{"id":7369,"date":"2010-05-01T17:42:50","date_gmt":"2010-05-01T15:42:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7369"},"modified":"2019-08-05T16:32:22","modified_gmt":"2019-08-05T14:32:22","slug":"rs_18_2010_bedingungen-eines-motivierenden-schreibunterrichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_18_2010_bedingungen-eines-motivierenden-schreibunterrichts\/","title":{"rendered":"Bedingungen eines motivierenden Schreibunterrichts"},"content":{"rendered":"<p><strong>Welche Voraussetzungen m\u00fcssen gegeben sein, damit Schreibmotivation gef\u00f6rdert und l\u00e4ngerfristig aufrecht erhalten werden kann? Studien zur Schreibmotivation wie diejenige von Bruning und Horn (2000) haben gezeigt, dass vor allem die folgenden vier Bedingungen f\u00fcr einen motivierenden Schreibunterricht entscheidend sind.<\/strong><\/p>\n<p>von Julienne Furger<\/p>\n<p class=\"p1\">Dass Motivation f\u00fcrs Schreiben von grosser Bedeutung ist, ist in der Schreibforschung seit Jahren unbestritten und Lehrpersonen aus der Praxis bestens bekannt. und es ist auch kein Geheimnis, dass die Schreibmotivation im Laufe der Schulzeit abnimmt, wie verschiedene empirische Studien gezeigt haben (vgl. exemplarisch Boscolo 2009). Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abnahme der Motivation sind vielf\u00e4ltig und die Klagen dar\u00fcber zahlreich. Doch welche Voraussetzungen m\u00fcssen gegeben sein, damit Schreibmotivation gef\u00f6rdert und l\u00e4ngerfristig aufrecht erhalten werden kann? Studien zur Schreibmotivation wie diejenige von Bruning und Horn (2000) haben gezeigt, dass vor allem die folgenden vier Bedingungen f\u00fcr einen motivierenden Schreibunterricht entscheidend sind:<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Schreiben als funktional sinnvoll vermitteln<\/b><\/p>\n<p class=\"p4\">Jedes Schreiben im Alltag hat eine Funktion: Wir schreiben Briefe und E-Mails an Freunde und Gesch\u00e4ftspartnerinnen, um diese zu informieren. Wir schreiben Geschichten und Reportagen, um andere zu unterhalten und selbst wenn wir Einkaufszettel schreiben oder unsere Erlebnisse dem Tagebuch anvertrauen, dann schreiben wir f\u00fcr jemanden: f\u00fcr uns selbst. unser Schreiben hat eine Funktion und ist in eine kommunikative Situation eingebettet.<\/p>\n<p class=\"p5\">Im schulischen Kontext kann diese reale Funktion oftmals nur mittels inszenierter Schreibumgebungen simuliert werden, weil es in der Schule nicht so viele echte Schreibsituationen gibt, wie zu F\u00f6rderung und Ausbau der Schreibkompetenzen erforderlich w\u00e4ren. Diese Einschr\u00e4nkung setzt eine qualitativ hochwertige Inszenierung der schulischen Schreibumgebung voraus. Das schulische Schreiben muss also bewusst gestaltet werden, damit die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auch in der Schule Schreiben als kommunikative, situierte Handlung erfahren k\u00f6nnen. Denn Schreibmotivation baut sich erst auf, wenn eine Situation das Verfassen eines Textes erfordert und dem Schreiber \/ der Schreiberin bekannt ist, dass das Handeln zu einem Ergebnis und zu Folgen f\u00fchrt, die f\u00fcr die schreibende Person selbst bedeutsam sind (Baurmann 1998).<\/p>\n<p class=\"p6\">Voraussetzung hierf\u00fcr ist, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler die Funktionen und Folgen ihres Schreibens \u00fcberhaupt erkennen und auch erfahren. Hierzu k\u00f6nnen kommunikative Bed\u00fcrfnisse der Klasse genutzt werden wie z.B. beim Verfassen von Briefen an eine Partnerklasse oder bei einer fiktiven Korrespondenz mit einer literarischen Figur.<\/p>\n<p class=\"p8\">Zudem macht erst die Gewissheit, dass Texte gelesen werden, das Schreiben sinnvoll und attraktiv. Dabei ist es von hoher Bedeutung, dass die Texte von einer gr\u00f6sseren Leserschaft als einzig der Lehrperson gelesen werden (z.B. (Vor-) Leserunde in der Klasse, eine \u00f6ffentliche Lesung durchf\u00fchren, die Texte in einer Sch\u00fclerzeitung ver\u00f6ffentlichen etc.).