{"id":7274,"date":"2011-05-01T10:07:02","date_gmt":"2011-05-01T08:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7274"},"modified":"2019-08-05T14:51:10","modified_gmt":"2019-08-05T12:51:10","slug":"rs_20_2011_zehn-jahre-pisa-ein-jahrzehnt-vermessung-der-bildungswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_20_2011_zehn-jahre-pisa-ein-jahrzehnt-vermessung-der-bildungswelt\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre PISA \u2013 ein Jahrzehnt Vermessung der Bildungswelt"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Das vergangene Jahrzehnt kann angelehnt an Daniel Kehlmanns Romantitel getrost als \u00abVermessung der Bildungswelt\u00bb bezeichnet werden. PISA und co. widmeten sich mit grossem Aufwand der Frage, wie gut Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler f\u00fcr Schule, Berufsausbildung und Anforderungen des Alltags ger\u00fcstet sind. Dazu wurden F\u00e4higkeiten in verschiedenen Dom\u00e4nen erfasst, darunter im Lesen. Die wichtigsten Befunde der inzwischen vier PISA-Studien sind Gegenstand dieses Beitrags.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/maik.philipp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Philipp Maik<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Eine kleine Frage zu Beginn<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Stellen Sie sich folgende Situation vor: Vor Ihnen liegt ein Aufgabenheft, in dem sie eine Passage aus einem Theaterst\u00fcck des ungarischen Dramatikers Ferenc Moln\u00e1r finden. In ihr sagt die Figur Turai, ein Dramatiker: \u00abEs ist \u2013 teuflisch schwer. Das Theaterst\u00fcck beginnt. Das Publikum wird ruhig. Die Schauspielerinnen und Schauspieler betreten die b\u00fchne, und die Qual beginnt. Es vergeht eine Ewigkeit, manchmal eine ganze Viertelstunde, bis die Zuschauerinnen und Zuschauer herausfinden, wer wer ist und wer was im Schilde f\u00fchrt.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p4\">Die Frage zu dem Textauszug lautet, warum f\u00fcr Turai eine Viertelstunde eine Ewigkeit sei. Vier Antworten stehen zur Verf\u00fcgung:<\/p>\n<ol class=\"ol1\">\n<li class=\"li5\">Es dauert sehr lange, bis das Publikum in einem<span class=\"s1\"> voll<\/span> besetzten Theatersaal ruhig ist.<\/li>\n<li class=\"li5\">Es scheint ewig zu dauern, bis am Anfang eines <span class=\"s5\">The<\/span>aterst\u00fccks die Situation gekl\u00e4rt ist.<\/li>\n<li class=\"li5\">Es scheint f\u00fcr einen Dramatiker immer sehr lange zu dauern, den Anfang eines Theaterst\u00fccks zu <span class=\"s3\">schreiben.<\/span><\/li>\n<li class=\"li5\">Es scheint, dass die Zeit viel langsamer vergeht, wenn in einem Theaterst\u00fcck etwas wirklich bedeutsames geschieht. (Quelle: OEcD, 2010a, <span class=\"s3\">S.<\/span> 117, 119).<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"p6\">Wie w\u00fcrden Sie antworten? Welche Antwort ist richtig? Und wie haben 15-j\u00e4hrige Jugendliche wohl darauf geantwortet? Zumindest auf die letzten beiden Fragen will dieser Beitrag eine Antwort geben, auf die zweite allerdings erst ganz am Ende.<\/p>\n<p class=\"p8\"><span class=\"s14\"><b>Was sind die wichtigsten Befunde zur Lesekompetenz? <\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p8\"><b><\/b>Die von der OEcD in Auftrag gegebene Studie \u00abProgramme for International Student Assessment\u00bb erfasst im Drei-Jahres-Zyklus die F\u00e4higkeiten von 15-J\u00e4hrigen aus verschiedenen Staaten. In jedem Turnus stand eine Dom\u00e4ne im Vordergrund; in den Jahren 2000 und 2009 handelte es sich um die Lesekompetenz. Darunter versteht man in der j\u00fcngsten PISA-Studie die \u00abF\u00e4higkeit einer Person, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen, \u00fcber sie zu reflektieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen\u00bb (OEcD, 2010a, S. 24).<\/p>\n<p class=\"p10\">PISA hat die Ergebnisse der Tests in \u00abKompetenzstufen\u00bb \u00fcbersetzt. Davon gab es in den ersten drei Studien jeweils f\u00fcnf und bei PISA 2009 sieben. PISA bezeichnet Jugendliche, die nicht die F\u00e4higkeiten auf Stufe II erzielen, als Risikogruppe. Ihr Leseverstehen sei zu gering, um an Bildungsangeboten partizipieren zu k\u00f6nnen. Aufgaben der Stufe II verlangen es, einzelne oder mehrere Informationen zu finden und lokal begrenzte Schl\u00fcsse zu ziehen (OEcD, 2010a, S. 58). Es sind also basal zu nennende F\u00e4higkeiten im Lesen, die als Grundlage f\u00fcr ein umfassenderes Textverstehen gelten. Die Eingangsfrage zum ungarischen Theaterst\u00fcck misst diese F\u00e4higkeit.<\/p>\n<p class=\"p11\">Wenn man einen Blick auf die tabellarische Gegen\u00fcberstellung einiger Ergebnisse aus den bislang vier PISA- Studien wirft, so zeigt sich, dass ein Sechstel der Jugendlichen mit der Frage zum Grund der gef\u00fchlten Ewigkeit \u00fcberfordert waren. Der Anteil der Risikosch\u00fclerInnen hat jedoch von 2000 um rund ein Viertel abgenommen. Weitere bemerkenswerte Trends bestehen darin, dass es eine leichte Zunahme in der allgemeinen Lesekompetenz gab (von 494 auf 501 Punkte). Zugleich verringerte sich der Abstand zwischen leistungsstarken und schwachen Jugendlichen (von 335 Punkten auf 308 Punkte). Das bedeutet, dass es Schweizer Schulen besser gelungen ist, die Heterogenit\u00e4t im Leseverstehen zu mindern, gleichwohl trennen die leistungsst\u00e4rksten und -schw\u00e4chsten f\u00fcnf Prozent der Jugendlichen nicht weniger als vier Kompetenzstufen.