{"id":7152,"date":"2017-05-01T09:49:57","date_gmt":"2017-05-01T07:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7152"},"modified":"2019-07-08T14:33:41","modified_gmt":"2019-07-08T12:33:41","slug":"rs_32_2017_der-schiefe-blick-von-pisa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_32_2017_der-schiefe-blick-von-pisa\/","title":{"rendered":"Der schiefe Blick von PISA"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Essen vertreibt den Hunger und Lesen vertreibt die Dummheit. <\/strong>(Chinesisches Sprichwort)<\/p>\n<p class=\"p1\">Seit dem Jahr 2000 werden weltweit im 3-Jahrestakt 15-J\u00e4hrige hinsichtlich ihrer F\u00e4higkeiten getestet, Texte zu verstehen, mathematische Probleme zu l\u00f6sen und naturwissenschaftlich zu denken. Ziel dieses umfangreichen Unterfangens, das PISA genannt und im Auftrag der OECD durchgefu\u0308hrt wird, ist zu erfassen, wie gut Schu\u0308lerinnen und Schu\u0308ler am Ende der obligatorischen Schulzeit darauf vorbereitet sind, den Herausforderungen des modernen Lebens zu begegnen.<\/p>\n<p>von Susanne Grassmann<\/p>\n<p class=\"p1\">Die PISA-Ergebnisse werden u\u0308blicherweise in Ranglisten publiziert und diskutiert. Dabei wird suggeriert, dass die je von der Schu\u0308lerschaft eines Landes erreichten Leistungen die Leistungsf\u00e4higkeit des jeweiligen Bildungssystems widerspiegeln: Die L\u00e4nder auf den vorderen R\u00e4ngen haben die besseren Bildungssysteme, von denen muss man lernen, ihrem Beispiel folgen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Die Schweiz belegt eine solche Vorreiterrolle. Wir k\u00f6nnen stolz sein, dass wir in Mathematik auf Platz 2 in der Rangliste der OECDL\u00e4nder stehen und in den Naturwissenschaften immerhin u\u0308ber dem OECD-Durchschnitt auf Platz 8 gelandet sind. Betru\u0308bt nehmen wir jedoch zur Kenntnis, dass die Lesekompetenz der Schweizer Schu\u0308lerschaft laut PISA nur durchschnittlich ist; ein magerer 18. Rang im OECD-Vergleich \u2013 und was beinah noch mehr schmerzt: keine Ver\u00e4nderung, keine Verbesserung seit 2000 \u2013 und das trotz der vielf\u00e4ltigen Massnahmen, Weiterbildungen und Materialien zur Lesef\u00f6rderung, die in den vergangenen Jahren entwickelt worden sind \u2013 auch am Zentrum Lesen. Es herrscht etwas Ratlosigkeit. Was soll man tun? Wo liegt eigentlich das Problem?<br \/>\nAuf der Suche nach Erkl\u00e4rungen fu\u0308r die durchschnittliche Lesef\u00e4higkeit von Schweizer Schu\u0308lern und Schu\u0308lerinnen soll an dieser Stelle ein Aspekt in den Fokus genommen werden, der in der bisherigen Debatte um PISA-Ergebnisse h\u00e4ufig u\u0308bersehen wird: Die Rolle der Kultur.<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Andere L\u00e4nder \u2013 andere Sitten<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">Der Einfluss von kulturellen Werten auf die Schulleistungen ist gross. Zum Beispiel ist belegt, dass kulturelle Faktoren einen Einfluss auf das Lernen haben (Yamazaki, 2005). Erste Untersuchungen belegen ausserdem, dass PISA-Leistungen st\u00e4rker von kulturellen Werten als von Schulsystemen beeinflusst werden (Feniger &amp; Lefstein, 2014). So sind die PISA-Leistungen in Mathematik von Schu\u0308lerInnen mit chinesischem Migrationshintergrund in Australien und Neuseeland besser als die der Mitschu\u0308lerInnen ohne Migrationshintergrund \u2013 und \u00e4hnlich den Leistungen von Schu\u0308lern und Schu\u0308lerinnen in Shanghai.<\/p>\n<p class=\"p1\">Im Kasten wird eine explorative Analyse berichtet, die zeigt, dass auch die Leseleistungen weltweit von verschiedenen kulturellen Werten abh\u00e4ngen. Insbesondere zeigt sich, dass Lesekompetenzen in individualistischen Kulturen besser sind als in Kulturen, in denen die Gemeinschaft und der Konsens von gr\u00f6sserer Bedeutung sind. Weiterhin stehen strenge Regeln und Bu\u0308rokratien zur Vermeidung von Unsicherheiten im Zusammenhang mit schlechteren Lesekompetenzen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Insbesondere in der deutschsprachigen Schweiz sind Regeln und Normen sowie stabile Gewohnheiten von grossem Wert (Chhorkar, 2007). Da ist es nicht verwunderlich, dass Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen bei PISA mit dem individuellen Reflektieren und Bewerten von Informationen und Standpunkten Schwierigkeiten haben (vgl. Nidegger et al. 2010: 15). Auch wenn dies mit Blick auf die Anforderungen der direkten Demokratie widerspru\u0308chlich scheint: Das eigenst\u00e4ndige Bewerten von Sachlagen steht im Widerspruch zur hohen Wertsch\u00e4tzung des Befolgens von Gewohnheiten und Regelungen. Das heisst, dass derartige Aktivit\u00e4ten im allt\u00e4glichen gesellschaftlichen Leben hierzulande vergleichsweise weniger geu\u0308bt werden als z. B. in den USA (Wo bei PISA in der Teilkompetenz \u00abReflektieren und Bewerten\u00bb eine vergleichsweise hohe Punktzahl erreicht wird).