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21.06.2021 | Pädagogische Hochschule

Ein digitales Schulhaus mit über 50 Lehrgängen

Die Primarschule Zehntenhof in Wettingen ist eine der «Changemaker»-Schulen

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Das Projekt «Changemaker» rückt Schulen in den Fokus, die während des Fernunterrichts 2020 mit Hilfe digitaler Tools besonders effektiv weitergearbeitet haben. Foto: Steven Weirather, PixabayDas Projekt «Changemaker» rückt Schulen in den Fokus, die während des Fernunterrichts 2020 mit Hilfe digitaler Tools besonders effektiv weitergearbeitet haben. Foto: Steven Weirather/Pixabay

15 Monate ist es bereits her, dass die Volksschulen pandemiebedingt innert kürzester Zeit einen Unterricht auf Distanz auf die Beine stellen mussten. Viele Schulen im Bildungsraum Nordwestschweiz haben dabei verstärkt digitale Kommunikations- und Lerntools eingesetzt. Das Projekt «Changemaker» der PH FHNW hat nun 18 Schulen von Brunegg bis Würenlingen und von Hägglingen bis Luterbach identifiziert, die während des Fernunterrichts mit Hilfe digitaler Tools besonders effektiv weitergearbeitet haben – und systematisch erfasst, welche personellen, technischen und schulorganisatorischen Bedingungen dies ermöglicht haben (vgl. Fachbeitrag unten).

«Wir haben bewusst digitale Vorreiter-Schulen ausgewählt», sagt Pierre Tulowitzki, Co-Leiter des Projekts «Changemaker». Sie haben während der Schulschliessungen erfolgreich digitale Plattformen eingesetzt und dies oftmals auch anschliessend beibehalten. Zugutekommen werden die Informationen, die im Projekt gesammelt wurden, allen Interessierten im Bildungsraum Nordwestschweiz. Sie erhalten dadurch Ideen, wie lernfördernde Lösungen im digitalen Bereich aussehen könnten. «Jede Schule, egal auf welchem Level sie startet, kann dabei für sich interessante Ansätze mitnehmen», ist Pierre Tulowitzki überzeugt.

Hochsicheres, digitales Schulhaus

Eine der «Changemaker»-Schulen ist die Primarschule Zehntenhof in Wettingen. Schulleiter Marco Hardmeier spricht von einer «glücklichen Ausgangssituation», in der sich die Schule befunden habe. «Wir haben ein modernes Schulhaus mit guter digitaler Infrastruktur. Und auch die Tatsache, dass in unserem Schulhaus nur 5. und 6. Klassen unterrichtet werden, kam uns für unser Projekt ‘Lern-Welten Zehntenhof’ zugute.» Hinzu kommt: Im Kollegium ist viel technisches und informatisches Know-how vorhanden.

So entschloss man sich kurzerhand, eine eigene «Hochsicherheits-Umgebung» zu bauen. «Als die Schulen im März 2020 geschlossen wurden, erschienen mir bestehende digitale Tools aus Datenschutz-Gründen als zu heikel», erklärt Marco Hardmeier, «also haben wir in einer kleinen Gruppe innert kürzester Zeit ein sicheres, digitales Schulhaus aus dem Boden gestampft.» Es bietet eine ähnliche Funktionalität wie andere gängige Tools: Videotelefonie, Chatfunktion und Plattform zur Ablage von Daten.

50 digitale Unterrichtseinheiten entwickelt

Parallel dazu entwickelten die Lehrpersonen aus dem Kollegium digitale Lehrgänge in allen Fächern. «Wir haben uns dazu aufgrund von Fachkenntnissen und Ressourcen in Gruppen aufgeteilt», sagt Lehrerin Sonja Lüscher. Ihre Kollegin Ruth Sandmeier ergänzt: «Es war eine intensive Zeit, da wir gleichzeitig an vielen Fronten tätig waren.» Das Engagement lohnte sich: War vor den Frühlingsferien 2020 gemäss den Weisungen des Kantons noch Repetition angesagt, standen nach den Ferien schon 50 digitale Unterrichtseinheiten bereit – und die Rückmeldungen von Eltern, Schülerinnen und Schülern waren mehrheitlich positiv.

«Am wenigsten Fragen gab es während der Fernunterrichtszeit zu den Inhalten», hat Ruth Sandmeier in ihrer Klasse beobachtet. «Am ehesten traten technische Fragen zum Login auf oder zu Geräten, die nicht up to date waren, oder es gab Verbindungsprobleme.» Grundsätzlich sei die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler gut mit den «Lern-Welten Zehntenhof» zurechtgekommen. «Die Schülerinnen der 5. und 6.Klasse brachten meistens schon technisches Know-how mit», fügt Sonja Lüscher an. «Es gab Kinder die besser arbeiteten, etwa weil sie sich die Zeit nach ihrem Rhythmus einteilen konnten. Aber es gab auch solche, denen der persönliche Kontakt arg fehlte oder bei denen man öfters nachfragen musste, ob sie zurechtkommen.»

Da die Lehrpersonen stets sahen, welche Kinder welche Aufgaben gelöst hatten und wie viel Zeit sie dafür investiert hatten, war eine nahe Betreuung möglich. Diese erfolgte via Chat, wenn die Schülerinnen und Schüler online waren oder alternativ telefonisch.

