{"id":7421,"date":"2006-05-01T12:15:58","date_gmt":"2006-05-01T10:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7421"},"modified":"2019-08-05T16:30:12","modified_gmt":"2019-08-05T14:30:12","slug":"rs_10_2006_lieber-feng-shui-sehr-geehrte-schwester-renate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_10_2006_lieber-feng-shui-sehr-geehrte-schwester-renate\/","title":{"rendered":"Lieber Feng Shui \u2013 Sehr geehrte Schwester Renate"},"content":{"rendered":"<p class=\"p2\"><strong><i>\u00abIch selbst fand es toll, einfach drauf los zu schreiben und mit jeder Person eine eigene Beziehung aufzubauen. Man konnte fast nicht mehr aufh\u00f6ren zu schreiben.\u00bb<\/i><\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/afra-sturm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Afra Sturm<\/a><\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Thema<\/b><\/p>\n<p class=\"p3\">Viele Kinder und Jugendliche behaupten, sie w\u00fcrden nicht gerne schreiben. H\u00e4ufig schreiben sie aber mit Hingabe SMS oder Mails und halten sich hin und wieder in einem Chatraum auf. <span class=\"s1\">S<\/span>ie nehmen diese T\u00e4tigkeiten jedoch nicht als eigentliches <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben wahr. <span class=\"s1\">D<\/span>ies liegt zum Teil daran, dass dieses <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben f\u00fcr sie relevant ist, das heisst, dass ihnen die Funktion des <span class=\"s1\">S<\/span>chreibens einsichtig, das <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben f\u00fcr sie selbst sinnvoll ist und entsprechend auch Freude bereiten kann. <span class=\"s1\">D<\/span>iese motivationale Basis kann auch f\u00fcr einen schulischen <span class=\"s1\">S<\/span>chreibanlass genutzt werden.<\/p>\n<p class=\"p4\">Wir stellen im Folgenden einen <span class=\"s1\">S<\/span>chreibanlass vor, der die Freude, den <span class=\"s1\">S<\/span>pass am <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben wecken und \u00c4ngste gegen\u00fcber dem <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben abbauen soll. Konkret: <span class=\"s1\">D<\/span>ie <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fcler und <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fclerinnen sollen zu einem (fiktiven) Briefwechsel animiert werden. <span class=\"s1\">D<\/span>ieser <span class=\"s1\">S<\/span>chreibanlass eignet sich sowohl f\u00fcr <span class=\"s1\">M<\/span>ittel als auch f\u00fcr <span class=\"s1\">O<\/span>berstufe und kann selbst mit Erwachsenen durchgef\u00fchrt werden. Er wurde bereits mit grossem Erfolg sowohl in <span class=\"s1\">S<\/span>chulzimmern als auch in <span class=\"s1\">S<\/span>chullagern umgesetzt.<\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Durchf\u00fchrung<\/b><\/p>\n<p class=\"p3\">Jede <span class=\"s1\">S<\/span>chreiberin und jeder <span class=\"s1\">S<\/span>chreiber erh\u00e4lt eine Namenskarte (zur Wahl der Namen siehe unten), die er bzw. sie f\u00fcr alle gut sichtbar vor sich aufstellt. <span class=\"s1\">A<\/span>lle erhalten ausserdem vorbereitetes Briefpapier von der Gr\u00f6sse A5 oder auch nur <span class=\"s1\">A<\/span>6, das \u2013 wenn der Brief geschrieben ist \u2013 gefaltet und aussen mit dem Namen des Empf\u00e4ngers angeschrieben wird. <span class=\"s1\">A<\/span>uf den Brief sollten die Empf\u00e4ngerInnen fortlaufend eine Nummer setzen, damit der Dialog bei Bedarf rekonstruiert werden kann.