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      Im Fokus: Digitaler Wandel

      «Die smarte Kombination von Mensch, Technik und Organisation ist entscheidend.»

      Interview mit Prof. Dr. Toni Wäfler, Institut Mensch in komplexen Systemen der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW

      Die Folgen des digitalen Wandels für Wirtschaft und Unternehmen sind ein vieldiskutiertes Thema. Was überwiegt aus Ihrer Sicht - Risiken oder Chancen?
      Der digitale Wandel bietet grosse Chancen für Unternehmen und Institutionen, beispielsweise hinsichtlich der Effizienz und Zuverlässigkeit von Prozessen oder für völlig neue, innovative Geschäftsmodelle. Die grösste Herausforderung ist es jedoch, diese Chancen so zu nutzen, dass wir in der Schweiz Konkurrenzvorteile im globalisierten Wettbewerb erhalten und ausbauen.

      Inwiefern verändert die Digitalisierung den Wettbewerb?
      Der  globale Konkurrenzkampf wird sich weiter verschärfen und nicht nur klassische Gebiete wie die Produktion betreffen, sondern auch viele andere, wie den Dienstleistungssektor. Räumliche Nähe bzw. Grenzen verlieren zunehmend an Bedeutung. Schweizer Unternehmen für Finanzbuchhaltung müssen zum Beispiel mit Firmen in Asien konkurrieren. Oder - was die FHNW als Hochschule betreffen kann - Bildungsangebote von ausländischen Institutionen werden via Internet frei verfügbar.

      Was müssen Schweizer Unternehmen und Institutionen tun, um vor diesem Hintergrund konkurrenzfähig zu bleiben?
      Wir müssen bei unseren Stärken ansetzen, das heisst, Konkurrenzvorteile, die wir in der Schweiz haben, im Kontext des digitalen Wandels ausbauen. Der Konkurrenzvorteil besteht nicht primär darin, über bestimmte Technologien zu verfügen, sondern diese besser zu nutzen als die Wettbewerber. Und diese Nutzung erfolgt  durch Mitarbeitende. Trotz zunehmender Automatisierung existieren bislang  kaum Systeme, die ohne das Handeln von Menschen auskommen. Neben der Technologie ist also vor allem der Mensch der entscheidende Faktor. Wir müssen einerseits am Puls der technologischen Entwicklungen bleiben. Gleichzeitig ist es aber mindestens ebenso entscheidend, die Mitarbeitenden in Unternehmen, Organisationen und Institutionen zu befähigen, den grösstmöglichen Nutzen aus diesen Technologien zu generieren

      Wie kann diese Befähigung gelingen?
      Die Befähigung betrifft nicht ausschliesslich Ausbildung und Schulung. Vielmehr müssen wir die Techno-logien so gestalten und implementieren, dass die Menschen, die damit arbeiten, ihr Know-How und ihr Erfahrungswissen behalten und weiterentwickeln können. Voraussetzung dafür ist, dass Prozesse durch die Digitalisierung nicht zu einer Black-Box werden. Um Know-How und Erfahrungswissen zu ermöglichen, müssen die digitalisierten Prozesse für die damit arbeitenden Menschen transparent und beeinflussbar bleiben. Sonst verlieren die Menschen - und damit auch die Unternehmen - ihr Know-How.

      Welche neuen Kompetenzen sind in Zukunft von Mitarbeitenden in Unternehmen und Organisationen gefragt?
      Neben zunehmend anspruchsvollerem Fachwissen werden interdisziplinäres Denken und Handeln noch wichtiger, weil die Komplexität der neuen Technologien bedingt, dass Fachpersonen aus verschiedensten Disziplinen zusammenarbeiten. Aus demselben Grund gewinnen auch Sozial- und Kommunikationskompetenzen an Bedeutung. Gleichzeitig wird angenommen, dass aufgrund der schnellen Weiterentwicklungen von Technologien, Produkten und Prozessen die Halbwertszeit von Kompetenzen immer kürzer wird. Es braucht also nicht nur neue Kompetenzen, sondern diese müssen auch immer schneller weiterentwickelt werden.

      Wie unterstützt die FHNW Unternehmen und Institutionen bei der Gestaltung des digitalen Wandels?
      Zum einen, indem wir unseren Studierenden in der Aus- und Weiterbildung die relevanten Fähigkeiten vermitteln und dabei ein besonderes Gewicht auf die oben beschriebenen, neuen Kompetenzen legen. Sehr  viele Unternehmen sehen in fehlenden Kompetenzen ein zentrales Hemmnis hinsichtlich des digitalen Wandels. Die entsprechend befähigten Fachkräfte bereitzustellen ist eine unserer wichtigsten Aufgabe, um Unternehmen im digitalen Wandel zu unterstützen. Entsprechend hat die Nachfrage nach FH-Absolvierenden in den letzten Jahren vor dem Hintergrund der Digitalisierung zugenommen.

