Buchvorschläge für Unter- und Mittelstufe Frühling 2002
Emma und der Blaue Dschinn
Funke Cornelia
Dressler
Vier Brüder sind ziemlich anstrengend für ein einziges Mädchen. Da braucht man ab und zu ein bisschen Stille und Einsamkeit, meint Emma. Deshalb geht sie immer wieder heimlich an den Strand, nur ihr kleiner Hund Tristan darf sie begleiten. Dieser Geist in der Flasche, den Emma eines Nachts am Strand findet, ist allerdings eine herbe Enttäuschung! Nicht einmal einen klitzekleinen Wunsch kann dieser Dschinn erfüllen. Dafür hat der Geist einen fliegenden Teppich dabei und Emma darf mit, ab ins Morgenland! Dort hilft sie Dschinn seine verlorene Zauberkraft wieder zu finden.
Cornelia Funke schreibt spannend, originell und phantasievoll, genau so, wie die meisten Kinder es mögen und das Vorlesen dieser Geschichte ist für uns Erwachsene ein zusätzliches Vergnügen. Zum Selberlesen ab 8 Jahren.
Der kleine Herr Jaromir
Ebbertz Martin
Patmos
Der kleine Herr Jaromir ist neu ins Hochhaus eingezogen. Er ist so klein, dass er im Lift immer nur bis zum vierten Stock fahren kann, weiter oben kann er die Knöpfe nicht erreichen und so muss er die restlichen Treppen zu Fuss meistern.
In einzelnen, in sich abgeschlossenen Kapiteln wird von den Sorgen und Nöten kleiner Menschen erzählt. Nach dem ersten Spaziergang beispielsweise findet Herr Jaromir nicht mehr heim, weil er seine Hausnummer vergessen hat und alle Häuser gleich aussehen. Auch das Überqueren der gefährlichen Strasse ist für Herrn Jaromir sehr viel schwieriger als für die grösseren Erwachsenen und im Supermarkt entdeckt er viele tolle Sachen, nur die Eier, die er eigentlich kaufen will, sind so versteckt, dass er sie einfach nicht finden kann.
Die einzelnen Geschichten eignen sich sehr gut zum Vorlesen, als "Gutenachtgeschichten" etwa, weil Kinder diese Probleme kennen und weil der kleine Herr Jaromir Sympathieträger ist, gleich vom ersten Satz an. Als Vorlesebuch ab etwa 7 Jahren.
Ein Schutzengel aus heiterem Himmel
Heinlein Sylvia
Sauerländer
Line ist das mutigste Mädchen der Welt. Berry ist ein verträumter Angsthase. Vielleicht verstehen sich die beiden deshalb so gut. Eine Tages landet in Berrys Zimmer ein riesiger, klatschnasser Vogel. Nein, das ist kein Vogel, das ist ein Engel, wirklich und leibhaftig steht er da und lächelt sein wunderbarstes Engelslächeln. Hella heisst dieser Schutzengel, er hat sich verflogen, hat keinen Auftrieb mehr und sehr grosses Heimweh.
Line und Berry müssen Hella helfen, das versteht sich, aber die beiden haben auch ein paar Probleme, zu deren Bewältigung Hellas Hilfe gerade recht kommt.
Zugegeben, diese Geschichte steckt voller pädagogischer Botschaften. Und vielleicht habe ich sie deshalb sehr gerne gelesen, weil ich all diese Botschaften für unsere Kindern so wichtig finde. Ich bin aber sicher, dass viele Kinder dieses Buch mögen werden, witzig, frech und zwischendurch so überaus zärtlich, wie es geschrieben ist. Ute Krause ergänzt mit ihren gekonnten Illustrationen das Gelesene optimal. Für Kinder ab 8 Jahren, die Geschichte eignet sich sehr gut zum Vorlesen.
Sommer im Möwenweg
Boie Kirsten
Oetinger
Am Möwenweg stehen neue Reihenhäuser und die Kinder, die dort eingezogen sind, verstehen sich gleich von Anfang an. Da werden gemeinsam Feste gefeiert, da ziehen die Kinder zusammen los, um echte Abenteuer zu erleben.
Kirsten Boie hat mit diesem Buch eine neuere Version der „Kinder aus Bullerbü“ geschrieben. Einzelne Passagen sind vielleicht etwas gar idyllisch geraten, auch die Illustrationen erinnern ein bisschen an altmodische Glanzbildchen (die Mädchen tragen durchwegs Kleidchen..) Trotzdem, zwischendurch etwas Heiteres zu lesen tut doch auch ganz gut, ein problemloses Vorlesebuch für Kinder ab 7 Jahren, zum Selberlesen ab etwa 9.
