{"id":7411,"date":"2006-10-01T10:20:24","date_gmt":"2006-10-01T08:20:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7411"},"modified":"2019-07-31T15:24:24","modified_gmt":"2019-07-31T13:24:24","slug":"rs_11_2006_konnten-die-leute-fru%cc%88her-kein-schriftdeutsch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_11_2006_konnten-die-leute-fru%cc%88her-kein-schriftdeutsch-2\/","title":{"rendered":"Konnten die Leute fru\u0308her kein Schriftdeutsch?"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Zur Rechtschreibkompetenz geh\u00f6rt nicht nur die F\u00e4higkeit, Texte m\u00f6glichst fehlerfrei schreiben zu k\u00f6nnen, sondern auch die F\u00e4higkeit, Ph\u00e4nomene der Rechtschreibung untersuchen, reflektieren zu k\u00f6nnen. Wir stellen hier ein Modell vor, das im ersten Schritt den reflexiven Aspekt fokussiert, bevor es den Ausbau der Fertigkeiten in den Bereichen e\/\u00e4- und ck-Schreibung thematisiert.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.phtg.ch\/hochschule\/menschen\/seite-detailansicht\/person\/stephan-naenny\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stephan N\u00e4nny<\/a><\/p>\n<p>&rarr; <a title=\"Rechtschreibung\" href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/RS_frueher_Rundschreiben_11_2006-Kopie.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gesamte Unterrichtsidee inkl. aller Materialien als PDF herunterladen<\/a><\/p>\n<p class=\"p2\">Die Grundlage bildet die Luther-Fabel \u00abDer Wolf und das L\u00e4mmlein\u00bb, die den Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen sowohl in alter wie auch neuer Orthografie mit der Aufgabe pr\u00e4sentiert wird: \u00abVergleiche die beiden Texte hinsichtlich ihrer Schreibung.\u00bb Durch dieses Unterrichtsarrangement gewinnen sie Einsichten in die Geschichte der deutschen Sprache und deren Entwicklung und betrachten die Rechtschreibung aus einem eher ungewohnten Blickwinkel: Sie machen sich bewusst, was Rechtschreibregeln sind, wie sie formuliert werden k\u00f6nnen, welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben, dass Orthografie ver\u00e4ndert werden kann, dass diese ein von Menschen f\u00fcr Menschen gemachtes (Schreib-)Werkzeug und kein von Gott gegebenes System darstellt.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Bei \u2039tranck\u203a kommt es mir komisch vor \u2013 Kurzbericht aus der Praxis<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen bekamen also zwei Texte, die sie hinsichtlich ihrer orthografischen Besonderheiten vergleichen sollten. Ihre Beobachtungen hielten sie in ihren Lernjournalen fest. Das Lernjournal ist ein Instrument, das es Lehrpersonen erm\u00f6glicht, Lernende auf ihren Lernwegen zu beobachten und zu beraten: Wenn wir Kinder auf ihrem Lernweg begleiten wollen, m\u00fcssen wir verstehen lernen, wie sie denken und wie sie ihr Wissen konstruieren.<\/p>\n<p class=\"p4\">Im Laufe der individuellen Forschungsarbeit tauschen die Kinder gelegentlich Beobachtungen und Erfahrungen aus. Die einfachste Form daf\u00fcr ist das Lesen der Lernjournale im sogenannten <i>Sesseltanz: <\/i>Nachdem die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen in einer ersten Phase ihre Gedanken und Ideen zu Papier gebracht haben, legen sie ihr Lernjournal ge\u00f6ffnet an ihren Platz, geben ihren Stuhl frei und suchen sich einen anderen Stuhl bei einem ge\u00f6ffneten Lernjournal. Nach der Lekt\u00fcre hinterlassen sie eine R\u00fcckmeldung, einen sogenannten \u2039Blitz\u203a. Auch die Lehrperson liest die Lernjournale aufmerksam durch und sucht nach Aussagen, die zu einer weiterf\u00fchrenden Auseinandersetzung einladen.<\/p>\n<p class=\"p6\">Im Folgenden zeigen wir, wie in einer 5. Klasse \u00fcber die Rechtschreibung nachgedacht wurde.<\/p>\n<p class=\"p7\"><b>Der Umlaut-Regel auf der Spur<\/b><\/p>\n<p class=\"p8\">Madeleine hat Folgendes entdeckt:<br \/>\n<i>Bei einigen W\u00f6rtern ist es so in der alten Schrift dass man sie aufschreibt wie man sie ausspricht.