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«Der Blick auf ein Kind ändert sich»

Um Kinder mit Migrationshintergrund einen guten Schulstart zu ermöglichen, hat die PH ein Instrument entwickelt, das ihre Kompetenzen in der Erstsprache erfasst.

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Mittels Test können Expertinnen und Experten herausfinden, über welche Kenntnisse Schülerinnen und Schüler in ihrer Erstsprache verfügen. Damit kann eine
passende Einstufung für sie gefunden werden. Foto: André Albrecht (thematisches Bild).

Was können Kinder, die aus einem anderen Land in die Schweiz gezogen sind? Welche Kompetenzen haben sie in ihrer Erstsprache? Für die Schule sind solche Fragen bisweilen eine Black Box.

Hier schafft die Pädagogische Hochschule FHNW Abhilfe: Unter der Leitung von Mathilde Gyger und Ursula Ritzau (Professur Deutschdidaktik und Mehrsprachigkeit im Kindesalter) stellt die Hochschule seit kurzem das Instrument ESKE zur Verfügung. ESKE steht für Ermittlung schulsprachlicher Kompetenzen in der Erstsprache und zielt genau darauf ab: mit einem lerntheoretisch fundierten Aufgabenset herauszufinden, über welche Kenntnisse Schülerinnen und Schüler verfügen, die neu in die Schweiz gezogen sind, und in welche Klasse sie hierzulande eingestuft werden sollen.

Aufgaben in verschiedenen Sprachen

Der Kern von ESKE besteht aus verschiedenen Aufgabensets mit neun bis zehn Aufgaben, welche die Kinder bzw. Jugendlichen in ihrer Erstsprache bearbeiten. Sie enthalten Symbole und Bilder sowie Wörter und Texte. Die Aufgabensets sind in 18 verschiedene Sprachen übersetzt worden, darunter Albanisch, Portugiesisch, Tamilisch oder Kurdisch, aber auch Paschto, Dari oder Tigrinya. Und natürlich liegen die Aufgaben auch auf Deutsch vor.
Nehmen wir das Aufgabenset, das von fünf bis sechs Jahren Schulerfahrung ausgeht: Hier  müssen die Kinder zum Beispiel einen Text von knapp 200 Wörtern über den «Skorpion – ein Mitglied der Spinnenfamilie» lesen. Der Text beschreibt, wo die Tiere vorkommen, wie sie aussehen, ihre Beute jagen und wie giftig sie für den Menschen sind. Dazu gilt es nun, schriftlich Fragen zu beantworten: Skorpione mögen das Dunkel – richtig, falsch? Alle Skorpione können Menschen töten – richtig, falsch? Auch mündlich sollen sich die Kinder äussern. Sie sollen umschreiben, worum es im Text geht, oder ein bestimmtes Detail  erläutern.
Die Ermittlung führt vorzugsweise eine Person durch, welche die Herkunftssprache der Schülerin oder des Schülers spricht, zum Beispiel eine HSK-Lehrperson (Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur), eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher. Ein wichtiger Bestandteil ist der Gesprächsleitfaden. Dieser besteht aus Leitfragen wie zum Beispiel:  Welche Sprachen kannst du? Kannst du diese Sprache verstehen, sprechen, lesen, schreiben? Welche Schulfächer hast du schon gehabt – Fremdsprachen, Geografie, Mathematik usw.? Verwendest du ab und zu ein Smartphone, ein Tablet oder einen Computer? Ein Gesprächsraster hilft, das Gespräch zu dokumentieren.

