{"id":7201,"date":"2016-05-01T15:25:41","date_gmt":"2016-05-01T13:25:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7201"},"modified":"2019-07-09T11:55:01","modified_gmt":"2019-07-09T09:55:01","slug":"rs_31_2016_zum-lesen-motivieren-literarische-erfahrungen-ermoeglichen-und-was-die-schule-dazu-beitraegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_31_2016_zum-lesen-motivieren-literarische-erfahrungen-ermoeglichen-und-was-die-schule-dazu-beitraegt\/","title":{"rendered":"Zum Lesen motivieren, literarische Erfahrungen erm\u00f6glichen \u2013 und was die Schule dazu beitr\u00e4gt"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Literarische Texte zeigen M\u00f6glichkeiten von Lebens- und Erlebensformen, sie fu\u0308hren in Welten ein, die anders ausgestaltet sind und anders funktionieren als jene Welt, in der sich die Leserin oder der Leser real befindet.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/andrea-bertschi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Bertschi-Kaufmann<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Lesen <\/b>ist eine Schl\u00fcsselkompetenz. Wir brauchen sie, um die zahlreichen mit Schrift vermittelten Informationen, denen wir im Alltag begegnen, zu bew\u00e4ltigen. Von den kurzen Mitteilungen auf dem Handy bis zu den anspruchsvollen Zeitungsbeitr\u00e4gen oder den Artikeln, die wir im Netz finden und die unseren Wissenshorizont erweitern \u2013 sie alle sind uns nur zug\u00e4nglich, wenn wir lesen k\u00f6nnen. Lesef\u00e4higkeit ist aber keineswegs eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Es geh\u00f6ren vielerlei Verarbeitungsprozesse dazu. Die meisten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind hier denn auch auf Unterst\u00fctzung angewiesen.<\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Lesemotivationen <\/b>sind wohl die wichtigste Voraussetzung daf\u00fcr, dass Kinder und Jugendliche, die in kognitiver Hinsicht dazu in der Lage sind, erfolgreiche Leseentwicklungen durchlaufen. Wer gerne liest, liest h\u00e4ufig \u2013 wer h\u00e4ufig liest, liest in der Regel gut \u2013 wer gut liest, hat Vertrauen in die eigene Lesef\u00e4higkeit und nimmt sich selber als Leserin oder Leser wahr \u2013 und wer ein in diesem Sinn positives Leseselbstkonzept hat, liest gerne. Ursache und Wirkung dieser einzelnen Merkmale lassen sich nicht eindeutig festmachen, die Leseforschung zeigt verschiedene Zusammenh\u00e4nge zwischen ihnen. Von welchem Element man auch immer die Wirkungskette aufziehen will: die Lesemotivation, das Lesenwollen (in Bezug auf die Leset\u00e4tigkeit) und das Interesse an Lekt\u00fcren (in Bezug auf bestimmte Texte, B\u00fccher u.a.) sind entscheidend. Leitend f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Lesemotivation(en) ist die Vorstellung, dass kompetente Leserinnen und Leser die Heranwachsenden in die Welt der Schrift hineinf\u00fchren in der Art eines gemeinsamen, so genannt ko-konstruktiven Herstellens von Verstehen oder auch eines gemeinsamen Geniessens von Texten.