{"id":7266,"date":"2012-10-01T09:18:10","date_gmt":"2012-10-01T07:18:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7266"},"modified":"2019-08-05T12:23:11","modified_gmt":"2019-08-05T10:23:11","slug":"rs_23_2012_die-aufgabe-als-bruecke-zur-sprachlichen-leistung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_23_2012_die-aufgabe-als-bruecke-zur-sprachlichen-leistung\/","title":{"rendered":"Die Aufgabe als Br\u00fccke zur sprachlichen Leistung"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Aufgaben k\u00f6nnen verstanden werden als Br\u00fccken, die Lernende zu bestimmten Leistungen f\u00fchren. In der Aufgabenstellung kristallisieren sich also die wesentlichen Merkmale des Sprachlernprozesses. Deshalb h\u00e4ngt guter Deutschunterricht stark von der Qualit\u00e4t der Sprachlernaufgaben ab. Doch was sind gute Aufgaben f\u00fcr den Deutschunterricht? Im Folgenden soll am Beispiel von\u00a0Schreibaufgaben diese Frage gekl\u00e4rt werden.<\/strong><\/p>\n<p>von Werner Senn, PH Luzern<\/p>\n<p class=\"p1\">Es ist sinnvoll, zuerst zu kl\u00e4ren, in welchem Kontext und mit welcher Funktion eine Aufgabe eingesetzt werden soll. Jede Sprach<i>lern<\/i>aufgabe beispielsweise fokussiert einerseits einen bestimmten Sprachprozess und will ein entsprechendes Sprachprodukt herstellen, sie regt also z. B. den Schreibprozess an, der zu einer Abenteuergeschichte f\u00fchrt. Auf der andern Seite will die Aufgabe auch einen Lernprozess einleiten, wie beispielsweise den Aufbau von bestimmten Schreibstrategien zur Ideenfindung beim Schreiben. Soll die Aufgabe diese beiden Seiten gleichermassen beachten, handelt es sich um eine <i>Lernaufgabe. <\/i>Die Aufgabenstellung einer Lernaufgabe situiert das Lernen und den Sprachprozess, d. h. sie bettet die Sprachhandlung in einen \u00abSinn\u00bb-vollen Kontext ein, damit die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler beispielsweise wissen, warum sie schreiben, f\u00fcr wen sie schreiben und was mit ihren Abenteuergeschichten geschieht. Sie regt und leitet zudem einen Lernprozess an, indem sie aufzeigt, wie beispielsweise die Cluster-Methode zur Ideenfindung beim Schreiben eingesetzt werden kann. Konzentriert sich ein Teil der Aufgabe auf eine <i>Fertigkeit <\/i>des Schreibens, handelt es sich um eine <i>Trainingsaufgabe. <\/i>Diese muss dann konzis auf die zu \u00fcbende T\u00e4tigkeit ausgerichtet sein undTrainingsfortschritte sichtbar machen. Soll also z. B. das Erstellen eines Ideennetzes wirkungsvoll trainiert werden, muss die Aufgabe so beschaffen sein, dass sie innerhalb von kurzer Zeit diese Methode mehrmals verlangt. Schreibwerkstattideen wie beispielsweise diejenigen von Schriftsteller Emil Zopfi sind dazu gut geeignet (vgl. Zopfi &amp; Zopfi 2001).<\/p>\n<p class=\"p2\">Von diesen Aufgaben im Lernkontext sind die Aufgaben im Pr\u00fcfkontext klar abzugrenzen. Wird eine Schreibaufgabe zur Lern<i>kontrolle <\/i>eingesetzt, also um eine Leistung zu \u00fcberpr\u00fcfen und den Lernstand sichtbar zu machen, ver\u00e4ndert sich f\u00fcr den Sch\u00fcler oder die Sch\u00fclerin die Situation vollst\u00e4ndig. Konnten im Lernkontext positive und negative Erfahrungen gesammelt und als Erkenntnismittel eingesetzt werden, ist dies im Pr\u00fcfkontext nicht mehr so. Aus Fehlern kann in dieser Situation nicht mehr gelernt werden, denn jede Sch\u00fclerin und jeder Sch\u00fcler wird alles daran setzen, Fehler zu vermeiden, da diese beurteilungsrelevant werden. Mit Pr\u00fcfaufgaben Lernentwicklungen anstossen zu wollen, ist daher nicht sinnvoll.