You are here: ph → Publikationen → Bildungsseite → Fliegender Rollenwechsel vor der Klasse
      Artikelaktionen

      Fliegender Rollenwechsel vor der Klasse

      Studierende der Pädagogischen Hochschule stehen von Beginn an in der Praxis.

      Die Vorsilbe «Co-» hat eine wichtige Bedeutung für angehende Lehrpersonen, die an der Pädagogischen Hochschule FHNW studieren. Verankert in Begriffen wie «Co-Teaching» oder «Co-Planning», steht «Co-» gleichsam symbolisch für die Praxis, die einen wichtigen Teil des Studiums bildet. Vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse sollen die Studierenden lernen, das praktische Handeln laufend zu erproben, zu reflektieren und immer wieder anzupassen. Während des Studiums schlüpfen sie so im fliegenden Wechsel in die Rolle der Lehrperson und arbeiten aktiv, eben «Co-», mit erfahrenen Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Dazu hat die die Pädagogische Hochschule ein innovatives Konzept entwickelt: In Partnerschulen werden Studierende in alle Aspekte des Schulbetriebs integriert. Sie unterrichten also nicht nur, sondern helfen etwa mit bei der Organisation von Elternabenden oder beaufsichtigen die Pause (vgl. Fachbeitrag).

      Verantwortung in der Praxis übernehmen: Studentin Sarah Dolbik im Praktikum in der Klasse von Louis Degen. FOTO: ANDRÉ ALBRECHT.

      Erste Schritte im Berufsalltag
      Die Sekundarschule Sissach ist seit 2011 eine solche Partnerschule. Hier hat Sarah Dolbik, die eben das dritte Semester im Studium zur Sek-I-Lehrerin abgeschlossen hat, ihre ersten Schritte im Berufsalltag gemacht. «Am Anfang war es ungewohnt, den Platz auf der Schulbank mit demjenigen vor der Klasse zu tauschen, und ganz einfach ist dieser Prozess nicht», erzählt die Baslerin. «Doch insgesamt finde ich die Praktika eine tolle Erfahrung, zumal ich stets unmittelbar Rückmeldungen bekomme und mich laufend verbessern kann.» Dolbik hat die Lektionen jeweils «im Tandem» mit einem Studienkollegen vorbereitet und unterrichtet; dies im Beisein des Praxislehrers, der sich zwar zurückhielt, aber unterstützend eingreifen konnte, wenn es die Situation verlangte. Einmal, erzählt Sarah Dolbik, sei sie im Mathematikunterricht an der Tafel etwas unsicher geworden – am Blick des Lehrers habe sie gemerkt, wo der Fehler lag. In Reflexionsseminaren, welche die Praktika ergänzen, lernen die Studierenden, solche Unterrichtssituationen zu analysieren und daraus zu lernen.

      Gegenseitiges Profitieren
      Dolbiks Praxislehrer in Sissach war Louis Degen, der auf Sekundarstufe die Fächer Mathematik, Biologie, Geografie und Informatik unterrichtet. Schon in der Vergangenheit hat Degen zahlreiche Praktikantinnen und Praktikanten in seinen Unterricht aufgenommen und betreut. Die neue Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule zum zertifizierten Praxislehrer hat er absolviert, «weil ich so in der Lehrerausbildung etwas bewegen kann; weil ich jüngeren Generationen etwas mitgeben will vom Lehrberuf, und zwar hautnah, ohne Scheuklappen und rosarote Brille.» Da die Schulleitung einen Gewinn darin erkannt habe, sich in der Lehrerausbildung zu engagieren, sei die Sekundarschule Sissach zur Partnerschule der ersten Stunde geworden. Denn einerseits machen Studierende in den Praktika wegweisende Berufserfahrungen, andererseits erfahren Praxislehrpersonen und Schulen Unterstützung und bekommen fruchtbare Impulse. Während der Praktika sei zudem zu beobachten, dass sich die Studierenden jeweils gut ins Kollegium einfügen: „Wir Lehrpersonen nehmen sie mit der Zeit als unseresgleichen wahr», sagt Degen.

      Als Praxislehrperson bezieht er die Studierenden in sämtliche Aufgaben des Berufs mit ein. Die gegenseitige Verbindlichkeit, sagt er, sei höher als früher. Dies bedeute für die Studierenden auch, bei Projekten wie dem Schulsporttag oder Schulreisen mitzumachen. Im Schulzimmer hält sich Degen an die Devise «machen lassen» – und nimmt dabei in Kauf, dass auch Fehler passieren. Gleichzeitig stellt er aber sicher, dass am Schluss die Schülerinnen und Schüler den Stoff verstanden haben.

      Das eigene Handeln prüfen
      Von der berufspraktischen Ausbildung begeistert ist auch Matthias Lüdi, ebenfalls auf dem Weg zum Sek-I-Lehrer. «Es ist derjenige Teil des Studiums, der geradewegs in den Beruf hineinführt», sagt er. Der Aufwand sei zwar zeitweise hoch, insbesondere im ersten Studienjahr, doch dieser lohne sich: «Zurücklehnen geht nicht, man kann sich nicht verstecken, sondern wird direkt und unmittelbar gespiegelt.» Ihn selbst hätten diese Vorgaben motiviert, sich in den Praktika ausserordentlich zu engagieren – für ihn auch deshalb wichtig, weil er das Studium auf dem zweiten Bildungsweg absolviert. Zuvor hatte er eine kaufmännische Lehre gemacht und sieben Jahre auf dem Beruf bei den SBB gearbeitet.

      Matthias Lüdi gehört auch zu jenen Studierenden, die den Freiraum des Praktikums voll ausschöpfen und etwas experimentierfreudiger sind als andere. So hat er in seinem Praktikum Videoaufnahmen gemacht, um diese anschliessend im Reflexionsseminar zu analysieren. «Es war sehr spannend, das eigene praktische Handeln so zu prüfen und sich auf dem Bildschirm vor Augen zu führen: Wie steige ich in eine Unterrichtssequenz ein? Wie und wen in der Klasse rufe ich auf?», erzählt er. Davon habe er unmittelbar profitiert, zumal er neben dem Studium in einem kleinen Pensum bereits an einer Schule Französisch unterrichtet.

      Louis Degen hält es für vorteilhaft, dass die Studierenden von Anfang an in der Praxis erproben können, was «Schule geben» bedeutet. Früher, als die Studierenden mehr punktuelle Praktika absolvierten, habe der Rollenwechsel von der Schulbank nach vorne bei manchen für böse Überraschungen gesorgt. «Jetzt ist der Praxisbezug von Anfang an gegeben.»

       - Irène Dietschi -

      Fachbeitrag
      Prof. Urban Fraefel, Leiter Berufspraktische Studien Sekundarstufe I der Pädagogischen Hochschule FHNW
      Partnerschulen – ein innovatives Konzept für angehende Lehrpersonen

      Weitere Informationen
      Dok-Film: Starke Partnerschaft fürs Lernen in der Praxis
      Urban Fraefel

       

      Informationen für:
      Suchportlet

      Informationsveranstaltungen

      Lehrberuf - Ihre Zukunft?

      Der Lehrberuf ist vielseitig, gesellschaftlich wichtig und anspruchsvoll. Ein Beruf für Sie?
      Nächste Termine