<br \/>\nEine erfreuliche Entwicklung zeichnet sich darin ab, dass die Effekte der sozialen Herkunft und die Differenzen zwischen Einheimischen und Zugewanderten der ersten und zweiten Generation schw\u00e4cher geworden sind. Umgekehrt haben sich die Differenzen zwischen Jungen und M\u00e4dchen von 30 auf 39 Punkte erh\u00f6ht und betragen inzwischen mehr als eine halbe Kompetenzstufe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7276 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle-1024x320.jpg\" alt=\"\" width=\"722\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle-1024x320.jpg 1024w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle-300x94.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle-768x240.jpg 768w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle.jpg 2040w\" sizes=\"auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">Quellen: OECD (2001, 2004, 2007, 2010a, 2010c)<\/span><\/p>\n<p class=\"p15\"><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p class=\"p16\">Kommen wir zur\u00fcck zur Frage aus der PISA-Testbatterie, die zu beginn des beitrags zum ungarischen Theaterst\u00fcck und der Aussage einer Figur stand. Wenn Sie die\u00a0zweite Antwort als L\u00f6sung gew\u00e4hlt haben, dann darf man Ihnen gratulieren: Sie verf\u00fcgen demnach \u00fcber F\u00e4higkeiten, die auch Jugendliche besitzen, die das Mindestmass an Leseverstehen demonstrieren. Trotz aller erfreulichen Tendenzen in den vier PISA-Studien ist kein Grund zum Jubel angesagt, denn immer noch<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li2\">entl\u00e4sst die Schule drei bis vier Jugendliche pro <span class=\"s2\">Klas<\/span>se mit ungen\u00fcgenden Leseverstehensf\u00e4higkeiten,<\/li>\n<li class=\"li2\">streuen die Leistungen innerhalb der <span class=\"s3\">Jugendlichen <\/span>erheblich,<\/li>\n<li class=\"li2\">ist Lesekompetenz stark von Merkmalen der Familie abh\u00e4ngig,<\/li>\n<li class=\"li2\">haben Jungen und M\u00e4dchen nicht gleich gut <span class=\"s3\">entwi<\/span>ckelte Lesef\u00e4higkeiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p3\">PISA offenbart nicht nur diese Probleme des Bildungssystems, sondern er\u00f6ffnet auch L\u00f6sungsperspektiven. So liessen sich im j\u00fcngsten PISA-Durchgang 40 Prozent der Differenzen der Herkunft und 90 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lesekompetenz statistisch \u00fcber das Lesestrategiewissen und die Lesemotivation aufkl\u00e4ren (OEcD, 2010b). Deshalb erscheint eine integrative schulische F\u00f6rderung von Lesemotivation und -strategien als ein geeigneter Weg, Leistungsdifferenzen zu minimieren. Daf\u00fcr bedarf es einer sorgf\u00e4ltigen Diagnostik (s. <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_20_2011_leseleistungen-jugendlicher-sichtbar-machen-vier-lesetests-im-ueberblick\/\">Leseleistungen Jugendlicher sichtbar machen: 4 Lesetests im \u00dcberblick<\/a>) und angemessener F\u00f6rdermassnahmen. Hier k\u00f6nnte dem Schreiben eine deutlich gr\u00f6ssere Rolle zukommen, als man gemeinhin glaubt (s. <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_20_2011_das-lesen-schreibend-foerdern-empirisch-fundierte-folgerungen-fuer-die-praxis\/\">Das Lesen schreibend f\u00f6rdern<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p6\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>OEcD (2001). Lernen f\u00fcr das Leben. Erste Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudie PISA. Paris: OEcD. OEcD (2004). Lernen f\u00fcr die Welt von morgen. Erste Ergebnisse von PISA 2003. Paris: OEcD.<br \/>\nOEcD (2007). PISA 2006 \u2013 Science competencies for Tomorrow\u2019s World. Volume 2: Data. Paris: OEcD.<br \/>\nOEcD (2010a). PISA 2009 Ergebnisse. Was Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler wissen und k\u00f6nnen: Sch\u00fclerleistungen in Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Bielefeld: Bertelsmann.<br \/>\nOEcD (2010b). PISA 2009 Results. Learning to Learn \u2013 Student Engagement, Strategies and Practices (Volume III). Paris: OEcD.<br \/>\nOEcD (2010c). PISA 2009 Results. Overcoming Social background \u2013 Equity in Learning Opportunities and Outcomes (Volume II). Paris: OEcD.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das vergangene Jahrzehnt kann angelehnt an Daniel Kehlmanns Romantitel getrost als \u00abVermessung der Bildungswelt\u00bb bezeichnet werden. PISA und co. widmeten sich mit grossem Aufwand der Frage, wie gut Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler f\u00fcr Schule, Berufsausbildung und Anforderungen des Alltags ger\u00fcstet sind. Dazu wurden F\u00e4higkeiten in verschiedenen Dom\u00e4nen erfasst, darunter im Lesen. 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