{"id":7233,"date":"2016-05-01T21:39:59","date_gmt":"2016-05-01T19:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7233"},"modified":"2019-09-10T15:46:51","modified_gmt":"2019-09-10T13:46:51","slug":"rs_31_2016_ein-lehrmittel-ist-ein-werkzeug-fuer-den-unterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_31_2016_ein-lehrmittel-ist-ein-werkzeug-fuer-den-unterricht\/","title":{"rendered":"\u00abEin Lehrmittel ist ein Werkzeug f\u00fcr den Unterricht\u00bb Interview mit Thomas Lindauer"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><b>\u00abMan erf\u00e4hrt auch die Grenzen eines Lehrmittels, denn es hat nicht alles Platz und es l\u00e4sst sich nicht alles auf Papier bringen,\u00a0<\/b><b>was f\u00fcr das Fach wichtig ist.<\/b><strong>\u00bb<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">Seit diesem Sommer ist die Entwicklungsarbeit am Deutschlehrmittel \u00abDie Sprachstarken 2\u20139\u00bb abgeschlossen. Begonnen hat diese Arbeit am Zentrum Lesen im Jahr 2002 mit einem Vorkonzept im Auftrag des Verlags Klett &amp; Balmer. Die Arbeit am Lehrmittel selbst begann dann unter der Leitung von Irene Sch\u00fcpfer (Klett-Verlag), <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a> (Zentrum Lesen) und Werner Senn (PH Luzern) mit einem Team von Lehrpersonen im Jahr 2003.<\/p>\n<p class=\"p1\">Ein Gespr\u00e4ch mit Thomas Lindauer, Leiter des Zentrums Lesen und fachdidaktischer Leiter dieses Lehrmittelprojekts.<\/p>\n<p>Aufgezeichnet von Julienne Furger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Das letzte Lehrwerksteil der \u00abSprachstarken\u00bb, die Karteikarten, ist nun erschienen. Wie f\u00fchlt man sich nach einer so langen, intensiven Entwicklungsarbeit? Gibt es da auch etwas Wehmut?<br \/>\n<\/b><span class=\"s1\">Wehmut <\/span>nicht gerade, aber man f\u00fchlt sich etwas m\u00fcde wie nach einer langen <span class=\"s1\">Velotour, <\/span>die anstrengend, aber auch sch\u00f6n und bereichernd <span class=\"s2\">war. <\/span>Zugleich bin ich mit dem <span class=\"s2\">Er<\/span>reichten sehr zufrieden. Die Entwicklung eines Lehrmittels ist ja immer <span class=\"s1\">Teamwork <\/span>und ohne dieses <span class=\"s1\">Team, <\/span>vor allem auch in der Zusammenarbeit mit Werner Senn, w\u00fcrde heute nicht dieses Produkt in einer solchen sprachdidaktischen Qualit\u00e4t vorliegen.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>14 Jahre sind eine lange Zeit. Wie hast du diesen Entwicklungsprozess pers\u00f6nlich erlebt?<br \/>\n<\/b>Wenn man 14 Jahre an einem Lehrmittel arbeitet, dann komplementiert man sich auch als Deutschdidaktiker. Mein Blick auf Unterricht und vor allem auch auf die Funktion von Lehrmitteln im Lehrprozess hat sich in dieser Zeit ver\u00e4ndert.<br \/>\nMan erf\u00e4hrt auch die Grenzen eines Lehrmittels, denn es hat nicht alles Platz und es l\u00e4sst sich nicht alles auf Papier bringen, was f\u00fcr das Fach wichtig ist. Da muss man immer wieder realistisch sein und sich von gewissen Ideen auch verabschieden, die in einem Lehrmittel nicht sinnvoll umzusetzen sind. Dies gelingt nur durch einen intensiven Diskurs in einem heterogenen Team. Erst im Diskurs mit den Autorinnen und Autoren, den Redaktorinnen, den fachdidaktischen KollegInnen lassen sich L\u00f6sungen finden.<br \/>\nDieser Prozess war nat\u00fcrlich nicht immer reibungsfrei, denn nicht nur Werner und ich hatten unseren eigenen Kopf (l\u00e4chelt).<\/p>\n<p class=\"p6\"><b>W\u00fcrdest du r\u00fcckblickend etwas anders machen?<br \/>\n<\/b>Ja, sicher nicht grunds\u00e4tzlich, aber im Detail schon. Wenn ich aus der heutigen Perspektive zum Beispiel Band 4 betrachte, den wir zuerst erarbeitet haben, dann w\u00fcrde ich die Aufgaben zum Teil pr\u00e4ziser konstruieren. Die Aufgaben sind teilweise noch etwas diffus in Lernschritte gegliedert, die Texte sind ebenfalls zum Teil noch zu wenig gut situiert und manchmal auch zu schwierig.