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      Ein Schritt vom Minus zum Plus

      Eine Studie zeigt wie Lehrpersonen mit Störungen umgehen können.

      Mitten im Unterricht Kämpfe anzetteln, ständiges Dreinschwatzen, nicht ruhig Sitzenbleiben können – die Liste der Unterrichtsstörungen mit denen Lehrpersonen täglich konfrontiert sind, liesse sich endlos weiterführen. Für alle Beteiligten sind sie eine grosse Belastung. Der Schritt, hyperaktive Kinder psychologisch abzuklären und medikamentös zu behandeln, liegt nahe. Dass es für Kinder aber auch pädagogische Lösungen gibt, zeigt die FOKUS-Studie der Pädagogischen Hochschule FHNW (siehe Fachbeitrag).

      Lehrerin mit Imkermaske in einer KindergruppeSelbstverantwortung und klare Strukturen unterstützen dabei, Störungen im Unterricht zu verhindern. Foto: ADRIANA BELLA (Themen-Bild).

      Störungen nicht übertragen

      Dorothée Pudewell, Primarlehrerin mit 25 Jahren Erfahrung und Mitarbeiterin bei der PH-Studie, steht vor ihrer Klasse in Dornach. Es ist nach der grossen Pause und die Kinder sind noch aufgekratzt, springen wild durcheinander. Pudewell beginnt, rhythmisch in die Hände zu klatschen, die Kinder stimmen ein und sammeln sich. Nur ein Junge will sich nicht darauf einlassen und geht im Klassenzimmer umher. Die Lehrerin gibt ihm gleich eine Aufgabe, klar und bestimmt, bevor sie sich an die Klasse wendet. Der Junge nimmt sich sein Arbeitsheft und setzt sich an einen Einzelplatz. „Damit keine Negativspiralen entstehen und wir uns gegenseitig hochschaukeln, ist es wichtig, dass ich solche Störungen nicht auf mich übertragen lasse“, sagt Dorothée Pudewell im Gespräch. Als Lehrerin sei es wichtig, sich bewusst zu werden, „die Kinder haben einen Grund, sich so zu verhalten.“ Oft seien Unklarheiten und Unsicherheiten die Gründe für Unterrichtsstörungen.

      Verantwortung tut gut

      Innerhalb von fünf Minuten wissen alle Schulkinder, was sie zu tun haben. Ein paar arbeiten draussen im Gang. Als die Lehrerin selbst einmal das Zimmer verlässt, entwickelt sich nach einer Weile eine kleine Rangelei. „Nicht streiten!“ rufen gleich zwei Kinder. Und die Zankenden wenden sich wieder ihrer Aufgabe zu. Die Situation haben sie selbst geregelt. „Wenn Kinder merken, dass sie Verantwortung haben, tut ihnen das gut“, sagt Pudewell. „Die Kinder lernen so, auf ihre Bedürfnisse zu hören und diese kompetent einzufordern.“ Die Lehrerin baut auf Selbstverantwortung und gibt gleichzeitig klare Strukturen vor. Das Klassenzimmer hat Gruppenarbeitsbereiche und gegen die Wand ausgerichtete Einzelarbeitsplätze. In der Mitte steht das „Buffet“, ein länglicher Korpus mit verschiedenen thematischen Lernspielen. Nach dem die Kinder mit den Aufgaben fertig sind, können sie sich hier Spiele aussuchen.

      Schickt Pudewell jemanden zum Lernen vor die Tür, an den Einzelarbeitsplatz, oder bietet einer Schülerin Kopfhörer an, damit sie sich von den anderen nicht ablenken lässt, dann verstehen das die Kinder nicht als Strafe. „Diese Massnahmen entschärfen Situationen unmittelbar und beruhigen die ganze Klasse“. Sie fänden unter positiven Vorzeichen statt: „Die Kinder wissen, ich kann mich am speziellen Arbeitsplatz besser konzentrieren – und die Plätze stehen allen zur Verfügung. Somit wird niemand ausgegrenzt.“

      Impulse in die richtige Bahn lenken

      Dorothée Pudewell hat innerhalb der FOKUS-Studie Lehrpersonen weitergebildet. Viele Kollegen und Kolleginnen hatten das Bedürfnis, ihren Umgang mit Störungen zu verändern. Hierbei müsse man zuerst bei der eigenen Einstellung ansetzen: „Vom Minus zum Plus ist es ein kleiner Schritt“, erzählt Pudewell, „das ist jeweils wie ein kleiner Erleuchtungsmoment, zu sehen, wie man die Impulse produktiv in die richtigen Bahnen lenken kann und nicht wütend wird.“

      Eine der Stärken der FOKUS-Studie sei, dass nicht nur das Kind und seine Verhaltensweisen im Zentrum stehe, sondern dass das ganze Umfeld miteinbezogen werde – Eltern, Lehrpersonen, Mitschüler, erzählt Jennifer Fräulin. Die Mitarbeiterin der Pädagogischen Hochschule hat die Effekte der Weiterbildung beforscht. „Es hat sich gezeigt, dass niederschwellige Massnahmen, kleine Gesten als Strukturierungshilfe eine starke Wirkung entfalten.“

      Da Hyperaktivität, schulische Misserfolge oder mangelnde soziale Integration bei Kindern einen späteren riskanten Umgang mit Suchtmittel begünstigen, erhofft man sich beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Auftraggeber, dass die Resultate der Studie präventiv wirken. Zudem lässt die Studie laut Salomé Steinle vom BAG schliessen, „dass der Einsatz von Medikamenten in der Behandlung von ADHS reduziert werden könnte, wenn es gelingt, Symptome bereits früh und adäquat mit pädagogischer Intervention zu begegnen.“

      Sicherer, gelassener, souverän

      Als die Lehrerin Andrea Schibli mit 27 Jahren Berufserfahrung eine Klasse mit zwei Kindern mit ADHS übernahm, kam eine sehr grosse Herausforderung auf sie zu. „Der Junge war aggressiv und es war bereits ein Kraftakt, ihn schon nur ins Klassenzimmer zu bringen. Das Mädchen war ständig laut und akzeptierte keine Regeln – eine normale Schulstunde war nicht möglich“, erzählt sie. Diese Situation spornte die Lehrerin an, an der FOKUS-Studie teilzunehmen und eine Weiterbildung an der PH bei Dorothée Pudewell zu besuchen. Obwohl die beiden Kinder mittlerweile in anderen Settings untergebracht sind, Störungen und Hyperaktivität gehören nach wie vor zum Berufsalltag von Schibli. So hat sie für einen Jungen mit Tobsuchtsanfällen im Schulzimmer mit einem Paravent ein „Büro“ eingerichtet. Er konnte die Aufträge hören, wurde aber visuell nicht abgelenkt. Die Tobsuchtsanfälle nahmen ab. Zudem arbeitet Schibli mit klaren Ritualen und einer fixen Struktur: „Mit Regeln macht man es den Kindern einfacher.“ Durch die Weiterbildung sei sie viel sicherer, gelassener und souveräner geworden im Umgang mit Störungen. „Und das färbt auch auf die Klasse ab“.

      - Michael Hunziker -

      Fachbeitrag

      Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander, Leiter Zentrum Lernen und Sozialisation Pädagogische Hochschule FHNW
      Pädagogische Lösungen für Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit

      Informationsveranstaltung «Störende Kinder - gestörte Schule!»

       

       

       

       

       

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