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      Knacknüsse beim Lernen sichtbar machen

      Mit dem „Luuise“-Verfahren erhöhen Lehrpersonen die Wirksamkeit ihres Unterrichts.

      Es war das «tz» wie in «Katze», über das sie stolperten. Oder, ob ein Wort gross oder klein geschrieben wird. Auch Doppelkonsonanten wie in «Teller» und «Suppe» bereiteten Mühe: Die Drittklässler von Velin Erdin und Sue Navarro kannten im Prinzip die wichtigsten Regeln beim Schreiben, aber: «In der Praxis vergassen die Kinder sie anzuwenden», erzählen die beiden Primarlehrerinnen im aargauischen Seon. Es half auch nichts, den Schülerinnen und Schülern die Regeln immer wieder «vorzubeten». Kurz: Die Rechtschreibung war in den beiden Klassen eine regelrechte Knacknuss.

      Lehrerin und Kinder bekleben Fehlersäcke aus Papier mit Kügelchen

      Die Lehrerin Velin Erdin füllt mit ihren Schülerinnen und Schülern die «Fehlersäcke». Foto: ANDRÉ ALBRECHT.

      Den Lernzuwachs messen

      Velin Erdin und Sue Navarro beschlossen, die Strategie zu ändern und das Lernen der Rechtschreibregeln im Unterricht «sichtbar zu machen». Dahinter steckt ein ausgereiftes pädagogisches Konzept, das Lehrpersonen anleitet, sich gezielt, vertieft und längerfristig mit einer Herausforderung – einer «Knacknuss» – auseinanderzusetzen. Wobei auch der Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler regelmässig gemessen wird. Die beiden Lehrerinnen besuchten das «Luuise»-Weiterbildungsangebot der Pädagogischen Hochschule FHNW (siehe Fachbeitrag), das die Hochschule aus dem Programm «Lernen sichtbar machen» des australischen Erziehungswissenschaftlers John Hattie entwickelt hat.

      Staubsauger gegen Fehler

      Viele Schulen der Nordwestschweiz haben das Angebot bereits genutzt. Auch Velin Erdin und Sue Navarro haben sich für die Lösung ihrer «Knacknuss» auf «Luuise» gestützt: Die beiden Drittklasslehrerinnen führten in ihren Klassen einen «Fehlerstaubsauger» ein. An die Pinwand vorne im Klassenraum hefteten sie die übergrosse Zeichnung eines freundlichen Fabelwesens mit langem Hals, dessen Mund in einem überdimensionierten Saugtrichter endete. Die Lehrerinnen nahmen zehn Geschichten von Peter Härtling und bauten in jeden Text 30 Fehler ein. «Im Turnen ist Sofie nicht so guht», stand dann zum Beispiel da, oder: «Ich hab Schmertzen» und «Sofie ist etwas ferlegen.»

      Zu zweit beugten sich die Kinder über die Texte, um die Fehler zu finden. Dazu durften sie auch den Schüler-Duden und das Lernheft mit den Regeln benutzen.

      Am Ende des Durchlaufs zählten Kinder und Lehrerin gemeinsam den Erfolg. War die angestrebte Fehlerquote erreicht, durften die Kinder ein Styroporkügelchen in einen farbigen «Fehlersack» stecken, den sie anschliessend dem Staubsauger einverleibten. «Wir steigerten uns von Durchgang zu Durchgang», erzählen die Lehrerinnen, «und es war wichtig, diese Verbesserung zu visualisieren.» Der blaue Sack war ein Probelauf. Bei den roten Säcken gab es ein Kügelchen für 18 gefundene Fehler – 60 Prozent –, bei den gelben eines für 21 Fehler. Bei den grünen Säcken lag die Latte bei 80 Prozent, was 24 gefundenen Fehlern entsprach.

      Perspektivenwechsel für Lehrpersonen

      «Luuise» leitet Lehrpersonen an, innovative, auf ihre «Knacknüsse» zugeschnittene Instrumente zu entwickeln, um Fortschritte sichtbar zu machen. Zentral dabei ist der Perspektivenwechsel der Lehrperson: «Für sie gilt es, das Lernen mit den Augen der Lernenden zu sehen», erklärt Philipp Schmid, Primarlehrer im Solothurnischen und «Luuise»-Dozent an der Pädagogischen Hochschule. Schon der Start sei wichtig: Wenn beispielsweise ein Musiklehrer unzufrieden sei mit der gesanglichen Leistung einer Klasse, dann müsse diese – etwa mit einer Audioaufnahme – erst einmal selbst erkennen: «Wir tönen schlimm.» Für das Hörbar- oder Sichtbarmachen des Lernzuwachses sind den Lehrpersonen keine Grenzen gesetzt: Als Untersuchungsinstrument nutzen sie farbige Karteikarten, auf Stäbe gesteckte Holzkugeln oder in Gläser gefüllte Murmeln – Hauptsache, man «sieht» es. «Wichtig ist es, die Schülerinnen und Schüler in die Evaluation einzubeziehen», sagt Philipp Schmid. Das bedeutet: Die Klasse hilft mit, das ganze Projekt mitzutragen und die Daten anschliessend auszuwerten.

      Verbesserungen auch in der Berufsschule

      Schon länger mit Luuise vertraut ist die Englischlehrerin Azar Attar Palestrina. Sie unterrichtet an der Berufsfachschule Basel auf Sek-II-Stufe – keine Kinder also, sondern Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren. Eine von Attars Knacknüssen betraf deren Sprechkompetenz im Fremdsprachenunterricht: «Die Lernenden wandten die neuen Sprachstrukturen in Englisch viel zu selten an», erzählt sie. Ziel des «Luuise»-Verfahrens war es, den Sprachzuwachs zu verbessern.

      Zusammen mit einem Kollegen erarbeitete Azar Attar ein Poster, welches die Wortmeldungen der Klasse visualisierte. «Die Lernenden führten selbst eine Strichliste nach der Faustregel: pro Wortmeldung ein Strich.» Das über mehrere Wochen geführte Poster-Projekt bewirkte einen sichtbaren Erfolg in der Klasse. «Die Veranschaulichung löste bei den Lernenden sehr viel aus: Ihnen wurde bewusst, wie stark sie sich effektiv am Unterricht beteiligten.» Diese Transparenz habe eine Dynamik erzeugt, dass «alle aufs Poster wollten». Da das Poster nicht benotet wurde, ergab sich zwischen Schülern und Lehrerin ein Dialog, den diese als offen und frei empfand. «Fast unerwartet wurde dadurch auch meine Beziehung zur Klasse stärker», erzählt Azar Attar. Das habe sie berührt.

      In einer anderen, jüngeren Klasse setzte die Lehrerin das «Luuise»-Verfahren für die Klassenführung ein, ebenfalls mit Hilfe eines Posters. «Ich liess die Schülerinnen die Daten selber erheben – inwiefern sie meine Klassenführung beim Lernen unterstütze.» Auch dieses Projekt habe das Sozialverhalten und damit das Lernen im Klassenzimmer wesentlich verbessert.

      Fachbeitrag

      Prof. Dr. Wolfgang Beywl, Leiter der Professur für Bildungsmanagement sowie Schul- und Personalentwicklung an der Pädagogischen Hochschule FHNW
      Wie Lehrpersonen ihren Unterricht systematisch optimieren

      Weitere Informationen

      www.fhnw.ch/ph/iwb/luuise

      Prof. Dr. Wolfgang Beywl

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