{"id":7331,"date":"2009-05-01T18:34:05","date_gmt":"2009-05-01T16:34:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7331"},"modified":"2019-07-14T19:13:43","modified_gmt":"2019-07-14T17:13:43","slug":"rs_16_2009_lesen-mit-emotionaler-naehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_16_2009_lesen-mit-emotionaler-naehe\/","title":{"rendered":"Lesen mit emotionaler N\u00e4he"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>\u00ab\u2026 Ich bin nachher so quasi schon in diesem Buch drin \u2026\u00bb (Sofie , 16 Jahre)<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/andrea-bertschi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Bertschi-Kaufmann<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/esther-wiesner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Esther Wiesner<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Wenn Sofie \u2013 befragt nach ihren Leseerfahrungen \u2013 von ihren Reaktionen auf B\u00fccher berichtet, dann macht sie Aussagen, die erst einmal extrem anmuten m\u00f6gen. Aber bei allem Wissen darum, dass Jugendliche gerne in starken Kontrasten formulieren, wird eines sehr deutlich: Die Lekt\u00fcren haben eine Bedeutung f\u00fcr die Lesenden, und diese Bedeutung reicht weit \u00fcber die Erfahrung hinaus, dass ein Text bew\u00e4ltigt und also verstanden werden konnte: Viele Leserinnen und Leser lassen sich deshalb auf Texte ein, weil sie bereits erlebt haben, dass Texte einen innerlich bewegen k\u00f6nnen, dass sie Gem\u00fctszust\u00e4nde verst\u00e4rken und je nachdem auch ver\u00e4ndern, dass Texte oft Ausl\u00f6ser f\u00fcr emotionale Erfahrung sind.<\/p>\n<p class=\"p2\">Das Lesen, das Verarbeiten und das Mitteilen von Lekt\u00fcren sind zwar erst einmal Denkleistungen, so genannt mentale Konstruktionen, mit welchen sich die Leserinnen und Leser den Sinn und den Sinnzusammenhang im Text erarbeiten. Im Prozess des Verstehens spielt auch das Vorwissen eine wichtige Rolle. Leserinnen und Leser tragen es in die Texte, mit denen sie sich befassen, hinein. Im Lesevorgang leben sie allerdings auch in den Texten, und dies oft in einer Weise, die in kognitiver Hinsicht alleine nicht ausreichend beschrieben werden kann.<\/p>\n<p class=\"p4\">Zum Lesen geh\u00f6rt die Vorstellungsbildung (man muss das im Text Berichtete mit dem inneren Auge sehen k\u00f6nnen) und es geh\u00f6rt die \u201aemotionale N\u00e4he\u2019 dazu, denn Vorstellungen gelingen nur jenen, die sich vom Mitgeteilten sensibilisieren lassen. Dies gilt nicht nur f\u00fcr das Lesen von Romanen, sondern auch f\u00fcr den Umgang mit elektronischen Medien, mit welchen sich viele Jugendliche konstruktiv besch\u00e4ftigen, indem sie mediale Darstellungen ausw\u00e4hlen, dann neu montieren und damit ausdr\u00fccken, was sie attraktiv und je nachdem auch bewegend finden: in Zusammensetzungen von Textteilen, Videoausschnitten u.a. Ob mit dem Buch oder am Bildschirm, das beteiligte Lesen (Involvement) setzt u.a. Folgendes voraus: gelernte basale Lesetechniken, pers\u00f6nliche Lesemotivationen, Leseziele und ein stabiles Selbstbild als Leserin bzw. Leser. All dies sind wichtige Faktoren f\u00fcr das Gelingen von Lekt\u00fcren und sie spielen in komplexer Weise zusammen, je nachdem, wie sie bei Heranwachsenden gef\u00f6rdert wurden und sich entsprechend herausgebildet haben.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Lesealltag und seine Bewertung<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Im Forschungsprojekt \u201aLiterale Resilienz \u2013 wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt\u2019 (www.schriftlernen.ch) haben wir untersucht, weshalb gewisse Jugendliche aus sozial tief gestellten Familien sich im Lesen und Schreiben erfolgreich entwickeln und also resilient gegen Risikoeinfl\u00fcsse sind, andere hingegen nicht. Dazu haben wir rund 1500 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus vier Kantonen getestet und befragt. Eine ins Gesamtprojekt eingebettete Interviewstudie gibt nun erste Antworten auf die Fragen: Wie situieren und beschreiben diese Jugendlichen, denen aufgrund ihrer sozialen Ausgangslage bescheidene Lesekarrieren vorausgesagt werden, jene Momente, in welchen sie Lesen als pers\u00f6nlich befriedigend erfahren? Und mit welchen Lekt\u00fcren gelangen sie zu solchen positiven Erfahrungen?<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Sinnhaftigkeit und Lesen<\/b><\/p>\n<p class=\"p5\">Die Jugendlichen berichten von unterschiedlichsten Leseanl\u00e4ssen in ihrer Freizeit: Die einen machen es sich am liebsten mit einem spannenden Buch im Bett gem\u00fctlich, andere lesen bevorzugt Zeitschriften auf dem Klo, und wiederum andere k\u00f6nnen sich vornehmlich f\u00fcr das Lesen von Websites oder Internet-Foren zum Thema Stars, Zaubern oder Games begeistern. Etwas aber haben die allermeisten Befragten gemein: Sie setzen sich regelm\u00e4ssig abends an den Computer, um mit ihren Freundinnen und Freunden im MSN zu chatten. Zum \u201arichtigen\u2019 Lesen z\u00e4hlen sie allerdings beinahe ausschliesslich das Lesen von B\u00fcchern, ob sie nun selber gern oder ungern, viel oder wenig lesen.