Lila lässt die Funken fliegen
Ullmann Philipp
Carlsen
Tausend Meilen weg von hier, östlich des Dschungels und südlich der Berge lebt Lila. Lilas Vater ist Feuerwerker und Lila will nichts anderes vom Leben als selbst die beste Feuerwerkerin des Landes zu werden. Nur, für Mädchen ist das nicht vorgesehen, und obwohl Lila schon sehr viel von ihrem Vater gelernt hat, fehlen ihr noch immer die geheimnisvollen drei Gaben. Die bekommt sie nur vom mächtigen Herrn des Feuers, der hoch oben im Vulkan lebt. Also nichts wie los in die Berge, was die anderen Feuerwerker schafften, wird Lila ja wohl auch fertig bringen. Eine Geschichte zwischen Realität und Phantasie, spannend, humorvoll, ein bisschen verrückt und mit einer ungewöhnlich starken Mädchenfigur. Zum Vorlesen eignen sich Lilas Abenteuer ganz besonders. Ab etwa 9 Jahren
Die geheime Schachtel
De Waard Angélique
Sauerländer
Sterres Papa ist meistens im Büro. Sterres Mama ist nicht immer wie andere Mütter, es gibt gute und schlechte Tage. An schlechten Tagen muss Sterre selbst ihr Pausenbrot machen und kochen und einkaufen und auf ihren kleinen Bruder aufpassen. "Wenn meine Mutter betrunken ist, wird ihr Gesicht ganz rot. Dann schäm ich mich ganz innen drin ein kleines bisschen tot", schreibt Sterre auf einen kleinen Zettel, den sie in ihrer geheime Schachtel legt. Ihre selbst gemalten Träume, ihre Gedichte und Wünsche versteckt die Elfjährige gut, ganz hinten im Kleiderschrank. Allmählich lernt Sterre die Verantwortung für ihre Mutter abzugeben, langsam findet sie einen Weg Grenzen zu setzen und Fürsorge anzunehmen.
Selten hat eine Kinderbuchautorin es geschafft, so schonungslos die Überforderung eines Kindes zu beschreiben – ohne zu verurteilen. Ein eindrückliches Buch, das aber nicht hoffnungslos endet, das Mut macht über Probleme zu reden. Ab 10 Jahren.
Der Mönch ohne Gesicht
Lenk Fabian
Loewe
Ein Ratekrimi aus dem Mittelalter
Nein, dies ist kein Buch, das wegen seiner literarischen Qualität eine Auszeichnung bekommen wird. Trotzdem sei es hier empfohlen, weil die Geschichte sehr spannend erzählt wird, weil die meisten Kinder gerne mitraten und weil selbst Erwachsene ihr Wissen über mittelalterliche Klöster auffrischen können. Zwischendurch lernt man beim Lesen etwas Latein, eine Zeittafel und ein Glossar geben zusätzliche Informationen.
Im Kloster wird gestohlen, zuerst im Skriptorium, dann in der Sakristei und dies ausgerechnet kurz vor dem Besuch von Kaiser Karl dem Grossen. Natürlich sind es drei Kinder, die Bauerntochter Anna und ihre zwei Freunde aus der Klosterschule, die den Fall lösen. Et cuncta erant bona heisst es auf der letzten Seite – und alles war gut! Das Buch eignet sich sehr gut zum Vorlesen für Kinder auf der Mittelstufe. Und wer ganz genau liest, entdeckt zudem einen groben Fehler des Lektorats: Zur Zeit von Karl dem Grossen ass man hierzulande doch noch gar keine Kartoffeln... In der gleichen Reihe "Tatort Geschichte" sind gleichzeitig erschienen:
Falsches Spiel in der Arena, Ratekrimi aus dem alten Rom
Der Geheimbund der Skorpione, Ratekrimi aus dem alten Roms
Gefahr für den Kaiser, Ratekrimi aus dem Mittelalter
Prinz Bussel
Van Leeuwen Joke
Hanser
Das Land, in dem Bussel lebt, ist ein schmales Land mit einer sehr dünnen Königin. Bussel hat sieben ältere Schwestern, die singen siebenstimmig, den ganzen Tag. Und berühmt sind sie geworden, die Schwestern, wegen ihrer wunderschönen Singerei. Bussel passt einfach nicht dazu, wenn er singt, tönt er wie ein Kälbchen, das sich die Hinterbeine eingeklemmt hat.
