{"id":7319,"date":"2009-10-01T17:35:57","date_gmt":"2009-10-01T15:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7319"},"modified":"2019-08-05T16:18:38","modified_gmt":"2019-08-05T14:18:38","slug":"rs_17_2009_literarische-erfahrung-in-der-schule-anreichern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_17_2009_literarische-erfahrung-in-der-schule-anreichern\/","title":{"rendered":"Literarische Erfahrung in der Schule anreichern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Literarische Lekt\u00fcren erhalten ihre Konturen in den K\u00f6pfen der Lesenden, aber nicht nur dort.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/andrea-bertschi#q=andreas+steinh%C3%B6fe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Bertschi-Kaufmann<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Ausgestaltete Formen der Verarbeitung kommen uns auch entgegen in den Texten, mit welchen junge Leserinnen und Leser Le\u00adseerfahrungen aufbewahren. Zum Beispiel mit diesem:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7320 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Text.jpg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Text.jpg 981w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Text-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Text-768x521.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 433px) 100vw, 433px\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\"><i>Die kleine Gans geht sersten [zum ersten] mal Schwimmen. Der Titel hat recht. die kleine Gans die wirklich nicht schnell genug war. Ich weil bar bilder [ein paar Bilder] als erinnerung haben. Fileicht get ja mein Buch ferloren. Ich hof nicht das mein Buch ferlorengeht. Ich findes sch\u00f6n wenn man erinnerungen hat.<br \/>\n<\/i><i><span style=\"font-size: small;\">(Raffael, 2. Schuljahr)<\/span><\/i><\/p>\n<p class=\"p1\">Was das Kind im zweiten Schuljahr mit eigenen Bil\u00addern und Texten reproduziert, sind <b>Reaktionen einer prim\u00e4ren Erfahrung von Literatur<\/b>. Man kann solche Dokumente auch als Veranschaulichung dessen verste\u00adhen, was Walter Benjamin in seinem Portr\u00e4t des lesenden Kindes \u2013 sich biographisch erinnernd \u2013 nachzeichnet:<\/p>\n<p class=\"p1\"><i>F\u00fcr eine Woche war man g\u00e4nzlich dem Treiben des Textes anheimgegeben, das mild und heimlich, dicht und unabl\u00e4ssig, wie Schneeflocken einen umfing. Dahinein trat man mit grenzenlosem Vertrauen. Stille des Buches, die weiter und weiter lockte! Dessen Inhalt war gar nicht so wichtig. Denn die Lekt\u00fcre fiel noch in die Zeit, da man selber Geschichten im Bett sich ausdachte. Ihren halbverwehten Wegen sp\u00fcrt das Kind nach. Beim Lesen h\u00e4lt es sich die Ohren zu; sein Buch liegt auf dem viel zu hohen Tisch und eine Hand liegt immer auf dem Blatt. Ihm sind die Abenteuer des Helden im Wirbel der Lettern zu lesen wie Figur und Botschaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht in der Luft der Geschehnisse und alle Figuren hauchen es an. Es ist viel n\u00e4her unter\u00a0<\/i><i>die Gestalten gemischt als der Erwachsene. Es ist <\/i><i>uns\u00e4g<\/i><i>lich betroffen von dem Geschehen und den gewechselten Worten und wenn es aufsteht, ist es \u00fcber und \u00fcber\u00a0<\/i><i>beschneit vom Gelesenen.<br \/>\n<\/i><i><span style=\"font-size: small;\">(Walter Benjamin: Einbahnstrasse. In: Gesammelte Schriften, Band IV.1, S. 113)<\/span><\/i><\/p>\n<p class=\"p1\">Wenn wir \u00fcber literarische Erfahrung, welche die Schule vermitteln kann, reden, dann interessiert diese sehr pri\u00advate Sicht auf eine Lesekindheit als Bild und als Muster. Weil sie eine essenzielle Erfahrung, das Betroffen\u00ad-Sein, anschaulich macht, lohnt es sich danach zu fragen, ob und wie dieses Muster einer intimen Lekt\u00fcre auf das schulisch vermittelte Lesen angelegt werden kann \u2013 auch wenn wir nat\u00fcrlich wissen, dass sich innige Lekt\u00fcren zu einem guten Teil auch und gerade ausserhalb der In\u00adstitution Schule abspielen. Auf das Private hat Schule selbstverst\u00e4ndlich keinen Zugriff, aber zumindest einen indirekten Einfluss. Lehrerinnen und Lehrer, Deutschdi\u00addaktikerinnen und Deutschdidaktiker interessieren des\u00ad halb vor allem jene Qualit\u00e4ten der literarischen Erfah\u00adrung, die in von uns planbaren Situationen des Lernens animierbar und je nachdem auch anleitbar sind und auf deren Wirkung \u00fcber die Schulmauern hinaus wir setzen k\u00f6nnen. Es tut sich aber Spannungsfeld auf zwischen der \u00abliterarischen Erfahrung\u00bb und dem, was wir traditionell unter \u00abLiteraturunterricht\u00bb verstehen.