<\/p>\n<p class=\"p1\">In der \u00f6ffentlichen Debatte um PISA-Ergebnisse wird der Einfluss von kulturellen Werten auf Schu\u0308lerleistungen h\u00e4ufig ignoriert. Das liegt wahrscheinlich an der ersten Maxime, die der Entwicklung der PISA-Aufgaben zugrunde lag: \u00abEffects of cultural differences\u00a0which are not relevant or important to the main purposes of the study should be minimized to the extent possible.\u00bb (zitiert nach McQueen &amp; Mendelovits, 2003). Aber auch nach der Vereinheitlichung von Bildungssystemen nach Bologna sind Schulabg\u00e4ngerInnen aus verschiedenen L\u00e4ndern nicht unisono fu\u0308r die Herausforderungen des modernen Lebens u\u0308berall auf der Welt vorbereitet. Ein Schulabg\u00e4nger aus der Schweiz ist ebenso wenig auf die Herausforderungen des modernen Lebens in Holland vorbereitet wie auf das Leben in der Russischen F\u00f6deration \u2013 und das muss er auch nicht. Eine wichtigere Frage ist, inwieweit er auf das Leben in der Schweiz vorbereitet ist.<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Neue Blicke auf die PISA-Lesekompetenzen<\/strong><\/p>\n<p class=\"p2\">Die hier zitierten und im Kasten neu aufgezeigten empirischen Daten zeigen, dass die spezifischen kulturabh\u00e4ngigen Erfahrungen, die Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen machen, ihre PISA-Leistungen beeinflussen. Man sollte entsprechend PISA-Ergebnisse immer 1) mit Blick auf die jeweiligen kulturellen Gegebenheiten und Kommunikationsweisen und 2) mit Blick auf die je landestypischen Leseanforderungen interpretieren.<br \/>\nFu\u0308r die Lesef\u00f6rderung bedeutet das, dass es in Zukunft detaillierte Analysen geben sollte, die die notwendigen Lesekompetenzen zur Teilhabe an gesellschaftlichen, privaten und wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten vor dem Hintergrund schweizerischer Werte und Normen ermittelt. Nur auf einer solchen Basis k\u00f6nnen zuku\u0308nftige Ans\u00e4tze zur Lesef\u00f6rderung zielfu\u0308hrend in der jeweiligen Kultur sein.<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Was tun?<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">Die empirischen Daten zeigen: Wir k\u00f6nnen die Schulkulturen aus L\u00e4ndern nicht einfach u\u0308bertragen. Es wurden aber in der Schweiz Materialien und Methoden entwickelt, die hierzulande durchaus wirksam sein k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen diese Materialien online einsehen und frei herunterladen.<\/p>\n<ul>\n<li class=\"p1\"><a href=\"http:\/\/www.fhnw.ch\/ph\/zl\/praxis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsgebiete Zentrum Lesen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/blogs.fhnw.ch\/zl\/category\/unterrichtsideen\/1-lesen\/\">Unterrichtsideen: Lesen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Zusammenh\u00e4nge zwischen kulturellen Werten und PISA-Ergebnissen\u00a0<\/strong><strong>im Lesen<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">Fu\u0308r eine explorative Untersuchung wurden Zusammenh\u00e4nge zwischen den kulturellen Dimensionen aus zwei verschiedenen kulturvergleichenden Studien mit den Leseleistungen von Schu\u0308lern und Schu\u0308lerinnen aus 24 L\u00e4ndern in den Jahren 2009 und 2015 berechnet. Fu\u0308r das Jahr 2009 stehen Daten u\u0308ber die Auspr\u00e4gung von Teilkompetenzen zur Verfu\u0308gung.<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Globale Lesekompetenz<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">1. Die kulturellen Dimensionen \u00abIn-Group Collectivismus\u00bb<sup>1\u00a0<\/sup>und \u00abIndividualismus\u00bb<sup>2\u00a0<\/sup>h\u00e4ngen stark mit der Lesekompetenz zusammen. Dass bedeutet, dass die Leseleistungen von Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen besser sind, je h\u00f6her in ihrer Kultur Individualismus gewertet wird und je unwichtiger Loyalit\u00e4t zu Freunden und Familie ist.