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Die richtige Balance finden

Weiterbildungen unterstützen Lehrpersonen dabei, Belastungen im Berufsalltag zu meistern.

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«Mit etwas Abstand das eigene Handeln reflektieren»: Lehrerin Yvonne Müller entdeckte nach einer Weiterbildung das Unterrichten neu. Foto: André Albrecht.

Brugg, 17.8.2017

«Nur gesunde Lehrpersonen sind auch gute Lehrpersonen», sagt Denise Widmer mit Nachdruck. Die Gesamtschulleiterin der Schulen Suhr – 220 Mitarbeitende, 1300 Kinder, sechs Schulleitungen verschiedener Stufen – hat sich intensiv mit Belastungssituationen im Schulalltag befasst. Denn sie ist überzeugt: Lehrerinnen und Lehrer, die sich wertgeschätzt und von der Schulleitung «gesehen» fühlen, unterrichten gerne und erreichen auch ihre Schülerinnen und Schüler.

Um das Thema Gesundheit im Schulalltag und das Klima an den Schulen Suhr zu fördern, hat Denise Widmer eine Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule FHNW absolviert. Die Hochschule stellt ein breit gefächertes Angebot bereit – von abendlichen Kursen über eintägige Workshops an den Schulen bis zu halbjährigen Intensivweiterbildungen –, das sich mit den belastenden Seiten des Unterrichtens befasst. «Der Lehrberuf ist ein sozialer Beruf, der von den Akteurinnen und Akteuren sehr viel Geben erfordert», erklärt Kursleiterin Claudia Suter von der Pädagogischen Hochschule. «Und es ist durch Studien belegt, dass Lehrpersonen überdurchschnittlich von Burnouts betroffen sind – oder vorzeitig aus dem Beruf aussteigen.»

Persönliche Wertschätzung

Wie also vorbeugen? Schulleiterin Denise Widmer sagt, in Suhr seien es viele kleine Dinge, «Mosaiksteinchen» sozusagen, die zu einem gelingenden, nährenden Schulklima beitrügen. Während ihrer Weiterbildung entwickelte Denise Widmer einen Gesundheitsblog, aus dem ein monatlicher Infobrief an alle Mitarbeitenden hervorgegangen ist, mit «klaren, transparenten Informationen für alle». Jeder Newsletter ist mit ausgewählten Cartoons illustriert. Zwei- bis dreimal jährlich werden die Lehrpersonen mit einem gesunden Znüni im Lehrerzimmer überrascht. Jede Lehrperson bekommt zum Geburtstag eine eigens gestaltete, von der Schulleiterin persönlich geschriebene Karte. Und einmal im Jahr organisiert Widmer mit ihrem Schulleitungsteam für alle Stufen eine Weiterbildung, die explizit nicht auf die Verwertung im Unterricht abzielt, sondern auf die Gesundheit der Lehrpersonen: Workshops mit Shiatsu, Pilates, Zumba und mehr. «Dahinter steht eine klare Haltung, gestützt auf Achtsamkeit und Respekt», sagt Denise Widmer. «Dadurch signalisieren wir, dass man sich in Suhr erlauben darf, gelassen an die Dinge heranzugehen.»

Achtsamkeit: Das Thema wird auch im Weiterbildungsangebot der Pädagogischen Hochschule aufgegriffen. Wichtige Fragen, die Dozentin Claudia Suter in den Kursen anspricht, lauten: Wie gewinne ich Abstand? Wie schütze ich mich vor dem Zuviel? Wie gehe ich um mit den diversen Ansprüchen, und wie fahre ich zwischendurch herunter? «Gut ist besser als perfekt, lautet ein Grundsatz erfolgreichen Stressmanagements», sagt Suter. Von vielen Lehrpersonen höre sie als Rückmeldung, die Weiterbildung sei «genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen».