Wahrscheinlich ist Bussel nach der Geburt vertauscht worden, wahrscheinlich ist er eigentlich der verlorengegangene Sohn der dünnen Königin. Bussel muss es wissen, die Königin erwartet ihn sicher, die Königin wird ihn nicht wegschicken wie seine Schwestern, die Königin wird ihn lieb haben, davon ist Bussel überzeugt. So macht sich Bussel also auf zum Schloss.
Joke van Leeuwen hat ein absolut unlogisches Buch geschrieben, witzig, komisch, verrückt und doch spannend. Und auf jeder Buchseite spürt man Bussels Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem echten Zuhause. Zudem hat die Autorin Bussels Geschichte wunderschön, humorvoll illustriert; die Bilder erzählen und ergänzen den Text einzigartig. Ein spezielles Buch, für spezielle Kinder und Erwachsene. Ab etwa 10 Jahren.
Perloo
Avi
Beltz
Perloo gehört zum Stamm der Montmer. Montmer sind hasenähnliche Tiere, die in einem gut organisierten Staat leben. Perloo ist am liebsten daheim, in seinem warmen Bau und liest Bücher. Möglichst alleine sein will er, seine Ruhe haben und die alten Schriften studieren.
Perloo wird aber eines Nachts geweckt, er muss sofort ins Schloss kommen, die alte Königin liegt im Sterben und hat ausgerechnet ihn zu ihrem Nachfolger bestimmt. Nicht alle freuen sich über diesen Thronfolger, es gibt Montmer, die Perloo vernichten wollen. Kämpfen aber will Perloo auf gar keinen Fall, am liebsten würde er sowieso umkehren, heim zu seinen geliebten Büchern, soll doch regieren wer will! Wenn ihm doch nur der Spruch der weisen Elster nicht immer durch den Kopf ginge: Ein Leben ohne Herausforderung ist ein vergeudetes Leben..
Avi schreibt ungeheuer dicht und spannend. Da wird einem beim Lesen verdeutlicht, wie Diktakturen, Kriege und Konflikte entstehen, wie gefährlich blinder Gehorsam und Intrigen sein können. Avis Buch ist sehr aktuell und bietet nebst der äusserst spannenden Handlung einen wichtigen Beitrag zur Friedenserziehung. Ein ideales Vorlesebuch für Kinder ab etwa 10 Jahren.
Die fabelhaften Barker Girls
Wilson Jacqueline
Oetinger
Wir lesen im Tagebuch von Garnet und Ruby. Garnet und Ruby sind Zwillinge, eineiige Zwillinge. Unterscheiden kann sie niemand, sie kleiden sich gleich, haben die gleiche Frisur, den gleichen Pyjama, sitzen in der Schule nebeneinander, mögen die gleichen Speisen und führen gemeinsam dieses Tagebuch. Das heisst, die lustigen Sachen schreibt Ruby auf, Garnet notiert eher die schwierigen und traurigen Erfahrungen. Und ganz so ruhig verläuft das Leben zur Zeit wirklich nicht. Papa hat sich nach Mamas Tod neu verliebt, Rose heisst diese Frau, und Papa zieht mit ihr und seinen Zwillingen aufs Land. Garnet arrangiert sich mit der neuen Situation - Ruby wehrt sich, mit allen Mitteln, die ein zehnjähriges Mädchen zur Verfügung hat. Sie will weg und zwar sofort! Ein Internat wäre schön, so eins wie im Buch von Hanni und Nanni, das waren doch auch Zwillinge! Aber nur Garnet besteht die Aufnahmeprüfung für das Internat. Garnet und Ruby müssen sich trennen, einander loslassen, das ist ungeheuer schwer und tut sehr weh. Der Autorin ist ein Kinderbuch gelungen, das sehr viel mehr bietet als die bekannte Verwechslungskomik in all den heiteren Zwillings- Geschichten. Dank der wechselnden Erzählperspektive (einmal schreibt Ruby, dann wieder Garnet) wirkt diese beeindruckende Trennungsgeschichte sehr glaubhaft und authentisch. Rubys und Garnets ist absolut nicht kindisch und doch gibt es sehr viel zum Lachen und Schmunzeln. Ganz besonders gefallen auch die wunderschönen ergänzenden Illustrationen von Susanne Opel-Götz. Die Geschichte bietet Vorlesestoff vom feinsten - mit verteilten Rollen vorlesen ist noch besser. Für Kinder ab 10 Jahren.

