{"id":7244,"date":"2016-01-01T22:12:17","date_gmt":"2016-01-01T21:12:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7244"},"modified":"2019-07-31T13:35:59","modified_gmt":"2019-07-31T11:35:59","slug":"rs_30_2016_vom-umgang-mit-helvetismen-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_30_2016_vom-umgang-mit-helvetismen-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Vom Umgang mit Helvetismen in der Schule"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><b>Vielen Sprachverwenderinnen scheint aber d<\/b><b>er Unterschied zwischen Dialekt und Standardsprache nicht (immer) klar zu sein, und auch in der Schule f\u00fchrt der Umgang mit Helvetismen und ihre Verwendung immer\u00a0<\/b><b>wieder zu Verunsicherung.<\/b><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/stefanie-wyss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stefanie Wyss<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Die Feststellung, dass die deutsche Sprache in Deutschland, \u00d6sterreich und in der Schweiz nicht die genau gleiche ist, stellt keine bahnbrechende Erkenntnis dar. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen deutschen Sprachen geben aber immer wieder Anlass zu leidenschaftlichen Diskussionen u.a. in den Medien: Als zum Beispiel der Grossverteiler Coop zu Beginn der Grillsaison verk\u00fcndete, dass die SchweizerInnen von nun an <i>grillen <\/i>k\u00f6nnten, f\u00fcllten sich die Kommentarspalten von Onlineportalen mit Posts von entr\u00fcsteten LeserInnen, denn in der Schweiz werde schliesslich nicht <i>gegrillt<\/i>, sondern <i>grilliert<\/i>.<sup>1\u00a0<\/sup>Auch die Migros nannte in einer ihrer Kampagnen den Z\u00fcrichsee f\u00e4lschlicherweise <i>Z\u00fcrichersee<\/i><sup>2<\/sup><i><\/i><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>und setzte sich damit ins sprachliche Fettn\u00e4pfchen.<\/p>\n<p class=\"p1\"><i>Grilliert <\/i>ist ein sogenannter \u00ablexikalischer Helvetismus\u00bb; diese sind charakteristisch f\u00fcr die Schweizer Standardsprache. Dass heute auch diese Sprache als Standard des Deutschen betrachtet wird, ist Resultat eines langen Umdenkprozesses: Lange Zeit wurde geglaubt, dass das \u00abeinzig wahre Deutsch\u00bb in Deutschland gesprochen und geschrieben werde. Dieses wurde in der Region Hannover verortet. Die verschiedenen Formen des Deutsch in \u00d6sterreich und in der Schweiz wurden als dialektal oder schlicht als falsch betrachtet. Insbesondere in der Schule wurden und werden Schweizer (Standard-) W\u00f6rter als falsch angestrichen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Das Deutsche ist \u2013 \u00e4hnlich wie Portugiesisch in Portugal und Brasilien oder das Englische in den USA und England oder Australien \u2013 eine plurizentrische Sprache (vgl. Infobox). Die Perspektive, dass auch Deutsch eine plurizentrische Sprache ist, hat sich in Fachkreisen durchgesetzt; vielen SprachverwenderInnen scheint aber der Unterschied zwischen Dialekt und Standardsprache nicht (immer) klar zu sein, und auch in der Schule f\u00fchrt der Umgang mit Helvetismen und ihre Verwendung immer wieder zu Verunsicherung.<\/p>\n<p class=\"p5\"><b>Was sind Helvetismen?<\/b><\/p>\n<p class=\"p6\">Helvetismen sind keine Dialektw\u00f6rter, sondern W\u00f6rter aus dem Wortschatz der Schweizer Standardsprache: Diese Standardsprache wird in der \u00f6ffentlichen, nicht-dialektalen Kommunikation verwendet. So unterscheidet die Sprachwissenschaft verschiedene Typen von Helvetismen:<\/p>\n<p class=\"p7\"><i>Lexikalische Helvetismen: <\/i>Meist wird \u2013 wie in den obigen Beispielen gezeigt \u2013 von den lexikalischen Varianten gesprochen. Diese sind wohl die bekanntesten. Zu diesen geh\u00f6ren auch fremdsprachliche Entlehnungen aus dem Franz\u00f6sischen und Englischen.<\/p>\n<p class=\"p8\"><i>Pragmatische Helvetismen: <\/i>Ammon (1995: 281) nennt als Beispiel f\u00fcr einen pragmatischen Helvetismus, dass es in der (Deutsch-) Schweiz \u00fcblich sei, den\/die Gespr\u00e4chspartnerIn ausreden zu lassen. Zudem nennt er die unterschiedliche Verwendung von \u00abDeziliter\u00bb als pragmatischen Helvetismus: So werde in Deutschland \u00abDeziliter\u00bb nur in der \u00abnaturwissenschaftlichen Fachsprache\u00bb verwendet, aber in der Schweiz sei ist es auch \u00fcblich, Getr\u00e4nke mit \u00abDeziliter\u00bb zu beschriften.