Büchervorschläge Mittelstufe Sommer 2003
Du schon wieder
Zoran Drvenkar / Ole Könnecke
Carlsen
Fredo und Rocki gingen auf dieselbe Schule und weder die Lehrer noch sonst jemand wusste so recht, was man mit den beiden Jungen anfangen sollte. Rocki war so gross, dass er Probleme hatte, überhaupt ins Schulgebäude hineinzukommen, und Fredo war so klein, dass es nicht auffiel, wenn er eine Woche lang zu Hause blieb, weil ihn sowieso keiner sah. Rocki und Fredo wurden also in die Welt hinaus geschickt; sie sollen ihr Glück machen, meinten die Eltern. Aber die zwei trennten sich bereits am Stadtrand, der eine wollte nach links, der andere gegen Sonnenuntergang. Der Titel des Buches verrät es bereits, Rocki und Fredo begegnen sich dauernd wieder, am Schluss der Geschichte treiben sie schliesslich gemeinsam aufs weite Meer hinaus. Da haben sich ein Autor und ein Illustrator gefunden, selten ergänzen sich Zeichnungen und Text in einem Buch so optimal. Ein fast 150 Seiten dickes einmaliges Bilderbuch mit comicähnlichen schwarzweissen Illustrationen zum Lachen, zum Träumen, zum Philosophieren. Lesealter? Wie heisst es jeweils bei den Spielen? Von 4 bis 99.
Die Abenteuer der Jimmy Scar
Jeanne Willis
Klopp
Gemma wird von ihrem Vater überaus behütet, nicht einmal alleine über die Strasse gehen darf sie, obwohl Gemma bereits elf Jahre alt ist. Aber dann wird ihr Vater verhaftet, der bösartige Vermieter hat ihn reingelegt. Gemmas heile Welt bricht auseinander. Eins ist gewiss, ins Kinderheim will Gemma nicht; sie hat ja Duke, ihren Hund, und jetzt, so auf sich selbst gestellt, entdeckt Gemma ganz neuen Eigenschaften an sich. Sie ist gar nicht so schrecklich ängstlich, sie weiss sich zu helfen und verkleidet sich deshalb zuallererst einmal als Junge, so kommt sie auf ihrer Flucht ganz bestimmt besser durch die Welt. Vor allem spannend müssen Bücher sein, das verraten uns lesende Kinder immer wieder. Bei der Lektüre von Jimmy Scar kommen sie voll auf ihre Rechnung. Dieses Buch besticht nicht nur durch den gekonnten Spannungsaufbau: Was so harmlos anfängt, entwickelt sich von Seite zu Seite mehr zu einem dramatischen und verzwickten Abenteuer, auch das Ende der Geschichte ist in keiner Weise voraussehbar. Viele Übertreibungen, das ganz klare Abgrenzen von Gut und Böse vermitteln zusätzlich eine märchenhafte Stimmung. Jimmy Scar, so nennt sich Gemma als Junge verkleidet, würden sich wohl viele Kinder zur Freundin wünschen. Ein ideales Vorlesebuch für Kinder ab etwa 11 Jahren.
Ricky rennt
Sis Dean
Dressler
Ricky fährt nicht mehr mit dem Schulbus, er läuft den langen Weg lieber, als dass er mit Bugsie, dem Fiesling, dem Schläger aus seiner Schule zusammen trifft. Anfangs ist das hart, vor allem am Morgen, aber allmählich wird Ricky immer schneller, besser und er verspürt kaum noch Seitenstechen. Es ist aber nicht nur die Angst vor einer Schlägerei, die Ricky zum Laufen treibt, es ist genauso die Wut auf seinen Vater. Dieser Vater ist zwar tödlich verunglückt und kann weder ihn noch seine Geschwister mehr schlagen, aber die Schmerzen heilen nicht so schnell, die Narben tun weh. Also rennt Ricky auch gegen seine Verzweiflung an, und das tut gut, macht ihn schnell, so schnell, dass er am Schluss des Buches den Schulbus überholt. Man liest dieses Buch sicher fast so schnell, wie Ricky rennt. Die Autorin lässt einen an Rickys Entwicklung und an seinen Erfahrungen teilhaben. Nicht alles ist gut zum Schluss, es gibt kein honigsüsses Happyend. Aber da ist ein Junge, der gegen seine Ängste, gegen seine Depressionen an- und nicht davon gerannt ist, und er hat gewonnen, das hat ihn sehr viel stärker gemacht. Rickys Entwicklung ist glaubhaft, nachvollziehbar. Für Lesende ab 11 Jahren.
Das Glück kommt wie ein Donnerschlag
Guus Kuijer
Oetinger
Polleckes Vater ist zur Zeit in Nepal, er will zu sich selber finden. Polleckes Mutter will wieder heiraten, und man glaubt es kaum: Der Auserwählte ist ausgerechnet Polleckes Lehrer. Pollecke ist eben zwölf geworden: Ist man da schon eine junge Frau? Pollecke will das nicht, sie ist ein Mädchen mit einem neuen Fahrrad und einer eigenen Kuh, ein Mädchen, das später einmal Dichterin oder Bäuerin werden will. Und ab und zu wünscht sie sich eine Prinzessin zu sein. Spieck, ihr Vater, würde sie retten, sie von all ihren Sorgen mit der Familie, der Schule und mit ihrem Freund Mimun befreien. Besonders eindrücklich gelingt es dem Autor in diesem Band, Polleckes Abschied von der Kindheit zu beschreiben: die Erkenntnis, dass der Märchenprinz nicht kommen wird, dass Teddybären nicht wirklich sprechen können, die Angst und die Ungewissheit vor dem, was da kommen wird, wenn man erwachsen wird. Ganz zum Schluss des Buches kommt der Donnerschlag: Polleckes Vater ist heimgekommen und schliesst seine Tochter endlich wieder in seine Arme. Für den ersten Band dieser Trilogie, "Wir alle für immer zusammen", wurde Guus Kuijer mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

