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26.08.2022 | Hochschule für Gestaltung und Kunst, Institut Zeitgemässe Design Praxis

Applaus: Interview Aycan Kizilkaya

Aycan Kizilkaya ist Doktorierende und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Istanbul, Graduiertenkolleg. Sie wurde für das Schweizerische Bundes-Exzellenz-Stipendium des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI 2021/2022 ausgewählt und verbringt ihren Aufenthalt aktuell an der HGK im Studiengang Innenarchitektur und Szenografie am Institut Contemporary Design Practices. Andreas Wenger, Leiter des Studiengangs, hat sich mit ihr zu ihrem Aufenthalt in Basel und ihren Projekten unterhalten.

Prof. Andreas Wenger: Frau Kizilkaya, Sie sind seit September 2021 Promotionsstipendiatin im Programm «Innenarchitektur und Szenografie» am ICDP, gefördert durch das «Schweizer Bundes-Exzellenz-Stipendium». Welche Feldforschungen haben Sie in der Schweiz begonnen und welche vielleicht schon abgeschlossen?

Aycan Kizilkaya: Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich erst einmal meine Forschungsschwerpunkte vorstellen. Meine Leidenschaft für die darstellenden Künste und Schauspiel hatten erheblichen Einfluss auf meine Promotion. Ich interessiere mich für alternative Theaterarchitektur, die adaptive Wiederverwendung von Aufführungsräumen und ortsspezifisches Theater. In der Türkei erfüllen Räume für darstellende Kunst und Theaterkompanien ihre raumbezogenen Bedürfnisse oft, indem vorhandene architektonische Gebäude angepasst werden. Insbesondere in Istanbul steigt seit den frühen 2000er-Jahren die Zahl der zu Theaterräumen umgenutzten Gebäude. Der Bedarf an alternativen Räumen hat zugenommen, die Gründe dafür sind eine schwache Wirtschaft, der Mangel an adäquaten Bühnenräumen und der Wunsch nach einer Abkehr von der klassischen Guckkastenbühne. Entsprechend lautet das Thema meiner Doktorarbeit "An investigation on alternative theatre spaces in Istanbul which was built after the 2000s in terms of adaptive re-use criteria" (zu Deutsch: Untersuchung von nach den Zweitausenderjahren in Istanbul geschaffenen alternativen Theaterräumen unter Berücksichtigung von Kriterien für eine adaptive Wiederverwendung). Für diese Forschung habe ich eine Datenbank angelegt und damit begonnen, die Innenbereiche von mehr als 70 Theatern in Istanbul hinsichtlich der räumlichen Parameter zu analysieren. Aktuell werte ich sie aus, um herauszufinden, welcher Rahmen gegeben sein muss, um die Anforderungen für zeitgenössische Performances zu erfüllen. Diese Forschungsarbeit wird in die Design-Richtlinien einfliessen, die ich mit meiner Dissertation am Ende meines Studiums definieren werde.

Ich war davon überzeugt, dass eine internationale Studie in meinem Forschungsgebiet angesichts des Potenzials der Dissertation sinnvoll wäre und die Methodologie bereichern würde. Obwohl die Stadt Istanbul mir viel Arbeitsmaterial geboten hat, wollte ich der Idee nachgehen, meine Forschung auf Innenräume von Theatern in anderen Städten und Kulturen auszuweiten. Die Schweiz ist ein wichtiges Zentrum der zeitgenössischen darstellenden Kunst. Dank des Schweizer Bundes-Exzellenz-Stipendiums konnte ich nach Basel kommen und die wissenschaftlichen Arbeiten der «Innenarchitektur und Szenografie» an der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW (HGK) einsehen, die mir wertvolle Erkenntnisse für mein eigenes Promotionsstudium lieferten. In den ersten Monaten widmete ich mich intensiv der Literaturrecherche zu alternativer Theaterarchitektur, temporären Aufführungsorten und Umnutzungsstudien in der Hochschulbibliothek und plante die Auswertung der an der HGK durchgeführten Studien, die Suche nach Beispielen für Umnutzungen in Basel oder der Schweiz sowie eine Vorort-Prüfung der Verfahren.

