Buchvorschläge für die Oberstufe Herbst 2002
Ich war eine Ratte
Pullman Philipp
Carlsen
Der alte Bob und seine Frau haben sich immer Kinder gewünscht, nur ist dier Wunsch nie in Erfüllung gegangen. Aber dann, eines Abends, klopft es an die Tür. Ein Junge steht draussen, halb verhungert und schmutzig. Natürlich nehmen die beiden ich auf, woher aber dieser kleine, freundliche Junge kommt, das kriegen die beiden Alten zumindest am Anfang der spannenden Geschichte nicht aus ihm heraus. Ich war eine Ratte, sagt der Junge bloss und schlabbert die warme Milch direkt aus der Schüssel. Der Junge bleibt vorläufig da, entscheiden die beiden. Er ist friedlich und nett und braucht Nestwärme und Liebe. Aber die Nachricht vom Rattenjungen spricht sich schnell herum. Leute von der Presse, Wissenschaftler und auch ein paar Ganoven reissen sich um ihn, schliesslich geht es gar um Leben und Tod.
Wer ist dieser Junge nun wirklich? Das dürfen Sie selber nachlesen, ein ganz besonderes Vergnügen ist das nämlich! Die Geschichte wird immer wieder von Zeitungsberichten über das Rattenkind unterbrochen. Wie stark die Presse Meinungen bilden und beeinflussen kann, das lernt an beim Lesen ganz nebenbei. Ein Vorlesebuch, das begeistert, für Kinder ab etwa 10 Jahren.
Wie Sonne und Mond
Zwigtman Floortje
Nagel&Kimche
Marjorie ist schon als kleines Mädchen versprochen worden, sie zieht nun mit vierzehn Jahren zu ihrem Mann auf die Burg Goldberg. Anmutig solle sie sein und gehorchen solle sie wie alle anderen Frauen auch, meint ihre Mutter beim Abschied. Allard, ihr Gatte entspricht in keiner Weise ihren Vorstellungen. Er ist nicht viel älter als sie, kindlich, naiv, grob und überhaupt nicht hübsch ist dieser Kerl! Aber auch Allard hat sich seine Frau anders vorgestellt. Schön und gehorsam sollte sie sein, lieber dumm als belesen. Die beiden junge Eheleute verstehen sich ganz und gar nicht. Plötzlich sind sie aber aufeinander angewiesen. Kurz nach der Hochzeit geraten nämlich die Dörfer rund um die Burg in grosse Gefahr, Krieg und Pest drohen. Irgendwie müssen die beiden sich nun arrangieren, nur gemeinsam können sie ihren Untergebenen helfen und die Dörfer retten.
Diese Geschichte aus dem Mittelalter fasziniert deshalb, weil sich Allard und Majorie beim Erzählen abwechseln, so erfährt man beim Lesen die Sichtweise beider Protagonisten. Die detaillierte Schilderung der unterschiedlichen Geschlechterrollen und die Beschreibung des allgegenwärtigen Aberglaubens in dieser zeit deuten auf ein intensives Quellenstudium hin. Ein eindrückliches Erstlingswerk der niederländischen Autorin. Für Kinder ab 11 Jahren.
Rover rettet Weihnachten
Doyle Roddy
Omnibus
Am Weihnachtstag will das Rentier Rudolf den Schlitten nicht ziehen, seine Nase glüht, vermutlich ist es krank oder vielleicht streikt es auch ganz einfach. Ersatz muss her und zwar schnell! Wer könnte das besser als Rover, der Alleskönnerhund aus England? Wichtel bringen den Hund nach Lappland und los geht’s, mit dem Weihnachtsmann einmal um die ganze Welt!
