{"id":7271,"date":"2012-10-01T09:54:36","date_gmt":"2012-10-01T07:54:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7271"},"modified":"2019-08-05T12:25:30","modified_gmt":"2019-08-05T10:25:30","slug":"rs_23_2012_ich-sehe-was-was-du-noch-nicht-siehst-relevantes-in-texten-erkennen-helfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_23_2012_ich-sehe-was-was-du-noch-nicht-siehst-relevantes-in-texten-erkennen-helfen\/","title":{"rendered":"Ich sehe was, was du (noch) nicht siehst: Relevantes in Texten erkennen helfen"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Einmal angenommen, Sie erhalten einen 350 W\u00f6rter langen Text, dessen Anfang so aussieht wie der folgende. Diesen Text sollen Sie in maximal 60 W\u00f6rtern zusammenfassen und zus\u00e4tzlich die f\u00fcnf f\u00fcr Sie wichtigsten S\u00e4tze unterstreichen. Welche S\u00e4tze w\u00fcrden Sie w\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.phtg.ch\/hochschule\/menschen\/seite-detailansicht\/person\/katharina-kirchhofer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Katharina Kirchhofer<\/a>, Martin Br\u00e4ndli und <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/maik.philipp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maik Philipp<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7272 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Aufgabe-847x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"404\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Aufgabe-847x1024.jpg 847w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Aufgabe-248x300.jpg 248w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Aufgabe-768x929.jpg 768w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Aufgabe.jpg 1041w\" sizes=\"auto, (max-width: 404px) 100vw, 404px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">(Quelle: Winograd 1984, S. 411)<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Die eben gestellte Aufgabe sollten sowohl gut als auch schwach lesende Jugendliche achter Klassen in einer Studie l\u00f6sen. Gut lesende Jugendliche w\u00e4hlten \u00fcberwiegend Satz 1, die schw\u00e4cheren Leser die S\u00e4tze 4, 5, 12 und 13. Die letztgenannten S\u00e4tze sind typisch f\u00fcr die Antworten der schw\u00e4cheren Jugendlichen: Es handelt sich um S\u00e4tze mit Details. Noch problematischer aber ist der Befund, dass leseschwache Jugendliche selten Informationen aus den als wichtig erachteten S\u00e4tzen tats\u00e4chlich in ihren Zusammenfassungen verwendeten (Winograd 1984). Das Problem ist also ein doppeltes: Erstens erfolgt die Auswahl wenig zielgerichtet und zweitens schl\u00e4gt sie sich nicht in der Zusammenfassung nieder.<\/p>\n<p class=\"p6\">Das Zusammenfassen von Texten ist aber nach allem, was bekannt ist, eine der wirksamsten Lesestrategien und steigert das Textverstehen erheblich. In Studien (siehe die Metaanalyse von Souvignier &amp; Antoniou 2007) sind bei schwach lesenden Heranwachsenden durch entsprechende Interventionen Zuw\u00e4chse im Leseverstehen beobachtet worden, die rund vier Schuljahren entsprechen \u2013 oder umgerechnet zwei PISA-Kompetenzstufen. Daher ist es sinnvoll, die F\u00e4higkeit, Textinhalte analytisch zu organisieren und zu verdichten, gezielt zu schulen. Dazu, so die Leseforschung, verwenden Leserinnen und Leser eine oder mehrere der folgenden <i>Regeln<\/i>:<\/p>\n<ol class=\"ol1\">\n<li class=\"li7\">Ignoriere \u00fcberfl\u00fcssige\/triviale Informationen.<\/li>\n<li class=\"li8\">Ordne die Informationen hierarchisch.<\/li>\n<li class=\"li9\">W\u00e4hle einen Satz aus, der die zentrale Aussage eines Textteils wiedergibt.