Realistische Einschätzungen

Erste Erfahrungen mit ESKE gibt es aus Pilotstudien, in denen das Instrument eingesetzt worden ist. Zum Beispiel in einer Integrations- und berufsvorbereitenden Klasse des Bildungszentrums KV Baselland in Pratteln: Hier hat die HSK-Lehrerin Marieh Hashem das Instrument bei Jugendlichen aus Afghanistan eingesetzt. Marieh Hashem arbeitet auch als Dolmetscherin, für ESKE hat sie die Aufgabensets in Dari und Paschto übersetzt. Dari ist ein persischer Dialekt, der in Afghanistan, Teilen von Iran und in Tadschikistan gesprochen wird, Paschto ist vor allem im Süden Afghanistans und in Pakistan verbreitet.
Marieh Hashems Erfahrungen mit ESKE sind durchweg positiv: «Durch diesen Test kann man realistisch einschätzen, in welche Stufe schulpflichtige Jugendliche gehören», resümiert sie. Schulerfahrungen aus anderen Kulturräumen liessen sich nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen. So habe einer ihrer afghanischen Schüler in seiner Heimatstadt Kunduz zwar die 11. Klasse besucht, doch bei ESKE habe er mit den Aufgaben für 7-9 Jahre Schulerfahrung Mühe gehabt.
Hashem weiss aus persönlicher Erfahrung, wie «enorm wichtig» es ist, die Grundkenntnisse bei Kindern genau zu ermitteln: Vor 20 Jahren ist sie mit Mann und vier Kindern aus  Afghanistan in die Schweiz geflüchtet. «Damals gab es noch keinen solchen Test», erzählt sie, «doch rückblickend hätte uns und unseren Kindern das sehr geholfen, uns im Schulsystem besser zurechtzufinden.» Nun gibt sie ihr Wissen anderen weiter.
Magalie Desgrippes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Französischdidaktik der PH FHNW und hat das Instrument bei französischsprachigen Kindern in Basel  erprobt. Von September bis November 2017 hat sie in den «Französischateliers» (eine vom Bund unterstützte Kooperation zwischen der PH FHNW und dem ED Basel-Stadt, welches hilft, Lernende mit frankophonem Sprachhintergrund adäquat zu fördern) und im HSK-Unterricht Französisch bei 8- bis 14-Jährigen Daten erhoben. Ihre Fragestellung lautete: Sind die Kinder in der Lage, die Aufgaben auf Französisch zu lösen, die ihrer Stufe im Deutschschweizer Schulsystem entsprechen? Andersherum gefragt: In welche Klassen würden die Kinder – theoretisch – in der Romandie eingestuft?
«Es war ein interessantes Experiment», erzählt Magalie Desgrippes. Die allermeisten Kinder, die sie getestet hat, waren gemäss ESKE passend eingestuft. Allerdings, relativiert  Desgrippes, müsste man den Effekt noch genauer untersuchen, auch für die anderen Sprachen. Etwa zur Frage: Wird Gleiches wirklich mit Gleichem verglichen? «Eine grosse Studie, wie sich das Instrument in der Praxis bewährt, würde sich aus wissenschaftlicher Sicht lohnen», findet Magalie Desgrippes. Das Instrument erachtet sie als sehr nützlich: «Der Blick auf ein Kind ändert sich, wenn man sieht, was es in seiner Erstsprache kann.» Das Instrument könnte helfen, Kinder mit Migrationshintergrund nicht zu unterschätzen und ihre Kompetenzen wahrzunehmen.

Ermittlung schulsprachlicher Kompetenzen in der Erstsprache – ESKE

Dr. Ursula Ritzau, Mitautorin von ESKE und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule FHNW

Neu zugezogene Kinder und Jugendliche kommen bereits mit für die Schule relevanten Erfahrungen und Kompetenzen in die Schweiz. Für die Lehrperson ist es schwierig, diese Erfahrungen und Kompetenzen einzuschätzen, wenn sie und die Schülerin oder der Schüler keine gemeinsame Sprache sprechen. Das ESKE-Instrument liefert zu diesem Zweck Lehrplan-21-kompatible Aufgaben in 18 Migrationssprachen. Sie erlauben zuverlässig, die schulsprachlichen Kompetenzen neu zugezogener Kinder und Jugendlicher in der Erstsprache zu ermitteln und unterstützen damit einen gelungenen Start in die Schule.

