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      Wenn es in der Schule krabbelt und schleicht

      Tiere im Unterricht motivieren zum Lernen und fördern Verantwortungsbewusstsein

      Angst vor Schlangen? Nicht die fünfte Klasse von Pascal Bussmann im solothurnischen Kriegstetten: Ihr Schulzimmer beherbergt ein grosses Terrarium, in welchem drei wunderschöne Kornnattern leben – eine Natternart, die bis 150 Zentimeter lang wird. Dass die Tiere ungiftig sind, sieht man ihnen nicht unbedingt an, aber die Kinder hier wissen längst Bescheid. Ohne Scheu und mit grosser Ruhe lassen sie die Schlangen in T-Shirt-Ärmel schlüpfen und um Handgelenke und Hälse schlingen. Eine der drei Schlangen hält sich im Terrarium versteckt, weil sie sich gerade häutet, wie Lehrer Pascal Bussmann erklärt.

      Kinder und Lehrer berühren Kletternattern Die Klasse von Pascal Bussmann hält Kletternattern im Schulzimmer. FOTO: ANDRÉ ALBRECHT

      Grosses didaktisches Potential

      Tiere im Schulzimmer haben grosses didaktisches Potenzial, denn die meisten Kinder sind neugierig auf alles Lebendige und haben somit einen natürlichen Zugang zu ihnen (vgl. Fachbeitrag). «Diese Voraussetzung lässt sich für den Unterricht hervorragend nutzen», sagt Pascal Favre, Professor an der Pädagogischen Hochschule FHNW. «Die Kinder können mit Tieren unmittelbare Naturerfahrungen sammeln, und diese Erfahrungen fördern auch ihre Bereitschaft, sich auf andere Bildungsinhalte einzulassen.» Pascal Favre bietet an der Pädagogischen Hochschule Weiterbildungen an, in denen sich Lehrpersonen mit Ideen und Informationen rund ums Thema eindecken können.

      Für Pascal Bussmann sind die Schlangen in seinem Schulzimmer erst mal ein Hobby, das er auch grösstenteils aus der eigenen Tasche berappt. Für seine Schülerinnen und Schüler sind sie ein «Gratisthema»: «Wir nehmen Schlangen im Unterricht nicht speziell durch, die Kinder bekommen sehr vieles einfach so mit», sagt der Lehrer. Zum Beispiel haben die Fünftklässler gelernt, dass «ihre» Schlangen gerne klettern und somit zur Gattung der Kletternattern gehören: Eines Morgens sei eine von ihnen versehentlich aus dem Terrarium ausgebüchst und habe sich in die Giesskanne verkrochen, ein anderes Mal hätten sie das Männchen zuoberst auf dem Schrank gefunden, erzählen sie begeistert. Ein grosser Moment ist die Fütterung: Alle paar Wochen bekommen die Schlangen tote Mäuse aus dem Tiefkühlfach, 14 Stück hätten sie beim letztes Mal verschlungen. Und wenn im nächsten Frühsommer die Weibchen ihre Eier legen, beginnt für die Klasse das grosse Hoffen auf den Schlangennachwuchs.

      Zusatzaufwand der sich lohnt

      Neben der Biologie lernen die Schüler noch andere wichtige Dinge: «Sie erkennen, dass es mit der Anschaffung noch lange nicht getan ist; dass Tiere zu halten aufwendig ist und einem Verantwortung abverlangt», sagt Pascal Bussmann. Konkret: Das Terrarium muss regelmässig geputzt, die Wasserschale täglich frisch gefüllt werden, Futtermäuse kosten Geld, und während den Ferien darf man die Schlangen nicht wochenlang sich selbst überlassen. «Tiere im Schulzimmer bedeuten für die Lehrperson Einiges an Zusatzaufwand», so Pascal Bussmann.

      Ein Zusatzaufwand, der sich lohnt: Davon überzeugt ist auch Karin Bauer, Biologielehrerin an der Sekundarschule Waldenburgertal (BL). «Ich finde es wichtig, dass Biologie nicht nur theoretisch, sondern als buchstäblich lebendiges Fach vermittelt wird», sagt sie. Karin Bauer hat sich mit der übrigen Fachschaft Naturwissenschaften der Schule für mongolische Springmäuse stark gemacht. Jetzt bauen ihre Schüler im Werkunterricht drei geräumige Terrarien, in die nach den Herbstferien je fünf bis sechs Exemplare der pflegeleichten Springmäuse einziehen werden.

      Da die Terrarien zwar räumlich miteinander verbunden, aber punkto Futterangebot und Wohnen unterschiedlich ausgestattet sind, dürfte es spannend werden, die Nager zu beobachten. «An ihnen lassen sich diverse Wissensfragen studieren, wie etwa der Zusammenhang von Raum und Population», erklärt Karin Bauer. Springmäuse seien in der freien Wildbahn ziemlich fortpflanzungsfreudig, ist das Platzangebot aber begrenzt, würde sich ihre Reproduktion den Umständen anpassen. Auf das Verstehen solcher Zusammenhänge legt die Biologielehrerin grossen Wert. «Diese führen im Unterricht oft zu spannenden, aber auch herausfordernden Diskussionen.»

      Tierschutz gilt es zu beachten

      Ein wichtiges Thema ist der Tierschutz. Auch in den Weiterbildungen von Pascal Favre kommt er zur Sprache, verbunden vor allem mit der seit 2008 geltenden neuen Tierschutzgesetzgebung. «Ein Labyrinth-Versuch mit Ratten zum Beispiel gilt laut Gesetz als Experiment, das amtlich bewilligt werden muss», erklärt Pascal Favre. Die Haltung von Wirbeltieren sei teilweise mit Vorschriften verbunden – etwa in Bezug auf die Grösse der Gehege – deshalb sei es oft einfacher, im Schulzimmer mit wirbellosen Tieren wie Schmetterlingsraupen oder Schnecken zu arbeiten.

      Diese Erfahrung machen zur Zeit die Erstklässler von Rahel Haenle in Langenbruck (BL): Die Lehrerin behandelt mit ihnen das Thema Schnecken. «Für mich war es wichtig, ein Tier zu wählen, das im Alltag vorkommt», erklärt sie. Da lag es nahe, auf die weit verbreitete Bänderschnecke («Häuschenschnecke») mit ihren vielen unterschiedlichen Streifenmustern zu setzen. Die Kinder brachten Gläser mit Schnecken in die Schule, die sie auf dem Schulweg, im Wald oder zuhause im eigenen Garten gefunden hatten, und gemeinsam mit ihrer Klasse hat Rahel Haenle ein Terrarium eingerichtet.

      Nun wird im Schulzimmer ausgiebig beobachtet und ausprobiert. Als Erlebnis der besonderen Art beschreibt Rahel Haenle etwa das Füttern: «Wir setzten die Schnecken auf eine Glasplatte und haben von unten beobachtet, wie sie die Nahrung aufnehmen», erzählt die Lehrerin. Die Kinder seien so fasziniert gewesen, dass sie den halben Vormittag mit Beobachten verbracht hätten. Es braucht nicht immer Exoten, um die Natur hautnah zu erleben.
      - Irène Dietschi -

      Fachbeitrag

      Irene Künzle, Dozentin Beratungsstelle Umweltbildung an der Pädagogischen Hochschule FHNW
      «Diese Schnecke hat ja Haare!» – Umweltbildung fördert naturwissenschaftliches und systemisches Denken

      Weitere Informationen

      Beratungsstelle Umweltbildung
      Irene Künzle

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