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Das Konzept der Ko-Konstruktion <\/b>geht von einem begleiteten allm\u00e4hlichen Vertrautwerden mit Schrift aus und es verortet die daf\u00fcr massgeblichen Vorg\u00e4nge auf mehreren Ebenen: auf der Ebene der Gesellschaft als \u00fcbergeordnetem Rahmen \u2013 die Gesellschaft m\u00f6chte, dass ihre Mitglieder teilnehmen am \u00f6ffentlichen Geschehen und damit auch an der schriftlichen Kommunikation und sie macht deshalb \u00abMitgliedschaftsangebote\u00bb (Hurrelmann 2004); auf den Ebenen der Familie und der Schule, die das Hineinwachsen<\/p>\n<p class=\"p2\">in die Welten der Schrift begleiten und \u2013 im Falle der Schule \u2013 auch anleiten; und schliesslich bei den Individuen selber, wobei diese die eigentlichen Konstrukteure ihrer Leseentwicklung sind: Sie entscheiden, was sie lesen m\u00f6chten, welche Medien sie daf\u00fcr ausw\u00e4hlen, welches pers\u00f6nliche Gewicht sie ihren Lekt\u00fcren geben, mit wem sie sich \u00fcber das Gelesene austauschen m\u00f6chten. Diese Entscheidungen lassen sich beeinflussen: mit einem attraktiven Leseangebot, mit ausreichenden Hilfen bei der Auswahl und beim Durchhalten im Text, mit der geduldigen Verst\u00e4ndigung \u00fcber den Sinn der Texte, in Prozessen der Ko-Konstruktion eben.<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Das Lesen von Literatur <\/b>stellt besondere Anforderungen. Es bietet gleichzeitig aber auch einen eigenen Gewinn und dies aus mehreren Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ul>\n<li>Literarische Texte sind in einer je besonderen, nicht bereits eingew\u00f6hnten Weise gestaltet. Literarische Texte folgen anderen als den von uns gewohnten Sprachregeln. Sie pr\u00e4sentieren Ausdrucksweisen, welche die Leserinnen und Leser (noch) nicht gewohnt sind und die sie deshalb auch irritieren k\u00f6nnen. Leserinnen und Leser m\u00fcssen sich auf das Ungew\u00f6hnliche einstellen, sich auf das so genannte \u00e4sthetische Spiel eines Textes einlassen, um es geniessen zu k\u00f6nnen. Irritation und Genuss sind beim literarischen Lesen also eng miteinander verbunden.<\/li>\n<li>Literarische Texte f\u00fchren in Welten, auch in die inneren Welten der Figuren, die den Lesenden teils vertraut sind, teils aber auch unbekannt, \u00fcberraschend und die je nachdem vollkommen fremd wirken. Leserinnen und Leser verfolgen Handlungen, erhalten Einblick in Gedanken und Gef\u00fchle, mit denen sie sich entweder stark identifizieren k\u00f6nnen oder von denen sie inneren Abstand nehmen. Das Wechselspiel zwischen N\u00e4he und Distanz, zwischen \u00abSelbst- und Fremderfahrung\u00bb, den Leserinnen und Leser im Umgang mit Literatur erleben, ist ein Grund daf\u00fcr, weshalb Literaturlesen attraktiv ist.<\/li>\n<li>Literarische Texte zeigen M\u00f6glichkeiten von Lebens- und Erlebensformen, sie f\u00fchren in Welten ein, die anders ausgestaltet sind und anders funktionieren als jene Welt, in der sich die Leserin oder der Leser real befindet. Lesend kann man sich auf wilde Abenteuer einlassen und dennoch behaglich auf dem eigenen Sofa sitzen. Lesend l\u00e4sst sich je nachdem auch die Schwere des eigenen Alltags \u00fcberwinden, zumindest f\u00fcr die Zeit, in der man sich in erz\u00e4hlten, attraktiven Umgebungen aufh\u00e4lt. In beiden F\u00e4llen, dem so genannten Probehandeln in abenteuerlichen Welten oder der Flucht in die Fiktionalit\u00e4t tritt Selbstvergessenheit beim Lesen ein: ein Zustand, den jugendliche Leserinnen und Leser als besonderen Gewinn bei ihren Lekt\u00fcren empfinden (Bertschi-Kaufmann 2013).<\/li>\n<li>Und schliesslich bewahren literarische Texte Wissen und Vorstellungen fr\u00fcherer Generationen und Epochen auf, schliessen an Traditionen des Erz\u00e4hlens an, an Sprachformen und Sprachbilder, mit welchen man Vorstellungen ausgedr\u00fcckt hat. In den literarischen Texten bleibt deshalb ein wichiger Teil des \u00abkulturellen Ged\u00e4chtnisses\u00bb (Assmann 1999) erhalten. Kinder und Jugendliche finden Anschluss daran, wenn sie Zugang zu Texten \u00abaus anderen Zeiten\u00bb erhalten, dazu auch Hilfen, um diese einzuordnen. Dabei ist ein vollst\u00e4ndiges Verstehen solcher Texte weniger wichtig als das Interesse an den Mitteilungen und den Formen von \u00abalten\u00bb Texten.