In diesem Zusammenhang wollte ich eine Studie zur räumlichen Bestimmung, eine Auflistung, Kartierung und ein Vorschlagsszenario entwickeln. Eine der Zielsetzungen dieser Studie war die Beantwortung der Frage, wie alternative Theater anhand des Restrukturierungskonzepts gestaltet werden. Dies dient zum einen dazu, die aktuellen Anforderungen der Theaterstruktur zu ermitteln, und zum anderen dazu, die Stellung und Bedeutung der neuen Generation an Theaterstrukturen zu erfassen, die ein wichtiger Indikator für die Entwicklung der Gesellschaft und des öffentlichen Raumes sind.

 Während der Recherche habe ich das Konzept der Umnutzung in der Innenarchitektur und ähnlicher Prozesse in der Schweiz untersucht und verglichen. Dabei war in erster Linie die Literarturrecherche zu Fallstudien unterschiedlicher Designkulturen wichtig.

 Während meiner Forschung entschied ich mich, mich stärker auf ortsspezifische Performances zu konzentrieren. Da in der Schweiz die Zahl der umgenutzten und in Theater verwandelten Strukturen begrenzt ist, habe ich auch eine Liste gemacht, um sie zu analysieren. Ich hatte die Möglichkeit, viele experimentelle, ortsspezifische Beispiele für solche Strukturen genauer zu betrachten, wie narrative Räume oder Rauminstallationen, bei denen Räume unterschiedlich genutzt werden. Das Masterstudio Szenografie brachte mir wichtige Arbeiten auf diesem Gebiet nahe. Es war zudem äusserst lehrreich, Kritiken in diesem Bereich zu formulieren und zu erhalten. Nachdem ich mit dem Begriff «Szenografie» besser vertraut war, wollte ich die Räume aus meiner Doktorarbeit aus szenografischer Perspektive analysieren. «Szenografie» ist für mich ein neuer Begriff, der in wissenschaftlichen Studien in meinem Heimatland bisher kaum zu finden ist.

Einige interessante Arbeiten, die ich in der Schweiz selbst erlebt habe, beschreibe ich auch in einem Kunstmagazin in der Türkei.


AW: Welche Untersuchungsmethoden wenden Sie in Basel oder der Schweiz an?

AK: Während der wissenschaftlichen Untersuchung wollte ich mich eigentlich an Kriterien wie Materialien, Akustik, Beleuchtung, Belüftung und Zuschauerkomfort sowie dem architektonischen Typus, der Beziehung zwischen Schauspielenden und Publikumsbereich, Bühne, Hinterbühne, öffentlichen und privaten Räumen orientieren. Dann entschied ich mich für eine Untersuchung der Gestaltung und des Aufbaus temporärer alternativer Räume in ortsspezifischen Bereichen.

Es ist geplant, alle Informationen auf einer internationalen Webseite zu kartieren und zu präsentieren:

Als Ergebnis der durchgeführten Analyse sind unterschiedliche Suchen nach Lösungen für jede Typologie möglich. Daher wird als Recherchemethode «Research by Design» verwendet.


AW: Was sind die grössten Unterschiede zu den Theaterpraktiken in der Türkei oder Istanbul?

AK: Meiner Meinung nach bilden die wirtschaftlichen Missstände in den Theatern den wichtigsten Unterschied zwischen der Türkei und der Schweiz. Abgesehen von Staats- und Stadttheatern haben viele alternative private Theater Probleme mit ihren Budgets. Dadurch haben sie keinen Zugang zu den grossen Bühnen. Diese Unmöglichkeit bietet aber auch Chancen und fördert kreative Lösungen innerhalb der eigenen Grenzen. Aufgrund der für Theaterstücke zu zahlenden Tantiemen werden neue Autoren stärker eingebunden. Bühnenbilder werden in der Regel in Teamarbeit entworfen oder von den Regisseur:innen gestaltet. In einigen unserer Hochschulen gibt es einen Fachbereich für Bühnenbild, aber das reicht nicht. Üblicherweise wird diese Aufgabe von Personen übernommen, die dafür nicht ausgebildet sind. Zudem ist der Begriff «Szenografie» in der Türkei nicht gängig. In dieser Hinsicht war das Studium an Ihrem Institut dieses Jahr für mich sehr bereichernd. Ich wollte den Terminus verstehen und in meinen eigenen Fachbereich überführen. Das Gestalten der gesamten Atmosphäre ist ein äusserst wichtiger Aspekt des Storytellings und wir müssen diesen Begriff auch in der Literatur verankern.


AW: Sie sind selbst darstellende Künstlerin. Können Sie uns einen Einblick in Ihre eigene Praxis geben?