<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Was zeichnet die Sprachstarken unter einer Sprachlernperspektive besonders aus?<br \/>\n<\/b>Was die Sprachstarken besonders auszeichnet, sind die kleinschrittig strukturierten Aufgaben, die so das Sprachlernen in kognitiv sinnvolle und lernpsychologisch angemessene Schritte strukturieren. Wir unterst\u00fctzen damit den Ansatz von Cognitive-Apprenticeship, der sich als ausgesprochen effektiv f\u00fcr formelles Lernen, wie es in der Schule stattfindet, erwiesen hat.<\/p>\n<p class=\"p11\"><b>Was bedeutet \u00abCognitiv Apprenticeship\u00bb in Bezug auf ein Lehrmittel?<br \/>\n<\/b>Durch die ausformulierten Aufgaben im Sprachbuch und Arbeitsheft geben wir den Lehrpersonen eine Orientierung f\u00fcr das sog. \u00abModeling\u00bb (Vormachen und lautes Denken) an die Hand. Die daran anschliessenden Phasen \u00abCoaching\u00bb und \u00abScaffolding\u00bb k\u00f6nnen durch ein Lehrmittel im Sinne der <span class=\"s1\">didakti<\/span>schen Strukturierung des Lernens mit Aufgaben und Materialien vorstrukturiert werden, umsetzen kann das aber nur eine Lehrperson in der direkten Lehr-Lern-Interaktion im Unterricht. <span class=\"s1\">Wir <\/span>haben das Lehrmittel auch so angelegt, dass die Lernenden dazu angeregt werden, ihre Gedanken, Ideen und L\u00f6sungen wiederzugeben, beispielsweise indem sie vieles im Arbeitsheft festhalten m\u00fcssen. Das f\u00fchrt dann immer wieder auch zur kooperativen Bearbeitung von Aufgaben. Und schliesslich regen wir mit den vielen Selbstbeurteilung auch die Reflexion \u00fcber L\u00f6sungen und Strategien im Austausch mit anderen an.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>F\u00fchlen sich erfahrene Lehrpersonen durch diese hohe Strukturierung nicht in ihrer Lehrfreiheit eingeschr\u00e4nkt?<\/b><b><\/b>Interessanterweise nicht. Offenbar erkennen gerade erfahrene Lehrpersonen das Potenzial der hohen und sprachdidaktisch durchdachten Strukturiertheit f\u00fcrs Lernen. Sie f\u00fchlen sich in ihrem Unterrichten durch die Ausdifferenzierung und Ausformulierung der Aufgaben unterst\u00fctzt. Was jedoch manchmal ein Problem zu sein scheint: Einige Lehrpersonen gehen davon aus, dass die Aufgaben, gerade weil sie so klar anleiten, selbstst\u00e4ndig gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Das ist\u00a0aber ein Missverst\u00e4ndnis: Die Aufgaben im Sprachbuch und im Arbeitsheft sind als Skripte f\u00fcr die Lehrperson gedacht. Das heisst: Die Auftr\u00e4ge m\u00fcssen von ihr vorgelesen, kommentiert und in bew\u00e4ltigbare Portionen zerlegt werden. Im Verlauf der Bearbeitung k\u00f6nnen dann die Lernenden aber<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>immer<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>wieder<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>auf<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>einen Aufgabenschritt hingewiesen werden: \u00abLies nochmals die Aufgabe 3b\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Was war f\u00fcr dich die Motivation, in einem solch umfangreichen Lehrmittelprojekt mitzutun?<br \/>\n<\/b><b><\/b>F\u00fcr jemanden wie mich, dem das schulische Lernen am Herzen liegt, ist es ein Gl\u00fcck, dass ich auf diese Art und Weise den Deutschunterricht mitpr\u00e4gen kann. Als Dozent f\u00fcr Deutschdidaktik habe ich meinen Studierenden immer gesagt, wie Deutschunterricht gehen soll, jetzt habe ich die Konkretisierung und Illustration f\u00fcr eher abstrakte sprachdidaktische Konzepte.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Welches waren lehrmitteltechnisch gesehen die Knackn\u00fcsse?