Bildungsorganisation und Schulqualität

Projektkooperationen: Prof. Dr. Angelika Kubanek, Englisches Seminar, Technische Universität Braunschweig, Gaby Engel, Bernd Groot Wilken und Dr. Eike Thürmann, Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Wilfried Bos, Institut für Schulentwicklungsforschung, Technische Universität Dortmund

Projektförderung: Schweizerischer Nationalfonds SNF

Projektlaufzeit: Juni 2010 - November 2011

Stichprobe:1538 Primarschulkinder aus den 5. Klassen von 5 Schweizer Kantonen (AI, AR, SG, SH, ZG) sowie aus den 4. Klassen des Fürstentums Liechtenstein
93 (aktuelle) Lehrpersonen dieser Klassen

Erhebungsinstrumente:Standardisierte Fragebogen für die Schülerinnen und Schüler sowie für die Lehrpersonen. Standardisierte Tests fürs Lese- und fürs Hörverstehen (im Schweizer Kanton Aargau erprobten Test aus der Nordrhein-Westfälischen EVENING-Studie). Standardisierte Sprechtests

Frühenglisch in der Deutschschweiz und im Fürstentum Liechtenstein

Wie beeinflussen zeitliche Vorgaben und lehrpersonenbezogene Grössen neben und durch schülerindividuelle Merkmale den Lernerfolg in Englisch nach zwei Schuljahren an der Primarschule?
- so die Forschungsfrage der vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Studie zum Englischunterricht an der Primarschule.
Ende 2010 wurde der Lernstand im Englisch nach zwei Jahren Unterricht in den Primarschulen von fünf Schweizer Kantonen sowie im Fürstentum Liechtenstein erhoben, wobei im Untersuchungsgebiet Englisch die erste schulische Fremdsprache darstellt. Zusätzlich zu Tests im Lese- und Hörverstehen haben alle 1538 Kinder einen Fragebogen zu ihrer Einschätzung des Englischunterrichts sowie zu einigen sozioökonomischen Informationen ausgefüllt. Die Lehrpersonen der 99 Klassen haben Fragen zu ihrer Unterrichtsgestaltung, ihrer/n Klasse/n und ihrer Person beantwortet. Ausserdem wurden mit einer Teilstichprobe von 324 Schülerinnen und Schülern zusätzlich Sprechtests durchgeführt. Die Schweizer Kinder besuchten zum Erhebungszeitpunkt die 5. Klasse, sie haben in der 3. Klasse mit Englisch begonnen. Die Liechtensteiner waren erst in der 4. Klasse, da sie schon im 2. Schuljahr mit dem Englischunterricht starten.
Die Schweiz zeichnet sich durch ein stark kantonal organisiertes Schulsystem aus. Deshalb ermöglicht eine Erhebung in mehreren Kantonen einen Vergleich des Einflusses unterschiedlicher systemischer Bedingungen wie eine unterschiedliche Anzahl Wochenlektionen, verschiedene Ausbildungsanforderungen für die Lehrpersonen, kantonale Lehrmittelwahl u.a. Mit ihren vier offiziellen Landessprachen und einer traditionell hohen Einwanderungsquote ist die Schweiz von je her ein plurilinguales und plurikulturelles Land. Nicht zuletzt durch die gesamteuropäischen Entwicklungen in der Wirtschaft und im Bildungssystem sind auch in der Schweiz in den letzten Jahren verstärkte Tendenzen zu einem allgemeinen Frühbeginn im Fremdsprachenunterricht zu beobachten (1. schulische Fremdsprache in der 2. oder 3. Klasse, zweite schulische Fremdsprache zwei Jahre später). Diese aktuellen Entwicklungen und ihre Erfolge werden mittels der vorliegenden Studie erfasst und können in einen internationalen Vergleich gestellt werden.

