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"Die Schweizer Spender*innen sind solidarisch, wie eh und je"

Andreas Herbst, FHNW-Dozent und Geschäftsführer von www.wissenschaffen.com, über die Entwicklungen auf dem Spendenmarkt Schweiz.

Gespräch geführt von Sonja Schüler, Programmleitende Weiterbildung für NPO-Fachkräfte

AH 2020-04 (3).JPGHerr Herbst, seit dem Inkrafttreten der ersten «Corona»-Massnahmen ist nun gut ein Jahr vergangen. Wie ist Ihre Einschätzung zur Entwicklung des Spendenmarktes der Schweiz unter den Bedingungen der «Corona»-Situation? Kennzeichnet ein Mehr an Solidarität oder eher eine Tendenz zu mehr Unsicherheit das Spendenverhalten?  
Die Schweizer Spender*innen sind solidarisch, wie eh und je. Das Marktvolumen hat sich weiter gegen oben entwickelt. Hauptverantwortlich dafür sind aber die semi-institutionellen Investoren und besonders die Stiftungen, welche zum Teil sogar aus den Reserven geschöpft haben.

Stellen Sie Bedeutungswandel der Spendenthemen unter den Bedingungen der «Corona»-Situation fest, und sofern ja, inwiefern? Ich denke an den Kulturbereich sowie den  Gesundheits- und Sozialbereich. 
Natürlich war in den letzten 15 Monaten in jeder Organisation, in jedem Haushalt und jeder Stiftung die Pandemie das dominante Thema. Wahrscheinlich zum ersten Mal haben wir alle begriffen welche Bedeutung die grossen Philanthropen mit Weitsicht, wie zB die Melinda & Bill Gates Stiftung, die seit mehr als einem Jahrzehnt in die Bekämpfung von Epidemien aktiv investiert, haben können. Begüterte Privatpersonen waren sehr grosszügig im Bereich Kultur. Die Verlagerung der Spendengelder auf das Inland war sicher bedeutend.

IMG_1343.JPGGerade Förderstiftungen sind unter den Bedingungen von «Corona» gefordert: Sie übernehmen Verantwortung, ihre Destinatäre zu unterstützen. Gleichzeitig sind auch ihrem Handeln in Anbetracht einer oftmals grossen Vielfalt von Anfragen und Anträgen Grenzen gesetzt. Wie bewerten Sie die Rolle der Stiftungen und des Stiftungs-Fundraisings für den NPO-Bereich?
Die Börse boomt, die Stiftungsräte werden jünger und wirkungsorientierter und die Neugründungen sind zahlreich. Ein professionelles Stiftungsmarketing ist bei den NGOs breit verankert. Als einziger  Stolperstein erweist sich die zunehmende Abwehr von Stiftungen vor der Antragsflut. Die Aufnahmebereitschaft für gut begründete und wirkungsmächtige Projekte ist aber sehr hoch.

Der Bund und die Kantone haben umfangreiche Massnahmenpakete vorbereitet, um die Folgen der «Corona»-Situation abzufedern. Können auch Nonprofit-Organisationen finanzielle Leistungen beantragen, und sofern ja, welchen Stellenwert nehmen diese Leistungen im NPO-Bereich ein?
Ich wäre erstaunt, wenn der Staat die zivilgesellschaftlichen Organisationen zusätzlich finanzieren möchte. Ich wäre in jedem Falle dagegen. Aber das ist ein anderes grosses Thema.

Inwiefern wirkt sich nach Ihrer Einschätzung die aktuelle Situation mittelfristig auf die Handlungsfähigkeit und den Wettbewerb der Akteure im NPO-Sektor aus?
Ich denke der Markt ist gesättigt. Da aber die Eintrittsbarrieren nach wie vor niedrig sind, wird es immer wieder neue NGOs geben und die Fragmentierung wird zunehmen. Die Fusion von HEKS und «Brot für alle» ist ein wegweisendes Experiment, welches von wenigen anderen Akteuren kopiert werden wird. Die Schweizer NGOs sind schon sehr auf Autonomie und Klein-Klein fixiert.

Welche Veränderungen erfährt das Tätigkeitsfeld des Fundraisings in einem zunehmend durch finanziellen Druck gekennzeichneten NPO-Bereich und welche Schlüsselkompetenzen für wirkungsvolles Fundraising müssen erfolgreiche NPO-Fachkräfte heute mitbringen?
Es gibt bei der FHNW einen tollen Kurs … wie heisst der schon wieder? ;-)


Andreas Herbst, Geschäftsführer von www.wissenschaffen.com, einer Expertenboutique für Wirkungsmessung und Stiftungspositionierung, Bern & Wien. Langjähriger Dozent an der FHNW zu den Themen Fundraising, Organisationsmarketing und Campaigning mit mehr als 15 Jahren Fronterfahrung in der Geschäftsleitung von Terre des hommes und als Geschäftsführer von Plan International.


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