<\/p>\n<p class=\"p4\"><span class=\"s1\">D<\/span>ie <span class=\"s1\">S<\/span>chreiber und <span class=\"s1\">S<\/span>chreiberinnen k\u00f6nnen sich einen fiktiven Namen geben oder den Namen einer bekannten Person w\u00e4hlen, sei dies Harry Potter, Britney Spears, <span class=\"s1\">M<\/span>artina Hingis oder Batman. <span class=\"s1\">D<\/span>a die Namenwahl f\u00fcr das Gelingen des Briefwechsels entscheidend ist, lohnt es sich, hierf\u00fcr genug Zeit anzusetzen. Wenn <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen gleiche Namen w\u00e4hlen, braucht es ebenfalls Zeit zum <span class=\"s1\">A<\/span>ushandeln. Wir selbst haben immer die Namen vorgegeben und dabei darauf geachtet, dass die Namen gewisse (<span class=\"s1\">S<\/span>tereo-)Typen wecken, aber auch offen sind: eine <span class=\"s1\">S<\/span>chwester Renate kann als Krankenschwester oder auch als Nonne interpretiert werden. Wenn fiktive Namen gew\u00e4hlt werden, muss auch das <span class=\"s1\">A<\/span>lter der gew\u00e4hlten Figur angegeben werden. <span class=\"s1\">D<\/span>as <span class=\"s1\">A<\/span>lter l\u00f6st weitere <span class=\"s1\">A<\/span>ssoziationen zur Figur aus: Eine <span class=\"s1\">O<\/span>lga Vechtarowa mit 24 Jahren ist ein anderer Typ als eine mit 74 Jahren.<\/p>\n<p class=\"p3\">Wir haben mit Figuren des folgenden Typs gute Erfahrungen gemacht: Feng <span class=\"s1\">S<\/span>hui (38), <span class=\"s1\">O<\/span>lga Vechtarowa (24), <span class=\"s1\">M<\/span>inher Vanderkyker (71), <span class=\"s1\">M<\/span>inerva von <span class=\"s1\">S<\/span>techow (56), Schwester Renate (43), Giovanni Righetti (31), Kemal S\u00f6m\u00f6kl\u00fc (29), Prof. <span class=\"s1\">D<\/span>r. Emilia Z\u00f6pfl (66), Rosalia da Restucci (40), Henry <span class=\"s1\">S<\/span>alazar (30) usw.<\/p>\n<p class=\"p3\">Die Gruppengr\u00f6sse kann von (mindestens) vier bis (maximal) zw\u00f6lf TeilnehmerInnen variieren. Es sollten nicht allzu viele Personen am <span class=\"s1\">S<\/span>chreibspiel teilnehmen, da sonst keine rechten Kommunikationsfl\u00fcsse entstehen und jemand vielleicht sogar aus dem <span class=\"s1\">S<\/span>piel herausf\u00e4llt bzw. kaum oder gar keine Post erh\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"p3\">Da es um einen Briefwechsel geht, muss bei gr\u00f6sseren Gruppen jemand den Brieftr\u00e4ger bzw. die Brieftr\u00e4gerin spielen: Diese Person schreibt selbst keine Briefe. Damit die <span class=\"s1\">A<\/span>ufgabe des Briefe-<span class=\"s1\">A<\/span>ustragens gut und fl\u00fcssig erf\u00fcllt werden kann, ist es sinnvoll, die Tische <span class=\"s1\">U<\/span>-f\u00f6rmig anzuordnen. In kleineren Gruppen k\u00f6nnen die Briefe auch in die Mitte des Tisches gelegt oder direkt dem Empf\u00e4nger zugeschoben werden. Wenn das <span class=\"s1\">S<\/span>piel \u00fcber mehrere Tage dauert, kann auch mit einem \u2039richtigen\u203a Briefkasten bzw. einer Pinnwand gearbeitet werden.