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      Tüfteln und staunen mit Grosi und Nonno

      Die Pädagogische Hochschule FHNW lehrt Grosseltern, mit ihren Enkelkindern zu experimentieren.

      Ein Stück Stoff, unters Mikroskop gelegt, eröffnet eine neue Welt. Fasern werden plastisch, das einfache Webmuster wirkt auf einmal bestrickend, und Farben treten hervor, wo von blossem Auge keine zu sehen waren. «Für Kinder ist Mikroskopieren etwas Wunderbares», sagt Kursleiterin Maria Till. Für Ü-Sechzigjährige gilt das offensichtlich auch: Hochkonzentriert sitzen vier Frauen und sieben Männer – alle im Pensionsalter – vor ihren Mikroskopen und studieren alltägliche Gegenstände in ihrer Tiefenschärfe.

      Seniorinnen tüfteln mit Batterien und KabelSeniorinnen und Senioren tüfteln an technischen und naturwissenschaftlichen Experimenten – davon profitieren auch ihre Enkelkinder. Foto: zVg.

      Seniorinnen und Senioren experimentieren

      Es ist Kursnachmittag an der Steinentorstrasse in Basel, einem Standort der Pädagogischen Hochschule FHNW. Die elf Seniorinnen und Senioren haben sich bei Maria Till, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule FHNW, zum Expertenkurs «Technik-Grosi und Naturkunde-Nonno» eingefunden. In den drei Stunden lernen sie Phänomene aus Natur und Technik zu veranschaulichen und machen sich mit kindgerechten Begriffen für dieses Feld vertraut. Die Kursleiterin hat eine bunte Palette von Büchern ausgelegt: «Experimente mit Spass», «Warum wächst der Kuchen im Ofen?», «Was blubbert da im Wasserglas?» oder «Forschen mit Fred» lauten einige Titel.

      Ziel des Kurses: Grosseltern sollen befähigt werden, mit ihren Enkelkindern naturwissenschaftliche oder technische Experimente durchzuführen. Denn die meisten Kinder zwischen vier und zehn sind stark an solchen Phänomenen interessiert (siehe Fachbeitrag).

      Seit September 2016 bietet die Pädagogische Hochschule erfolgreich den zweistufigen Grundkurs und einen Expertenkurs an. Während für andere Bereiche – Bewegung, Musik, Theater – an vielen Orten zahlreiche generationenübergreifende Projekte existieren, ist der Kurs schweizweit der erste in Naturwissenschaft und Technik für Grosseltern. Der auf dem Grundkurs aufbauende «Expertenkurs» ist darauf ausgelegt, die Teilnehmenden ihrerseits zu Multiplikatoren auszubilden, die die Ideen des Kurses weiter hinaus tragen.

      «Auch beim Grosi auf die Kosten kommen»

      Was motiviert Seniorinnen und Senioren dazu, sich für die naturwissenschaftliche Förderung von Kindern einzusetzen? Ein Teilnehmer berichtet, er helfe seit anderthalb Jahren an einer Schule im Unterricht mit – Mathematik, Sprache, Geschichte, in den letzten Monaten hauptsächlich Werken. Und jetzt möchte er seine Kompetenzen auf Naturwissenschaften und Technik ausweiten, «möglichst spielerisch», wie er betont, «denn es soll ja Freude machen.»

      Ein anderer erzählt, er habe sein ganzes Berufsleben lang in einem technischen Beruf gearbeitet, doch seine Neugierde sei auch nach der Pensionierung ungebrochen. Wie er das im Kurs Gelernte im Alltag umsetzen werde, wisse er noch nicht, «aber da ich seit einer Woche ein Enkelkind habe, wird es mir an Ideen bestimmt nicht mangeln», sagt der frischgebackene Grossvater strahlend. Ein ehemaliges Lehrerehepaar – sie Heilpädagogin, er Werklehrer – hat schon sieben Grosskinder und ist insbesondere an didaktischen Aspekten interessiert: «Welche Versuche kann man mit Vier- oder Fünfjährigen machen? Wie lässt sich Komplexität vereinfachen?» Zu diesen Fragen hätten sie im Kurs sehr viele und gute Informationen bekommen, sagen beide. Auch zwei eigene Tüfteleien hat das Paar mitgebracht: einen Bastelsatz zur einfachen Demonstration des Hydrauliksystems und einen «Kerzenauslöscher».

      Eine Teilnehmerin sagt, sie besuche den Kurs ausschliesslich wegen ihrer Enkelkinder. Der Sohn sei Biologe, sie selbst aber in Naturwissenschaften nicht sehr bewandert. «Nun möchte ich mir hier Zugang schaffen zu diesen Themen – damit die Enkelkinder auch beim Grosi auf ihre Kosten kommen», sagt sie lachend.

      Das Verpasste aufholen können

      Die Pädagogische Hochschule kooperiert für die Kurse mit Pro Senectute beider Basel, die sie in ihrem «Akzent Forum» ausschreibt. Annette Stöcker, bei Pro Senectute für Bildung und Sport zuständig, ist sehr angetan vom neuen Angebot: «Es spricht eine Generation an, die zum Teil wenig mit Naturwissenschaften in Berührung gekommen ist, die mit diesen Themen sogar gewisse Ängste verbindet.» Vor allem bei Frauen sei dies oft der Fall. Viele seien als Mädchen während der Schulzeit in den Hauswirtschaftsunterricht geschickt worden, während die Buben Physik und Chemie hatten. Nun könnten sie im Alter das Verpasste aufholen. «Durch das niederschwellige Profil vor allem des Grundkurses sind viele ermutigt, sich für naturwissenschaftliche Themen zu öffnen», sagt Annette Stöcker. «Und dann machen sie im Kurs diese spielerischen Experimente und stellen fest, wie viel Spass es macht, und wie inspirierend der Austausch mit anderen Teilnehmern sein kann.»

      Experimente in Geschichten verpacken

      Auch sprachliche Aspekte werden dabei angesprochen. Das Experimentieren soll sich ja nicht einfach im «Knalleffekt» erschöpfen – die Kinder sollen auch lernen, die Vorgänge zu benennen. Worauf dabei zu achten ist, erklärt Naturwissenschaftsdidaktikerin Anne Beerenwinkel: «Erklären Sie handelnd», rät die PH-Mitarbeiterin. «Beschreiben Sie die Versuchsführung konkret: Wir füllen Wasser in die Plastikwanne. Wir ziehen die Pipette auf.» Und man solle den Kindern immer wieder Gelegenheit geben, Erklärungen zu formulieren. «Was denkst du? Warum ist das so?»

      Spannend sei für Kinder auch, wenn man Versuche narrativ verpacke. Da ist etwa die Geschichte von Bäcker Kringelmann, der vergessen hat, seine frisch gelieferten Säcke zu beschriften und der nun nicht mehr weiss, in welchem Sack sich Mehl mit Backpulver vermischt und in welchem sich nur Mehl befindet. Wie findet er’s heraus? Über ein chemisches Experiment!
      - Irène Dietschi -

      Fachbeitrag

      Prof. Dr. Peter Labudde, Leiter Zentrum Naturwissenschafts- und Technikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule FHNW  
      Grosseltern experimentieren mit ihren Enkelkindern explorativ und spielerisch

       

       

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