<br \/>\nZusammenfassend kann deshalb festgestellt werden, (1) dass gute Aufgaben die beiden Funktionen Pr\u00fcfen und Lernen klar auseinanderhalten, (2) dass Aufgaben im Lernkontext die Sprachhandlung sinnvoll einbetten und (3) den Sprachlernprozess anregen, anleiten und unterst\u00fctzen. Insofern stellt die Aufgabe die Br\u00fccke zur sprachlichen Leistung dar.<br \/>\nMit dem dritten Punkt wird aber noch ein zus\u00e4tzlicher Aspekt von guten Aufgaben angesprochen: Aufgaben haben auch eine <i>motivationale <\/i>Funktion. Sie m\u00fcssen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler anregen, \u00fcber diese Br\u00fccke zu gehen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Lernaufgaben.<\/p>\n<p class=\"p1\">Was sind nun aber anregende Aufgaben im Deutschunterricht, welche Merkmale hat, unter motivationalen Aspekten betrachtet, eine gute Aufgabenstellung?<br \/>\nAnregende Aufgaben stellen (1) eine angemessene Herausforderung dar und \u00f6ffnen (2) einen Handlungsspielraum, in dem man selbstbestimmt, interessengeleitet und selbstwirksam handeln kann.<br \/>\nAm Beispiel einer Schreibwelt l\u00e4sst sich dies gut illustrieren.<\/p>\n<p class=\"p9\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7267 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schatzkarte.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schatzkarte.jpg 981w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schatzkarte-300x211.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schatzkarte-768x540.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">Abbildung 1: Schreibwelt \u00abDie geheimnisvolle Schatzinsel\u00bb (Die Sprachstarken, Bd. 3, S. 38\u201339)<\/span><\/p>\n<p class=\"p9\">In dieser Schreibwelt begeben sich die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auf Schatzsuche. Sie befinden sich in einem Feriencamp und finden eine Schatzkarte. Um den Schatz zu finden, w\u00e4hlen sie jeweils einen der eingezeichneten\u00a0Wege und treffen sich jeden Abend am angegebenen Schlafplatz, um ihre Abenteuer auszutauschen. Sie ziehen f\u00fcr jeden Tag eine Ereigniskarte, die ein Erlebnis vorbestimmt. Nach dem dritten Tag sind sie beim Schatz angelangt. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler schreiben nun jeweils ihre Erlebnisse auf, damit sie einander ihre Abenteuergeschichten am Lagerfeuer vorlesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Diese Aufgabenstellung situiert das Schreiben. Wenn die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sich in die Fantasiewelt hineinbegeben, wird das Schreiben der Geschichten f\u00fcr sie sinnvoll, da diese am Lagerfeuer vorgelesen werden. Die Aufgabe stellt eine Mischung von Zufall (Ereigniskarten, die sie in ihre Geschichte einbauen m\u00fcssen) und Selbstbestimmung (Wahl des Wegs) dar. Das Schreiben ist in klare Etappen aufgeteilt, die jeweils in einen Austausch m\u00fcnden, wodurch die kommunikative Ausrichtung der Geschichten f\u00fcr alle klar ist. Dadurch stellt die Schreibaufgabe f\u00fcr die Schreibenden eine \u00fcberschaubare Herausforderung dar. Sie schreiben im Rahmen dieser Schreibwelt drei \u00e4hnliche und doch unterschiedliche Geschichten, k\u00f6nnen also dadurch ihre Erfahrungen jeweils beim n\u00e4chsten Schreiben einfliessen lassen. Deshalb schaffen es die meisten Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in diesem