AK: Ich war in Istanbul fünf Jahre lang Schauspielerin in einer Laiengruppe und habe in vielen Stücken mitgespielt – meist auf der Bühne von Kumbaracı50, einem der wichtigsten alternativen Theater in Istanbul. Wir haben während der Pandemie auch Erfahrungen mit Online-Theater gesammelt. Ich habe an einem in Zoom aufgenommenen Stück von Tschechow mitgewirkt, das auf Youtube verfügbar ist, und in einem online abrufbaren Stück, bei dem das Geschehen auf der Bühne von acht Kameras gleichzeitig aufgenommen wurde – auch das kann auf Youtube angesehen werden. Darüber hinaus haben wir einen Youtube-Kanal, auf dem wir unsere Parodien veröffentlichen, und ich bin derzeit Teil eines Theaterteams mit Ärzt:innen, Psycholog:innen, Bankkaufleuten, Werbefachleuten, Politikwissenschaftler:innen und Architekt:innen. Zudem interessiere ich mich für die grafische Gestaltung von Theaterplakaten*, für Videobearbeitung und für Bühnenbild und bin in diesen Bereichen auch aktiv.


AW: Sie haben an dem Projekt des Szenografie-Masterstudios zu Richard Wagners «Das Rheingold» teilgenommen und Ihre eigene Übersetzung der Oper aus dem Jahr 1869 vorgestellt. Können Sie uns einen Einblick in Ihre Vorgehensweise und Ihre Interpretation der Oper vermitteln?


AK: Das war für mich eine sehr inspirierende Erfahrung, ich hatte vorher keinerlei Erfahrung mit Bühnenbildern für eine Oper. Unter der Betreuung von Prof. Uwe R. Brückner, Heike Dürscheid und Martina Ehleiter war es vor allem wichtig, sich auf den Text zu konzentrieren und durch Brainstorming herauszufinden, wie die Geschichte zu vermitteln und anzupassen ist. In Istanbul war ich für fünf Jahre Akademikerin im Fachbereich für Innenarchitektur. Ich trage auch zu Projektstudios mit den Professoren bei und es war für mich sehr inspirierend, dass Ihre Masterstudios sich stärker auf das Storytelling konzentrieren, während bei uns der Fokus stärker auf technischen Details und Funktionen liegt. 

Ich wollte in erster Linie die Oper in die heutige Zeit übertragen. Ich habe mich gefragt, wie eine Oper für ein jüngeres Publikum aussehen könnte. Ich habe also in meinem Projekt versucht, eine Oper zu gestalten, die diese Altersgruppe in ihren Bann zieht. Die heutige Jugend ist (wie wir auch) daran gewöhnt, die meiste Zeit des Tages auf Bildschirme zu starren. Aus diesem Grund habe ich eine Oper vorbereitet, die in Social Media aufgeführt wird. Meine Frage lautete: «Kann die Oper von Wagner mit kurzen Sequenzen, Zoom, WhatsApp-Dialogen, auf Instagram geteilten Fotos und Videos, Live-Übertragungen, Youtube- oder Tiktok-Videos zum Herunterscrollen inszeniert werden?» – sozusagen als eine «Oper auf Bildschirmen».

Die Aufführung des Stücks beginnt damit, dass die Schauspielenden und das Publikum einer WhatsApp-Gruppe hinzugefügt werden, wobei die App als Liveszene dient, der man durch den Dialog und die Multimedia-Beiträge in der Gruppe sofort folgen kann. 

Im Semester hat mich der altgriechische Begriff «Palimpsest» inspiriert. In Textstudien ist ein Palimpsest eine Manuskriptseite aus einer Schriftrolle oder einem Buch, von der der Text durch Schaben oder Waschen entfernt wurde und die dann für ein anderes Dokument wieder verwendet werden kann. In der Regel hat ein Palimpsest also mehrere Schichten oder Aspekte, die unter der Oberfläche sichtbar sind, und das hat mich an die Geschichten erinnert, die sich in Social Media überlagern. Im Wasser («Das Rheingold» beginnt am Rhein) befinden sich mehrere Dinge/Geschichten, die je nach Klarheit des Flusswassers mehr oder weniger deutlich zu erkennen sind. 

