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«Draussen Natur erleben und Verständnis aufbauen»

Lernen in Feld und Wald: Auf Expedition ausserhalb des Schulzimmers.

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Die Bedeutung von Hochstammbäumen für Menschen und Tiere kennen lernen: Eine Klasse auf Expedition im Jurapark. Foto: René Ruis.

Am Dorfrand von Auenstein AG versammeln sich die Kinder der dritten und vierten Primarklasse mit ihrer Lehrerin Carmen Oberli um einen Apfelbaum. Der unterste Ast steht ein gutes Stück über ihren Köpfen. «Wenn das Astwerk mindestens 1.60 Meter über dem Boden beginnt, spricht man von einem Hochstammbaum», erklärt die Modulleiterin des Juraparks Aargau, Helen Bigler Brogli. «Noch vor 60 Jahren gab es in Auenstein beinahe 10‘000 solcher Bäume», fährt sie fort. «Heute sind es nur noch etwa 500.» Denn ab Mitte der fünfziger Jahre zahlte der Bund Prämien an die Besitzer, wenn diese ihre Hochstammbäume rodeten. Auch die stetig wachsende Siedlungsfläche trug zum Rückgang der traditionellen Kulturlandschaft bei.

Biodiversität und Landschaftswandel

«Das wusste ich nicht», meint ein Primarschüler, während auf der Wiese nebenan die Kühe friedlich weiden. Hier, weit weg vom Schulzimmer, lernen die Kinder die Bedeutung von Hochstammbäumen für Menschen und Tiere kennen. Und dabei berichten sie auch von ihren eigenen Erlebnissen mit Apfelbäumen und wollen mehr über die Natur wissen.

Schülerinnen und Schüler sollen konkrete Phänomene im Naturpark erforschen, Zusammenhänge erkennen und Handlungsmöglichkeiten zum Schutz der Natur thematisieren und erfahren. Das ist das Ziel eines Leitfadens, den die Pädagogische Hochschule FHNW zusammen mit dem Jurapark Aargau entwickelt hat (siehe Fachbeitrag). Die Initianten nennen das Modell «parkstark». Damit will die Pädagogische Hochschule das Lernen ausserhalb des Klassenzimmers in Kombination mit dem Regelunterricht fördern. Der Jurapark Aargau bietet seit 2017 Module für Schulen im Park an, die auf diesem Modell basieren und dank der Unterstützung von Stiftungen wie dem Swisslos Fonds des Kantons Aargau gratis angeboten werden können. Ausgehend von einem Thema nahe der Lebenswelt der Schüler werden so komplexe Themen wie Biodiversität, Konsum und Landschaftswandel behandelt und konkrete Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt.

So gehen zum Beispiel Modulverantwortliche wie Helen Bigler Brogli mit den Klassen hinaus in die Natur, zu Themen wie «Glögglifrosch – eine besondere Kröte» oder «Most vom Hochstammbaum», in dessen Rahmen die Klasse hier in Auenstein mostet. «Ich wäre selber gar nicht auf die Idee gekommen, den Stoff so zu vermitteln», meint Carmen Oberli. Sie schätze das Angebot sehr, «und die Kinder finden es toll.»

Waschen, Schneiden, Raffeln

«Das mache ich lieber als Rechnen», bestätigt Sven. Mittlerweile sind die 19 Primarschüler auf dem Bauernhof der Familie Vögeli angekommen. Hier zeigt Helen Bigler Brogli auf die Äpfel, die in den Holzkisten bereitliegen. Pro Schüler hat sie etwa 25 Äpfel bereitgestellt. «Daraus werden wir gleich unseren eigenen Most pressen.» Dazu sind vier Arbeitsschritte notwendig, die Bigler Brogli den Schülern nun erklärt: Waschen, Schneiden, Raffeln und schliesslich Pressen. Bevor die Kinder loslegen, hält die Modulleiterin zwei Gefässe in die Höhe. «Heute Abend können alle zwei Flaschen mit frischem Most nach Hause nehmen», stellt sie in Aussicht. Sofort beginnt eine Gruppe an einem Tisch, das Obst zu zerstückeln. Einige Äpfel haben Dellen oder unreine Stellen, andere sind innen teilweise faul. Das amüsiert die einen Kinder, andere sind angewidert. Bigler sieht darin einen Nutzen. So würden die Kinder begreifen, dass Äpfel ein Naturprodukt sind und nicht immer so glänzend und rund seien wie im Supermarkt. Solche Äpfel lassen sich aber zum Beispiel zu feinem Most verwerten.

Auf dem Bauernhof wechseln die Schülergruppen zwischen den verschiedenen Arbeitsschritten. So lernen sie den gesamten Vorgang vom Apfel bis zum fertigen Saft kennen.

Vorbereitung in der Klasse

«Die Kinder sollen auf der Exkursion etwas lernen», sagt Esther Bäumler, «und dabei auch Freude haben.» Die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule hat den Leitfaden «parkstark» mitentwickelt. «Wer draussen etwas erlebt, kann ein vertiefteres Verständnis für die Natur aufbauen», erklärt Bäumler. Es sei aber zentral, dass die Lehrpersonen die Exkursionen in der Klasse vorbereiten, und nach dem Anlass solle das Erlebte reflektiert und bearbeitet werden.