<\/p>\n<p class=\"p3\">F\u00fcr den Briefwechsel braucht es eine gewisse Anw\u00e4rmzeit: Die Schreibenden m\u00fcssen sich erst einmal ihre eigene Figur vergegenw\u00e4rtigen und sich auch eine Vorstellung zu den anderen Figuren bilden, damit sie diesen einen Brief an einen oder mehrere andere Figuren ihrer Wahl schreiben k\u00f6nnen. Zudem m\u00fcssen sie sich \u00fcberlegen, in welcher Beziehung ihre Figur mit der Empf\u00e4ngerin steht. <span class=\"s1\">D<\/span>ie Figuren werden aber auch durch die Briefe, die sie erhalten, weiterentwickelt. Es kann sogar sein, dass man sich gegen das in den eingehenden Briefen vorgestellte Bild wehren muss. Erfahrungsgem\u00e4ss muss man mit etwa 10 <span class=\"s1\">M<\/span>inuten rechnen, bis das <span class=\"s1\">S<\/span>piel in Gang kommt. <span class=\"s1\">D<\/span>anach dauert es nochmals rund 10 <span class=\"s1\">M<\/span>inuten, bis die intensive Phase des <span class=\"s1\">S<\/span>chreibens und Lesens erreicht wird. <span class=\"s1\">M<\/span>eist ersch\u00f6pft sich das <span class=\"s1\">S<\/span>piel nach etwa 45\u201360 <span class=\"s1\">M<\/span>inuten. Es kann jedoch auch viel l\u00e4nger dauern: In einem <span class=\"s1\">S<\/span>chullager war eine Gruppe <span class=\"s1\">M<\/span>\u00e4dchen von diesem <span class=\"s1\">S<\/span>piel so angetan, dass sie auch in der Freizeit weiterschrieben. Zu f\u00fcnft sassen sie um ein grosses Tuch, schrieben ihre Briefe, legten die zu versendenden Briefe auf ein Tuch, das zwischen ihnen lag, und sch\u00fcttelten dann sanft die Post an die Empf\u00e4ngerin, sodass sie sowohl <span class=\"s1\">S<\/span>chreiberinnen und Leserinnen als auch Brieftr\u00e4gerinnen waren.<\/p>\n<p class=\"p2\">Im Laufe des Briefwechsels k\u00f6nnen sich in einer Gruppe 2er- oder 3er-Beziehungen aufbauen: Es k\u00f6nnen zarte Liebesbeziehungen entstehen oder auch ganze Komplotte, die im Extremfall einen (nat\u00fcrlich fiktiven) <span class=\"s1\">M<\/span>ord zum Ziel haben. <span class=\"s1\">D<\/span>ie Bandbreite ist ausserordentlich gross, was nicht zuletzt damit zusammenh\u00e4ngt, dass die Kinder und Jugendlichen bei diesem <span class=\"s1\">S<\/span>chreibspiel verdeckt Beziehungen aufbauen k\u00f6nnen. <span class=\"s1\">S<\/span>o freut sich Feng <span class=\"s1\">S<\/span>hui, dass sich Frau Z\u00f6pfl f\u00fcr seinen Kurs interessiert. <span class=\"s1\">D<\/span>ass sie auch gleich noch am <span class=\"s1\">S<\/span>onntag um 6 Uhr vorbeikommen m\u00f6chte, wehrt er zun\u00e4chst h\u00f6flich ab. Die Antwort von Frau Z\u00f6pfl aber l\u00e4sst ihn weich werden: \u00ab<span class=\"s1\">A<\/span>lso, wenn es Ihnen nicht schon um 6.00 <span class=\"s1\">U<\/span>hr geht, dann komme ich eben erst um 12.00. Ich w\u00e4re jedoch interessiert daran, was <span class=\"s1\">S<\/span>ie dann am <span class=\"s1\">S<\/span>onntag um 6.00 schon vorhaben? Haben <span class=\"s1\">S<\/span>ie dann andere Interessierte?