<\/li>\n<li class=\"li2\"><span class=\"s3\">Wenn <\/span>es einen solchen Satz nicht gibt, erfinde selbst einen.<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"p10\">Diese Regeln folgen einer zunehmenden Schwierigkeitsabstufung. Selbst schwache Leserinnen und Leser k\u00f6nnen \u00fcberfl\u00fcssige Informationen ausblenden (Regel a). F\u00fcr sie ist eher das Generieren von nur implizit im Text vorhandenen Kernaussagen (Regel d) ein Problem. Diese F\u00e4higkeit ist f\u00fcr das Zusammenfassen der meisten Texte essentiell.<\/p>\n<p class=\"p12\"><b>Vermittlung im Unterricht<\/b><\/p>\n<p class=\"p13\">Wie kann man das Zusammenfassen von Texten nun auch schwach lesenden Heranwachsenden beibringen? Am besten st\u00fctzt man sich auf die Prinzipien der direkten Instruktion. Dabei folgt die Lehrperson bei der Vermittlung einer bestimmten Abfolge von <i>Schritten<\/i>:<\/p>\n<ol class=\"ol2\">\n<li class=\"li2\">Erl\u00e4uterung der Ziele und Funktionen einer <span class=\"s3\">Strategie <\/span>wie dem Finden von Kernaussagen;<\/li>\n<li class=\"li14\">Vermittlung von deklarativem Strategiewissen;<\/li>\n<li class=\"li2\">Modellieren der zu erlernenden T\u00e4tigkeit;<\/li>\n<li class=\"li2\">Angeleitetes, erst allm\u00e4hlich selbstst\u00e4ndigeres <span class=\"s6\">\u00dcben <\/span>der Sch\u00fclerinnen und <span class=\"s3\">Sch\u00fcler.<\/span><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"p15\">Besonders das Modellieren des Vorgehens (3. Schritt) ist f\u00fcr leseschwache Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wichtig, da sich durch Beobachtung eine Vorstellung herausbilden kann, wann und wie Lesestrategien angewendet werden. Hierf\u00fcr ist es essentiell, dass die Lehrperson alles\u00a0verbalisiert, was beim Lesen in ihrem Geiste abl\u00e4uft. Dieses \u00ablaute Denken\u00bb erm\u00f6glicht es den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, die mentalen Aktivit\u00e4ten der Lehrperson nachzuvollziehen und sp\u00e4ter selbst\u00e4ndig umzusetzen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Wie geht man nun vor, wenn man modellieren m\u00f6chte, wie man einen Text zusammenfasst? Dies soll nachstehend anhand des Textausschnitts (siehe Kasten) f\u00fcr die oben stehenden Regeln c und d demonstriert werden. Konkret geht es darum, f\u00fcr jeden Absatz eine <i>Kernaussage <\/i>zu suchen bzw. zu generieren, um den Text auf seine wichtigsten Inhalte zu reduzieren. Eine Kernaussage setzt sich immer aus zwei Bestandteilen zusammen: Thema und Hauptinformation zum Thema. Das <i>Thema <\/i>eines Absatzes ist die Person oder die Sache, auf die sich die meisten S\u00e4tze beziehen. Die <i>Hauptinformation <\/i>ist das Wichtigste, was man zum Thema erf\u00e4hrt. In jedem Absatz finden sich verschiedene Details, die sich auf die Bestandteile Thema und Hauptinformation beziehen und somit die Kernaussage untermauern. Wenn eine Lehrperson modelliert, wie sie Kernaussagen findet, k\u00f6nnte sich das so anh\u00f6ren:<\/p>\n<p class=\"p3\">\u00abSehen wir uns zun\u00e4chst den zweiten Absatz des Textausschnitts an. Im zweiten Absatz finden sich in jedem Satz Informationen, die sich auf Slums beziehen. Das Wort \u2039Slum\u203a kommt in jedem Satz einmal vor. Wir k\u00f6nnen also davon ausgehen, dass \u2039Slums\u203a das Thema dieses Absatzes ist. Was ist nun die Hauptinformation, die wir zum Thema \u2039Slums\u203a erfahren? Es gibt lauter Informationen zu den Slums: Sie waren \u00fcberf\u00fcllt und schmutzig. Es gab Krankheiten, viel M\u00fcll, Insekten und Ratten. Das sind alles negative Ausdr\u00fccke, die die Probleme in den Slums genauer umschreiben. Wir k\u00f6nnen also sagen, dass \u2039waren ein Problem\u203a die Hauptinformation ist, die wir zum Thema \u2039Slums\u203a erfahren. Die Kernaussage k\u00f6nnte also lauten \u2039Slums waren ein Problem\u203a. Nun stellen wir fest, dass diese Aussage in einem der S\u00e4tze bereits genannt wird, n\u00e4mlich im ersten Satz des Absatzes, Satz 3.