Genau dies tut auch Carmen Oberli mit ihrer Klasse. «Der Lebensraum Apfelbaum ist momentan Thema bei uns», berichtet sie. Zum Abschluss des Schulmoduls wird sie mit ihren Schülern ein Rollenspiel machen. Darin soll ein fiktiver Hochstammgarten einem Bauprojekt weichen und die Kinder nehmen die Perspektive verschiedener Akteure ein. So finden die Schülerinnen und Schüler Gründe für den Rückgang der Hochstammbäume, suchen nach Lösungen und durchdenken ganz nebenbei die gelernten Inhalte und wenden diese gleich an. «Mit solchen Lernformaten können die Kinder Zusammenhänge erkennen», erklärt Bäumler. Und genau das ist auch das Hauptanliegen von Helene Bigler Brogle: «Schön wäre, wenn die Kinder danach wissen, dass sie mit ihrem Konsumverhalten einen direkten Einfluss auf die Landschaft haben können.»

- Michael Hunziker -

Exkursionen im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft – eine Bereicherung für den Unterricht

Prof. Dr. Pascal Favre, Leiter Professur Didaktik des Sachunterrichts und ihre Disziplinen an der Pädagogischen Hochschule FHNW


Ausserschulische Lernorte sind Orte, die gezielt mit Klassen zum Lernen aufgesucht werden. Naturpärke wie der Jurapark Aargau sind durch ihre intakten Landschaften, die grosse Biodiversität und ihre eindrücklichen Kulturgüter ergiebige ausserschulische Lernorte für alle Schulstufen. Auch der Lehrplan 21 hält die Bedeutung von Lernen innerhalb und ausserhalb der Schule fest. Da Manches nur ausserhalb der Schule sicht- und erlebbar ist, sei es wichtig, ausserschulische Lerngelegenheiten im Unterricht zugänglich zu machen und mannigfache Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler mit ihrer Umwelt in den Unterricht zu integrieren. Dabei sollen entdeckende, forschende und problembezogene Zugangsweisen für die Erschliessung im Vordergrund stehen.

Die didaktischen Argumente für die Bedeutung ausserschulischen Lernens als wichtige Ergänzung zum Unterricht im Klassenzimmer sind vielfältig. So fördert es erwiesenermassen die Motivation der Lernenden und aktiviert sie kognitiv. Zudem soll das in realen Kontexten situierte Lernen etwa dem mit einer veränderten Kindheit einhergehenden Mangel an Primärerfahrungen entgegenwirken, indem es originale Begegnungen mit Phänomenen ermöglicht und so über für Kinder vorstrukturierte und inszenierte Umgebungen hinausweist. Schliesslich soll das ausserschulische Lernen auch den Aufbau von Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen wie beispielsweise Beobachten, Ordnen oder Dokumentieren unterstützen.

Naturpärke werden zu Partnern

Dennoch sind Exkursionen im heutigen Schulalltag keine Selbstverständlichkeit. Für die Lehrpersonen sind sie mit zusätzlichem Aufwand verbunden, oft fehlen die notwendigen Zeitgefässe oder die finanziellen Ressourcen. Es erstaunt daher nicht, dass Lehrpersonen klare Ansprüche äussern: Geringe Kosten, geografische Nähe zum Schulort, geringer Organisationsaufwand, langfristige Planbarkeit und nachhaltige Wirkung, Lehrplanbezug, gute Information sowie eine kompetente Leitung werden als wichtige Bedingungen für den Unterricht ausserhalb des Schulzimmers genannt.

Naturpärke als regionale Anlaufstellen mit entsprechender Infrastruktur, mit fachlicher Expertise, mit Kontakten zu lokalen Expertinnen und Experten und mit eigenen, regional ausgerichteten und inhaltlich oftmals attraktiven Projekten erfüllen diese Anforderungen in einzigartiger Weise und werden dadurch zu potenziell wertvollen Partnern für Schulen, mit denen sie das Interesse an der Vermittlung natürlicher und kultureller Vielfalt teilen.

Leitfaden für Lehrpersonen und Institutionen

An dieser Stelle setzt der «parkstark»-Leitfaden an. Er richtet sich an Bildungsverantwortliche von Naturpärken, die in Kooperation mit Lehrpersonen fachdidaktisch fundierte Unterrichtseinheiten entwickeln möchten. Damit die Zusammenarbeit gelingt, werden die Bedeutung der Naturpärke und ihr Bildungsauftrag sowie das Primarschulfach Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) in den Grundzügen erörtert. NMG steht deshalb im Zentrum, weil die für die Naturpärke bedeutsamen inhaltlichen Felder in erster Linie dieses Schulfach betreffen. Der Planungsprozess von Unterrichtseinheiten, welche Sequenzen im Klassenzimmer mit Sequenzen im Park verbinden, wird im «parkstark»-Leitfaden umrissen und Möglichkeiten der Unterrichtsevaluation werden aufgezeigt. Seine Inhalte können problemlos auch auf andere ausserschulische Institutionen mit Bildungsauftrag wie Museen, Zoologische oder Botanische Gärten übertragen werden und unterstützen auch dort bei der Ausarbeitung von Bildungsangeboten.

Der «parkstark»-Leitfaden kann als PDF kostenlos heruntergeladen werden: www.fhnw.ch/ph/parkstark. Die gedruckte Version kann für 24 CHF (Rechnung) bei annelise.haener@fhnw.ch bestellt werden. Die Publikation wurde massgeblich durch die Stiftung Mercator Schweiz und die Ernst Göhner Stiftung mitfinanziert.

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