Unterrichtsarrangement auch, von einem Text zum andern sichtbare Fortschritte zu erzielen: Ihre Geschichten werden meist l\u00e4nger und reichhaltiger. Auf die Aufgabe zugeschnittene Kriterienraster und Karteikarten (vgl. Abb. 2) helfen ihnen, die einzelnen Herausforderungen des Schreibens zu meistern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7268 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sprachstarken.jpg\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sprachstarken.jpg 981w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sprachstarken-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/sprachstarken-768x543.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">Abbildung 2: Karteikarte Ideen-Netz (Die Sprachstarken 2\u20133, Karteikarte 1.1)<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Schreibaufgaben, die auf diese Art konstruiert sind, regen an, interessegeleitet zu schreiben, sie unterst\u00fctzen aber auch beim Schreiben, indem sie einzelne Schreibstrategien anleiten und aufzeigen, wie eine gute Abenteuergeschichte aufgebaut sein soll.<br \/>\nWichtig ist nun, dass im Rahmen dieses Unterrichtsarrangements auch gekl\u00e4rt ist, ob und welche Texte von der Lehrperson beurteilt und benotet werden. Eine sinnvolle Vorgabe w\u00e4re beispielsweise: \u00abSchreib mindestens drei Geschichten und lies sie den andern am Lagerfeuer vor. W\u00e4hl deine beste Geschichte aus, \u00fcberarbeite sie anschliessend genau. Diese Geschichte wird nach den Kriterien des Beurteilungsrasters beurteilt und benotet.\u00bb Das Beurteilungsraster ist ebenfalls Teil der Schreibumgebung. W\u00e4hrend die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler in der Schreibwelt arbeiten, werden sie mit dem Raster vertraut gemacht, sodass sie die Beurteilungskriterien kennen lernen.<\/p>\n<p class=\"p3\">Diese Kl\u00e4rung zeigt auf, welche Teile der Schreibwelt im Lernkontext und welche unter Pr\u00fcfbedingungen stattfinden. So k\u00f6nnen die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler frei fabulieren und in die Schreibwelt versinken, sie k\u00f6nnen zudem einen Text selbstbestimmt ausw\u00e4hlen. Sie haben Freiraum und trotzdem klare Bedingungen f\u00fcr die Beurteilungssituation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Zopfi, Christa und Zopfi, Emil (2001): Leichter im Text \u2013 ein Schreibtraining. Bern: Zytglogge.<br \/>\nGysin-Ronner, Sonja; Leuthard, Sabine; N\u00e4nny, Stephan; Schmellentin, Claudia; Sturm, Afra und Wietlisbach, Mary (2009): Die Sprachstarken 3. Deutsch f\u00fcr die Primarschule. Sprachbuch. Zug: Klett und Balmer Verlag. Projektleitung: Thomas Lindauer und Werner Senn.<br \/>\nGysin-Ronner, Sonja; Leuthard, Sabine; <span class=\"s1\">N\u00e4nny, <\/span>Stephan und Wietlisbach, Mary (2010): Die Sprachstarken 2\u20133. Deutsch f\u00fcr die Primarschule. Karteikarten f\u00fcr den differenzierenden Unterricht. Zug: Klett und Balmer Verlag.<br \/>\nProjektleitung: Thomas Lindauer und Werner Senn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgaben k\u00f6nnen verstanden werden als Br\u00fccken, die Lernende zu bestimmten Leistungen f\u00fchren. In der Aufgabenstellung kristallisieren sich also die wesentlichen Merkmale des Sprachlernprozesses. Deshalb h\u00e4ngt guter Deutschunterricht stark von der Qualit\u00e4t der Sprachlernaufgaben ab. Doch was sind gute Aufgaben f\u00fcr den Deutschunterricht? 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