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      «Freude an Literatur und Sprache vermitteln»

      Die Pädagogische Hochschule unterstützt Schulen, um bei Kindern die Lesebegeisterung zu fördern.

      Die Primarschule im aargauischen Niederrohrdorf hat einen Literaturclub, und an diesem Donnerstagnachmittag ist «Literatur aus erster Hand» angesagt. 20 Kinder vom Kindergarten bis zur dritten Klasse haben sich in der Bibliothek versammelt, um den Ausführungen des Illustrators Julien Gründisch zu lauschen. «Wisst ihr, was ein Illustrator ist?», fragt der Mann mit Wuschelfrisur in die Runde. «Jemand, der Bilder zeichnet», antwortet eines der Kinder. Und schon ist man mitten im Thema. Gründisch erzählt den Kindern von den Steinzeitmenschen in Lascaux, die ihre Geschichten an den Höhlenwänden festhielten, «sie beobachteten und malten erstaunlich genau», sagt Gründisch, wobei er am Flipchart mit raschen Strichen seine eigene Zeichnung skizziert: zwei Höhlenmenschen mit Pfeil und Bogen. Ein Mammut. Ein Büffel. Die Kinder sind fasziniert.

      Lesen als Ereignis: Julien Gründisch weckt bei den Kindern Appetit auf Bücher. ANDRÉ ALBRECHT

      Direkter Kontakt z
      u Autorinnen
      Julien Gründisch hat das neue Lesebuch illustriert, welches das Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW unter der Leitung von Maria Riss kürzlich herausgebracht hat (siehe Fachbeitrag). Die Reihe «Literatur aus erster Hand» ist einer von zahlreichen Aktivitäten des Zentrums und wird vom BKS Aargau finanziell unterstützt. «Der direkte Kontakt mit Autorinnen und Autoren ist eine tolle Möglichkeit, bei Kindern die Freude am Lesen zu fördern», sagt die Klassenlehrerin Anja Blankenhorn, die den Anlass mit Julien Gründisch organisiert hat. Den Begriff «Leseförderung» legen junge Lehrpersonen wie Anja Blankenhorn ganz unverkrampft aus. «Wir haben zum Beispiel nichts gegen Comics», sagt sie, «wichtig ist, dass Kinder überhaupt lesen.» Ihre Kollegin Annkathrin Obrist, die eine erste Primarklasse unterrichtet, pflichtet ihr bei und ergänzt: «Das Lesen im Unterricht ist gegenüber früher vielfältiger geworden, wir probieren die verschiedensten Formen: zu zweit, allein, aber auch reihum wie früher oder in Gruppen.»

      Geschichte ad hoc erfinden
      Vielfältig und dicht ist auch das Programm, mit dem der literarische Gast die 60 Minuten seiner Autorenlesung füllt. Julien Gründisch liest Geschichten aus dem neuen Lesebuch, die kürzeste besteht aus einem einzigen Satz: «Es war einmal ein Zwerg, der war einen Meter neunundachtzig gross.» Die Kinder stutzen erst – dann bricht allgemeines Gelächter aus. Dann folgt eine Erzählung über das Streiten, bei der die Kinder selbst zum Stift greifen und das Gehörte zeichnen sollen. Die literarische Stunde gipfelt in einer Geschichte, welche die Kinder gemeinsam ad hoc erfinden und die Julien Gründisch simultan illustriert. Der Spass und die Phantasie der Kinder sind fast grenzenlos.

      Es gibt zahllose Formen, um bei Kindern den Appetit auf Bücher zu wecken. Dazu gehört an erster Stelle der Schulunterricht. «Die Schule hat die allerbesten Voraussetzungen dafür, Freude an der Literatur, an Sprache insgesamt und am Zusammenspiel von Text und Bild zu vermitteln», sagt Maria Riss, Dozentin und Projektleiterin am Zentrum Lesen. Die Pädagogische Hochschule ist deshalb bestrebt, diese Chance optimal zu unterstützen: Das Zentrum Lesen hat auf seiner Website einen Blog eingerichtet (siehe Kasten), wo Lehrpersonen, aber auch Eltern und allgemein an Kinder- und Jugendliteratur Interessierte eine Fülle von neuen Anregungen finden. Seien dies Lese-Empfehlungen, Ideen zur Förderung der Lesemotivation in Schule und Bibliothek, laufend aktuelle Rezensionen von Neuerscheinungen oder eine Übersicht über die vielen Medienkisten, die Lehrpersonen ausleihen können. «Das sind thematisch unterschiedliche Kisten, die Bücher, Hörspiele, Filme und Spiele enthalten, dazu eine didaktische Handreichung und Aufgaben, die Lehrpersonen direkt nutzen können», erklärt Maria Riss.


      Ausserhalb des Schulzimmers wird Lesen auch mal zum Ereignis. «Literatur aus erster Hand» mit Julien Gründisch werden die Kinder in Niederrohrdorf nicht so schnell vergessen; andere kommen in einer Erzählnacht oder an sonstigen Events auf den Büchergeschmack. Maria Riss erzählt von einem Literaturfestival an einer Schule, bei dem zum Schluss jedes Kind einen Ballon mit einer Buchempfehlung in die Luft steigen liess. «Solche Erlebnisse prägen sich ein», sagt Riss.

      Texte, die begeistern
      Aber lässt sich jedes Kind fürs Lesen begeistern? Dieter Schlachter ist 58 Jahre alt und seit vielen Jahren an der Sekundarschule Möhlin ein engagierter Deutschlehrer. Er zeigt sich realistisch: «Ich habe nicht den Anspruch, alle zum Lesen zu bringen», sagt er. Als Lehrer müsse er damit leben, dass sich auf der Sekundarstufe ein Teil der Schülerinnen und Schüler wenig für Texte interessiere. Dieter Schlachter stellt ausserdem fest, dass sich Lesefähigkeit und -begeisterung seiner Klassen in den letzten zehn Jahren verändert haben, und zwar durch das Smartphone. Nach seiner Wahrnehmung sind die sprichwörtlichen Leseratten seltener geworden. Trotzdem: Auch heute erleben seine Schülerinnen und Schüler regelmässige Sternstunden mit Büchern. In seinen drei Deutschklassen sind jeweils sechs bis sieben Bücher im Umlauf, die gruppenweise gelesen werden. «Mir geht es nicht um das Abarbeiten von Klassikern, sondern vor allem um das lustvolle, entdeckende Lesen», erklärt Schlachter, «mit Texten, die auch entschleunigen und die Kids von ihrem Handy-Textmodus herunterholen.» Ein Buch wie «Sommer unter schwarzen Flügeln» von Peer Martin, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiert ist, schaffe es, fast alle zu begeistern. Und neulich habe eine Komödie von Shakespeare eine Klasse in Bann gezogen. «Es scheint Texte zu geben, die zeitlos grossartig sind.»

      Fachbeitrag
      Prof. Dr. Thomas Lindauer, Leiter Zentrum Lesen der Pädagogischen Hochschule FHNW
      Ohne Lesen keine Bildung - vielfältige Zugänge zur Leseförderung







       

       





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