Input von aussen

Zu ihnen gehört Yvonne Müller, die in Künten bei Bremgarten als Primarlehrerin (1./2. Klasse) tätig ist. Die 35-Jährige hatte 2016 die Möglichkeit, nach elf Dienstjahren ein sechsmonatiges Sabbatical zu nehmen. Yvonne Müller betont, wie wichtig es für Lehrpersonen sei, zwischendurch Abstand vom Schulalltag zu gewinnen, um das eigene Handeln gründlich zu reflektieren. Ihre eigene Geschichte sei dafür beispielhaft: «Elf Jahre nach dem Berufseinstieg hatte ich als Lehrerin zwar Sicherheit und Routine gewonnen», erzählt Yvonne Müller. «Ich hatte eine relativ breite Erfahrung beim Unterrichten vorzuweisen, ich war mit Lehrmitteln und anderem Material vertraut, ich wusste, wie man zu Kindern eine Beziehung aufbaut oder was Elternarbeit bedeutet.» Trotzdem sei es ihr in all den Jahren nie richtig gelungen, eine Balance zwischen eigenen und Fremdansprüchen herzustellen. «Denn nach dem anstrengenden Berufseinstieg gesellten sich bald neue Anforderungen dazu – Arbeitsgruppen, Ämter, der Lehrplan 21. Und ich begann mich zu fragen: Welches Engagement ist „normal“? Will ich diesen Kräfte raubenden Beruf bis zur Pensionierung ausüben?»

Yvonne Müller wünschte sich zu vielen Themen Input von aussen. Diesen bekam sie in der Weiterbildung. Mit neuer Verve ergründete sie gesundheitliche Aspekte des Unterrichtens – und viele andere Themen: die Bücher des dänischen Pädagogen Jesper Jul; die Erkenntnisse aus der berühmten Studie von John Hattie, dem neuseeländischen Bildungsforscher. Gerade aus letzterer zehrte sie besonders: «Dank Hattie erkannte ich, dass das Wichtigste beim Unterrichten nicht die Methodik ist, sondern die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern.» Ihre Weiterbildung, sagt Yvonne Müller, sei im Grunde eine Persönlichkeitsbildung gewesen. «Dadurch wurde mir letztlich klar, wie sehr ich meinen Beruf liebe, dass ich auf keinen Fall aussteigen will.» Hier zu investieren habe sich auf jeden Fall gelohnt.

Das Unterrichten neu entdecken

Ganz ähnlich die Erfahrung von Toni Eichler, Lehrer für Mathematik und Biologie an der Bezirksschule Endingen. Auch er sagt, er sei – nach 23 Berufsjahren –  beim Unterrichten «an Grenzen gestossen». Wie hat Toni Eichler seine Intensivweiterbidlung genutzt? «Ich habe für mich sozusagen den Matheunterricht neu entdeckt», erzählt der Mittfünfziger mit unüberhörbarer Begeisterung. So habe er Kontakt geknüpft mit einem Lehrbuch-Autor, der Mathematik als Abenteuer darstelle. «Mathe als Abenteuer, stellen Sie sich vor!»

Toni Eichler erzählt, wie er Zeit und Musse der Weiterbildung genossen und Neues aufgesogen habe, wie Zufälle ihn auf unbekannte Pfade geführt hätten und er auf neue Unterrichtsideen gekommen sei. Zum Beispiel Lernvideos, die er mit Hilfe seines Sohns entwickelt habe. «Die Weiterbildung hallt nach», sagt Toni Eichler. Und nach den Ferien freue er sich aufs neue Schuljahr.

- Irène Dietschi -

 

Gesundheit von Lehrpersonen: persönliche und betriebliche Verantwortung

Dominique Högger, Leiter Beratungsstelle Gesundheitsbildung und Prävention der Pädagogischen Hochschule FHNW

Lehrerinnen und Lehrer haben in ihrem Beruf viele Gestaltungsmöglichkeiten. Innerhalb der Vorgaben und der gesetzten Ziele wählen sie Themen, Methoden, Aufgabenstellungen, Unterrichtsabläufe, Lieder, Lektüren etc. Ausserhalb von Stundenplan und Teamaufgaben bestimmen sie auch autonom über ihre Zeiteinleitung und ihre Prioritäten.