<br \/>\n<\/b><b><\/b>Das Fach Deutsch ist ein Fach mit einem hohen Anteil an M\u00fcndlichkeit. Das Problem war: Wie bringen wir das aufs Papier? Wir haben den Weg der Metakognition gew\u00e4hlt, das heisst, wir leiten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler an, \u00fcber Gespr\u00e4che und Gespr\u00e4chsregeln nachzudenken. Anders kann man das in einem papierenen Lehrmittel kaum machen. Ich bin gespannt, wie neue Lehrmittel, insbesondere mit der M\u00f6glichkeit der digitalen Medien, diese Aufgabe l\u00f6sen werden.<\/p>\n<p class=\"p5\"><b>Das ist ja eine gewaltige Materialf\u00fclle, die da vorliegt. Wie haben die Lehrpersonen auf das neue Lehrmittel reagiert?<br \/>\n<\/b><b><\/b><span class=\"s1\">Ja, <\/span>das Lehrmittel ist reich an Materialien und manchmal scheint es fast zu viel \u2013 aber wenn man den Lehrpersonen auch die M\u00f6glichkeit der Auswahl, des Abwechselns bieten will, braucht es eine gewisse F\u00fclle. Gleichzeitig lassen wir sie ja nicht allein mit dem Material, sondern bieten ihnen eine Strukturierungshilfe f\u00fcr den Unterricht an. <span class=\"s1\">Wir <\/span>m\u00f6chten vor allem den BerufseinsteigerInnen mit diesem Lehrmittel eine Hilfe f\u00fcrs Sprachlehren bieten, indem wir ihnen so viel vorgeben, dass sie gut durch ihre ersten Jahre im Deutschunterricht gef\u00fchrt werden und sich ihr <span class=\"s2\">Vor- <\/span>und Nachbereitungsaufwand in bew\u00e4ltigbaren Grenzen h\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"p6\"><b>Erfordert ein solch umfangreiches und auch komplexes Lehrmittel nicht eine zu hohe Einarbeitungszeit?<br \/>\n<\/b><b><\/b>Das glaub ich nicht. Einige Kapitel lassen sich mit wenig Aufwand direkt im Unterricht einsetzen. Aber das heisst nat\u00fcrlich nicht, dass der Umgang mit dem Lehrmittel keine Einarbeitung erfordert. Wie f\u00fcr jedes Werkzeug, und ein Lehrmittel ist f\u00fcr mich ein Werkzeug f\u00fcr das Unterrichten, gilt: Je besser ich weiss, wie das Werkzeug funktioniert, wie es zu gebrauchen ist, wof\u00fcr man besser ein anderes w\u00e4hlt, um so besser kann ich es f\u00fcr meine Arbeit nutzen.<br \/>\nWerkzeug werden mit zunehmender Erfahrungen in ihrer Handhabung immer n\u00fctzlicher. Das gilt auch f\u00fcr Lehrmittel: Die Wirkung der Sprachstarken auf das Sprachlernen der Sch\u00fclerInnen nimmt mit zunehmender Erfahrung der Lehrpersonen im Umgang mit dem Lehrmittel zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p7\">Die Sprachstarken sind ein stufen\u00fcbergreifendes Sprachlehrmittel, welches die Kinder der gesamten Volksschule in ihrem Sprachlernen unterst\u00fctzt. Es ist curricular entsprechend dem Lehrplan 21 aufgebaut und f\u00f6rdert in einer ganzheitlichen Form die Sprachkompetenzen in allen Sprachbereichen.<br \/>\n2016 wurde das Lehrmittel mit dem Worlddidac Award ausgezeichnet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7234 alignleft\" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Thomas_Lindauer.jpg\" alt=\"\" width=\"102\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\"><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a> ist Leiter des Zentrums Lesen, Sprachwissenschaftler und Sprachdidaktiker. Er hat die schweizerischen Bildungsstandards f\u00fcr Schulsprache sowie den Deutschschweizer Lehrplan 21 mitentwickelt. Er ist sprachdidaktischer Leiter des Sprachlehrmittels \u00abDie Sprachstarken 2\u20139\u00bb und Leiter verschiedener Forschungs- und Entwicklungsprojekte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abMan erf\u00e4hrt auch die Grenzen eines Lehrmittels, denn es hat nicht alles Platz und es l\u00e4sst sich nicht alles auf Papier bringen,\u00a0was f\u00fcr das Fach wichtig ist.\u00bb Seit diesem Sommer ist die Entwicklungsarbeit am Deutschlehrmittel \u00abDie Sprachstarken 2\u20139\u00bb abgeschlossen. 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