Bei Quarantänefällen reaktiviert

Nach dem Lockdown behielt die Schule Zehntenhof ihr sicheres digitales Schulhaus zumindest teilweise weiter in Betrieb. «Wir konnten Schülerinnen und Schüler, die in Quarantäne oder Isolation zu Hause bleiben mussten, in den Unterricht zuschalten und die Plattform zur Ablage von Materialien nutzen», so Ruth Sandmeier. Auch als Lehrpersonen in Quarantäne waren, konnten sie so mit einer Assistenz im Schulzimmer von zu Hause aus unterrichten. Die Möglichkeit Prüfungen digital durchzuführen, habe man versuchsweise ebenfalls genutzt, ergänzt Sonja Lüscher. «Dabei hat sich allerdings gezeigt, dass sich im ‘Ernstfall’, wenn es um Noten geht, viel Nervosität einstellt, wenn technisch etwas nicht auf Anhieb funktioniert.»

Weniger weiterverfolgt wurde dagegen nach dem Lockdown das Lehrgangsportal. «Aber natürlich könnten wir im Bedarfsfall die Lehrgänge weiterentwickeln und weitere digitalisieren», sagt Schulleiter Marco Hardmeier. Auch suche man nun weiter nach «interessanten, digitalen Konzepten». Denn: «Wir sind auf den Geschmack gekommen. Wir haben wohl erst rund zehn Prozent der Möglichkeiten ausprobiert und sind neugierig, was noch möglich ist.» Im Rahmen des «Changemaker»-Projekts habe er nun auch Einblicke erhalten, was andernorts gemacht wurde. «Da gibt es wahnsinnig spannende Ansätze an anderen Schulen.»

- Marc Fischer - 

Changemaker

Von 2020 bis 2021 lief in den Kantonen Aargau, Solothurn und Basel-Land das Changemaker-Projekt der PH FHNW, das durch die Josef und Margrit Killer-Schmidli-Stiftung unterstützt wurde. Berichte und nützliche Informationen dazu werden auf der Projekt-Website veröffentlicht.

Zur Projekt-Website

Digitalen Vorreiter-Schulen auf der Spur

Pierre Tulowitzki, Co-Projektleiter Changemaker, Institut Weiterbildung und Beratung, PH FHNW

Schon vor Corona haben Schulen im Bildungsraum Nordwestschweiz erfolgreich mit digitalen Medien gearbeitet. Die Umstellung auf den Fernunterricht zwang viele, kurzfristig einen «digitalen Sprung» zu machen. Einige Volksschulen waren besonders erfolgreich darin, Schule und Unterricht digital gestützt weiterzuführen. 18 davon nahmen an einem Forschungsprojekt der PH FHNW teil. Schulleitungen und Lehrpersonen füllten hierzu einen Fragebogen aus und wurden in ausführlichen Gruppendiskussionen zu ihren Erfahrungen befragt. Es galt herauszufinden, was alles zum Erfolg dieser Schulen beigetragen hat.

Es braucht eine pädagogische Vision

Zu den beteiligten Schulen gehörten sowohl Primarschulen als auch Schulen der Sekundarstufe I. Sie waren technisch überwiegend gut ausgestattet. Das ist wichtige Voraussetzung, aber keine Garantie dafür, dass die Lehrpersonen mit digitalen Mitteln wirksamen Unterricht geben können. Hard- und Software bilden die Grundlage. Doch braucht es auch eine pädagogische Vision für den digital unterstützten Unterricht. Engagierte Schulleitungen bringen diese voran.

Genauso wichtig ist der Teamgeist, der Zusammenhalt im Kollegium; Lehrpersonen die bereit sind, das eigene Wissen über Beziehungsaufbau, Klassenführung und Lern-Aufgaben in digitaler Umgebung zu teilen, und voneinander schnell Neues zu lernen. Gemeinschaftsgefühl und Innovationsfreude erklären, warum während der Zeit ohne Präsenzunterricht so schnell auf den digital gestützten Schulbetrieb umgestellt werden konnte. Auch ein offener Umgang mit Fehlern auf allen Ebenen hilft.

Schliesslich braucht es auch Knowhow, wie man Digitales pädagogisch sinnvoll nutzen kann: Hier erweisen sich die Pädagogischen ICT-Support-Personen als besonders wertvoll. Diese PICTS sind Lehrpersonen mit einer Zusatzqualifikation der PH FHNW rund um Medienbildung und Informatik in der Schule. Schon vorher, besonders während des Fernunterrichts und auch danach sorgen sie für gute digitale Lösungen und helfen anderen Lehrpersonen, ihren Unterricht umzustellen.

Kooperation mit Eltern und Klassen

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist eine gute Kooperation mit den Eltern und Schülerinnen und Schülern. Dafür müssen schnelle Kontaktmöglichkeiten geschaffen werden: über Telefonate, Messenger-Dienste, Schulplattformen oder postalische Briefe. Auf Alter und Schulstandort passend finden die Lehrpersonen kreative Lösungen. Dabei erhalten sie oft auch ein vertieftes Verständnis für die Situation der Schülerinnen und Schüler in der Familie. Umgekehrt entwickeln Eltern viel Anerkennung für das, was Schule und Lehrpersonen leisten.

Nach dem «Notbetrieb» haben viele der untersuchten Schulen den Innovationsschwung beibehalten Sie führen pädagogisch sinnvolle digitale Tools fort oder entwickeln sie schrittweise weiter. Der Präsenzunterricht behält für alle seine zentrale Rolle. Technik kommt dann zum Zuge, wenn sie Mehrwert für das Lernen erbringt. Darüber hinaus können künftig Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben müssen, per Video teilnehmen. Lehrpersonen treffen sich mit Schülerinnen und Schülern online in kleinen Lerngruppen. Manche Schulen konzipieren auch komplett neue Projekte mit digitaler Technik. Zusammenfassend lässt sich sagen: Damit Schule digital gestützt gelingen kann, braucht es die technische Basis, Knowhow rund um ICT und Pädagogik sowie das Engagement aller Beteiligten.

Mitarbeit: Wolfgang Beywl, Manuela Schuler, Co-Projektleiter Changemaker

 

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