{"id":7408,"date":"2006-10-01T21:22:57","date_gmt":"2006-10-01T19:22:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7408"},"modified":"2019-08-05T16:27:40","modified_gmt":"2019-08-05T14:27:40","slug":"rs_11_2006_varianz-und-regelgefu%cc%88hrte-variantenschreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_11_2006_varianz-und-regelgefu%cc%88hrte-variantenschreibung\/","title":{"rendered":"Rechtschreibung: Varianz und regelgefu\u0308hrte Variantenschreibung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Rat f\u00fcr deutsche Rechtschreibung hat in diesem Fr\u00fchjahr in einigen wenigen Bereichen \u00c4nderungen an der Rechtschreibreform vorgenommen.<sup>1\u00a0<\/sup>Diese haben teilweise zu neuen Problemen f\u00fcr die Schulen gef\u00fchrt. Im Folgenden sollen diese Schwierigkeiten etwas genauer beleuchtet und Hinweise darauf gegeben werden, wie mit diesen Problemen umgegangen werden kann.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/afra-sturm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Afra Sturm<\/a><\/p>\n<p class=\"p2\">Insgesamt handelt es sich zwar nur um wenige \u00c4nderungen, das heisst, in den Schulen kann im Wesentlichen weiterhin so geschrieben, unterrichtet und korrigiert werden, wie in den letzten Jahren.<sup>2<\/sup><span class=\"s2\">\u00a0<\/span>Im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung und teilweise auch in der Gross- und Kleinschreibung f\u00fchren die \u00c4nderungen jedoch dazu, dass es mehr Varianz gibt, das heisst, es sind nun \u00f6fter zwei Schreibungen erlaubt, was insbesondere f\u00fcrs Korrigieren Probleme verursacht. An und f\u00fcr sich ist Varianz zumindest f\u00fcr Schreibende etwas Angenehmes: Ob sie nun <i>kennen lernen <\/i>getrennt oder zusammen schreiben \u2013 beides ist neu richtig. F\u00fcr Korrigierende, zu denen insbesondere Lehrpersonen geh\u00f6ren, ist eine hohe Varianz jedoch eher hinderlich: K\u00f6nnen auch <i>wandern gehen, brennen lassen <\/i>etc. sowohl getrennt als auch zusammengeschrieben werden oder gilt nur Getrenntschreibung, wie dies der Normalfall ist? M\u00fcssen nun Lehrpersonen jeden m\u00f6glichen Fall im W\u00f6rterbuch nachschlagen?<\/p>\n<p class=\"p3\">Auf diesem Hintergrund hat der LCH gefordert, dass f\u00fcr die Schweizer Schulen Richtlinien im Umgang mit dieser Schreibvielfalt zu geben sind, da eine solch hohe Varianz weder lehr- noch lernbar sei. In der Folge erteilte die EDK dem Zentrum Lesen bzw. Afra Sturm, Claudia Schmellentin und Thomas Lindauer den Auftrag, linguistische und sprachdidaktisch gest\u00fctzte Erl\u00e4uterungen und Empfehlungen auszuarbeiten, die f\u00fcr die Schulen einen gangbaren Weg durch die Variantenvielfalt zeigen. Die Arbeit wurde begleitet von Peter Feller (ilz), Roman Looser (Gymnasiallehrer) und Max M\u00fcller (LCH). Begutachtet wurden die Vorschl\u00e4ge von Knut Stirnemann (Gymnasiallehrer und Deutschdidaktiker). Die Brosch\u00fcre kann als PDF-Datei heruntergeladen oder als Print bestellt werden (<a href=\"http:\/\/www.edk.ch\/dyn\/11910.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.edk.ch<\/a>).<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Klare Handlungsanweisungen vs. Prototypen<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Der Rat f\u00fcr deutsche Rechtschreibung hat sich vor allem im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung in seiner Regelformulierung nicht mehr vom Prinzip der m\u00f6glichst leicht handhabbaren Regel leiten lassen, sondern orientiert sich neu an sogenannt prototypischen Schreibungen. Das heisst: Es gilt nicht mehr die generelle Regel \u00abVerb + Verb werden getrennt geschrieben\u00bb, sondern \u00abin gewissen F\u00e4llen k\u00f6nnen zwei Verben auch zusammengeschrieben werden, daf\u00fcr stehen prototypisch <i>kennenlernen, spazierengehen<\/i>\u00bb. Dies illustriert auch das folgende Beispiel f\u00fcr die Schreibung von \u2039Partikel + Verb\u203a:<\/p>\n<p class=\"p4\"><i>Leicht handhabbare Regel<\/i>: Partikeln, die auf \u2039einander-\u203a oder \u2039w\u00e4rts-\u203a enden, werden getrennt von einem folgenden Verb geschrieben.