<\/p>\n<p class=\"p4\">Zum einen n\u00e4mlich ist das <b>Textangebot<\/b>, aus dem sich heranwachsende Leserinnen und Leser bedienen k\u00f6n\u00adnen, in der Schule auf eine didaktisch legitimierte Aus\u00adwahl beschr\u00e4nkt, die Lesestoffe, die hier zur Verf\u00fcgung stehen, gelten entweder als \u00abliterarisch wertvoll\u00bb, als \u00abentwicklungspsychologisch bedeutsam\u00bb oder als \u00abbe\u00ad sonders gut zug\u00e4nglich\u00bb, w\u00e4hrend die eigenst\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig von der Schule gew\u00e4hlten Lekt\u00fcren sich in der Intimit\u00e4t zwischen Text und Leser\/Leserin abspie\u00adlen \u2013 so ganz ohne externe lesep\u00e4dagogische Absicht, je nachdem aber durchaus als eine Erfahrung mit Poesie.<\/p>\n<p class=\"p6\">Zum anderen sind die <b>Lesezeiten<\/b>, welche die Schule f\u00fcr das Lesen einplant, allemal bemessen, w\u00e4hrend es f\u00fcr die subjektiv gestalteten Erfahrungen im Umgang mit Literatur gerade typisch ist, dass Zeitgrenzen aufge\u00adl\u00f6st werden, dass extensiv gelesen oder dass Textstellen, von denen Leserinnen und Leser besonders angetan sind, wieder und immer wieder gelesen werden. Literarische Erfahrung findet nicht in den Grenzen eines Zeitbudgets statt, jedenfalls legen Leserinnen und Leser kaum je Re\u00adchenschaft \u00fcber ihren Zeitverbrauch ab. Im Gegenteil: Wenn wir Literatur geniessen vergessen wir die Zeit.<\/p>\n<p class=\"p1\">Zum Dritten verbinden wir mit der individuell gestal\u00adteten literarischen Erfahrung auch <b>keinerlei Rechenschaft bez\u00fcglich des Leseergebnisses<\/b>, keine Rechen\u00adschaft \u00fcber das, was vom Text aufgenommen wurde. Ausserhalb von Schule und Hochschule tauschen Lese\u00ad rinnen und Leser Lekt\u00fcreerfahrungen so aus, dass sie ei\u00adnander ihre Eindr\u00fccke mitteilen; in der Schule hingegen gilt die Frage nach dem subjektiven Eindruck (Wie hat dir der Text gefallen?) meist nur als \u00abwarming-\u00adup\u00ad-Frage\u00bb, an welche dann Fragen nach dem Verstehen und Behalten anschliessen.<\/p>\n<p class=\"p3\">Der Vergleich zwischen dem schulisch angeleiteten Lesen und dem individuellen Literaturgenuss, der frei von Lernzielen wachsen kann \u2013 dieser Vergleich hinkt, er hinkt aus vielen Gr\u00fcnden:<\/p>\n<p class=\"p4\">Denn einmal l\u00e4sst sich das schulisch angeregte und das private Lesen in den Biographien vieler Leserinnen und Leser gar nicht trennen, das eine hat das andere vielmehr angereichert. Wir wissen aber auch, dass das famili\u00e4re Leseklima l\u00e4ngst nicht \u00fcberall so beschaffen ist, dass Kinder dort Erfahrungen mit den literarischen Stoffen selbstverst\u00e4ndlich und m\u00fchelos sammeln k\u00f6nnen. Wir wissen dies l\u00e4ngst, nicht zuletzt dank Studien zur Lesesozialisation wie jener von Bettina Hurrelmann (Hurrelmann et al. 1993), und wir wissen ebenso, dass schulische Bem\u00fchungen um Literaturvermittlung zum Teil zwar durchaus gelingen, dass sie zum Teil aber auch fehlschlagen.<\/p>\n<p class=\"p5\">Ob Kinder von Lekt\u00fcren profitieren, ob sie deren Wir\u00adkungen erfahren, mental und je nachdem auch sinnlich wahrnehmen, das erfahren wir letztlich nur von ihnen selber. Besonders gut lassen sich Leseentwicklungen in schriftlichen Texten beobachten, insbesondere in Tex\u00adten, mit welchen die jungen Leserinnen und Leser sel\u00adber schreiben. In ihnen hat Leseerfahrung ihren Aufbewahrungsort und sie wird hier dingfest, das heisst, f\u00fcr die Beobachtung greifbar und f\u00fcr die weitere F\u00f6rderung auch aufgreifbar: f\u00fcr die empirische Forschung und f\u00fcr die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer. Dies alleine w\u00e4re aber meines Erachtens noch kein ausreichender