<\/p>\n<p class=\"p10\"><b>Interessante und abwechslungsreiche Schreibaufga\u00adben stellen<\/b><\/p>\n<p class=\"p11\">Das Interesse hat einen grossen Einfluss auf die Schreibmotivation einer Person, denn Interesse ist ein Bedingungsfaktor f\u00fcr Motivation, eine spezielle (inhaltliche) motivationale Orientierung.<br \/>\nIn der p\u00e4dagogisch-psychologischen Konzeption von Interesse werden zwei Zust\u00e4nde unterschieden: Das situationale Interesse und das individuelle Interesse (Krapp 1992). In der Schule wird das situationale Interesse durch die Beschaffenheit der (Lern-) Umgebung initiiert. Es handelt sich also um eine didaktisch erzeugte Aufmerksamkeit f\u00fcr einen Gegenstand, wobei sich der Gegenstand auch auf bestimmte Handlungen wie beispielsweise \u00abTexte schreiben\u00bb beziehen kann. F\u00fcr dieses situationale Interesse ist zun\u00e4chst kein individuelles Interesse notwendig, welches als gegenstandsbezogene motivationale Eigenschaft zu verstehen ist, die im Unterschied zum situationalen Interesse zeit- und situations\u00fcbergreifend ist, also \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum anh\u00e4lt. Aus einem situationalen Interesse kann sich jedoch ein individuelles Interesse entwickeln. Es ist also durchaus m\u00f6glich, mittels anregender Schreibaufgaben das Interesse f\u00fcr neue Themen zu wecken. Aber thematisches Interesse bedeutet nicht zwingend, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auch motiviert sind, zu einem Thema zu schreiben (Boscolo 2007). Wichtiger als das Thema der Schreibaufgabe ist eine Schreibumgebung, die auch einen gewissen Spielraum f\u00fcr Variationen zul\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Erfolgszuversicht beim Schreiben st\u00e4rken<\/b><\/p>\n<p class=\"p13\">Ein motivierender Schreibunterricht sollte bei den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern \u201aErfolgszuversicht\u2019 wecken und die Selbstwirksamkeitserwartung st\u00e4rken. Selbstwirksamkeit meint die individuelle \u00dcberzeugung, dass man in einer bestimmten Situation die angemessene Leistung erbringen kann und dass das eigene Verhalten Konsequenzen hat und zum Ziel f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"p1\">Selbstwirksamkeit kann gest\u00e4rkt werden, indem Strategien vermittelt und Fortschritte darauf zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Einen grossen Einfluss auf die Ausbildung von Selbstwirksamkeit haben konstruktive Feedbacks von Lehrpersonen und Gleichaltrigen; diese st\u00e4rken die Erfolgszuversicht und Motivation erheblich. Am besten werden R\u00fcckmeldungen nicht nur zum Endprodukt gegeben, sondern bereits w\u00e4hrend dem Schreibprozess, damit die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu einem positiven (Selbst-)Konzept als Schreibende gelangen k\u00f6nnen. Hierf\u00fcr m\u00fcssen sie in ihrem gesamten Schreibprozess begleitet und methodisch angeleitet werden, und zwar von der Ideenfindung bis zum inhaltlichen und sprachformalen \u00dcberarbeiten.<\/p>\n<p class=\"p2\">Wichtig ist auch zu beachten, dass die einzelnen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler unterschiedliche Schreibstrategien bevorzugen. Sie w\u00e4hlen verschiedene, individuelle Schreibwege, um ans Ziel zu gelangen: Die einen beginnen sofort mit dem Schreiben und \u00e4ndern laufend ihre Fassungen, andere planen ihren Text so genau, dass sie eine fast fertige Fassung zu Papier bringen. Deshalb ist es sinnvoll, bei der Aufgabenstellung verschiedene methodische Arrangements zur Verf\u00fcgung zu stellen (z.B. mehr oder weniger Orientierung anVorgaben (vgl. hierzu den Artikel von Claudia Schmellentin in diesem Heft), Ideenaustausch, gemeinsam Geschichten weiterdenken, Textlupe