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Communis-Kulturtag 2019 «HÖRen – SPIELen»

Am Mittwoch, 25. September 2019, fand der COMMUNIS-Kulturtag der PH FHNW, organisiert von der Professur Kulturvermittlung und Theaterpädagogik unter der Leitung von Prof. Georges Pfründer, auf dem Campus Muttenz statt. Sascha Willenbacher koordnierte und kuratierte die Veranstaltung.

Im Zentrum stand die Praxis des Hörens und Spielens. Studierende, Dozierende und Mitarbeitende aller PH-FHNW-Standorte wurden angeleitet, Hören als Alltags- und Kulturpraxis auszuloten. Jetzt anhören

Ziel war es, umfassende und künstlerisch kuratierte Hörerlebnisse im Rahmen des angebotenen Programms zu erfahren, um Impulse für die eigene Lehre zu gewinnen. Darüber hinaus wurde an verschiedenen Stellen diskutiert, wie (Zu-)Hören dazu beiträgt, an Kultur und Gesellschaft teilzuhaben. Auf das Impulsreferat des Gastreferenten Matthias Dreyer, Leiter der Professur für Darstellendes Spiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, mit dem Titel: «Jede*r ist begabt. Das Hören als Bedingung der Teilhabe» folgten acht geführte Parcours mit insgesamt dreizehn interaktiven Hör-Stationen und Workshops. Mit Formaten der Kunst liessen sich die Teilnehmenden experimentierend darauf ein, ihre eigene Wahrnehmung beim Hören zu erkunden. Der Kulturtag endete mit einer Reflexionsrunde in zwei Etappen: In losen Kleingruppen tauschten sich die Teilnehmenden zunächst zu ausgewählten Fragen wie beispielsweise «Findest Du Zuhören eine Kunst?» aus. Anschliessend diskutierten sie in der von Georges Pfründer moderierten Schlussrunde die aufgeworfenen Fragen zur Teilhabe und zum Prinzip der Irritation als Bildungsmoment im grossen Plenum.

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Einblick in die Performance «Raumklänge – Klangräume», Leitung: Felix Bertschin und Jürg Zurmühle. Foto: © Jens Friedrich

Grusswort

Prof. Dr. Katrin Kraus, Leiterin des Instituts für Weiterbildung und Beratung der PH FHNW, regte in ihrem einleitenden Grusswort an, Hören als überfachliche Kompetenz zu denken. Als Bildungsmoment und kulturelle Praxis verstanden, gewinne (Zu-)Hören an Bedeutung. Insbesondere eröffne die soziale Dimension des Gemeinsam-Zuhören-Könnens oder der Zuwendung hin zum Anderen zahlreiche Möglichkeiten  der Interaktionen für Schule und Gesellschaft.  

Impulsreferat

In seinem Impulsreferat (PDF) zeigte Matthias Dreyer mit Rückgriff auf den Reform- und Musikpädagogen Heinrich Jacoby auf, wie ein «neues Hören» – als pädagogisches Prinzip und inklusive Praxis des sich Einlassens – Hörende darin unterstützen könne, vorschnelle Bewertungen zu umgehen. Um auf Überraschendes und «Un-erhörtes» zu stossen, werde beim Hören bewusst auf fokussiertes Wahrnehmen verzichtet. In Anlehnung an John Cages programmatische Forderung nach der Befreiung des Klangs der Nachkriegs-Avantgarde ermögliche das «Lauschen» als Akt der kreativen Hörerfahrung und der Teilhabe am Hörobjekt, soziale oder kulturellen Zuschreibungen des Hörerlebnisses zu überwinden.

Wie ein «neues Hören» gelingen kann, illustrierte Dreyer am Beispiel der Produktion «Klasse, Kinder!» (2018) des zeitgenössischen Hamburger Performance-Kollektivs LIGNA, das sich primär an Kindern im Primarschulalter richtet. Die involvierten Kinder gestalten einen improvisierten «Tanz der Vielfalt», animiert durch drei leicht verschiedene Hörspiele, die sie über unterschiedliche Kanäle per Kopfhörer empfangen. Es gibt keine Vorgaben für bestimmte Bewegungsabläufe. «Jede*r ist begabt», sich kreativ einzubringen. Dieser partizipative Prozess der Kunstvermittlung steht für eine kulturelle Bildung, die sich als inklusive Teilhabe an Kultur versteht.

Dreyer schloss sein Referat, indem er die Teilnehmenden dazu ermunterte, die Resonanz auf die erlebten Hörerfahrungen an den verschiedenen Stationen so zuzulassen, «dass in den Erfahrungen des Hörens experimentelle Räume entstehen, in denen jede und jeder sich begabt fühlen darf.»