Konzeption des Instruments

Unsere Recherche zeigte, dass Schweden landesweit und obligatorisch mit umfangreichem Material zur Ermittlung schulischer Kompetenzen in 38 Erstsprachen für mehrere Fächer (z. B. Geografie und Technik) arbeitet. Auch in Australien, Dänemark, Norwegen und Frankreich gibt es ähnliche Materialien. Konzeptionell stützten wir uns auf das schwedische Instrument und übernahmen davon auch einige Aufgaben.
Basierend auf einer Befragung von  Schulen in vier Kantonen entschieden wir uns, Materialien für 18 häufig vorkommende Migrationssprachen zu erstellen. Die Übersetzungen stammen von Sprachexpertinnen und -experten, die meisten davon Lehrpersonen in heimatlicher Sprache und Kultur (HSK). Mit ihnen arbeiteten wir auch eng in der Entwicklung und Auswahl der ESKE-Aufgaben zusammen. So stellten wir sicher, dass die Aufgaben für Kinder und Jugendliche mit verschiedenen kulturellen Hintergründen verständlich sind. Beispielsweise strichen wir eine Aufgabe, die das Lesen eines Zugfahrplans beinhaltete, da in gewissen Ländern keine Züge oder Fahrpläne vorhanden sind. Nach einem Durchlauf in zwei Kontexten (Integrations- und berufsvorbereitende  Klassen sowie Französisch HSK-Unterricht) passten wir das Material entsprechend an.

Umfang und Anwendung

ESKE besteht aus sechs Teilen: Einer Kurzanleitung, einer Handreichung, einem Leitfaden für das Gespräch zwischen Lehrperson und Schülerin oder Schüler, vier Aufgabensets in 18 Sprachen sowie auf Deutsch, Beurteilungsraster in 18 Sprachen sowie auf Deutsch und einem Formular zur Gesamteinschätzung.
Die vier Aufgabensets sind nach den Zyklen des Lehrplans 21 konzipiert. Das Aufgabenset für Kinder und Jugendliche mit 0–2 Jahren Schulerfahrung richtet sich nach den  Kompetenzen im ersten Zyklus, die beiden Aufgabensets für Schülerinnen und Schüler mit 3–4 und 5–6 Jahren Schulerfahrung nach dem zweiten Zyklus und das Aufgabenset für 7–9 Jahre Schulerfahrung nach dem dritten Zyklus. Die Aufgabensets sind explizit nach Anzahl Jahren Schulerfahrung und nicht nach Alter eingeteilt: Ein 12-jähriges Kind ohne Schulerfahrung bearbeitet folglich das Set 0–2, ein 12-jähriges Kind mit 6 Jahren Schulerfahrung das Set 5–6.
Das Aufgabenset für Kinder und Jugendliche mit 0–2 Jahren Schulerfahrung kann nur unter Mitwirkung einer sprachkompetenten Fachperson (z. B. HSK-Lehrperson) gelöst werden. Wir empfehlen aber auch für die anderen Sets ausdrücklich eine Zusammenarbeit mit einer HSK-Lehrperson oder mit einer Dolmetscherin, einem Dolmetscher: Nur so können die mündlichen und die Schreibaufgaben eingesetzt werden.

Weitere Sprachen geplant

ESKE steht seit Ende August zur freien Verfügung. Ab Frühling 2019 ist die Übersetzung in weitere Sprachen sowie Aufgaben zur Ermittlung mathematischer Kompetenzen in der  Erstsprache geplant. Wir werden auch eine Begleitstudie zur Anwendung des Instruments durchführen, um zu erheben, wie das Instrument in der Praxis eingesetzt wird. Für  Lehrpersonen wird an der Pädagogischen Hochschule FHNW zudem eine Weiterbildung zu ESKE angeboten.

Weitere Informationen und sämtliche Materialien sind online und können heruntergeladen werden unter www.erstsprachkompetenz.ch.


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