{"id":7279,"date":"2011-05-01T10:37:54","date_gmt":"2011-05-01T08:37:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7279"},"modified":"2019-08-05T14:45:59","modified_gmt":"2019-08-05T12:45:59","slug":"rs_20_2011_leseleistungen-jugendlicher-sichtbar-machen-vier-lesetests-im-ueberblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_20_2011_leseleistungen-jugendlicher-sichtbar-machen-vier-lesetests-im-ueberblick\/","title":{"rendered":"Leseleistungen Jugendlicher sichtbar machen: vier Lesetests im \u00dcberblick"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dank den PISA-Studien sind neuere und vor allem praxistaugliche Tests vorhanden, die basales Leseverstehen, Lesefl\u00fcssigkeit und das Strategiewissen erfassen. <\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/phzh.ch\/personen\/maik.philipp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Maik Philipp<\/a><\/p>\n<p>\u2192 <a title=\"Lesetests\" href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/Lesetests_Rundschreiben_ZL_Mai_2011.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gesamten Text als PDF herunterladen<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Frau Cadosch hat in den ersten zwei Monaten, die sie nun schon die neue siebte Klasse unterrichtet, bei einigen 13-J\u00e4hrigen den Verdacht, dass sie im Lesen zu schwach sind. Zwei Jugendliche sind ihr aufgefallen. Da ist zun\u00e4chst Sergio, der mit dem Finger der Buchstabenkolonne folgt und die Lippen beim Lesen bewegt.Am Ende der Lesezeit wird er \u2013 wie immer \u2013 erst die H\u00e4lfte des Textes geschafft haben. Frau Cadosch vermeidet es inzwischen, Sergio Fragen zu stellen \u2013 aus Angst, ihn blosszustellen. Eine weitere Sch\u00fclerin, Anna, scheint zwar schneller zu lesen, aber bei Fragen greift sie eilig zum Text und erz\u00e4hlt ihn nach, w\u00e4hrend sie immer wieder darauf schaut, einzelne S\u00e4tze vorliest und nach einiger Zeit verstummt.<br \/>\nFrau Cadosch fragt sich, wo genau die Schwierigkeiten bei Sergio und Anna liegen, denn sie will nicht, dass die beiden in ihrer Leistung von den anderen abgeh\u00e4ngt werden. Vor allem fragt sie sich, wie sie ihre Vermutungen erh\u00e4rten kann. Wie diese beiden Bereiche, in denen Sergio und Anna Probleme zu haben scheinen, erfasst werden k\u00f6nnen, soll im Folgenden gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p class=\"p5\"><b>Lesefl\u00fcssigkeit<\/b><\/p>\n<p class=\"p6\">Fl\u00fcssig zu lesen meint, mit ausreichender Geschwindigkeit genau und automatisiert zu dekodieren sowie beim lauten Lesen ausdrucksstark und angemessen phrasiert zu lesen. Neuere Definitionen der Lesefl\u00fcssigkeit umfassen auch das m\u00fchelose Verstehen von kleinen Texteinheiten, z. B. kurzen S\u00e4tzen. Gleich drei aktuelle Tests k\u00f6nnen zur Erfassung verschiedener Facetten der Lesefl\u00fcssigkeit herangezogen werden \u2013 Frau Cadosch hat also die Qual der Wahl:<\/p>\n<p class=\"p7\">Recht neu ist die Lernfortschrittsdiagnostik Lesen (kurz LDL; Walter, 2009), die f\u00fcr eine Individualdiagnostik gedacht ist und dazu 28 Texte offeriert. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler lesen eine Minute lang den Text laut vor und die Lehrperson notiert Verlesungen. Durch die LDL lassen sich die Dekodiergenauigkeit (Anzahl richtig gelesener W\u00f6rter geteilt durch alle gelesenen W\u00f6rter) und das Lesetempo (W\u00f6rter pro Minute) ermitteln. Die LDL ist zeit\u00f6konomisch und bildet das einzige Verfahren, in\u00a0dem laut gelesen wird. F\u00fcr sie liegen allerdings nur auf schmaler Basis Normwerte f\u00fcr die Sekundarstufe vor, das heisst, man kann die Werte nur mit denen aus der Normierungsstichprobe vergleichen, die besonders leseschwache Jugendliche umfasst.