<\/p>\n<p class=\"p1\">2. Die kulturelle Dimension \u00abVermeidung von Unsicherheit\u00bb<sup>1<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>h\u00e4ngt umgekehrt mit dem Erreichen hoher Kompetenzstufen im Lesen zusammen. Das bedeutet, dass Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen aus Kulturen, in denen Unsicherheiten und Ambiguit\u00e4ten vermieden werden, es schwerer f\u00e4llt, insbesondere indirekte Informationen in Texten zu identifizieren, zu interpretieren und zu bewerten.<\/p>\n<p class=\"p1\">3. Die kulturelle Dimension \u00abGenussorientierung\u00bb<sup>2<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>h\u00e4ngt umgekehrt mit hohen Lesekompetenzen zusammen. Das bedeutet, dass Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen aus L\u00e4ndern mit hoher Genussorientierung seltener hohe Lesekompetenzen erreichen als diejenigen aus L\u00e4ndern mit strenger Regulierung von genussorientiertem Verhalten.<\/p>\n<p class=\"p1\">4. Die kulturelle Dimension \u00abMaskulinit\u00e4t\u00bb korreliert signifikant mit dem Unterschied zwischen Buben und M\u00e4dchen. Das bedeutet, dass Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen aus Kulturen, in denen Erfolg und Zielstrebigkeit gegenu\u0308ber Kooperation und Konsensorientierung st\u00e4rker gewichtet werden, st\u00e4rkere Unterschiede in der Lesekompetenz von Buben und M\u00e4dchen haben.<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Teilkompetenzen<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">1. Analog zu den Analysen zur globalen Lesekompetenz finden sich Zusammenh\u00e4nge zwischen \u00abIn-Group Collectivismus\u00bb<sup>1<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>\/ \u00abIndividualismus\u00bb<sup>2<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>und Lesekompetenz fu\u0308r alle Teilkompetenzen.<\/p>\n<p class=\"p1\">2. Die Teilkompetenz \u00abReflektieren und Bewerten\u00bb h\u00e4ngt schwach umgekehrt mit der kulturellen Dimension \u00abVermeidung von Unsicherheit\u00bb<sup>2<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>zusammen. Das bedeutet, dass Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen aus Kulturen, in denen unstrukturierte, unbekannte oder ambige Situationen vermieden werden, weniger gewohnt sind selbst\u00e4ndig zu reflektieren oder zu bewerten.<\/p>\n<p class=\"p1\">3. Die Teilkompetenz \u00abInformationszugriff\u00bb h\u00e4ngt mit der kulturellen Dimension \u00abInstitutioneller Kollektivismus\u00bb<sup>1<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>zusammen. Das heisst, Schu\u0308ler und Schu\u0308lerinnen aus Kulturen, die Gruppeninteressen gegenu\u0308ber individuellen Interessen hervorheben, sind es gewohnter, implizite Informationen zu identifizieren.<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00a0<sup>1\u00a0<\/sup><\/span>Chhokar (2007) \/\u00a0<sup>2\u00a0<\/sup>Hofstede (2001)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><strong>Literatur<br \/>\n<\/strong>Chhokar, J. S., Brodbeck, F. C., House, R. J., &amp; Global Leadership and Organizational Behavior Effectiveness Research Program (Hrsg.). (2007). Culture and leadership across the world: the GLOBE book of in-depth studies of 25 societies. Mahwah, N.J: Lawrence Erlbaum Associates.<\/p>\n<p class=\"p1\">Feniger, Y., &amp; Lefstein, A. (2014). How not to reason with PISA data: an ironic investigation. Journal of Education Policy, 29 (6), 845 \u2013 855.<\/p>\n<p class=\"p1\">Hofsteede, G. (2001) Culture\u2019s Consequences: Comparing Values, Behaviors, Institutions, and Organizations Across Nations. Second Edition, Thousand Oaks CA: Sage Publications.<\/p>\n<p class=\"p1\">Nidegger, C., PISA.ch, Konsortium, &amp; Programme for International Student Assessment (2010). PISA 2009: Schu\u0308lerinnen und Schu\u0308ler der Schweiz im internationalen Vergleich: erste Ergebnisse. Neuch\u00e2tel: Konsortium PISA.ch.<\/p>\n<p class=\"p1\">Yamazaki, Y. (2005). Learning styles and typologies of cultural differences: A theoretical and empirical comparison. International Journal of Intercultural Relations, 29 (5), 521\u2013 548.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen vertreibt den Hunger und Lesen vertreibt die Dummheit. (Chinesisches Sprichwort) Seit dem Jahr 2000 werden weltweit im 3-Jahrestakt 15-J\u00e4hrige hinsichtlich ihrer F\u00e4higkeiten getestet, Texte zu verstehen, mathematische Probleme zu l\u00f6sen und naturwissenschaftlich zu denken. 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