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      «Jugendliche sollen, dürfen, müssen über Mobbing sprechen!»

      Wie kann eine Schule präventiv gegen Mobbing vorgehen? Fachleute geben Auskunft.

      Mobbing ist ein verbreitetes Phänomen unter Kinder und Jugendlichen. Aggressives Verhalten und Erniedrigungen wirken sich negativ auf die gesamte Klasse oder Schule aus. Die Pädagogische Hochschule FHNW arbeitet an einem Präventionsprogramm (Be-Prox) gegen Mobbing mit, um Lehrpersonen für die subtilen Anzeichen zu sensibilisieren (siehe Fachbeitrag.) Die Schule Seengen ist eine der ersten Schulen in der Schweiz, die das Programm einsetzt. In einem Gespräch geben Schulleiter Urs Bögli, Oberstufenleiter Theo Wyss und Schulsozialarbeiter Sandro Villiger Einblicke in ihre Präventionsarbeit.

      Pausenplatz

      Mobbingmuster sind für Lehrpersonen schwierig zu erkennen. Foto: André Albrecht.

      Wie engagiert sich Ihre Schule gegen Mobbing?

      Urs Bögli: Wenn Sie durch unser Schulhaus gehen, so werden Sie in allen Räumen gut sichtbare Klassenregeln entdecken, die Kinder und Lehrpersonen gemeinsam entwickelt haben. Ein wesentlicher Punkt ist, dass man respektvoll miteinander umgeht. Diese Kultur ist an unserer Schule seit Jahren fest verankert und wird von Lehrpersonen, Schulsozialarbeit und auch von mir als Schulleiter resolut unterstützt. Was nicht heisst, dass damit Mobbingsituationen ganz vermieden werden könnten.

      Wie erkennen Sie, dass ein Kind gemobbt wird?

      Theo Wyss: Wenn ein Schüler oder eine Schülerin wiederkehrend blossgestellt oder gar angegriffen wird, dann sprechen wir von Mobbing. Oft sind es nur zwei, drei Personen, die aktiv sind, wobei es meistens ein grosses Umfeld gibt, das sich nicht abzugrenzen vermag.
      Sandro Villiger: Beim Mobbing geschehen Attacken gezielt gegen ein einzelnes Kind. Diese können verbal oder non-verbal sein, es kann sich auch um körperliche Angriffe handeln. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Streit besteht darin, dass beim Mobbing die Angriffe über längere Zeit passieren und aufs einzelne Kind fokussiert sind.

      Wie steht es um die Sozialen Medien: Erleben Sie in Ihrer Schule Mobbing über Whatsapp, Instagram, Snapchat etc.?

      Sandro Villiger: Ja natürlich. Wir haben zwar in die virtuellen Räume der Kinder und Jugendlichen weniger Einblick als in ihre physische Welt, aber meistens bekommen die Lehrpersonen doch etwas mit, wenn übers Smartphone gemobbt wird. Wir von der Schulsozialarbeit führen zurzeit mit allen Erstoberstufen-Klassen ein Projekt durch, in welchem wir über Chats diskutieren, die bei den Jungen sehr beliebt sind. Wir reden darüber, dass solche Chats nicht nur Spass machen und Vorteile bieten, sondern auch leicht missbraucht werden können, etwa mit Videos und intimen Fotos. Es ist wichtig, dass man dies im Unterricht thematisiert.
      Theo Wyss: Wir laden auch regelmässig die Organisation Zischtig.ch ein, die mit unseren Jugendlichen Workshops veranstaltet. Wir sind bestrebt, dass alle mindestens zwei Mal an diesem Angebot teilnehmen.
      Urs Bögli: Natürlich ist bei der Prävention auch die Elternarbeit zentral. Zu den Workshops von Zischtig.ch gehört jeweils ein Elternabend, der auf grosses Interesse stösst. Einmal verschickte ich Einladungen und rechnete mit hundert Teilnehmenden, stattdessen meldeten sich etwa dreihundert Eltern! Dies zeigt, wie brennend das Thema ist. Denn trotz aller Bemühungen seitens der Schule und bestimmt auch der Eltern haben wir jedes Jahr zwei, drei Fälle von Cyber-Mobbing, weil zum Beispiel Nacktaufnahmen die Runde machen.

      Da stellt sich die ketzerische Frage: Nützen Ihre Bemühungen etwas?

      Theo Wyss: Wenn die Schüler merken, es ist eine Haltung da – sie sollen, dürfen, müssen über Mobbing sprechen, und sie haben verschiedene Ansprechpersonen, dann wird das auch genutzt. Wichtig ist, dass Verdachtsfälle nicht auf die lange Bank geschoben werden, sondern dass sofort gehandelt wird.
      Urs Bögli: Durch die externe Schulevaluation der Pädagogischen Hochschule verfügen wir über Zahlen, die uns attestieren, dass Schüler-Anliegen bezüglich solcher Mobbing-Situationen ernstgenommen und bearbeitet werden. Diese Zahlen sind eine Art Gradmesser. Im Übrigen stützen wir uns auf den regelmässigen Austausch mit den Kollegen von der Schulsozialarbeit, die mit anderen «Fühlern» unterwegs sind als wir von der Schulleitung. Dieser Austausch ist von grösster Wichtigkeit und sehr wertvoll.

      Wie gehen Sie vor, wenn ein Kind verschwiegen ist und nicht über sein Gemobbtwerden reden will?

      Theo Wyss: In solchen Situationen ziehe ich den Schulsozialarbeiter hinzu. Denn ich bin als Lehrer Teil der Schule, während er bereits etwas ausserhalb steht, was ein grosser Vorteil der Schulsozialarbeit ist. Hier sind verschlossene Schüler eher bereit, sich zu öffnen.
      Sandro Villiger: Das kann ich bestätigen. Wir klären die Situation sorgfältig ab und suchen zuerst mit dem betroffenen Kind nach einer Lösung. Dabei fragen wir nach, mit wem es bereits über die Situation gesprochen hat, und je nachdem muss man dann entscheiden, ob eine Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt. Wobei man später auch die Eltern dazu holen muss, wo es nicht anders geht.

      Über Mobbing wird viel gesprochen. Besteht nicht die Gefahr, dass Konflikte vorschnell als Mobbing qualifiziert werden?

      Urs Bögli: Ja, der Begriff wird inflationär gebraucht. Denn oftmals ist es nichts anderes, als ein gewöhnlicher Streit. Ich sage dann jeweils: «So lasst es doch endlich einmal zu, miteinander zu streiten!» Erwachsene versuchen immer, den Kindern alles aus dem Weg zu schaffen, wenn Konflikte entstehen. Kinder haben jedoch ein Recht, gewisse eigene Strategien zur Konfliktlösung zu entwickeln. Dies ist letztlich auch ein Teil der Mobbingprävention.

      Fachbeitrag

      Dr. Christof Nägele, Projektleiter am Zentrum Lernen und Sozialisation der Pädagogischen Hochschule FHNW

      Prävention von Mobbing: Ausgrenzungen nicht tolerieren

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