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      Wie gehen wir vor, wenn Kinder Belastendes erlebt haben?

      Wie es Schulen gelingen kann, Kinder mit Fluchterfahrungen zu integrieren.

      Das Wort «Flüchtlingskind» vermeidet Peter Boss, und «Asylantenkind» verwendet er schon gar nicht. «Solche Begriffe stempeln die Kinder zu Opfern», sagt der Schulleiter aus Frick. Diese «Stigma-Falle» müsse eine Schule vermeiden. Stattdessen rät Boss: «die Kinder behandeln wie andere Zugezogene auch – mit einer Geschichte, mit Bedürfnissen und mit Stärken.»

      Junge Männer im LernkreisEngagierte Studis: In Solothurn bieten Studierende der Pädagogischen Hochschule Deutschkurse für Erwachsene an. Foto: ANDRÉ ALBRECHT

      Welches Wissen brauchen Lehrpersonen?

      Wie sollen Schulen umgehen mit Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Eltern oder allein in die Schweiz geflüchtet sind und in ihrem Herkunftsland möglicherweise Krieg erlebt haben? Wie können sich Lehrpersonen und Schulleitungen vorbereiten, um diesen Kindern und Jugendlichen angemessen zu begegnen? Welches Wissen brauchen Lehrpersonen über den Asylprozess und kantonale Massnahmen? Wie lässt sich der schulische Lernstand eines Kindes feststellen?

      Zu solchen Fragen organisierte die Pädagogischen Hochschule FHNW im Oktober eine Tagung auf dem Campus in Brugg-Windisch. Dass das Thema die Angesprochenen brennend interessierte, zeigte sich allein schon am Zulauf: «Die 180 Plätze waren in kurzer Zeit ausgebucht», erzählt PH-Dozentin Susann Müller Obrist, welche den Anlass organisiert hatte, der im Februar in Solothurn ein weiteres Mal durchgeführt wird. Der grosse Flüchtlingsstrom, wie er noch Anfang des Jahres von den Behörden angekündigt worden war, sei in der Schweiz zwar ausgeblieben. «Trotzdem», erklärt Müller Obrist, «sind viele in der Schule Tätige besorgt – machen wir es richtig? Wie gehen wir vor, wenn Kinder Belastendes erlebt haben?»

      Stereotype Bilder aufbrechen

      Eine der zentralen Botschaften der Tagung lautete: Die meisten Kinder mit Fluchterfahrung wünschen sich Normalität. Und dafür scheinen Schulen geradezu prädestiniert zu sein. «Die Stärke der Schule besteht darin, einen stabilen, verlässlichen Rahmen zu bieten, mit fairen Regeln des Miteinanders, zum Lernen, Spielen, Leben», sagt Susann Müller Obrist. Mehr noch: Die Schule sei der Ort, an dem Integration gelebt werde, «sie ist sozusagen die grösste und wichtigste Integrationsmaschine unserer Gesellschaft.»

      Gleichzeitig, so Müller Obrist, ging es den Organisatorinnen der Tagung darum, das stereotype Bild des hilfsbedürftigen Flüchtlingskindes aufzubrechen und das Thema Flucht in seiner Vielfalt zu beleuchten. «Diese Kinder bilden keine homogene Gruppe» betont die Dozentin. «Viele von ihnen verfügen über eine erstaunliche Resilienz, das heisst: Sie sind trotz vielleicht traumatischer Erfahrungen erstaunlich stark, und sie bereichern die Schule. Es wäre falsch, sie à priori als Problemkinder zu etikettieren.» Statt sie auf ihre Fluchterfahrung zu reduzieren, gelte es, ihre Stärken wahrzunehmen und diese zu fördern.