[\u2026]. Z. B. bei den W\u00f6rtern Zeene, schwetzen. Das kommt mir komisch vor. Konnten die Leute fr\u00fcher kein Schriftdeutsch?<\/i><\/p>\n<p class=\"p10\">Mit einer kleinen Sammlung von Beispiels\u00e4tzen (vgl. Material 2) wurde der Blick derjenigen Sch\u00fclerInnen, die sich von der alten e-\/\u00e4-Schreibung irritieren liessen, auf die Umlautregel gelenkt. Aufgrund des erweiterten Materials kommt dann Sarah zur Feststellung, dass man manchmal Gleichlautendes unterschiedlich schreibt:<br \/>\n<i>Mir ist bei der Aussprache eingefallen, dass wenn man die Reihmw\u00f6rter genau liesst, einen Unterschied gibt. Man betohnt manchmal das e wie ein \u00e4 und darum gibt es Reihme, die sich wegen e und \u00e4 Reimen. [\u2026] Ich habe es im Text beim Wort Felder, W\u00e4lder herausgefunden. A<\/i>lexander umschreibt die entsprechende Regel:<br \/>\n<i>Ein Wort mit a zum Beispiel W\u00e4lder schreib man als mehrzahl mit \u00ab\u00e4\u00bb W\u00e4lder. Man schreibt es mit \u00e4 weil das andere Wort vom gleichen Wort ein a hat und wenn man es verwandelt endsteht aus einem a ein \u00e4. Kraft = Kr\u00e4fte, erhalten = erh\u00e4ltlich.<\/i><\/p>\n<p class=\"p12\">Alexanders Formulierung scheint im Vergleich mit einer Lehrbuchformulierung unbeholfen und nur schwer verst\u00e4ndlich zu sein; dies st\u00f6rt aber nicht weiter: Wenn Alexander seine Regel jemandem aus der Klasse zum Lesen gibt, wird er erfahren, wie weit seine Formulierung von den andern verstanden wird und in welche Richtung er sie verst\u00e4ndlicher formulieren muss; mit den \u2039Blitzen\u203a weisen die Forscher und Forscherinnen einander auch auf Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten hin.<\/p>\n<p class=\"p13\"><b>Der ck-Regel auf der Spur<\/b><\/p>\n<p class=\"p14\">Melanie st\u00f6sst bei ihrer Arbeit auf das Problem der ck-Schreibung:<br \/>\n<i>Beim Wort tranck kommt es mir komisch vor denn ich schreibe das Wort so: trank. Denn das Wort trank habe ich fr\u00fcher mal ge\u00fcbt ohne ck zu schreiben und jetzt ist\u00a0<\/i><i>es pl\u00f6tzlich wieder anders. Jetzt verwirrt mich wieder das ck!<\/i><\/p>\n<p class=\"p2\">Wer sich verwirren l\u00e4sst, ist bereit f\u00fcr einen Lernprozess: Die Frage nach der ck-Regel ist gestellt. Nicht nur Melanie ist bereit, ihr mithilfe von weiterem material nachzusp\u00fcren (vgl. Material 3).<br \/>\nMichelle findet einen ersten Zugang zur ck-Regel:<br \/>\n<i>Ich h\u00f6re den Unterschied gut, weil zum Beispiel beim Wort h\u00e4keln ist ja das h\u00e4klen gemeint. Und wenn man h\u00e4keln mit ck schreiben m\u00fcsste dann hatte das Wort nicht mehr den gleichen Sinn. Es w\u00fcrde dann h\u00e4ckeln heissen. Und heisst f\u00fcr mich so im Garten herum h\u00e4ckeln. Das ist bei anderen W\u00f6rter auch so.<\/i><\/p>\n<p class=\"p5\">Sie erinnert sich dabei daran, dass ihre Lehrerin in der Unterstufe auch schon von der ck-Regel gesprochen hat:<br \/>\n<i>Frau C. hat uns das glaubich gesagt, das man nach a, e, i, o, u eigentlich immer einen ck hat. Ausser bei frend- w\u00f6rter.<\/i><\/p>\n<p class=\"p6\">Offensichtlich hat Michelle von der deduktiv vermittelten ck-Regel nur einen Teil behalten k\u00f6nnen. Sicher hatte ihre ehemalige Lehrerin versucht, die Regel korrekt einzuf\u00fchren. Woran liegt es aber, dass Michelle davon nur Bruchst\u00fccke aufnehmen konnte? Unter anderm d\u00fcrfte dies daran liegen, dass die vermittelte Regelformulierung von Erwachsenen stammt: Rechtschreibregeln sind von Erwachsenen ihren eigenen Bed\u00fcrfnissen entsprechend kurz und pr\u00e4gnant formuliert. F\u00fcr Lernende sind solche Regelformulierungen jedoch oft zu dicht. Deshalb k\u00f6nnen sie sie h\u00e4ufig nur der Spur nach aufnehmen und verarbeiten.