<\/p>\n<p class=\"p5\"><i>Prototypischer Schreibhinweis<\/i>, wie er im amtlichen Regelwerk unter \u00a734 formuliert wurde: \u00abBei Zusammensetzungen liegt der Hauptakzent normalerweise auf der Verbpartikel [\u2026], w\u00e4hrend bei Wortgruppen das selbst\u00e4ndige Adverb auch unbetont sein kann [\u2026]. Wenn das Betonungskriterium nicht zu einem eindeutigen Ergebnis f\u00fchrt, hilft in manchen F\u00e4llen eine der folgenden Proben weiter: [\u2026]\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p6\">Formulierungen wie \u00abnormalerweise\u00bb und \u00abin manchen F\u00e4llen\u00bb sind f\u00fcr die Schulen wenig hilfreich. Entsprechend sind die neuen Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung zu einem recht grossen Teil in den Volksschulen weder lehr- noch lernbar. Diese Bereiche wurden denn auch in der EDK-Handreichung als nicht vermittel- und korrigierbar ausgewiesen.<\/p>\n<p class=\"p7\">Die Orientierung am Prototypischen f\u00fchrt aber wie angesprochen auch zu mehr Varianz: Prototypisches unterliegt einer Interpretation, die unterschiedlich erfolgen kann. Dies zeigt sich bereits jetzt in den W\u00f6rterb\u00fcchern: W\u00e4hrend etwa Duden nur \u00abauseinanderentwickeln\u00bb anf\u00fchrt, h\u00e4lt Wahrig in diesem Fall sowohl Getrennt- als auch Zusammenschreibung f\u00fcr m\u00f6glich.<\/p>\n<p class=\"p8\">In den Empfehlungen f\u00fcr die Schule und bei der <span class=\"s1\">Er<\/span>stellung des Sch\u00fclerdudens haben wir uns daher durch eine sogenannt regelorientierte Variantenf\u00fchrung leiten lassen. Das heisst: Dort, wo es im Rahmen der geltenden Orthografie m\u00f6glich ist, Varianten mit einer leicht <span class=\"s2\">hand<\/span>habbaren Regel zu reduzieren, wird diese Regel in den Schweizer Schulen gelehrt <span class=\"s3\">bzw. <\/span>nach diesen Regeln geschrieben und korrigiert. So gilt z.B. grunds\u00e4tzlich die Regel <span class=\"s3\">\u00abVerb <\/span>und <span class=\"s3\">Verb <\/span>werden getrennt geschrieben\u00bb, selbst wenn in gewissen F\u00e4llen zusammengeschrieben werden k\u00f6nnte. Da nach dem geltenden Regelwerk die\u00a0Getrenntschreibung immer korrekt ist, liegt die oben aufgef\u00fchrte Regel im Rahmen des Regelwerks und ist zudem leicht handhab- und vermittelbar. Im Sch\u00fclerduden ist in diesen F\u00e4llen entsprechend nur die Getrenntschreibung aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"p2\">Dort, wo keine regelorientierteVariantenf\u00fchrung m\u00f6glich ist, muss die Schreibung frei gegeben werden: Dies betrifft weitgehend die Schreibung von Partikel und Verb. Im Sch\u00fclerduden wird in diesen F\u00e4llen die Getrennt- und Zusammenschreibung aufgef\u00fchrt (z.B. \u00ab<i>auseinander gehen <\/i>oder <i>auseinandergehen<\/i>\u00bb).<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Varianz und Korrektur<\/b><\/p>\n<p class=\"p5\">Wie soll man sich bei der Korrektur verhalten, wenn zwei Varianten m\u00f6glich sind? Auf den ersten Blick scheint klar: Wo zwei Schreibungen vom amtlichen Regelwerk erlaubt sind, muss man bei der Korrektur auch beide Schreibungen zulassen. Dies w\u00fcrde aber f\u00fcr Lehrpersonen bedeuten, dass sie immer wissen m\u00fcssten, in welchen F\u00e4llen zwei Schreibungen m\u00f6glich sind. Da in gewissen F\u00e4llen nicht einmal die professionellen W\u00f6rterbuchverlage zu