etc.), sodass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler selbstbestimmt herausfinden k\u00f6nnen, welcher Weg f\u00fcr sie zum Erfolg f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"p5\"><b>Positives Schreibklima erm\u00f6glichen<\/b><\/p>\n<p class=\"p6\">um ein positives Schreibklima in der Schule zu schaffen, sind einige Rahmenbedingungen zu beachten. Zu diesen z\u00e4hlt neben der materiellen Ausstattung (verschiedene Schreibmedien und Schreiborte) ein entsprechender Zeitrahmen, in welchem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zwischen verschiedenen Arbeitsformen (am Gruppentisch, in Einzelarbeit, in der Leseecke\u2026) w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Besonders das kooperative Schreiben kann motivierend wirken, da es h\u00e4ufig zu besseren Textprodukten f\u00fchrt und Schreiben in der Gruppe als etwas Bew\u00e4ltigbares erlebt wird. und indem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler andere Schreibende beobachten, k\u00f6nnen sie zugleich ihre Schreibstrategien ausbauen.<\/p>\n<p class=\"p7\">Schreibmotivation entwickelt sich prim\u00e4r in einem sozialen Kontext, in welchem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler Schreiben und Lesen als T\u00e4tigkeiten mit zentralen sozialen Funktionen wahrnehmen. Hierzu ist es unabdingbar, dass die Texte der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler als echte Kommunikationsangebote wahrgenommen werden.<\/p>\n<p class=\"p10\"><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p class=\"p9\">Motivationen k\u00f6nnen unterschiedlicher Art sein und unterliegen deshalb auch unterschiedlichen Bedingungen. In einem motivationsf\u00f6rdernden Schreibunterricht k\u00f6nnen und m\u00fcssen nicht alle Bedingungen immer erf\u00fcllt sein. Es ist durchaus legitim, einzelne Bedingungen zu fokussieren.<\/p>\n<p class=\"p11\">Die wichtigste Bedingung f\u00fcr eine stabile Schreibmotivation ist jedoch, dass die Schreibaufgaben kommunikativ motiviert und situiert sind, das heisst, eine konkrete Adressatenschaft und ein konkretes Schreibziel vorgeben. Nur wenn ich weiss, f\u00fcr wen und wozu ich schreibe, kann ich auch Motivation aufbauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"p10\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Baurmann, J\u00fcrgen und M\u00fcller, Astrid (1998): Zum Schreiben motivieren \u2013 das Schreiben unterst\u00fctzen. In: Praxis Deutsch 149, <span class=\"s1\">S.<\/span> 16\u201322.<\/p>\n<p class=\"p10\">Boscolo, Pietro (2007): Writing on a Interesting <span class=\"s6\">Topic.<\/span> In: Hidi, Suzanne und Boscolo, Pietro (Hrsg.): Writing and Motivation. Elsevier: Amsteram et al. (= Studies in Writing). <span class=\"s1\">S.<\/span> <span class=\"s7\">73\u201391.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"p10\">Boscolo, Pietro (2009): Engaging and Motivating Children to Write. In: Beard, Roger et. al (Hrsg.): The SAGE Handbook of Writing Development. SAGE Publications London et al. <span class=\"s1\">S. <\/span>300 \u2013312.<\/p>\n<p class=\"p10\">Bruning, Roger und Horn, Christy (2000): Developing Motivation to Write. In: Ecucational Psychologist <span class=\"s1\">35:1, S.<\/span> <span class=\"s7\">25\u201337.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"p10\">Krapp, Andreas. (1992): Das Interessenkonstrukt: <span class=\"s11\">Be<\/span>stimmungsmerkmale der Interessenhandlung und des individuellen Interesses aus der Sicht einer <span class=\"s3\">Per<\/span>son-Gegenstands-Konzeption. In: Krapp,Andreas und Prenzel, Manfred (Hrsg.): Interesse, Lernen, Leistung. M\u00fcnster. S. 297\u2013329.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Voraussetzungen m\u00fcssen gegeben sein, damit Schreibmotivation gef\u00f6rdert und l\u00e4ngerfristig aufrecht erhalten werden kann? 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