<\/p>\n<p class=\"p7\">Vanessa denkt \u00fcber dasselbe Problem nach:<br \/>\n<i>Bei den k-W\u00f6rtern wird der Selbstlaut ausgesprochen\u00a0<\/i><i>z.B. h\u00e4keln, und eckig. Man kann janicht <\/i><span class=\"s1\"><i>ee<\/i><\/span><i>ckig sagen, bei den ck-W\u00f6rtern hat es <\/i><span class=\"s1\"><i>keinen<\/i><\/span><i> Selbstlaut. Da habe ich jetzt noch ein Beispiel: bl\u00f6ken, Decke, bei bl<\/i><span class=\"s1\"><i>\u00f6<\/i><\/span><i>ken hat es ein Selbstlaut, n\u00e4mlich der \u00ab\u00f6\u00bb, und bei \u00abDecke\u00bb hat es keinen Selbstlaut \u00abdie D<\/i><span class=\"s1\"><i>ee<\/i><\/span><i>cke\u00bb das stimmt nicht. Sonst w\u00e4re es der \u00abe\u00bb bei \u00abDecke\u00bb.<\/i><\/p>\n<p class=\"p10\">Hier wird eine besondere Eigenheit des entdeckenden Lernens sichtbar: Vanessa formuliert einen Sachverhalt mit Worten, die ihr zur Verf\u00fcgung stehen. Oberfl\u00e4chlich gesehen scheinen Fehl\u00fcberlegungen vorzuliegen. Wenn man aber genauer hinschaut, wird deutlich, dass es sich hier um den gelungenen Versuch handelt, Beobachtungen in Begriffe zu fassen. Kinder bedienen sich dabei h\u00e4ufig nicht der regul\u00e4ren Termini, sondern kreieren eigene bzw. verwenden Termini in einer eigenen Bedeutung (hier den Begriff \u2039Selbstlaut\u203a eingeschr\u00e4nkt auf Langvokale).<\/p>\n<p class=\"p12\">Nach einer kurzen Diskussion \u00fcber ihre Theorie unternimmt Vanessa einen neuen Versuch und probiert die L\u00f6sung \u00fcber das \u2039k\u203a zu finden und formuliert die ck-Regel kurz, pr\u00e4gnant und f\u00fcr Kinder nachvollziehbar:<br \/>\n<i>Bei den ck-W\u00f6rtern wird der Selbstlaut schnell ausgesprochen und bei den k-W\u00f6rtern langsam.<\/i><\/p>\n<p class=\"p14\">Von Sarah erh\u00e4lt dann Vanessa den folgenden Blitz, der zeigt, dass die Formulierungsversuche von Einzelnen f\u00fcr das Regelverst\u00e4ndnis aller Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen fruchtbarer sein k\u00f6nnen als die in den Sprachb\u00fcchern bereits \u2039fertig\u203a angebotenen Rechtschreibregeln:<br \/>\n<i>Mir gef\u00e4llt deine Arbeit sehr gut, weil du gute Stich- w\u00f6rter aufgeschrieben hast. Du hast auch gut vergleicht zwischen \u00abck\u00bb und \u00abk\u00bb.<\/i><\/p>\n<p class=\"p14\">Auch Flavio gelingt es, weitere Hypothesen zur ck-Regel zu formulieren:<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li16\">W\u00f6rter kann man nicht mit ck beginnen. z.B.: Kessel<\/li>\n<li class=\"li17\">Wenn zwei Selbstlaute nebeneinander stehen, schreibt man nie nachher ck, z. <span class=\"s6\">B.:<\/span> q<span class=\"s1\">ua<\/span>ken und sch<span class=\"s1\">au<\/span>keln. str<span class=\"s1\">ei<\/span>ken.<\/li>\n<li class=\"li17\">Nach einem mittlaut schreibt man nicht ck, z.B.: <span class=\"s9\">wirk<\/span>lich und Wolke.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p18\">Flavio zeigt uns auch, dass die Erwachsenen-Logik nicht dem denken von Kindern entsprechen muss. Kinder folgern nicht von einer bestehenden Regel auf Einzelf\u00e4lle. Ihr Denkweg verl\u00e4uft umgekehrt: Zuerst machen sie einzelne Beobachtungen. Aufgrund dieser Entdeckungen stellen sie Hypothesen auf. Indem diese Hypothesen \u00fcberpr\u00fcft, angepasst und erweitert werden, entwickeln sich Regeln. Mit anderen Worten: Am Anfang steht das Ph\u00e4nomen und erst am Schluss die Regel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7412 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schriftdeutsch.jpg\" alt=\"\" width=\"434\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schriftdeutsch.jpg 981w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schriftdeutsch-300x235.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/schriftdeutsch-768x602.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 434px) 100vw, 434px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Rechtschreibkompetenz geh\u00f6rt nicht nur die F\u00e4higkeit, Texte m\u00f6glichst fehlerfrei schreiben zu k\u00f6nnen, sondern auch die F\u00e4higkeit, Ph\u00e4nomene der Rechtschreibung untersuchen, reflektieren zu k\u00f6nnen. 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