{"id":7285,"date":"2011-10-01T12:59:59","date_gmt":"2011-10-01T10:59:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7285"},"modified":"2019-08-05T14:28:51","modified_gmt":"2019-08-05T12:28:51","slug":"rs_21_2011_sprachliche-kreativitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_21_2011_sprachliche-kreativitaet\/","title":{"rendered":"Sprachliche Kreativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Kreativit\u00e4t geh\u00f6rt zu jenen Begriffen, die seit einiger Zeit in ganz unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen Konjunktur haben, nicht nur in der sog. Kreativwirtschaft, sondern auch in den Wissenschaften. Typische Arbeitsfelder der Kreativwirtschaft sind etwa der Architekturmarkt, die Design-, Film- und Musikwirtschaft, die Software-Industrie und der Werbemarkt. <\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.mercator-institut-sprachfoerderung.de\/institut\/unser-team\/michael-becker-mrotzek\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Michael Becker-Mrotzek<\/a>, Universit\u00e4t zu K\u00f6ln<\/p>\n<p class=\"p1\">Gemeinsam ist diesen Feldern, dass hier Neues erdacht und kreiert wird, etwas, das auf irgendeine Weise anders ist als Vorhandenes. Der Begriff ist durchweg positiv konnotiert, d.h. kreativ zu sein geh\u00f6rt zu den w\u00fcnschenswerten und positiven Eigenschaften eines Menschen. Hierbei handelt es sich um ein Ph\u00e4nomen der Moderne, denn bis zur Aufkl\u00e4rung bestand ein Schaffensideal darin, vorhandene Muster in der Literatur oder Architektur m\u00f6glichst perfekt nachzubilden. So verwundert es nicht, wenn sich im Deutschen W\u00f6rterbuch von Hermann Paul von 1896 noch kein Eintrag zum Stichwort \u00abKreativit\u00e4t\u00bb findet. Heute lassen sich zwei zentrale Bedeutungen unterscheiden: Einmal verstehen wir darunter so etwas wie \u00absch\u00f6pferische Kraft, kreatives Verm\u00f6gen: ein K\u00fcnstler von gro\u00dfer Kreativit\u00e4t\u00bb und zum anderen die \u00abmit der sprachlichen Kompetenz verbundene F\u00e4higkeit, neue, nie geh\u00f6rte S\u00e4tze zu bilden und zu verstehen (Sprachwissenschaft)\u00bb (vgl. Deutsches Universalw\u00f6rterbuch, 2001).<\/p>\n<p class=\"p2\">In der Sprachwissenschaft, insbesondere in der generativen Grammatiktheorie nach Noam Chomsky, z\u00e4hlt Kreativit\u00e4t zu den Merkmalen der nat\u00fcrlichen Sprachen, oder genauer zur angeborenen Sprachf\u00e4higkeit des Menschen. Damit ist unsere F\u00e4higkeit gemeint, von endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch zu machen. Wir w\u00e4hlen aus einer begrenzten Menge von W\u00f6rtern die passenden aus, kombinieren diese nach den Regeln der Grammatik und bilden so immer wieder neue S\u00e4tze und \u00c4u\u00dferungen. Das ist die sog. regelgeleitete Kreativit\u00e4t. Hier nutzen wir das vorhandene Regelsystem, um unsere Ideen und Absichten sprachlich zum Ausdruck zu bringen. Auf diese Weise st\u00fctzen wir zugleich das Sprachsystem, weil sich die Regeln durch st\u00e4ndiges Anwenden verfestigen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Etwas anders verh\u00e4lt es sich mit der sog. regelver\u00e4ndernden Kreativit\u00e4t, die bewusst mit den Regeln bricht und \u00c4u\u00dferungen hervorbringt, die das System eigentlich nicht vorsieht. Beispiele hierf\u00fcr finden sich etwa in der Werbung oder Jugendsprache. Hierzu z\u00e4hlen Ausdr\u00fccke wie \u00abunkaputtbar, sparn\u00fcnftig, Sch\u00fclerInnen &#8230;\u00bb, die sich dadurch auszeichnen, dass sie im strengen Sinne ungrammatisch sind, weil sie gegen bestehende Regeln versto\u00dfen. Dabei werden die Regeln aber nur soweit verletzt, dass die Bedeutung der so entstehenden \u00c4u\u00dferungen noch erschlossen werden kann. Die \u00dcberg\u00e4nge zu Wortneusch\u00f6pfungen sind hierbei flie\u00dfend.<\/p>\n<p class=\"p5\">In der Psychologie versteht man unter Kreativit\u00e4t \u00abdas Auftreten ungew\u00f6hnlicher oder ungebr\u00e4uchlicher, aber angemessener Reaktionen. [&#8230;] Es gilt als selbstverst\u00e4ndlich, dass Originalit\u00e4t ein Hauptfaktor der Kreativit\u00e4t ist. Hingegen wird die Bedeutung der Angemessenheit des Handelns nicht immer erkannt. Die Angemessenheit liefert jedoch das Kriterium, das zwischen kreativen und unsinnigen Handlungen unterscheidet\u00bb (Zimbardo 1995, 536). Das ist auch f\u00fcr schulische Zusammenh\u00e4nge eine hilfreiche Definition, weil sie ein n\u00fctzliches Kriterium f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung und Beurteilung von mehr oder weniger kreativen Sch\u00fclerleistungen liefert. Nicht alles, was originell oder neu ist, ist somit auch kreativ. Denn etwas Originelles ist in einem gegebenen oder gedachten Zusammenhang nur dann kreativ, wenn es zugleich auch eine angemessene Handlung, Idee oder Probleml\u00f6sung darstellt.