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Ein Ethikkodex als verbindliche Orientierung für Architektinnen und Architekten

Ein Diskussionspapier von Fridolin Stähli

  1. Verpflichte dich der Wahrhaftigkeit gegenüber den Mitmenschen und deiner selbst. Nimm keine Aufträge an, die du nicht verantworten kannst.

Die Verantwortung ist eine mindestens vierfache, deshalb ist gerade dieser erste Punkt im konkreten Fall auch so schwierig. Alle an einem  Bau Beteiligten haben eine ökologische, eine soziale, eine ökonomische und eine personale Verantwortung. Wichtig ist die Erkenntnis, dass diese Verantwortung weder teilbar noch delegierbar ist, schon gar nicht mit der Ausrede, dass heute meistens in einem Team gearbeitet werde. Dass hier schwerwiegende moralische Konflikte vorprogrammiert sind, die nur im Einzelfall gelöst werden können, ist absehbar. Fälle sind denkbar, in denen ein Architekt in einen tiefen Gewissenskonflikt geraten kann, wenn der Auftraggeber im Verlauf des Bauprozesses plötzlich neue, für ihn inakzeptable Bedingungen stellt. Laut OR und sia-Normen sind zwar die rechtlichen Vertragsbedingungen[1] weitgehend geregelt, nicht aber die moralischen.  

2. Plane, entwerfe, baue oder führe einen Prozess immer im Hinblick auf den ganzen Lebenszyklus eines Baus und des gesamten Bauwerkes.

Wenn in Zukunft alle Beteiligten beim Bauen den Lebenszyklus eines Artefaktes im Fokus haben, werden dadurch die Interessen von Auftraggebern, Investoren, Nutzern und das Wohl der  Öffentlichkeit langfristig berücksichtigt; ebenso wird bei dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise viel Geld gespart. Ziel muss es sein, soziokulturelle, ökonomische und bauliche Anforderungen in der Abwicklung der ihnen anvertrauten Aufträge zu integrieren. Alle Beteiligten besitzen zusätzlich zu ihren spezifischen Fertigkeiten auch die Fähigkeit zu Vernetzung, Prozessgestaltung und Kommunikation; sie schlüpfen je nach Eignung und Begabung in ganz verschiedene Rollen in ihrer jeweiligen Tätigkeit als Planer, Architekt oder Ingenieur.

3. Berücksichtige bei deiner Tätigkeit die Grundsätze der Nachhaltigkeit im Spannungsfeld von Gesellschaft, Wirtschaft und Ökologie.

Das zweite Gebot lässt sich mit dem dritten insofern verknüpfen, weil das Konzept Nachhaltigkeit seit der Rio Konferenz von 1992 weltweit zu einem Prinzip erklärt worden ist, das sich um die Zukunftsfähigkeit des Planeten Erde sorgt.[2] Alle unsere Eingriffe in die Natur – und das Bauen ist immer ein Eingriff – sollten verträglich sein für Menschen, zukünftige Generationen und die Natur. Der Philosoph Hans Jonas hat in diesem Zusammenhang von der «Weiterwohnlichkeit der Welt»[3] angesichts der beschränkten Güter dieser Erde gesprochen und das philosophisch auch zu begründen versucht. Während viele Politiker die Spannungsfelder des Konzepts gleichrangig behandeln, wird hier für den Vorrang der Ökologie plädiert, weil logischerweise ohne eine tragfähige Erde keine Gesellschaft eine Wirtschaft aufbauen kann.[4] Für das Planen und Bauen wichtig ist der schonende Umgang mit den natürlichen Ressourcen, insbesondere mit dem Boden.     

4. Handle als Planer, Architekt oder Ingenieur  jederzeit so, dass du in deiner beruflichen  Praxis das Wohl der Gesellschaft und die angemessene Gestaltung der Umwelt im Fokus hast,  niemals aber nur ökonomische Faktoren berücksichtigst.

 Dieser Satz, angelehnt an Kants kategorischen Imperativ[5], zielt in eine Hauptproblematik des Bauwesens, weil es hier oft  um viel Geld geht. Der ökonomische Aspekt spielt eine entscheidende Rolle. Das Verhältnis von Bauen und Ökonomie ist geprägt durch die Faktoren: Architektur als Ware, Kapital, Betriebsfolgekosten, Bodenfrage, Zersiedelung, Bestechung, Spekulation, Betrug, Bauschäden, Korruption. Der ökonomische Imperativ, der unsere ganze Gesellschaft und auch die Politik durchsetzt, sollte zugunsten der Idee der „guten Architektur“ und der gebauten Mit- und Umwelt zurückgedämmt werden. Daraus folgen die Regeln 5 und 6.

5. Nimm «ausser der aus dem Auftrag oder Arbeitsvertrag zukommenden Honorierungen keine Provisionen oder sonstige Vergünstigungen von Dritten an» (sia 151, Art. 2, 4) oder direkter: Lass dich niemals korrumpieren und nimm keine Schmiergelder an.

6. Respektiere die gebaute Mit- und Umwelt und beziehe das historisch-kulturelle Erbe mit ein.

Bei diesem Grundsatz weisen allein schon Vitruvs Leitsätze des Nutzens (utilitas), der Haltbarkeit (firmitas) und der Schönheit (venustas) den Weg. Dazu kommen weiter die Aspekte der Sicherheit, der Standards, Normen und Haltungen (Verdichtung, neue Materialien, ökologische Bauweise; bei einem Neubau auch allenfalls – wenn gute Gründe das nahe legen – der Verzicht!).