Dieses Buch in Sätzen zu beschreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. So viele Details, so viele Verrücktheiten, so viele absolut unpassende Einschübe, fünf verschiedene Varianten für das Ende der Geschichte, so viele Anspielungen auf unsere genau so verrückte Welt. Roddy Doyle hat sich eine fantastische Geschichte ausgedacht für alle, die Groteskes, Humorvolles, Absurdes lieben. Und dies tut in der so besinnlichen Vorweihnachtszeit zwischendurch ganz gut. Lesealter? Keine Ahnung!
der Russländer
Holub Josef
Oetinger
Adam ist ein "Verdingkind". Im Stall eines Bauern ist er aufgewachsen. Nun ist er sechzehn Jahre alt und wird gegen seinen Willen von Napoleons Armee zum Dienst gezwungen. Nach Russland muss er ziehen, zusammen mit 15 000 anderen württembergischen Soldaten. Adam wird ausgenutzt, gedemütigt, er hat ja nie gelernt sich zu wehren. Erst als ein junger Adliger ihn als Offiziersdiener zu sich nimmt, geht es Adam etwas besser. Schon bald spielt es sowieso keine Rolle mehr, woher einer kommt, nur eines zählt; diese Hölle, diese Schlachten und diesen russischen Winter irgendwie zu überstehen. Nur gerade dreihundert Überlebende kehren nach Württemberg zurück. Adam und sein Offiziersfreund Konrad sind dabei.
Josef Holub macht auch in diesem Buch ein Stück Geschichte erlebbar. Er führt Leserinnen und Leser eindrücklich und behutsam an die Ränder der Wirklichkeit. Er zeigt uns mit Adam und Konrad ein Stück Brüderlichkeit, trotz all der wortlosen Verzweiflung und Brutalität dieses Feldzugs. Für Jugendliche und Erwachsene.
Krokodil im Nacken
Kordon Klaus
Beltz
Manfred Lenz sitzt im Stasi Gefängnis in Berlin. Auch seine Frau Hannah wurde verhaftet, die beiden Kinder in Heime gebracht. Manfred Lenz hat während dieser Monate der Einzelhaft wenigstens etwas, das ihm niemand nehmen kann: seine Gedanken und grausamen Erinnerungen. Die Leserinnen und Leser nehmen Teil an seiner Lebensgeschichte, an seiner Biographie, die ungewöhnlich stark vom politischen Geschehen im Nachkriegsberlin beeinflusst worden ist. Bei Klaus Kordon weiss man, was man hat, sagte Mirjam Pressler einmal über ihren Dichterkollegen. Das stimmt, Klaus Kordon malt nicht schwarz-weiss, er schildert differenziert, schonungslos und offen über das jüngste Kapitel deutsch-deutscher Vergangenheit. Klaus Kordon erzählt, was aus der grossen Hoffnung der Menschen in der sozialistischen Republik geworden ist. Ein anspruchsvolles und umfangreiches Werk (fast 800 Seiten), dem ich viele Jugendliche und erwachsene Leserinnen und Leser wünsche.
Eines Tages
Hrsg. Hans Joachim Gelberg
Beltz
Geschichten von Überallher
Eines Tages, so fangen Geschichten an. Der Herausgeber dieser Sammlung betreute über dreissig Jahre lang das Kinderbuchprogramm des Verlages. Aus diesem überaus grossen Geschichten-Fundus hat Hans Joachim Gelberg 120 Geschichten ausgewählt.
Die Erzählungen sind ernst, heiter, traurig, phantastisch, oft komisch und absurd. Einzelne Texte sind bereits früher in einer anderen Form veröffentlicht worden, viele Geschichten sind aber auch erstmals in diesem Buch nachzulesen. Die Palette der Autoren könnte vielfältiger nicht sein, nur ein paar Namen seien hier erwähnt: Erich Kästner, Peter Bichsel, Hanna Johansen, Paul Maar, Christine Nöstlinger, Maurice Sendak, Christoph Heim. Im ganzen enthält dieser wunderschön gestaltete Band Geschichten von 85 Autorinnen und Autoren. Vom Schwierigkeitsgrad her sind die Texte sehr unterschiedlich, so dass kleinere sowie auch erwachsene Leserinnen und Leser darin passende Geschichten finden können.
Ein Buch, das in jedes Schulzimmer und in möglichst viele Stuben gehört!