Grund, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler kontinuierlich beglei\u00adtend zu ihren Lekt\u00fcren schreiben zu lassen. Die wich\u00adtigste Begr\u00fcndung liegt im Gewinn, den wir der engen Verbindung von Lesen und Schreiben zuschreiben und den wir in Projekten, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen in der Praxis h\u00e4ufig haben beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p6\">Schreiben ist ein bew\u00e4hrter <span class=\"s3\">Weg<\/span> zur Exploration des Lesealltags und der Leseerfahrung und \u2013 im Umgang mit poetisch gestalteten Texten \u2013 der literarischen Er\u00adfahrung. Bei der Versprachlichung der Verarbeitung von Leseeindr\u00fccken in eigenen Texten handelt es sich um <b>eine Art Transformation vom \u00abGedanken zum Wort zur Schrift\u00bb<\/b>, um einen Zugangsweg auch zur inneren Sprache. Muster f\u00fcr solche Transformationsprozesse finden Schreiberinnen und Schreiber in der Literatur, Kinder finden sie im Kinderbuch. Es sind gegl\u00fcckte Ver\u00adbindungen von \u00abErfahrung und Phantasie\u00bb. Diese Ver\u00adbindungen finden wir \u00fcbrigens auch bei Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, denen wir sie auf Anhieb nicht zugetraut h\u00e4tten, weil sie einem so genannt schwachen Leistungs\u00adzug zugeteilt sind und wir doch immer wieder davon ausgehen, dass Literaturerfahrung eine Aufgabe aus\u00ad schliesslich f\u00fcr Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sei. Dass dies ein Irrtum ist, zeigt uns Andy; er besucht den A\u00ad-Zug der Basler WBS:<\/p>\n<p class=\"p2\"><i>Am Anfang war es schwer und ich hate einbischen angst zum Lesen zuhause \u00fcbte ich mit meinem Cousin und mit meiner Tante. Manchmal lass ich auch zeitunge ich konnte es nicht verstehen was da drauf steht aber ich \u00fcbte.<br \/>\n<\/i><i>Als ich die Buchstaben gelernt habe wollte ich Lesen ich Konnte schon Lesen aber ich vertand den Text nicht so gut.<br \/>\n<\/i><i>Ich ging in die Bibilothek ein Buch ausleihen es war spanend ich verstand es auch das Buch hiess Der Kleine\u00a0<\/i><i>Tedy B\u00e4r.<br \/>\n<\/i><span style=\"font-size: small;\">(Andy, Weiterbildungsschule A, 8. Schuljahr)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Benjamin, Walter (1972): Einbahnstrasse. In: ders.: Ge\u00ad sammelte Schriften. Bd. IV.1: Kleine Prosa\/Baudelaire\u00ad \u00dcbertragungen. Frankfurt\/M.: Suhrkamp, S. 83\u2013148.<\/p>\n<p class=\"p3\">Bertschi\u00ad-Kaufmann, Andrea (2007): Leseverhalten be\u00adobachten \u2013 Lesen und Schreiben in der Verbindung. In: Bertschi\u00ad-Kaufmann, Andrea (Hrsg.): Lesekompetenz \u2013 Leseleistung \u2013 Lesef\u00f6rderung.<\/p>\n<p class=\"p4\">Seelze\u00adVelber &amp; Zug: Klett\/Kallmeyer &amp; Klett und Balmer, S. 96\u2013108.<\/p>\n<p class=\"p5\">Hurrelmann, Bettina; Hammer, Michael &amp; Niess, Ferdi\u00adnand (1993): Lesesozialisation. Bd. 1: Leseklima in der Familie. Unter Mitarbeit von Susanne Epping und Irene Ofteringer. G\u00fctersloh: Bertelsmann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Literarische Lekt\u00fcren erhalten ihre Konturen in den K\u00f6pfen der Lesenden, aber nicht nur dort. von Andrea Bertschi-Kaufmann Ausgestaltete Formen der Verarbeitung kommen uns auch entgegen in den Texten, mit welchen junge Leserinnen und Leser Le\u00adseerfahrungen aufbewahren. Zum Beispiel mit diesem: Die kleine Gans geht sersten [zum ersten] mal Schwimmen. Der Titel hat recht. die kleine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":7320,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"iawp_total_views":18,"footnotes":""},"categories":[229,230,207,228],"tags":[],"coauthors":[232],"class_list":["post-7319","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praxisbeitraege","category-fragen_fakten","category-zl_publikationen","category-zl-rundschreiben"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7319"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7604,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7319\/revisions\/7604"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7319"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=7319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}