Resultate

Die Lehrpersonen sind grösstenteils sehr motiviert, wie beispielsweise folgende Anmerkung, welche im offenen Kommentarfeld des Lehrerfragebogens angebracht wurde, verdeutlicht: "Ich unterrichte sehr gerne Englisch und spreche auch selber sehr gerne Englisch. Seit den 3 Jahren, in denen ich Englisch unterrichte, lerne ich jedes Jahr etwas dazu." Dieses Weiterlernen mit ansteigender Unterrichtserfahrung schlägt sich auch in den Leistungen nieder, wie unsere Auswertungen zeigen. Sowohl die Unterrichtserfahrung der Lehrperson auf Primarstufe als auch die Zeitdauer, während der die getestete Klasse von der aktuellen Lehrkraft unterrichtet wurde, steht in signifikant positivem Zusammenhang mit den Schülerleistungen im Lese- und Hörverstehen. Mit steigender Erfahrung auf Primarstufe automatisieren sich gewisse Prozesse und die Lehrperson hat ein breiteres Repertoire an Vermittlungswissen und Kompetenzen im Handling von Schulklassen, so dass sie ihre Aufmerksamkeit und Energie vermutlich stärker auf die fachspezifischen pädagogischen und didaktischen Aspekte und auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler richten kann. Stufengerechte Berufserfahrung hängt auch positiv mit dem Selbstkonzept der Lernenden zusammen, was wiederum positiv mit den Englischleistungen verknüpft ist. Je besser eine Lehrperson ihre Klasse kennt, desto besser kann sie in ihrer Unterrichtsgestaltung den Bedürfnissen und Ansprüchen der Klasse sowie einzelner Kinder gerecht werden. Der Umgang mit Heterogenität ist ein zentraler Punkt, was sich auch in dem einen oder anderen Kommentar niederschlägt, wenn es etwa heisst: "Um die Kinder in allen Bereichen zu fördern, fehlt oft Zeit. Auch fehlt Zeit, alle Kompetenzen der einzelnen Kinder zu testen, um dies gut zu machen, "gehen andere Lektionen drauf". Binnendifferenzierungsmaterial wäre sehr erwünscht [...]" Die Analysen ergeben, dass die Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Leseverstehen besser sind, wenn die Lehrperson geringe Schwierigkeiten hinsichtlich Differenzierung und Heterogenität äussert. Einzelne Gemeinden haben diesen Aspekt offenbar aufgegriffen, wie folgender Lehrpersonenkommentar auf dem Fragebogen deutlich macht: "Der Englischunterricht wäre bei uns in Doppelklassen (5./6.). Vom Kanton oder Gemeinde (?) wird uns pro Klasse eine Lektion zusätzlich gegeben. So können wir die Klassen aufteilen und innerhalb des Jahrgangs (1.5 Klassen) zwei Niveaugruppen machen. [...]".
Es zeigt sich, dass verschiedene schüler- und lehrpersonenbezogene Grössen miteinander in Wechselwirkung stehen und so auf die Leistung wirken können. Einen positiven Zusammenhang zu den Englischleistungen weisen die selbstständigen Lernformen auf. Die Bewertung des Mündlichen fördert die Leistung im Hörverstehen. Wenn Schülerinnen und Schüler keine Sprechhemmungen (Angst vor Fehlern in der Aussprache und beim Sprechen) haben, so steht dies in positivem Zusammenhang mit dem Leseverstehen und interagiert positiv mit dem allgemeinen Selbstkonzept und mit der allgemeinen Motivation (Gerne zur Schule gehen); ein freier Sprachzugang (gerne Englischsprechen sowohl im als auch ausserhalb vom Unterrichts) interagiert positiv mit den verschiedenen Motivationsarten. Diese hängen positiv mit dem allgemeinen Selbstkonzept der Kinder zusammen, welches wiederum in hochsignifikant positivem Zusammenhang mit den Englischleistungen der Lernenden steht.
Der frühe Fremdsprachenunterricht stellt eine grosse Herausforderung dar und es werden diesbezüglich auch Sorgen und Bedenken geäussert, speziell im Hinblick darauf, dass parallel unterschiedliche Sprachen gelernt werden. Dies gilt insbesondere bei Kindern mit einer anderen Muttersprache als Deutsch: "Meine Klasse hat nebst dem Englisch bei mir auch Französisch und Deutschunterricht. Es ist eine grosse Herausforderung diese drei Sprachen unter einen Hut zu bringen." oder "Ich unterrichte sehr gerne Englisch und Französisch an der Primarschule. Manchmal stellt sich aber doch die Frage nach Sinn und Unsinn von zwei Fremdsprachen an der PS. (Englisch / Französisch / Deutsch / Mundart / andere Sprache zuhause...) […]". In unserer Erhebung hat sich gezeigt, dass Mehrsprachigkeit ebenso wie Fremdsprachigkeit (keiner der beiden Elternteile ist deutsch- oder englischsprachig) unter Einbezug anderer schülerindividueller (v.a. sozioökonomischer Hintergrund) und unterrichtsbezogener Einflussgrössen nicht in einem signifikanten Zusammenhang mit den Englischleistungen steht.

Rückblick und Ausblick

Mittels der systemischen, schülerindividuellen und lehrpersonenbezogenen Einflussgrössen, welche in der hier vorgestellten Studie erhoben und untersucht wurden, konnten Wechselwirkungen derselben und Zusammenhänge mit dem Lernerfolg in den verschiedenen Kompetenzbereichen des Englischunterrichts analysiert und beleuchtet werden. Sehr erfreulich ist der insgesamt sehr hohe Lernstand der Schülerinnen und Schüler sowie die ausgeprägte Motivation sowohl der Lehrpersonen als auch der Kinder. Dieses Engagement hat auch den Verlauf der Erhebungen geprägt und für uns wesentlich erleichtert.
Durch die Analyse der gewonnenen Daten konnten klar Handlungsfelder aufgezeigt werden, in denen für gewisse Verbesserungen angesetzt werden kann: Gerade hinsichtlich Diagnosekompetenzen und Binnendifferenzierung sollten den Lehrpersonen geeignete Konzepte und Instrumente zur Verfügung gestellt werden. Die noch ausstehenden Analysen unter Berücksichtigung von klassenbezogenen Grössen werden hierzu weiteren Aufschluss geben.

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