<\/p>\n<p class=\"p8\"><i>Orthografische Helvetismen: <\/i>Ein f\u00fcr Deutsche und \u00d6sterreicherInnen besonders auff\u00e4lliger orthografischer Helvetismus ist die \u2039ss\u203a-Schreibung (Gr\u00fcsse vs. Gr\u00fc\u00dfe) sowie die Beibehaltung der fremdsprachlichen Schreibweise (Friseur vs. Fris\u00f6r).<\/p>\n<p class=\"p11\"><i>Grammatikalische Helvetismen: <\/i>Syntaktische Helvetismen treten bei Kasus, Pr\u00e4positionen und bei der Wortstellung auf. Zudem gibt es im Schweizer Standard Nebens\u00e4tze mit Verb-Erst-Stellung wie beispielsweise bei <i>Schade, bist du nicht fr\u00fcher eingetroffen <\/i>sowie die Vorfeld-Besetzung von gewissen Adverbien zum Beispiel bei <i>bereits<\/i>. Weitere grammatikalische Helvetismen gibt es bei der Numerus- und Genusmarkierung wie \u00abdas Tram\u00bb, \u00abdas Mail\u00bb, die in Deutschland und \u00d6sterreich als Feminina gebraucht werden.<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><b>Umgang mit Helvetismen in der Schule <\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><b><\/b>Die Schule muss den Sch\u00fclerInnen ein korrektes Standarddeutsch beibringen. Dabei sollte sie sich nicht nur an der deutschen, sondern auch an der Schweizer Standardsprache orientieren und einen reflektierten Umgang mit Helvetismen vermitteln: Wenn beispielweise MaturandInnen in der Pr\u00e4sentation der Maturaarbeit<sup>3\u00a0<\/sup><span class=\"s2\">\u00a0<\/span>einen Punkteabzug erhalten, wenn \u00abHelvetismen oder andere Slangausdr\u00fccke st\u00f6ren resp. [\u2026] pr\u00e4zise Formulierungen ersetzen\u00bb, dann zeigt sich ein zu eingeschr\u00e4nktes Verst\u00e4ndnis von Helvetismen: Helvetismen sind gerade keine Slangausdr\u00fccke oder gar unpr\u00e4zis. Und im Berner Gymnasiallehrplan wird zwar f\u00fcr das neunte Schuljahr im Grundlagenfach Deutsch als Grobziel verlangt: \u00abSie [die Sch\u00fclerInnen,\u00a0S.W.] sprechen korrekt Schweizer Standarddeutsch.\u00bb Paradoxerweise soll das Ziel jedoch durch die Aufforderung: \u00abHelvetismen erkennen und \u00fcberwinden\u00bb erreicht werden. Hier zeigt sich, dass Helvetismen vielerorts immer noch als nicht-korrektes Deutsch betrachtet werden. Und auch in Lehrmitteln f\u00fcr die Oberstufe finden sich \u00dcbungen, in welchen die Sch\u00fclerInnen beispielsweise aufgefordert werden, Helvetismen wie \u00abparkieren\u00bb, \u00abAbfallk\u00fcbel\u00bb oder \u00abTram\u00bb ins Hochdeutsche zu \u00fcbersetzen.<sup>4<\/sup><span class=\"s1\">\u00a0<\/span>Inzwischen w\u00e4chst jedoch das Bewusstsein f\u00fcr Helvetismen und neuere Lehrmittel nehmen das Thema auch zum Anlass, \u00fcber die verschiedenen deutschen Standardsprachen zu informieren und Schweizer Besonderheiten zu reflektieren wie beispielsweise im Lehrmittel \u00abDie Sprachstarken\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p1\">Der Umgang mit Helvetismen in der Schule h\u00e4ngt stark von der Einstellung und dem Wissen einer Lehrperson \u00fcber den Status der Schweizer Standardsprache ab. Untersuchungen haben gezeigt, dass Teutonismen (bundesdeutsche Varianten) von Schweizer Lehrpersonen am meisten akzeptiert werden, Helvetismen am wenigsten (Ammon 1995: 441). Dieser Befund deutet darauf hin, dass Deutschschweizer Lehrpersonen gegen\u00fcber ihrer eigenen Variet\u00e4t eher ablehnend eingestellt sind. Dies hat auch Auswirkungen auf die Notengebung, denn nationale Varianten k\u00f6nnen sich beispielsweise \u00abung\u00fcnstig\u00bb auf eine Aufsatznote auswirken (ebd.: 444). Doch gerade bei der Korrektur von Sch\u00fclertexten sollte sorgf\u00e4ltig darauf geachtet werden, dass man nicht die in Deutschland gepflegte Standardvariante \u00fcberbewertet. Vielmehr gilt es den Sch\u00fclerInnen zu vermitteln, dass die deutsche Standardsprache in den einzelnen deutschsprachigen L\u00e4ndern unterschiedliche Merkmale hat, die oft auch aus dem jeweiligen Dialekt gespiesen (auch ein Helvetismus) werden, wobei der gr\u00f6sste Teil der Standardsprache in allen L\u00e4ndern gleich ist. Die DeutschweizerInnen geh\u00f6ren<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>zum<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>deutschsprachigen<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Kulturraum, in dem sie mit anderen sprachlich viel gemeinsam haben, sich aber doch mit ihrem Standarddeutsch<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0 <\/span>von<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0 <\/span>vielen<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 \u00a0 <\/span>anderen Deutschsprechenden unterscheiden und so eine eigene sprachliche Identit\u00e4t haben. Diesen reflektierten und selbstbewussten Umgang<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>mit<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>dem<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Schweizer<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Standarddeutsch gilt es auch in der Schule zu vermitteln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter einer plurizentrischen Sprache wird eine Sprache verstanden, die in lokal unterschiedlichen Zentren \u2013 z. B. Deutsch- land, \u00d6sterreich und die Schweiz \u2013 geschrieben bzw. gesprochen wird. Diese dort verwendeten Sprachen werden als Variet\u00e4ten des Deutschen bezeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1\u00a0<\/sup><a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/news\/story\/Coop-grillt--Sprachpuristen-kochen-25897943\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/news\/story\/Coop-grillt&#8211;Sprachpuristen-kochen-25897943<\/a>.<\/p>\n<p><sup>2\u00a0<\/sup><a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/zuerich\/story\/Migros-Regio-Label-wirbt-mit--Zuerichersee--24765861\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.20min.ch\/schweiz\/zuerich\/story\/24765861.<\/a><\/p>\n<p><sup>3\u00a0<\/sup><a href=\"https:\/\/gymlaufen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Muendliche_Praesentationen_Notenskala.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.gymlaufen.ch\/fileadmin\/pdf\/was\/matura- arbeiten\/muendliche-praesen-tationen-skala.pdf<\/a><\/p>\n<p><sup>4\u00a0<\/sup>Alex Bieli und Ruedi Fricker (2011<span class=\"s1\">3<\/span>): Deutsch Kompaktwissen. Band 2. Textsorten und Stilistik. hep: Bern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Ammon, Ulrich (1995): Die deutsche Sprache in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Variet\u00e4ten. De Gruyter: Berlin.<\/p>\n<p class=\"p4\">Wicki, Marco (2012): Gibt es ein Schweizer Standarddeutsch? Pro und Contra. In: Stolz, Michael\/Sch\u00f6ller, Robert: Germanistik in der Schweiz. Zeitschrift der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft f\u00fcr Germanistik. 9 (2012). 35\u201355.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7245 alignleft\" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Stefanie_Wyss.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"162\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\"><a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/stefanie-wyss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stefanie Wyss<\/a> ist wissenschaftliche Assistentin am Zentrum Lesen. Sie hat sich in ihrer Masterarbeit an der Universit\u00e4t Bern mit der Verwendung von Helvetismen in der Wissen- schaftssprache auseinander- gesetzt. Zurzeit arbeitet sie im Forschungsprojekt \u00abBasale Schreibfertigkeiten f\u00f6rdern (BASCH)\u00bb und schreibt an ihrer Dissertation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielen Sprachverwenderinnen scheint aber der Unterschied zwischen Dialekt und Standardsprache nicht (immer) klar zu sein, und auch in der Schule f\u00fchrt der Umgang mit Helvetismen und ihre Verwendung immer\u00a0wieder zu Verunsicherung. von Stefanie Wyss Die Feststellung, dass die deutsche Sprache in Deutschland, \u00d6sterreich und in der Schweiz nicht die genau gleiche ist, stellt keine bahnbrechende [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":7167,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"iawp_total_views":203,"footnotes":""},"categories":[229,230,207,228],"tags":[],"coauthors":[232],"class_list":["post-7244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praxisbeitraege","category-fragen_fakten","category-zl_publikationen","category-zl-rundschreiben"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7244"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7486,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7244\/revisions\/7486"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7167"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7244"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=7244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}