<\/p>\n<p class=\"p2\">Hinsichtlich dieser Problematik haben zwei andereTests Vorteile: das Salzburger Lesescreening f\u00fcr die Klassenstufen 5\u20138 (SLS 5\u20138; Auer, Gruber, Mayringer &amp; Wimmer, 2005) und der Lesegeschwindigkeits- und -verst\u00e4ndnistest f\u00fcr die Klassenstufen 6\u201312 (LGVT 6\u201312; Schneider, Schlagm\u00fcller &amp; Ennemoser, 2007). Im SLS lesen die Jugendlichen in einer vorgegebenen Zeitspanne einzelne S\u00e4tze, bei denen sie den Wahrheitsgehalt beurteilen (SLS 5\u20138). Das SLS misst damit das Satzverstehen und die Lesemenge (gemessen in S\u00e4tzen). Im LGTV sollen Jugendliche in einer Geschichte an 23 Stellen das passende von drei W\u00f6rtern unterstreichen und haben dazu vier Minuten Zeit. Der LGVT erfasst analog zur LDL und dem SLS das Lesetempo und zus\u00e4tzlich dasTextverstehen auf basaler Ebene.<\/p>\n<p class=\"p3\">Die drei Lesetests erfassen also zwar allesamt die Lesefl\u00fcssigkeit, aber jederTest misst andere Facetten und auf andere Weise. F\u00fcr Sergio k\u00f6nnte Frau Cadosch demnach auf alle drei zur\u00fcckgreifen und h\u00e4tte innerhalb k\u00fcrzester Zeit Gewissheit, ob ihr Verdacht sich erh\u00e4rtet. Will sie die gesamte Klasse testen, kommen aus zeit\u00f6konomischen Gr\u00fcnden eher das SLS 5\u20138 oder der LGVT 6\u201312 in Betracht, da beide Verfahren f\u00fcr Gruppen konzipiert sind. Die LDL hingegen ist ein rein auf die Individualdiagnostik abgestimmtes Instrument, das den Vorteil hat, \u00fcber viele Texte zu verf\u00fcgen, sodass ein regelm\u00e4ssiges Testen ohne Erinnerungseffekte m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"p6\"><b>Lesestrategien<\/b><\/p>\n<p class=\"p7\">Anders als die Lesefl\u00fcssigkeit l\u00e4sst sich der Strategieeinsatz beim Lesen ungleich schwerer erfassen. Das liegt zum einen daran, dass die Forschung zu Lernstrategien, unter welche die Lesestrategien fallen, diverse Strategiefamilien kennt, die nicht immer einfach voneinander zu trennen sind. Zum anderen ist es gerade bei Lesestrategien wichtig, sie handlungs- und prozessnah zu erfassen, um das tats\u00e4chliche Vorgehen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu ermitteln. Das ist deshalb von Belang, weil eine Vielzahl von Studien ergeben hat, dass Ausk\u00fcnfte\u00a0zum Vorgehen ohne konkrete Situation nicht dazu geeignet sind, Strategien zuverl\u00e4ssig zu messen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Deshalb hat man f\u00fcr den Bereich der Lesestrategien einen Umweg gew\u00e4hlt. Statt auf die methodisch aufw\u00e4ndige Ermittlung strategischen Vorgehens setzt man auf das Wissen \u00fcber die Angemessenheit von Strategien. Dieses Wissen l\u00e4sst sich deutlich leichter und vor allem mit k\u00fcrzeren Tests abbilden und h\u00e4ngt zudem stark mit dem Leseverstehen zusammen. Im Gegensatz zu den Lesefl\u00fcssigkeitstests ist der W\u00fcrzburger Lesestrategie-Wissenstest f\u00fcr die Klassen 7\u201312 (WLST 7\u201312; Schlagm\u00fcller &amp; Schneider, 2007) zeitlich etwas aufw\u00e4ndiger. Im Test werden sechs Szenarien vorgegeben, in denen den Jugendlichen f\u00fcnf bzw. sieben Antworten zur Auswahl stehen, denen sie Schulnoten von 1 bis 6 hinsichtlich ihrer Tauglichkeit geben. Zum Beispiel lautet das erste Szenario \u00abIm Deutschunterricht fragt die Lehrkraft die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, was sie tun, um einen Text m\u00f6glichst gut zu verstehen.