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p5\">Im Falle des zweiten Absatzes liegt ein Absatz mit expliziter Kernaussage vor, was ein eher seltener Fall ist. Die allermeisten Texte, denen man im Alltag begegnet, enthalten implizite Kernaussagen, die vom Leser selber formuliert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"p7\">Um das Vorgehen beim Generieren von impliziten Kernaussagen zu demonstrieren, ist der dritte Absatz geeignet. Hier fehlt eine explizite Kernaussage. Eine Lehrperson k\u00f6nnte nach dem Lesen Folgendes sagen, um die Schlussfolgerungen zu demonstrieren, die zur impliziten Kernaussage f\u00fchren:<br \/>\n\u00abIn den meisten S\u00e4tzen geht es um die Bauweise der H\u00e4user in den St\u00e4dten. Die Ausdr\u00fccke \u2039Geb\u00e4ude\u203a, \u2039\u00fcber Nacht\u203a, \u2039nicht gut konstruiert\u203a, \u2039dicht beieinander\u203a, \u2039Holz\u203a, \u2039hergestellt\u203a beziehen sich alle auf die Art, wie in den St\u00e4dten gebaut wurde. \u2039Die Bauweise der St\u00e4dte\u203a ist also das Thema in diesem Absatz, obwohl dieser Ausdruck an sich nirgends vorkommt.Was ist nun das Wichtigste, das ich zum Thema \u2039Bauweise der St\u00e4dte\u203a erfahre? Viele Details in diesem Absatz beziehen sich auf Br\u00e4nde: Gefahr, Feuer, herunterbrannten, schlimmsten, zerst\u00f6rt, starben, verletzt, Feuerwehrstellen. Die Hauptinformation, die ich zum Thema \u2039Bauweise der St\u00e4dte\u203a erfahre, ist also, dass sie zu Br\u00e4nden f\u00fchrte. Setze ich Thema und Hauptinformation zusammen, erhalte ich die im Absatz nicht ausformulierte Kernaussage \u2039Die Bauweise der St\u00e4dte f\u00fchrte zu Br\u00e4nden\u203a.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p7\">Genau auf diese Weise kann auch im Schulunterricht Schritt f\u00fcr Schritt modelliert werden, wie man sich Kernaussagen textbasiert erarbeiten kann. Hat man dann schliesslich zu jedem Absatz die Kernaussage gefunden oder formuliert, k\u00f6nnen diese Kernaussagen zu einer Zusammenfassung des gesamten Textes zusammengef\u00fcgt werden. Die oftmals abschreckend wirkende Aufgabe \u00abErstelle eine Zusammenfassung zu Text XY\u00bb wird so auch f\u00fcr leseschwache Jugendliche zu einer handhabbaren Aufgabe, aber nur dann, wenn sie diese F\u00e4higkeit aktiv und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit von Lehrpersonen explizit vermittelt bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p13\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Winograd, P. N. (1984): Strategic Difficulties in Summarizing Texts. In: Reading Research Quarterly. H. 4., S. 404\u2013425.<br \/>\nSouvignier, E. &amp; Antoniou, F. (2007): F\u00f6rderung des Leseverst\u00e4ndnisses bei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern mit Lernschwierigkeiten \u2013 eine Metaanalyse. In: Vierteljahresschrift f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik und ihre Nachbargebiete. H. 1, S. 46\u201362.<\/p>\n<p class=\"p1\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal angenommen, Sie erhalten einen 350 W\u00f6rter langen Text, dessen Anfang so aussieht wie der folgende. 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