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Generation Smartphone: Teenager vereinsamen nicht

Teenager, die auf ihren Handys tippen, spielen, chatten – ein gewohntes Bild unserer Zeit. Doch welchen Stellenwert hat das Smartphone für Jugendliche? Diese Frage hat ein Forschungsteam des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW untersucht. Das Besondere dabei: Die Jugendlichen waren von Anfang an am Projekt beteiligt.

Handydiyplay: Wie viele likes brauchst du, um dich gut zu fühlen?


«Wir Jugendlichen haben es satt, immer in einen Topf geworfen zu werden», schreibt Nadja Gmür in einem Blog. «Wir sind nicht alle Smombies, also Smartphone-Zombies.» Die 16-Jährige ist Teilnehmerin des Forschungsprojekts Generation Smartphone, das die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW und die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften durchgeführt haben, in Zusammenarbeit mit der Medien- und TheaterFalle Basel. Ziel der Arbeit war, die Smartphone-Nutzung von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren zu erforschen. Mit diesen haben die Forschenden dann auch eng zusammengearbeitet. «Wir wollten das lebensweltliche Wissen der Jugendlichen von Anfang an miteinbeziehen», erklärt Projektleiterin Rahel Heeg.

Im Projekt dokumentierten 30 Jugendliche einen Monat lang ihre Handy-Nutzung in einem Tagebuch. Diese Tagebücher wurden später in mehreren Treffen von erwachsenen Forschenden und acht jugendlichen Co-Forschenden ausgewertet. «Wir durften dort unsere Perspektive miteinbringen», sagt die Schülerin Nadja. «Zudem konnten wir den Erwachsenen vieles erklären.» Beispielsweise, wie die App Snapchat genau funktioniert. Im Gegenzug habe sie gelernt, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genau arbeiten. «Ich habe mir das vorher nie so genau überlegt.»

Jugendliche haben einen selbstkritischen Blick

Obwohl die Hälfte der Teilnehmenden keine Forschungserfahrung hatte, seien die Diskussionen intensiv und reichhaltig gewesen, erzählt Heeg: «Wir waren positiv überrascht.» Auch davon, dass sich die Jugendlichen sehr detailliert mit dem Material auseinandergesetzt haben und viele einen selbstkritischen Blick in Bezug auf ihre Handynutzung haben.

«Wir sind nicht alle Smartphone-Zombies.»

Nadja Gmür

Chancen und Risiken lassen sich nicht klar trennen

Wichtige Themen waren die Chancen und Risiken der Smartphone-Nutzung. «Hier haben wir erkannt, dass man diese beiden Begriffe gar nicht so stark trennen kann», sagt Heeg. So haben die Jugendlichen beispielsweise den Druck beschrieben, immer online sein zu müssen, damit sie später nicht Hunderte Nachrichten nachlesen müssen. Gleichzeitig sind die Kontakte, die sie online pflegen, unglaublich wertvoll für sie.

Weiter konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten, dass Online- und Offlinekommunikation keine Gegensätze sind. Es sei also nicht so, dass Jugendliche vereinsamen, weil sie nur noch am Handy sind. «Sie schreiben grösstenteils mit Freunden, die sie sowieso ständig sehen», erläutert Heeg. Als Elternteil zu sagen: «Triff dich doch lieber mal real mit Freunden», macht so also wenig Sinn. «Das Virtuelle hat einen eigenen Wert, der sehr wichtig ist», ergänzt Heeg. «Die Onlinewelt ist ein zentraler und realer Teil ihrer Lebenswelt.»

Weitere Informationen

Forschungsbericht, Viedos und Kartenset: www.generationsmartphone.ch

Dr. Rahel Heeg, Soziologin und Projektleiterin Generation Smartphone

«Wir wollten den Graben zwischen Forschenden und Jugendlichen verkleinern»

Dr. Rahel Heeg, Soziologin und Projektleiterin Generation Smartphone

Interview mit Dr. Rahel Heeg, Projektleiterin Generation Smartphone

Verbringen Jugendliche heute zu viel Zeit am Handy?

Rahel Heeg: Ich kann das nicht abschliessend beantworten. Wir denken noch in unseren alten Strukturen. Wenn Jugendliche auf ihr Smartphone schauen, vergleichen wird das mit dem Lesen von Büchern oder mit dem Fernsehschauen. Dort sind wir völlig absorbiert, doch beim Handy ist das nicht immer so. Deshalb finde ich es schwierig, in Quantitäten über dieses Thema zu sprechen. Wir brauchen andere Massstäbe, wenn wir das beurteilen wollen und können das nicht an einer Zeit festmachen.

Sie haben Teenager in Ihre Forschungsarbeit einbezogen. Was war dabei die grösste Herausforderung?

Wir haben uns sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie Jugendliche mit Erwachsenen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Es war uns ein sehr grosses Anliegen, den Graben zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die das Ganze in der Hand haben, und den Beforschten, über die man etwas herausfinden möchte, zu verkleinern. Wir wollten vor allem verhindern, dass wir als die grossen Expertinnen und Experten auftreten und ihnen erklären, wie es eigentlich ist. Mit unserem Vorgehen können wir die Perspektive der Jugendlichen sehr gut abbilden.

Wie lösen das andere Forschende?

In vielen Fällen lassen Wissenschaftler die Betroffenen zwar zu Wort kommen, aber nur, um Fragen zu beantworten. Bei Generation Smartphone haben die Betroffenen aber auch bei zentralen Inhalten mitgeredet. So beispielsweise bei Fragen wie: Was ist überhaupt unser Forschungsthema? Wo ist der Kern? Wie gehen wir am besten vor?

Was nehmen Sie persönlich von der Forschung Generation Smartphone mit?

Ich habe gemerkt, dass es immer wieder wichtig ist, sich selbst und die eigene Rolle zu hinterfragen. Das bedeutet, sich selbst konkret zu fragen: Wo habe ich das Expertinnenwissen und wo ist aber noch in anderen Gruppen Insiderwissen da?


Bericht und Interview übernommen aus dem e-Magazin der FHNW Ausgabe März 2018

Generation Smartphone

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