\u00bb Zur Benotung stehen Aussagen wie diese: \u00abIch lese zun\u00e4chst den letzten Abschnitt des Textes und gehe den Text dann von vorne durch\u00bb. Von Interesse bei der Auswertung ist dann nicht die konkrete Einzelnote, sondern wie eine Vorgehensweise im Vergleich zu anderen beurteilt wurde. Je mehr Punkte ein Jugendlicher bei dem WLST sammelt, desto h\u00f6heres Wissen demonstriert er \u00fcber den ad\u00e4quaten Einsatz von Lern- und Lesestrategien. Frau Cadosch k\u00f6nnte also bestimmen, ob Anna in den Lesestrategien gef\u00f6rdert werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7280 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle2-1024x452.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle2-1024x452.jpg 1024w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle2-300x133.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle2-768x339.jpg 768w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Tabelle2.jpg 1987w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Vor der ersten PISA-Studie w\u00e4re es schwierig gewesen, Frau Cadosch dabei zu helfen, zweifelsfrei den F\u00f6rderbedarf von Sergio und Anna festzustellen. Inzwischen sind aber daf\u00fcr neuere und vor allem praxistaugliche Tests vorhanden, die basales Leseverstehen, Lesefl\u00fcssigkeit und das Strategiewissen erfassen. Ob jemand fl\u00fcssig liest, kann mittlerweile mit mehreren Tests gemessen werden, w\u00e4hrend f\u00fcr die Lesestrategien bislang nur ein Test vorliegt. Positiv hervorzuheben ist, dass f\u00fcr beide Bereiche eine angemessene Diagnostik m\u00f6glich ist, die den Grundstein f\u00fcr fundierte didaktische Entscheidungen bildet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Auer, M., Gruber, G., Mayringer, H. &amp; Wimmer, H. (2005). Salzburger Lese-Screening f\u00fcr die Klassenstufen 5\u20138. G\u00f6ttingen: Hogrefe.<br \/>\nSchlagm\u00fcller, M. &amp; Schneider, W. (2007). W\u00fcrzburger Lesestrategie-Wissenstest f\u00fcr die Klassen 7\u201312: Ein Verfahren zur Erfassung metakognitiver Kompetenzen bei der Verarbeitung von Texten. G\u00f6ttingen: Hogrefe.<br \/>\nSchneider, W., Schlagm\u00fcller, M. &amp; Ennemoser, M. (2007). Lesegeschwindigkeits- und -verst\u00e4ndnistest f\u00fcr die Klassenstufen 6\u201312. G\u00f6ttingen: Hogrefe.<br \/>\nWalter, J. (2009). Lernfortschrittsdiagnostik Lesen: Ein curriculumbasiertes Verfahren. G\u00f6ttigen: Hogrefe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank den PISA-Studien sind neuere und vor allem praxistaugliche Tests vorhanden, die basales Leseverstehen, Lesefl\u00fcssigkeit und das Strategiewissen erfassen. von Maik Philipp \u2192 gesamten Text als PDF herunterladen Frau Cadosch hat in den ersten zwei Monaten, die sie nun schon die neue siebte Klasse unterrichtet, bei einigen 13-J\u00e4hrigen den Verdacht, dass sie im Lesen zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":7166,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"iawp_total_views":402,"footnotes":""},"categories":[37,229,207,228],"tags":[],"coauthors":[232],"class_list":["post-7279","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-lesen","category-praxisbeitraege","category-zl_publikationen","category-zl-rundschreiben"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7279"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7279\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7579,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7279\/revisions\/7579"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7166"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7279"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=7279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}