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Einblicke in Grusswort und Impulsreferat
(v.l.n.r.: Prof. Dr. Kathrin Kraus und Prof. Dr. Matthias Dreyer). Fotos: © Jens Friedrich

Geführter Parcours

Zum Auftakt der Parcours bespielten Dozierende und Studierende der PH FHNW den imposanten Innenraum des Campus Muttenz mit der raumfüllenden Klangperformance «Raumklänge – Klangräume» (Leitung: Felix Bertschin und Jürg Zurmühle). Der wandernde Klang – mit Sprechchören, Stimmklängen und Bodysounds inszeniert – verdichtete sich zunehmend zu umhüllenden Klanginseln. Im Anschluss daran erlebten die Teilnehmenden in den geführten Parcours und in Kleingruppen an jeweils drei Hör-Stationen oder in Workshops, wie ausgehend von Kunst arrangierte Hörerlebnisse die eigene Hörpraxis auf den Prüfstand stellen. So erklangen auf der Dachterrasse des Kubuks «humorvolle-provokante-lyrische» Segenswünsche durch orange-weiss gestreifte Baustellenkegel (Leitung: Felix Bertschin). Vor dem Haupteingang machte der überdimensionierte interaktive Plattenspieler «Human Turntable» Hörbares sichtbar und Sichtbares hörbar (Leitung: Markus Cslovjecsek, Robin Michel und Martin Wyss). Dabei wurden die Teilnehmenden dazu angeregt, mitzumischen. Im Workshop «Live Coding» eigneten sich die Anwesenden innert Kürze eine Programmiersprache an, um daraufhin am digitalen Mischpult und in Echtzeit einen «Algo-Rave» zu sampeln (Leitung: Felix Bänteli und Susha Niederberger). Für die Dauer der Parcours sandte ausserdem «Hört! – Radio Communis» live und eigens für den PH-Kulturtag zusammengeschnittene Hörskizzen, Musik, Ge-hörtes sowie Un-erhörtes zum Programm (Leitung: Murielle Jenni, Markus Keller und Regina Wurster).

Die Kurzbeschreibungen der Hör-Stationen und Workshops finden Sie hier (PDF)

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Bild links: Performance: «Hörsegen», Leitung: Felix Bertschin.
Bild rechts: Installation mit Interaktion: «Human Turntable – interactive listening and music making». Leitung: Markus Cslovjecsek, Robin Michel und Martin Wyss.
Fotos: © Jens Friedrich 

Schlussrunde

Im Anschluss an die Parcours tauschten sich die Anwesenden zuerst in lose zusammengefügten Tischgruppen zum Erlebten aus – mithilfe von ausgewählten Fragen, die auf kreisrunden, bierdeckelähnliche Karten auf den Tischen auslagen. Herausgepickte Antworten auf den Karten mögen dazu einen Einblick geben. Auf die Frage: «Was heisst Zuhören für Dich?», schrieben die Teilnehmenden etwa: «Zuhören ist wichtig. Zuhören ist (manchmal) anstrengend. Zuhören verbindet. Zuhören ist respektvoll. Zuhören heisst eigentlich auch in eine Umgebung eintauchen, mit Bewusstsein, wie kontingent und beschränkt mein eigenes Hörvermögen ist».

In einem zweiten Schritt diskutierten die Anwesenden, zusammengeführt in einem grossen Sitzkreis, wie Hören als Kulturpraxis die Teilhabe am Gegenüber eröffne. Darüber hinaus wurden Ansätze erörtert, wie künstlerisch inspirierte Hörformate als Ausgangspunkt für initiierte Bildungsprozesse in Lehr-/Lernsituationen dienen können.

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Einblicke in die Schlussrunde. Leitung: Georges Pfründer. Fotos: © Jens Friedrich

Fazit

Der intensive Austausch - sei es zu den Impulsen aus den Hör-Stationen und Workshops oder als Anschluss an die von Dreyer aufgeworfene Frage des Hörens als Bedingung der Teilhabe - zeugte von differenzierter Auseinandersetzung zum gesetzten Fokus des Hörens und Spielens. Das Fazit einer angehenden Lehrperson brachte es auf den Punkt: «Es hat mir einen Anreiz gegeben. Ich möchte das [Bilderbücher im eigenen Unterricht vertonen] echt mal machen». So haben etwa die Erfahrungen aus dem Workshop «Mit Geräuschen erzählen» (Leitung: Franziska Breuning und Claudia Zingg) – eingebettet in die Thematik des Kulturtags – neue Handlungsspielräume für die eigene Alltags- oder Lehrpraxis eröffnet.

Am Kulturtag wurde erfahrbar, wie das Hören als kreativer und sinnproduzierender Prozess in einer erkenntnisoffenen Lernbewegung gedacht und umgesetzt werden kann. Beim gemeinsamen Gestalten von Hörräumen und beim Zur-Verfügung-Stellen und (Mit-)Teilen des darin Gelernten wurde ein Bildungsprozess angestossen, der weitere Echowirkungen haben wird.



Impressum
Konzeption: Georges Pfründer und Team der Professur
Operative Gesamtverantwortung: Sascha Willenbacher
Webtext: Helena Follmer Zellmeyer
Unterstützung: Marketing und Kommunikation, Hausdienste, Technische Dienst 

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