<\/p>\n<p class=\"p6\">Zum Beispiel Sofie (S), befragt von einer Interviewerin (I):<\/p>\n<p class=\"p6\">S <span class=\"s1\">:Im <\/span>Winter les ich noch ziemlich viel, grad wenns ein gutes Buch ist, dann gehts meistens ziemlich <span class=\"s3\">schnell.<\/span><\/p>\n<p class=\"p6\">I: Mhm. <span class=\"s4\">Was <\/span>ist denn so ein \/ eigentlich \u00e4h Lesen f\u00fcr dich? Also wenn ich dich jetzt so frage mal, weil es \/ an was denkst du, was Lesen ist?<\/p>\n<p class=\"p6\">S: Eigentlich, B\u00fccher, denk ich. Aber ja, Chatbeitr\u00e4ge sind eigentlich auch Lesen.<\/p>\n<p class=\"p6\">I: Ja.<\/p>\n<p class=\"p6\">S: Aber einfach, B\u00fccher, denk ich erst mal.<\/p>\n<p class=\"p5\">Hier, in den B\u00fcchern, machen sie vertiefte Erfahrungen von Gl\u00fcck, hier f\u00fchlen und tr\u00e4umen sie mit. Wiederum Sofie, die solche Erfahrungen eindr\u00fccklich beschreibt:<\/p>\n<p class=\"p6\">I: Und gibts vielleicht noch andere Gr\u00fcnde, warum du jetzt liest?<\/p>\n<p class=\"p6\">S: Ja einfach, wenn man Probleme hat oder so, bei denen man nachher einfach \/ geht man in eine andere Welt irgendwie durch die B\u00fccher, es ist einfach bei mir so. Dann kann ich einfach \/ in dieser Zeit vergesse ich einfach, weil ich im Buch drin bin.<\/p>\n<p class=\"p9\">Unabh\u00e4ngig davon, ob sie sich selber als Buchleserinnen und -leser empfinden oder nicht, berichten die Jugendlichen, am liebsten dann zu lesen, wenn sie in einer Handlung aufgehen k\u00f6nnen und die reale Umgebung an Bedeutung verliert. Lesen ist ein Mittel, sich einfach aus Lust oder aber, um eigene Probleme zu vergessen, in eine sch\u00f6nere oder aufregendere Welt hineinzutr\u00e4umen und sich hierbei in Zeit und Raum zu verlieren.<br \/>\nObwohl sie andere Arten des Lesens im Umgang mit unterschiedlichsten medialen Aufbereitungen und mit verschiedenen Genres pflegen, berichten sie von emotionaler N\u00e4he in erster Linie im freizeitlichen Buchlesen.<\/p>\n<p class=\"p11\">Die Schule hat die anspruchsvolle Aufgabe, Lesef\u00e4higkeiten aufzubauen und Lesevergn\u00fcgen zu vermitteln. Dabei hat sie es sowohl mit passionierten Buchleserinnen und -lesern zu tun als auch mit Jugendlichen, die sich selber als Nicht-Lesende verstehen, dies, weil sie entweder vollkommen leseabstinent sind oder weil ihre private Lesepraxis so gar nicht zu dem passt, was von der Schule angeregt wird. Das freizeitliche Lesen entspricht oft nicht den schulischen Anforderungen, immerhin aber gestaltet es sich f\u00fcr die Jugendlichen als eine anschlussf\u00e4hige Erfahrung: Im Nachklang an positive Leseerfahrungen suchen sie nach einer Fortsetzung. Selbstvergessenheit, Involvement und Sinnhaftigkeit stellt sich bei ihnen dann ein, wenn sie in den von ihnen bevorzugten medialen Settings wieder und immer wieder lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p13\">Die Herausforderung, vor welcher Lehrerinnen und Lehrer bei der F\u00f6rderung heranwachsender Leserinnen und Leser stehen, ist deshalb eine dreifache: Sie m\u00fcssen zum einen das Lesen nach curricularen Vorgaben anleiten und damit allen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern den Anschluss an die Textwelt erm\u00f6glichen. Zum Zweiten m\u00fcssen sie aber auch Interesse zeigen f\u00fcr die von den Jugendlichen selbst gew\u00e4hlten Lekt\u00fcren und sich von diesen berichten lassen. Hierzu geh\u00f6rt auch der Austausch \u00fcber dargestellte Themen und Probleme, \u00fcber Heldinnen und Helden, Motive und Handlungszusammenh\u00e4nge, \u00fcber Beobachtungen und Erfahrungen im Netz usw. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler lernen dabei zur Sprache zu bringen, was sie in Texten interessiert, was sie allenfalls bewegt und umtreibt. Und schliesslich muss die Schule auch ihrerseits Leseangebote machen, welche an die jugendlichen Lesepraxen anschliessen, damit sich junge Leserinnen und Leser best\u00e4rkt sehen und bereit sind, weitere Anregungen aufzunehmen.<\/p>\n<p class=\"p15\">Mehr zu den Ergebnissen der Studie auf:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schriftlernen.ch\/\">www.schriftlernen.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00ab\u2026 Ich bin nachher so quasi schon in diesem Buch drin \u2026\u00bb (Sofie , 16 Jahre) von Andrea Bertschi-Kaufmann und Esther Wiesner Wenn Sofie \u2013 befragt nach ihren Leseerfahrungen \u2013 von ihren Reaktionen auf B\u00fccher berichtet, dann macht sie Aussagen, die erst einmal extrem anmuten m\u00f6gen. 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