      Zum anderen nehmen Unternehmen die neuen Technologien noch als unausgereift wahr und sehen darin ebenfalls ein grosses Hindernis im digitalen Wandel. Hier arbeiten wir in der angewandten Forschung und Entwicklung gemeinsam mit Praxispartnern daran, aus unausgereiften Technologien praxistaugliche Anwendungen zu entwickeln, die eine smarte Kombination von Mensch, Technik und Organisation ermöglichen. Da die FHNW viele verschiedene Disziplinen unter einem Dach vereint, liegt eine unserer Stärken in der interdisziplinären Herangehensweise an die Erarbeitung praxistauglicher Anwendungen. Aktuell  entwickeln wir beispielsweise gemeinsam mit industriellen KMU eine Kooperationsplattform, die KMU dabei unterstützt, sich zu Erfahrungen in Fragen des digitalen Wandels systematisch auszutauschen. So soll verhindert werden, dass das Rad immer wieder neu erfunden werden muss, bzw. immer wieder dieselben Fehler gemacht werden. Zugleich steigert sich die Lernkurve jedes einzelnen KMU.  Darüber hinaus stellen wir eine Methode zur Verfügung, die wir "Potenzialanalyse" nennen. Mit einem systematischen Vorgehen unterstützen wir KMU, spezifische Potenziale zu identifizieren, die sich für sie aus einer smarten Kombination von Mensch, Technik und Organisation ergeben, um so innovative Formen der Nutzung neuer Technologien zu identifizieren und Konkurrenzvorteile auszubauen.

      Welche Risiken bestehen aus Ihrer Sicht, welche Fehler gilt es zu vermeiden?
      Durch den Einsatz von Technologien können Wissen, Erfahrung und Fähigkeiten verloren gehen. Um Mitarbeitende entsprechend zu befähigen, negative Entwicklungen verhindern und positive Entwicklungen fördern zu können, müssen wir verstehen, wie sich der digitale Wandel auf den arbeitenden Menschen auswirkt. Lassen Sie mich ein paar Beispiele geben: Wenn Flugzeuge vollautomatisch landen, verlieren Pilotinnen und Piloten die Fähigkeit, ein Flugzeug manuell zu landen. Manchmal ist das aber notwendig, deswegen üben sie im Simulator. In der betrieblichen Welt finden wir viel Automatisierung, jedoch keine Simulatoren. Ein Arbeiter, der manuell Werkstücke schleift, entwickelt eine Fingerfertigkeit. Übernimmt dies ein digital gesteuerter Schleifroboter, geht die Fingerfertigkeit verloren. Im täglichen Prozess ist sie vielleicht nicht wichtig, wenn aber niemand mehr schleifen kann, kann auch niemand mehr den Roboter korrekt programmieren. So gibt es noch vieles, was durch digitalisierte Prozesse verschwinden kann, z.B. die Fähigkeit, Produktionsprozesse richtig einzuschätzen, frühzeitig zu sehen, wenn sich Probleme anbahnen und richtig einzugreifen, um diese Probleme zu verhindern. Auch dazu braucht es Fähigkeiten, die man durch Erfahrung aufbaut, nämlich die Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Oft wird der Verlust an Erfahrungswissen aber erst bemerkt, wenn das Wissen schon verloren ist. In der Folge kann auch Innovationsfähigkeit verloren gehen, denn Innovation findet in den Köpfen von Menschen statt und nicht in Maschinen oder Computern.

      Die oft geäusserte Prognose, dass der digitale Wandel Mitarbeitende zunehmend überflüssig macht, trifft also nicht zu?
      In der Vergangenheit wurden neue Technologien häufig eingesetzt, um Mitarbeitende zu ersetzen und sich von ihnen unabhängig zu machen. Das funktioniert heute nicht mehr. Die neuen Technologien sind so komplex, dass Unternehmen kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen, um sie sinnvoll zu nutzen. Natürlich können Unternehmen entscheiden, ob sie diese Fachkompetenzen im eigenen Haus haben oder lieber extern einkaufen möchten. Kauft man sie extern ein, wird man jedoch auch abhängig.

      Wir müssen uns bewusst  machen, dass der digitale Wandel nicht primär in der Einführung digitaler Technologien besteht, sondern in der smarten Kombination von Mensch, Technik und Organisation. Wir müssen ihn als soziotechnisches Thema betrachten.Innovationspotenzial entsteht erst durch eine smarte Kombination von Mensch und Technik, wenn Technik gezielt so gestaltet wird, dass menschliche Stärken wie Leistungsmotivation, Fachkompetenz oder Erfahrungswissen gefördert und menschliche Schwächen wie z.B. die beschränkte Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten oder Ermüdung kompensiert werden.

      Herr Wäfler, vielen Dank für das Gespräch.

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