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17.03.2020 |

Auf kultureller Vielfalt aufbauen

Kevin Oh, Associate Professor an der University of San Francisco, ist zu Gast an der PH. Der Experte für «Culturally Responsive Teaching» beschäftigt sich mit Integrationsfragen im Unterricht. Er erklärt im Interview, wie Lehrpersonen und Studierende mit der Herausforderung Heterogenität produktiv umgehen können.

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Vlnr. Alexander Hofmann, Natalie Nussli, Kevin Oh, Ursula Bader

Kevin Oh, können Sie kurz erklären, was «Culturally Responsive Teaching» bedeutet?

Wir verstehen unter «Culturally Responsive Teaching» zuerst einmal die Fähigkeit von Lehrpersonen und pädagogischen Fachpersonen die kulturellen Äusserungen der Schülerinnen und Schüler, die etwa aus einem anderen Kulturkreis kommen, zu erkennen. Danach kann die Lehrperson auf die kulturellen Sinnkonstruktionen der Schüler*innen positiv und konstruktiv mit Lehrmethoden reagieren, die das bestehende kulturelle Wissen der Schüler*innen als Gerüst nutzen, um es mit neuen Konzepten und Inhalten zu verbinden. Dabei versteht die Lehrperson, wie wichtig es ist, in einer Beziehung zu stehen und eine sozial-emotionale Verbindung zu den Schüler*innen zu haben, um einen sicheren Raum für das Lernen zu schaffen. Dieser Ansatz geht auf Zaretta Hammond zurück, die «Culturally Responsive Teaching» mitgeprägt hat. 

Welche Rolle spielt dabei die Sprache? Oder anders gefragt: Wie kann eine Lehrperson mit Schüler*innen, die nur über einen sehr grundlegenden Wortschatz verfügen, interagieren?

Wenn eine Schülerin oder ein Schüler nicht in der Lage ist, die Sprache der Lehrperson zu verstehen, erhält die multisensorische Unterrichtsmethodik eine besondere Bedeutung. Die Lehrperson sollte dann via Körpersprache und visuelle Unterstützungen versuchen, den Schüler*innen mehr Möglichkeiten zu eröffnen, dem Unterricht zu folgen. 

Wenn ein Kind neu in eine Klasse kommt, sind am Anfang alle Kinder neugierig und interessiert an ihm. Wie können Lehrpersonen aber die Integration auf lange Sicht sicherstellen?

Aus meiner 20-jährigen Erfahrung als Pädagoge würde ich empfehlen, dass Lehrpersonen eine Vorbildfunktion bei der Aufnahme und Unterstützung eines neuen Schülers im Klassenzimmer einnehmen. Wenn Schülerinnen und Schüler die Neugierde und Interesse ihrer Lehrperson an einem neuen Schüler beobachten, werden sie das Verhalten der Lehrperson übernehmen. Darüber hinaus würde ich auch raten, den neuen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Kultur mit Hilfe von Bildern und Videos etwa in Zusammenarbeit mit einer anderen Lehrperson oder Klassenkamerad*innen zu vermitteln. Es ist wichtig, dies während des gesamten Schuljahres fortzusetzen und das auch Klassenzimmer physisch sichtbar zu machen. 

Die angehenden Lehrpersonen lernen an der PH multikulturelle Ansätze kennen. Gibt es dabei Berührungspunkte zu CRT?

Ja, grundsätzlich schon. Multikulturelle Erziehung baut auf das Verstehen und Akzeptieren des kulturellen Hintergrunds. Mit CRT legen Lehrpersonen den Fokus auf den Lernprozess der entsprechenden Schüler*innen. Sie versuchen, mit dem Verständnis für den kulturellen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler, so zu unterrichten, dass ihren Schülerinnen und Schülern eine bessere Art der «Informationsverarbeitung» gelingt. Die beiden Ansätze ergänzen sich: Multikulturelle Bildung fokussiert auf das Verstehen und die Akzeptanz, während CRT darüber hinaus eine profunde Unterrichtsmethodik bietet. 

Wie hat sich CRT in Ihrem akademischen Horizont entwickelt?

Den Ansatz lernte ich durch Zaretta Hammond kennen, die die Universität San Francisco als Referentin besuchte. Nachdem ich erkannte, wie wichtig es für eine Lehrperson ist, die kulturelle Vielfalt ihrer Schüler*innen zu verstehen, und wie wichtig es ist, dieses Wissen anzuwenden, um einen intensiven und systematischen Unterricht zu konzipieren, war ich fasziniert. Während meiner gesamten Karriere als Pädagoge wusste ich, dass Schüler*innen, die Englisch lernen und Schüler*innen mit besonderen Bedürfnissen, Lehrer brauchen, die ein solides Verständnis für die Vielfalt haben und die auch in der Lage sind, einen Unterricht zu gestalten, der ihnen die nötige fachliche und soziale Unterstützung bietet. 

Was sollten angehende Lehrpersonen von Ihren Gastvorträgen mitnehmen?

Mein grösstes Ziel war es, die Studierenden über den Wert von CRT zu informieren. Um dies zu erreichen, bot ich theoretischen Unterricht zusammen mit interaktiven Diskussionen an. Dazu gehörten auch Übungen, bei denen sie sich in die Situation versetzen konnten, in der sie diejenigen waren, die nicht die Muttersprache sprachen. Das ermöglichte einen aktiven Theoriebezug und half ihnen zu verstehen, was ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler erleben könnten. Meine Hoffnung ist, dass die angehenden Lehrpersonen die Bedeutung des schülerzentrierten Unterrichts erkennen und diesen während ihrer gesamten Laufbahn anwenden. 

Dr. Kevin Oh ist Associate Professor an der School of Education der University of San Francisco. Im Rahmen eines Forschungsaustausches besuchte er die Pädagogische Hochschule FHNW und hielt Gastvorträge am Institut Primarstufe im Rahmen der Veranstaltungen der Professur Fachdidaktisch Englisch und ihren Disziplinen. Dr. Kevin Oh ist der erste Fulbright Spezialist, der an der Fachhochschule Nordwestschweiz gelehrt hat. Das 1946 gegründete Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendienprogramme der Welt. Es ist ein internationales akademisches Austauschprogramm zwischen den USA und insgesamt mehr als 160 Staaten weltweit. Anders als bei anderen Stipendien ist das Ziel des Programms jedoch ausdrücklich nicht nur die Förderung akademischer Leistungen, sondern auch die des kulturellen Austauschs und des gegenseitigen Verständnisses.   

Aus dem Englischen. Interview Michael Hunziker

 

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