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07.06.2019 | Pädagogische Hochschule

«Technik und Haltung spielen zusammen»

Der digitale Wandel von Schule und Lehrmitteln scheint das Gebot der Stunde. Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs im Interview über die Euphorie und ihre Grenzen.

Frau Schiefner-Rohs, sollten Bildungsinstitutionen ihren Schwerpunkt in Bezug auf Digitalisierung eher auf technische Fragen oder auf die Entwicklung einer Haltung legen?

Weder noch. Schulen und Pädagogische Hochschulen sollten die Menschen in den Fokus nehmen und die Frage ins Zentrum rücken, wie handeln wir unter den Bedingungen der Digitalisierung. Das hat natürlich etwas mit Haltung zu tun, aber auch mit Technik. Denn in den Fragen, wie wollen wir leben, wie wollen wir lernen, wie arbeiten, spielen Technik und Haltung zusammen.

Man hat den Eindruck, die Studierenden an den Hochschulen sind punkto Medienkompetenz weiter als die Hochschulen. Was kann die Hochschule noch hinzufügen?

Die höhere Medienkompetenz der Studierenden würde ich bezweifeln. Devices und Apps zu bedienen, das ist noch keine Kompetenz. Studien zeigen, dass Studierende vor allem nutzungskompetent sind. Hochschuldidaktisch stellt sich hier die Frage, wie wir die Medien nutzen können, um Studierende zu reflektierten, kompetenten Nutzenden zu machen. Die Studierenden hinterfragen aus meiner Perspektive zu wenig. Das erreicht man natürlich nicht mit einer einzelnen Veranstaltung, sondern mit steter Thematisierung. Im Laufe des Studiums sollten verschiedene Gelegenheiten geschaffen werden, um sich reflexiv mit den digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Was machen diese Angebote mit einer Unterrichtsituation oder mit der Gesellschaft, was könnte ein gelungener Einsatz von digitalen Medien sein, was ist sinnvoll?

Viele Apps sind ja nicht unproblematisch…

Genau, in vielen Programmen ist eine Drill-and-Practice-Logik eingeschrieben oder reduktionistische ja/nein- bzw. gut/böse-Schemen. Ist das die Form von Lehren und Lernen, die wir wollen? Vielleicht ist das beim Vokabeln lernen so, ok, aber wir müssen uns fragen, was hier für Vorstellungen in die Apps einprogrammiert sind. Was auch eine gute Übung für Studierende ist: Wo gibt uns die Digitalisierung Handlungsaufforderungen, die wir sonst gar nicht machen würden? Die Diskussion mit Studierenden, das Abwägen, kann für alle Beteiligten sehr gewinnbringend sein.

In der Gesellschaft werden die digitalen Entwicklungen grösstenteils euphorisch abgefeiert. Daraus folgt auch ein Anspruch an die Schule.

Unter dem Innovationsparadigma kommt man schnell unter Druck, dabei wäre manchmal auch innehalten geboten. Zu fragen, wer spricht hier die Maximen aus? Verschiedene Player fordern Ökonomisierung, mehr Wettbewerb, mehr Large-Scale-Vergleiche – Google, Amazon, etc. sind dann schnell zur Stelle. Wenn beispielsweise wie in jüngst in China Kameras mit Gesichtserkennung die Lehrpersonen im Unterricht unterstützen sollen, spätestens dann müssen wir diskutieren!

Gibt es aus ihrer Perspektive auch Vorteile, die die Digitalisierung für die Schule mit sich bringt?

Natürlich, die Digitalisierung eröffnet unglaubliche Möglichkeiten, Dinge zu vereinfachen und die Menschen anders zum Lernen zu bringen, man bedenke z.B. die Möglichkeiten von Videos, Gamification oder der Vernetzung in Social Media. Aber es gibt auch die Dark Side. Wir müssen beides im Bild behalten und nicht euphorisch in die eine oder andere Richtung stürmen. Ich sage oft, frei nach Pörksen: Wir leben in der digitalen Pubertät, wissen nicht, was auf uns zukommt und müssen doch handlungsfähig sein. Das macht die Digitalisierung als Prozess so herausforderungsvoll.

Wie könnte vor diesem Hintergrund der Ambivalenz eine Hochschulentwicklung im Bereich des Digitalen angegangen werden?

Ich würde die Communities of Practices zusammenbringen und in der kontinuierlichen gemeinsamen Diskussion klären, wo es hingehen soll. Am besten mit Personen aus unterschiedlichen Fächern und Funktionen und Fachkulturen.

mandy_schiefner-rohs_480x300.JPG Mandy Schiefner-Rohs ist Professorin für Allgemeine Pädagogik mit Schwerpunkt Schulpädagogik an der TU Kaiserslautern. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist Medienbildung und -handeln in Institutionen. Mandy Schiefner-Rohs war Gastrednerin am Tag der Lehre, der am 7. Mai 2019 an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Solothurn stattfand.
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