      Neues Diagnose-Instrument

      Wo ein Kind schulisch steht und in welche Klasse man es am besten platziert, lässt sich auf mehrere Arten herausfinden: Zum einen gibt es die Hinweise aus den kantonalen Einschulungs-Vorbereitungskursen, die viele Kinder während des Asylverfahrens besuchen, bevor ihre Familien einer Gemeinde zugeteilt werden. Weiter gibt es die Möglichkeit, schulische Kompetenzen in der Herkunftssprache eines Kindes in einem Test – die Schule spricht eher von «Diagnostik» – zu ermitteln. Die Pädagogische Hochschule ist zur Zeit dabei, Materialien aus den 1990er-Jahren zu überarbeiten, als Schweizer Schulen Tausende von Kindern aus dem kriegsgeschüttelten Bosnien aufnahmen. Im Herbst 2018 wird das neue Instrument in zahlreichen Sprachen zur Verfügung stehen.

      Sprache als Schlüssel zur Integration

      In jedem Fall aber heisst das Ziel, ein Kind so rasch wie möglich einer Klasse zuzuteilen. Denn wichtiger als leistungsmässige Passung sei die soziale Integration, betont Peter Boss, der an der Tagung einen Workshop für Schulleitungen durchführte.

      Um die Integration anzuregen, seien manchmal auch unkonventionelle Methoden gefragt: Vor zwei Jahren wurde seine Schule vorübergehend von zwei Buben aus Syrien besucht, deren Eltern einen negativen Asylentscheid bekommen hatten. «Wir mussten also damit rechnen, dass sie uns irgendwann wieder verlassen würden.» Um den Integrationsprozess anzustossen, fragte Boss in seinem Umfeld nach Panini-Bildchen der Fussball-WM, die  gerade im Gang war, und übergab die Sammlung den beiden. «Dann passierte etwas Erstaunliches: Sie begannen unverzüglich, mit anderen Kindern die Panini-Bildchen zu tauschen. Sie kamen ins Gespräch und wurden in die Diskussionen über Fussballer einbezogen.»

      Studentische Initiative

      Die Möglichkeit, sich sprachlich einzubringen, sei entscheidend, damit sich Kinder mit Fluchterfahrung hier schnell wohlfühlten, sagt Susann Müller Obrist, die an der Pädagogischen Hochschule auch DAZ-Lehrpersonen (Deutsch als Zweitsprache) ausbildet. «Deutsch lernen die Kinder nicht nur im DAZ-Unterricht», so Müller Obrist, «eine gute Sprachförderung muss vor allem auch im Regelklassenunterricht stattfinden.»

      Im Übrigen ist Sprache auch für Erwachsene der Schlüssel zur Integration. Aus dieser Erkenntnis, und weil Deutschkurse für Flüchtlinge nach wie vor Mangelware sind, haben Studierende der Pädagogischen Hochschule den Verein Deutsch@PH gegründet. Seit letztem Sommer unterrichten jeden Montagabend zehn von ihnen in Solothurn Deutsch für Flüchtlinge – ehrenamtlich. Als Einstieg wird jeweils ein Lied gesungen, dann wird zwei Stunden lang leistungsgetrennt Deutsch gelehrt und gelernt. «Wir wollen helfen», erklärt Initiant Elia Leiser sein Engagement, «und als angehende Lehrpersonen sind wir für dieses Angebot auch prädestiniert.» Die Nachfrage bestätigt die Einschätzung des PH-Studenten. Gerade Anfang Dezember sind acht neue Flüchtlinge aus Afghanistan dazugestossen – jetzt sind die vier Kurse mit je zwölf Plätzen restlos besetzt (Kontakt: elia.leiser@students.fhnw.ch).
      - Irène Dietschi -

      Fachbeitrag

      Prof. Dr. Katrin Kraus, Leiterin Institut Weiterbildung und Beratung der Pädagogischen Hochschule FHNW
      Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen in der Schule

      Weitere Informationen

      Tagung Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen in der Schule

      CAS Interkulturelle Bildung und Deutsch als Zweitsprache

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