gleichen Ergebnissen kommen, stellt dies wohl f\u00fcr die meisten Lehrpersonen eine \u00dcberforderung dar. Versch\u00e4rft wird dieses Problem noch dadurch, dass es einerseits Empfehlungen der EDK f\u00fcr die Schulen gibt und dass andererseits auch die Presse und die Buchverlage meist nur eine Variante pflegen. Uns scheint es daher sinnvoll, dass in den Volksschulen nicht Varianz gelehrt und korrigiert wird, sondern die Kernbereiche der Rechtschreibung mithilfe von m\u00f6glichst einfach handhabbaren Regeln vermittelt werden und dass auch entsprechend diesen Regeln korrigiert wird.<\/p>\n<p class=\"p6\">Eine solche Haltung gegen\u00fcber Variantenschreibungen findet in der Schweiz breite Akzeptanz bei Fremdw\u00f6rtern aus den Landessprachen Franz\u00f6sisch und Italienisch. So werden guten Gewissens und sinnvollerweise Schreibungen wie <i>Spagetti <\/i>oder <i>Krem <\/i>auf <i>Spaghetti <\/i>bzw. <i>Creme <\/i>korrigiert, auch wenn die eingedeutschten Schreibungen durch das amtliche Regelwerk explizit legitimiert sind. Und sogar in einem Fall wie <i>Couvert <\/i>wird man wohl weiterhin diese Schreibweise akzeptieren wollen, auch wenn sie vom amtlichen Regelwerk gerade nicht mehr zugelassen wird, sondern nur die Schreibung <i>Kuvert<\/i>.<\/p>\n<p class=\"p1\">Ein solcher Umgang mit Varianz ist auch in anderen Bereichen m\u00f6glich und sinnvoll; das gilt insbesondere f\u00fcr den Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung und f\u00fcr Teile der Gross- und Kleinschreibung: Im Sinne einer St\u00e4rkung des (Regel-)Lernens k\u00f6nnen an sich zul\u00e4ssige Varianten in diesen f\u00fcr Volkssch\u00fcler und -sch\u00fclerinnen ohnehin nur schwer bew\u00e4ltigbaren Bereichen mit Bezug auf die vermittelten Regeln korrigiert werden. Dies entsprechend der lernpsychologischen Forderung: Schreibende sollen erfahren, dass Rechtschreibung vor allem etwas Regul\u00e4res ist, das erworben werden kann; Varianten verwirren da nur.<\/p>\n<p class=\"p3\">Damit wird auch die Korrekturarbeit der Lehrpersonen einfacher: Wenn sie sich bei der Korrektur an handhabbare Rechtschreibregeln halten k\u00f6nnen, ohne in jedem Zweifels- und Variantenfall ein W\u00f6rterbuch zuhilfe nehmen zu m\u00fcssen, spart das viel Zeit.<br \/>\nWie auch immer man sich in dieser Frage positionieren will, uns scheint es allemal sinnvoll, dass f\u00fcr die Schulen m\u00f6glichst klare Rechtschreibregeln gelten, die sowohl lehr- wie auch lernbar sind.<\/p>\n<p class=\"p5\">Wir haben daher versucht, in der Variantenvielfalt einen Weg der regelorientierten Variantenf\u00fchrung zu weisen. Zudem haben wir Hinweise darauf gegeben, welche Rechtschreibbereiche f\u00fcr welche Schulstufe \u00fcberhaupt relevant sind (vgl. EDK-Brosch\u00fcre S. 42\u201349). Dabei haben wir uns von Regeln leiten lassen, die zumindest f\u00fcr Volksschullehrer und -lehrerinnen, wenn nicht gar f\u00fcr Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen versteh- und lernbar sind.<\/p>\n<p class=\"p1\"><i><sup>1\u00a0<\/sup>Die Namen aller Mitglieder k\u00f6nnen auf der Website des Rates eingesehen werden: <\/i><a href=\"http:\/\/www.rechtschreibrat.com\/\"><i>www.rechtschreibrat.com<\/i><\/a><br \/>\n<i><sup>2\u00a0<\/sup>Vgl. die EDK-Stellungnahme vom 22.6.2006 auf: <\/i><a href=\"http:\/\/www.edk.ch\/\"><i>www.edk.ch <\/i><\/a><i>\u2013<\/i>\u203a <i>Aktuelles \u2013<\/i>\u203a <i>Pressemitteilungen<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Rat f\u00fcr deutsche Rechtschreibung hat in diesem Fr\u00fchjahr in einigen wenigen Bereichen \u00c4nderungen an der Rechtschreibreform vorgenommen.1\u00a0Diese haben teilweise zu neuen Problemen f\u00fcr die Schulen gef\u00fchrt. 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