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Die Schule <\/b><\/span>erm\u00f6glicht entsprechende Leseerfahrungen, wenn sie auf mehreren Ebenen ansetzt und den Leseunterricht also vielseitig ausrichtet, und zwar<\/p>\n<ul>\n<li>zum einen auf das Lesenk\u00f6nnen mithilfe von Lesetrainings und Aufgaben, welche das Lesen und Verstehen von W\u00f6rtern und S\u00e4tzen ein\u00fcben, das Zuordnen von W\u00f6rtern zu Bildern, auch das \u00dcberblicken von l\u00e4ngeren Texten, das Erkennen wichtiger Informationen im Text und insbesondere auch das Kennen und Anwenden von so genannten Lesestrategien, mit welchen man Texte zielgerichtet verarbeiten kann,<\/li>\n<li>zum anderen mit der St\u00e4rkung der Lesemotivationen, wobei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit vielerlei Texten und Medien umgehen k\u00f6nnen, ihren Vorstellungen zum Gelesenen spielerisch-gestaltend Ausdruck geben, Lesevorlieben herausbilden, \u00fcber das Gelesene reden und schreiben und auf diesen Wegen nach und nach anspruchsvollere und l\u00e4ngere Texte bew\u00e4ltigen<\/li>\n<li>und schliesslich mit literarischer Bildung, konkret der Begegnung mit poetisch gestalteten Texten, Filmen u.a., mit welchen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler literarische Gestaltungsmittel kennen lernen \u2013 auf einfache Weise ist dies bereits mit dem Kindervers, dem Volksm\u00e4rchen, den sorgf\u00e4ltig gestalteten Kinderb\u00fcchern m\u00f6glich. Und weiter, indem sie Figuren in ihrem F\u00fchlen und Denken kennen lernen, literarischen Traditionen begegnen und in der einen oder anderen Art an literarischer Kultur teilnehmen.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p1\">Konkrete Beispiele f\u00fcr den Umgang mit diesen drei Konzepten, dem Lesetraining, der Lesef\u00f6rderung und der literarischen Bildung werden von den Lehrerinnen und Lehrern mit ihren Klassen ausgestaltet und sie gelangen dort erst eigentlich zum Leben: in der Praxis des Lese- und Literaturunterrichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Assmann, Aleida (1999): Erinnerungsr\u00e4ume. Formen und Wandlungen des kulturellen Ged\u00e4chtnisses. M\u00fcnchen: C. H. Beck.<\/p>\n<p class=\"p3\">Bertschi-Kaufmann, Andrea (2013): Jugendlekt\u00fcre und Gratifikation. In: Rosebrock, Cornelia; Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hrsg.) (2013): Literalit\u00e4t erfassen: bildungspolitisch, kulturell, individuell. Weinheim und M\u00fcnchen: Juventa. 136 \u2013149.<\/p>\n<p class=\"p3\">Hurrelmann, Bettina (2004): Sozialisation der Lesekompetenz. In: Schiefele, Ulrich; Artelt, Cordula et al. (Hrsg.): Struktur, Entwicklung und F\u00f6rderung von Lesekompetenz. Vertiefende Analysen im Rahmen von PISA 2000. Wiesbaden: Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, S. 37\u2013 60.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literarische Texte zeigen M\u00f6glichkeiten von Lebens- und Erlebensformen, sie fu\u0308hren in Welten ein, die anders ausgestaltet sind und anders funktionieren als jene Welt, in der sich die Leserin oder der Leser real befindet. von Andrea Bertschi-Kaufmann Lesen ist eine Schl\u00fcsselkompetenz. 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