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      Nach allen Regeln der Kunst

      Mit Portfolios sich über die eigenen Kompetenzen bewusst werden

      «Wo ist hier das Zeichnungszimmer?» Auf die Frage des Besuchers antworten die Schüler im Flur: „Sie meinen wohl das Zimmer für Bildnerisches Gestalten!?“ – Diese Bemerkung zeigt, es hat sich in den letzten zwanzig Jahren einiges geändert rund um das Werken und Zeichnen. Wir sind an der Bezirksschule in Kölliken, die Jugendlichen der 8. Klasse arbeiten individuell und selbstständig an verschiedenen Projekten: Es wird geschliffen, gemalt, gegipst. Ein Junge recherchiert am Computer zu Origami, eine Gruppe Mädchen gestaltet Weihnachtskarten und ein anderer Junge zeichnet ein „Chaos mit Ordnung“, ein hochgeometrisches Mosaik, für das er sich von einer Grafik von Victor Vasarely inspirieren liess. Dabei fällt etwas auf. Immer wieder machen sich die Jugendlichen Notizen in ein schwarzes Heft, ihr sogenanntes Portfolio.

      Schüler und Lehrperson am ExperimentierenEine Glasflasche mit einer brennenden Schnur halbieren: Ein Schüler und Toni Möri beim Experimentieren.

      Wichtig für den kreativen Prozess

      Toni Möri, Fachlehrer für Kunst und Design, geht von Tisch zu Tisch, lässt sich herbeirufen und gibt Ratschläge, wenn er darum gebeten wird. Möri unterrichtet seit zwanzig Jahren Werken und Zeichnen, sprich Technisches und Bildnerisches Gestalten. Er hat bei der Entwicklung eines neuen Lehrmittels mitgewirkt, das die Pädagogische Hochschule FHNW herausgegeben hat, und seine Erfahrungen mit Portfolios eingebracht (s. Fachbeitrag). Er führt selbst Portfolios seit seiner Zeit als Kunststudent: „Einerseits ist es wichtig für den kreativen Prozess, um Ideen festzuhalten und zu entwickeln, andererseits ist es auch ein Werktagebuch, das alle, die eine handwerkliche oder technische Berufslehre machen, später in ihrem Berufsalltag auch führen werden.“ Im Kern trage es dazu bei, dass sich die Jugendlichen über ihre Kompetenzen bewusst werden und sich in der Selbstwahrnehmung üben können.

      Daneben erzählt ein Junge, dass sie mitten in der Berufswahl stünden. Er hätte bereits zwei Schnupperlehren absolviert, als Zimmermann und als Maschinenmech: „Das Portfolio gibt mir Bestätigung, dass ich handwerklich etwas kann und verstehe“.

      Verantwortung fürs eigene Lernen

      In einer anderen Ecke brennt es: Ein Junge versucht, eine Glasflasche mit einer brennenden Schnur zu halbieren. Er dreht die Flasche behutsam, Möri steht daneben und lässt ihn machen. Danach taucht der Junge die Flasche ins Eiswasser, jedoch ohne den gewünschten Effekt. „Schreib dir die verwendeten Materialien und Brennstoffe auf und versuch es mit einer anderen Schnur“, rät Möri. Es sei ihm ein grosses Anliegen, den Jugendlichen „Verantwortung für das eigene Lernen zu geben“. Das selbstgesteuerte Lernen funktioniere aber nicht mit jeder Klasse gleich gut und es brauche eine gewisse Zeit, in der sich die Jugendlichen daran gewöhnen müssten, nicht mehr „gefüttert“ zu werden, sondern aktiv und von sich selbst heraus zu arbeiten. Einen Grossteil seines Unterrichts versucht Möri so zu gestalten. Natürlich gebe es immer wieder Einheiten, bei denen er klassisch frontal unterrichte, etwa wenn es um die Einführung einer neuen Arbeitstechnik ginge. 

      Portfolio zeigt Entwicklungen auf

      Szenenwechsel: Die angehende Sek-Lehrerin Laurence Hering schreibt derzeit ihre Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule zum Thema Portfolio. Während einer mehrmonatigen Stellvertretung erprobte sie mit ihren Schülerinnen das Arbeiten damit und holte sie weg von der „Fixierung auf das Endprodukt.“ Ihr ging es darum, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass es die vielen Prozessschritte sind, auf die es ankommt. Sie blättert durch verschiedene Hefte, die alle sorgfältig gestaltet sind und zeigt, von Seite zu Seite, wie ihre Schülerinnen die Idee für eine T-Shirt-Gestaltung entwickelten. Da finden sich Fotos, die zu einem „Moodboard“ arrangiert wurden, verschiedene Schnittmuster und Detailansichten. Aus einem eingeklebten Couvert zieht Laurence Hering ein kleines Modell, das die Jugendlichen genäht hatten, bevor sie sich an die grosse Arbeit machten. „Alle diese Etappen sind wichtig für den Lernprozess“, sagt sie. Als Lehrerin helfen ihr die Hefte, sich in die einzelnen Jugendlichen hineinzuversetzen. „Vieles getrauen sie sich nicht auszusprechen, im Portfolio schreiben sie aber ihre Schwierigkeiten auf und sind selbstkritischer.“

      In ihrer Masterarbeit möchte Hering ein Tool entwickeln, um aufzuzeigen, wie die Portfolio-Arbeit sinnvoll im Bildnerischen und Technischen Gestalten eingesetzt werden kann. „Ich möchte auch andere Lehrpersonen dazu anregen, und demonstrieren, wie man die Entwicklungen der Jugendlichen anhand ihres Portfolios bewerten kann.“

      Neugier und Selbstvertrauen wecken

      Für Toni Möri gehen die Portfolioarbeit und selbstgesteuertes Lernen Hand in Hand: „Es ist letztlich auch eine Haltungsfrage. Als Lehrer sehe ich mich nicht nur als Vermittler von Fachwissen, sondern vor allem als Begleiter von Lernprozessen, der die Neugier und das Selbstvertrauen der Jugendlichen weckt.“ Und sei der Funke einmal gesprungen, so seien die Jugendlichen enorm motiviert, ihre eigenen Ideen umzusetzen. In der Tat: In der Klasse scheint niemand „abzuhängen“, alle sind voller Elan am Werk.

      Toni Möri ist auch in der Ausbildung seines eigenen Berufsnachwuchses engagiert: Über zwanzig Studierende der Pädagogischen Hochschule hat er bereits durch ihre Praktika begleitet. Durch den Austausch mit den jungen angehenden Lehrpersonen hätte er sich vermehrt für selbstorganisiertes Lernen interessiert und ein Nachdiplomstudium in Schul- und Unterrichtsentwicklung absolviert. Mittlerweile haben auch andere Lehrpersonen in Kölliken angefangen, ihren Unterricht mehr auf Selbstorganisation auszurichten, weil sich der Ansatz in den musischen Fächern bewährt hat. Und Toni Möri resümiert, während die Schülerinnen und Schüler mit einer Kamera am Ende der Stunde ihr Werk fotografisch festhalten: „Das Bildnerische und Technische Gestalten hat wohl eine Vorreiterrolle“.

      Fachbeitrag

      Prof. Christine Rieder, Leiterin Professur für Didaktik in Kunst & Design an der Pädagogischen Hochschule FHNW
      Die Gestaltungsfächer im Wandel – Portfolio im Fokus

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