Für die mythische Zeit können Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Kreis verwoben werden. Es ist nicht ersichtlich, wo der Kreis anfängt und wo er endet. Als ich am Skizzentag (der «silent scetch day» fand am 28. März mit Uwe und Martina statt) Kreise an die Wand zeichnete, wurde mir klar, dass in meiner Vorstellung Gold auch ein Kreis ist und dass die Geschichte eigentlich auch kreisförmig ist. Zudem betrauern in der letzten Szene tief unten die Rheintöchter den Verlust ihres Goldes, auch weil es die Zukunft oder Vergangenheit sein könnte. Daraus entstand meine Idee, dass das Publikum mit dem Einsatz von Social Media und AR in selbstbestimmter Zeit ebenfalls einen Kreis schliessen kann. Das Publikum kann bestimmte Bereiche mit dem Handy ablaufen und sich dabei andere Szenen ansehen usw. Selbst während der Aufführung des Stücks kann es über das Handy auf Social Media zugreifen und andere Szenen oder geteilte Beiträge aufrufen. Szenen können Schicht für Schicht nach oben steigen. Natürlich kann sich mein Projekt durch die wertvollen Anmerkungen der Finaljury noch weiterentwickeln, zum Beispiel können alle Social-Media-Daten, die ich für die Charaktere der Geschichte als visuelle Effekte erstellt habe, bei einem physischen oder virtuellen Treffen live geteilt werden.


AW: Inwieweit ist Ihr Ansatz in Ihrer eigenen Praxis verankert und was haben Sie für dieses Stück methodisch weiterentwickelt?

AK: Angesichts der heutigen Nutzung von Social Media wollte ich auf diese Weise eine klassische Oper durch eine moderne Perspektive mehr Menschen zugänglich machen; mit einer Abfolge, in der jeder Einzelne die Geschichte mit bereits vertrauten Abläufen und Bewegungen selbst steuern kann. Der Ablauf ist eine Metapher für die Strömung des Flusses. Am Ende habe ich ein abschliessendes Rheingold-Video vorbereitet, in dem Realaufnahmen linear aufgebaut und Social-Media-Aufnahmen realitätsnah sind. Das Video ist ebenfalls auf Youtube verfügbar, es vermittelt die Idee und den Gesamteindruck.


AW: Was für Pläne haben Sie für die restliche Zeit bis zum Ende Ihres Bundes-Exzellenz-Stipendiums in der Schweiz? Was erhoffen Sie sich von Ihrem Aufenthalt hier für Ihre künftige Theaterpraxis?

AK: Ich möchte die Ermittlung der relevanten Räume in der Schweiz, das Anlegen der Raumlisten und die Analysen abschliessen. Zudem ist es wichtig, die Ergebnisse mit der für Istanbul vorbereiteten Fallstudie zu vergleichen. Nach dem Vergleich der Studien und der Ausarbeitung von Empfehlungen in diesem Zusammenhang werde ich meine Forschungen abschliessen und die Ergebnisse publizieren.

Im Sommer finden in der Schweiz wunderbare Theaterfestivals statt. Ich werde versuchen, an möglichst vielen teilzunehmen und mich mit ortsspezifischen Arbeiten auseinanderzusetzen.

Ich glaube, dass diese Promotionsforschung an der HGK mit dem Fokus auf Innenarchitektur und Szenografie in Zusammenhang mit meiner Dissertation eine wertvolle und lehrreiche Zeit war, insbesondere in der Stadt Basel und in der einzigartigen Atmosphäre in der Schweiz. Zudem habe ich im Sommersemester den Promotionskurs «Urban Matters» von Prof. Dr. Aylin Yildirim Tschoepe besucht. Sie hat mir sehr wichtige Anregungen und Rückmeldungen für meine Promotion gegeben und ich hatte in dem Kurs die Möglichkeit, andere Doktorierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen und deren Arbeiten kennenzulernen. Es war ein sehr schönes und wichtiges Forschungsjahr, in dem ich auf neue Perspektiven und Ansätze in der Theaterwissenschaft getroffen bin und Erfahrungen in den Bereichen Bühnenbild und Szenografie gemacht habe. Vielen Dank für alles. :)



Institut Zeitgemässe Design-Praxis ICDP
Innenarchitektur und Szenografie

Prof. Andreas Wenger
Prof. Uwe R. Brückner
Prof. Dr. Aylin Tschoepe
Heike Dürscheid
Martina Ehleiter

Institut Zeitgemässe Design-Praxis (ICDP)

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