7. Hinterfrage die Interessen, Wünsche und Vorstellungen deiner Kunden und suche zusammen mit ihnen eine optimale Lösung, vergiss dabei aber nie das Wohl der Öffentlichkeit.

Beim Bauen müssen die Interessen der Investoren und der Nutzer ebenso beachtet werden wie die Auswirkungen auf die Öffentlichkeit. Planer, Architekten und Ingenieure sollen die Aufträge vor der schon gestalteten Umwelt kritisch hinterfragen; sie beziehen Vergangenheit und Zukunft in ihre Überlegungen mit ein. Sie zeigen z. B. die längs der Lebensdauer einer Immobilie relevanten Bezugsebenen auf, strukturieren die Arbeitsabläufe auf den einzelnen Prozessebenen und gestalten Lösungsprozesse. Der wichtigste Punkt dabei ist, dass weder die Planer und Architekten noch die Ingenieure in ein Herr-Knecht-Verhältnis geraten dürfen, bei dem immer der Auftraggeber oder die Investoren das letzte Machtwort sprechen und die betroffenen Planer, Architekten und Ingenieure unter dem Vorwand des Marktdruckes zu blossen (Produkte-)Lieferanten degradiert werden. Notwendig sind dabei Tugenden wie Mut, Kreativität und Zivilcourage. Inwieweit hier in bestimmten Situationen  Opportunismus erlaubt ist, ja notwendig für die Erreichung des Ziels, ist eine schwerwiegende ethische Frage. Bei Differenzen sind wechselseitige Überredungsversuche klüger als emotionales Grollen oder eine Verweigerung des Dialogs. Kulturelle Differenzen sind auszuhandeln; sie können einem Projekt in den meisten Fällen förderlich sein. 

8. Sei dir bewusst, dass Bauen immer mit sozialen Fragen verknüpft bleibt. Architektur und Infrastruktur repräsentieren Macht und zeigen das Gefälle zwischen Arm und Reich.

Ein Engagement für menschenfreundliche Städte, für den sozialen Wohnungsbau, für kinderfreundliche Quartiere, für städtebauliche Freiräume für Jugendliche, für gute Arbeitsplätze, für Senioren- und Behindertengerechtes Bauen u. a. m., ehrt die Bauleute allemal. Es verhindert die Ghettoisierung und Verslummung unserer Städte und vermindert die Obdachlosigkeit vieler Menschen in den Grossstädten.

9. Bauen ist kein Selbstzweck und keine Selbstdarstellung!

Die Architektur steht immer in der Relation zur Idee „des guten Lebens“.  Denn was verdient, "wohnlich" genannt zu werden, ergibt sich letztlich aus der Perspektive der Bewohner und "nutzbar" aus der Sicht des Benutzers. Naturgemäss muss der Architekt ein wacher und sensibler Beobachter sein und die Menschen und die Gesellschaft kennen, wie Max Frisch das vom Planer und Architekten gefordert hat. Die Architektur darf hingegen kein Diktat sein, wie man leben soll; das käme einer Selbstermächtigung gleich und ist moralisch abzulehnen. Wichtig ist – wie mehrmals in diesen Grundsätzen explizit erwähnt –  der Dialog zwischen allen Beteiligten am Bau. Bei Prestigebauten ist Vorsicht am Platz, weil diese in den seltensten Fällen dem Allgemeinwohl zugute kommen und oft – wie die Kunst – unter dem Narzissmusverdacht stehen.

Anregungen und Kritik an: fridolin.staehli@fhnw.ch


Publikation:

Fridolin Stähli, Berufsethik. In: Bauen in der Schweiz. Handbuch für Architekten und Ingenieure, hrsg. c. A. Campi; Ch. v. Büren. Basel: Birkhäuser 2005, S. 32–40.

 




Anmerkungen:


[1] OR, Art. 394ff. und Art. 398, sia 102, 103 und 108.

[2] Umweltkonferenz in Stockholm 1972, Rio 1992, Agenda 21, Johannesburg 2002, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 73. Vgl. Literatur allg.: Rudolf Häberli et al.: Vision Lebensqualität. Nachhaltige Entwicklung – ökologisch notwendig, wirtschaftlich klug, gesellschaftlich möglich. Schlussbericht Schwerpunktprogramm Umwelt Schweiz. vdf, Zürich 2002 (inkl. CD-ROM). Literatur speziell zum Thema Bauen und Nachhaltigkeit siehe auch Publikationen des sia und des BSA.

[3] H. Jonas, Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Aschaffenburg 1987, S. 46. Vgl. das grundlegende Werk : H. Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Insel, Frankfurt/M. 1979.

[4] F. Stähli, Meditationen über Steine − eine holistische Perspektive. In: Natur und Kultur, 2/2 (2001), S. 99–110.

[5] «Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.» (I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: I. K., Werke in sechs Bänden, Bd. IV. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S. 61.) Der zitierte Satz Kants, in der Literatur unter «Zweckformel» bekannt, erstmals 1786 in Riga erschienen, besagt auf die kürzeste Weise ausgedrückt: Instrumentalisiere niemanden! Oder positiv formuliert: Berücksichtige immer auch den Willen und die Interessen des andern, nimm Rücksicht auf seine Zwecke! Vgl. ferner K. Ott, Ipso facto. Zur ethischen Begründung normativer Implikate wissenschaftlicher Praxis. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997.

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