<\/p>\n<p class=\"p6\">Beim kreativen, sch\u00f6pferischen Prozess lassen sich drei Teilf\u00e4higkeiten oder Elemente unterschieden:<\/p>\n<p class=\"p6\">a) die besondere Wahrnehmungsf\u00e4higkeit, die sich beim kreativen Prozess durch eine gesteigerte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Gegebenheit auszeichnet, indem das Vorhandene auf eine besondere Weise wahrgenommen wird;<br \/>\nb) die besondere Kombinationsf\u00e4higkeit, die darin besteht, Beobachtungen, Vorstellungen oder Ideen auf eine neue, bedeutsame Weise zusammenzubringen, d.h. eine spezifische Art von Synthesef\u00e4higkeit;<br \/>\nc) die besondere Repr\u00e4sentationsf\u00e4higkeit, die darin besteht, Bilder oder interne Repr\u00e4sentationen r\u00e4umlicher oder visueller Art zu erstellen.<\/p>\n<p class=\"p6\">Ihren wahrnehmbaren Ausdruck finden diese Prozesse in den sog. kreativen Produkten als ihren greifbaren Ver\u00e4u\u00dferungen. Die kreativen Prozesse werden zusammenfassend auch als divergentes Denken bezeichnet, im Gegensatz zum konvergenten Denken, das sich eher in bekannten Bahnen bewegt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7287\" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t2-251x300.jpg\" alt=\"\" width=\"251\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t2-251x300.jpg 251w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t2-768x917.jpg 768w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t2-858x1024.jpg 858w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t2.jpg 974w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/>\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-7286\" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t1-251x300.jpg\" alt=\"\" width=\"251\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t1-251x300.jpg 251w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t1-768x917.jpg 768w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t1-858x1024.jpg 858w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kreativita\u0308t1.jpg 966w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/p>\n<p class=\"p6\">Die Zerlegung des Prozesses in einzelne Bestandteile hilft uns zu verstehen, was beim Kreieren passiert, und das f\u00fcr didaktische Zwecke nutzbar zu machen. Das soll im Folgenden am Beispiel des kreativen Schreibens skizziert werden. Das kreative Schreiben hat eine lange Tradition auch au\u00dferhalb der Schule und wird seit der Antike vor allem von Literaten eingesetzt, um Ideen zu generieren, zu strukturieren und in Worte zu fassen. In der Schule und Schreibdidaktik hat es seit vielen Jahren einen festen Platz, weil es bestimmte Aspekte des\u00a0 Schreibens in besonderer Weise schult und damit die Schreibentwicklung f\u00f6rdert. Das kreative Schreiben entfaltet sein Potential \u00fcber die drei zentralen Prinzipien der Irritation, der Imagination und der Expression (vgl. B\u00f6ttcher 2010, 14), denen jeweils zahlreiche Methoden entsprechen. Die Irritation f\u00f6rdert das divergente Denken und kann etwa durch Sprachspiele oder das Verfassen von Nonsenstexten erreicht werden; indem die Sch\u00fcler\/innen Texte ohne Sinn verfassen, wird ihr Augenmerk aus einer anderen Perspektive auf eben dieses zentrale Textmerkmal gelenkt. Das Prinzip der Imagination erm\u00f6glicht es, andere Standorte und Perspektiven einzunehmen und so Sachverhalte anders zu sehen. Dabei helfen etwa die Methoden der Phantasiereise oder das Schreiben zu Bildern, die die Sch\u00fcler\/innen dabei unterst\u00fctzen, f\u00fcr sie neue Ideen zu entwickeln. Und schlie\u00dflich hilft das Prinzip der Expression, die eigenen Ideen zum Ausdruck zu bringen, etwa durch assoziative Verfahren, indem wir unseren Gedanken freien Lauf lassen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Kreativit\u00e4t ist demnach ein zentrales Element unseres Daseins im Allgemeinen und unserer Sprache und Sprachf\u00e4higkeit im Besonderen. Und auch weil unsere Umwelt in zunehmendem Masse den Umgang mit ungew\u00f6hnlichen Ph\u00e4nomenen verlangt, wird Kreativit\u00e4t immer mehr zu einem zentralen Element, das es im Unterricht zu f\u00f6rdern und zu entwickeln gilt.<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Literatur<\/b><\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li5\">B\u00f6ttcher, Ingrid (Hrsg.) (2010<sup>6<\/sup>): Kreatives Schreiben. Berlin: Cornelsen.<\/li>\n<li class=\"li5\">Dudenredaktion (Hrsg.) (2001<sup>4<\/sup>): Deutsches <span class=\"s5\">Universal<\/span>w\u00f6rterbuch. Mannheim: Dudenverlag.<\/li>\n<li class=\"li5\">Paul, Hermann (1981<sup>8<\/sup>): Deutsches W\u00f6rterbuch. <span class=\"s7\">(Bear<\/span>beitet von <span class=\"s7\">W. <\/span>Besch) T\u00fcbingen: <span class=\"s5\">Niemeyer.<\/span><\/li>\n<li class=\"li6\">Zimbardo, Philip (1995<sup>6<\/sup>): Psychologie. (Am. Orig. 1988, Psychology and Life) Berlin: Springer.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kreativit\u00e4t geh\u00f6rt zu jenen Begriffen, die seit einiger Zeit in ganz unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen Konjunktur haben, nicht nur in der sog. Kreativwirtschaft, sondern auch in den Wissenschaften. 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