Wer diese Verantwortung mag, kann hier sein ganzes Potential entfalten. Eine hohe Identifikation mit der eigenen Aufgabe, Begeisterung für Ziele weit über dem Erwarteten, ein besonderer Ehrgeiz oder gar ein Hang zur Perfektion sind in diesem Beruf gerne gesehen. Sie verhelfen nicht nur zu Erfolgserlebnissen und Genugtuung in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, sondern finden auch Anerkennung bei Schulleitung und Eltern wie bei Kolleginnen und Kollegen. Lehrpersonen gleichen damit eher einem Selbstständigen mit einer eigenen Firma als einem durchschnittlichen Angestellten: Mit einem gewissen Hang zur Selbstausbeutung kann man es weit bringen.

Damit ist auch die Kehrseite dieser Medaille angesprochen: Das Engagement kann uferlos werden. Es ist für viele Lehrpersonen selbstverständlich, dass sie die kurzen Zeiten zwischen den Lektionen für Absprachen oder letzte Vorbereitungen nutzen, auch spät abends noch Mails von Eltern beantworten oder Aufsätze korrigieren, vielleicht sogar kurz vor dem Einschlafen noch Ideen für den kommenden Tag wälzen oder selbst noch gesundheitlich angeschlagen zur Arbeit gehen. Lehrerinnen und Lehrer haben in ihrem Beruf viele Gestaltungsmöglichkeiten. Innerhalb der Vorgaben und der gesetzten Ziele wählen sie Themen, Methoden, Aufgabenstellungen, Unterrichtsabläufe, Lieder, Lektüren etc. Ausserhalb von Stundenplan und Teamaufgaben bestimmen sie auch autonom über ihre Zeiteinleitung und ihre Prioritäten.

Wirkungsvolle Selbstführung

Der Lehrberuf ist deshalb geradezu anfällig für Selbstgefährdung: Aus eigenem Interesse am beruflichen Erfolg setzt man die eigene Gesundheit aufs Spiel. Jede Rücksichtnahme auf körperliche oder seelische Bedürfnisse lenkt nur von den eigenen Aufgaben ab. Selbst wer das Problem erkannt hat, findet nicht unbedingt einen Weg zur Veränderung. Niemand aber schafft es, ständig auf Hochtouren zu laufen. Um leistungsfähig zu sein, muss der Mensch zwischendurch abschalten, sich erholen können. Auch dafür tragen Lehrerinnen und Lehrer einen grossen Teil der Verantwortung.

Lehrerinnen und Lehrer brauchen deshalb auch ein Gespür dafür, wann der Ehrgeiz, die Herausforderungen oder gar die Belastungen zu gross werden. Wirkungsvolle Selbstführung heisst: Perfektionismus dosieren und sich in bestimmten Momenten abgrenzen, gezielt Pausen einschalten und Erholungsphasen gestalten, die eigene Arbeit gut organisieren und mit akuten Stresssituationen umgehen. Das sind wesentliche persönliche Fähigkeiten, um (nicht nur) im Lehrberuf gesund zu bleiben.

Geteilte Verantwortung

Lehrerinnen und Lehrer tragen selber aber nicht die ganze Verantwortung für ihre Gesundheit. Sie sind in der Schule in ein Umfeld eingebettet, das sich positiv oder negativ auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit auswirken kann. Zum Beispiel: Anerkennt und wertschätzt die Schulleitung die eigene Arbeit? Unterstützen die organisatorischen Prozesse die Planungs- und Handlungssicherheit oder tappt man eher im Dunkeln? Klappt die Zusammenarbeit im Kollegium oder gibt es Konflikte? Kann man offen über Schwierigkeiten sprechen und unterstützt man sich gegenseitig? Ermöglichen die Luftqualität in den Schulzimmern, die Akustik, die Lichtverhältnisse etc. ein konzentriertes Arbeiten? Über solche Fragen hinaus kann die Schulleitung im Rahmen der Perso-nalentwicklung die Lehrpersonen dabei unterstützen, angemessen mit den persönlichen Ressourcen und Belastungen umzugehen. Diese betriebliche Sichtweise auf die Gesundheit hat in der Privatwirtschaft in den letzten Jahren an Stellenwert gewonnen und beginnt auch in der Schule Fuss zu fassen.


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