\u00bb<\/p>\n<p class=\"p2\">Es empfiehlt sich eher nicht, den Briefwechsel am Schluss auszuwerten, um den \u00abinformellen\u00bb Charakter des Schreibspiels beibehalten zu k\u00f6nnen (in der auf den Briefwechsel folgenden Pause d\u00fcrfte sich unter den <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fclern und <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fclerinnen von selbst ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Briefwechsel ergeben). Wer m\u00f6chte, soll aber am <span class=\"s1\">S<\/span>chluss Briefe vorlesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p2\">Erfahrungsgem\u00e4ss wird selten so intensiv gelesen und geschrieben, wie w\u00e4hrend diesem <span class=\"s1\">S<\/span>piel. Wir haben auch nie erlebt, dass jemand zum <span class=\"s1\">A<\/span>ussenseiter wird und gar keine Post erh\u00e4lt. Bei unseren ersten Versuchen haben wir jedoch festgestellt, dass jemand relativ wenig Post bekommt, wenn die Figur nicht ansprechend ist: Die Figuren <span class=\"s1\">O<\/span>skar Berger (56) oder Evi (11) haben kaum zum Schreiben angeregt.<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Schreibdidaktischer Kommentar<\/b><\/p>\n<p class=\"p4\">Trotz oder gerade wegen des hohen <span class=\"s1\">S<\/span>pielcharakters ist dieser <span class=\"s1\">S<\/span>chreibanlass f\u00f6rderlich f\u00fcr den <span class=\"s1\">A<\/span>usbau der Schreibkompetenz, und zwar in mehrfacher Hinsicht:<\/p>\n<p class=\"p5\">\u2013 <span class=\"s1\">D<\/span>ie <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fcler und <span class=\"s1\">S<\/span>ch\u00fclerinnen schreiben viel und leserorientiert. Gerade auch diejenigen, die sich sonst beim Schreiben eher schwer tun und oft auch nur wenig Text produzieren, erleben, dass sie durchaus schreiben und das <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben f\u00fcr ihre kommunikativen Bed\u00fcrfnisse n\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"p6\">\u2013 Schreiben wird als etwas kommunikativ Wertvolles erlebt. Dieser Punkt ist nicht zu untersch\u00e4tzen, da es im schulischen Kontext oft schwierig ist, \u00abechte\u00bb Kommunikationssituationen herzustellen, sodass ein leserorientiertes Schreiben aufgebaut werden kann.<\/p>\n<p class=\"p6\">\u2013 Die Kinder und Jugendlichen m\u00fcssen sich in ihre eigene Figur und in fremde Figuren hineinversetzen. Sie m\u00fcssen auf andere Vorstellungen zu diesen Figuren, wie sie aus den Briefen abzulesen ist, geschickt reagieren. Dazu braucht es Vorstellungskraft, die im <span class=\"s1\">S<\/span>chreibspiel <span class=\"s1\">S<\/span>chritt f\u00fcr <span class=\"s1\">S<\/span>chritt bzw. Brief f\u00fcr Brief aufgebaut werden kann.<\/p>\n<p class=\"p6\">\u2013 Der Briefwechsel lebt davon, dass schnell und kontinuierlich geschrieben wird: Ein \u00dcberarbeiten oder auch st\u00e4ndiges <span class=\"s1\">A<\/span>bschreiben der korrigierten Entw\u00fcrfe w\u00e4re dem <span class=\"s1\">S<\/span>chreibspiel hinderlich, w\u00fcrde es sogar erlahmen lassen. <span class=\"s1\">D<\/span>ass <span class=\"s1\">S<\/span>chreiben nicht immer mit \u00dcberarbeiten einhergeht, wird von den Kindern und Jugendlichen als entspannend erlebt.<\/p>\n<p class=\"p6\">\u2013 <span class=\"s1\">D<\/span>a es ein <span class=\"s1\">S<\/span>chreibanlass ist, der ohne Entwurf und \u00dcberarbeitung auskommt, ist es auch eine <span class=\"s1\">A<\/span>rt rechtschreibfreier Raum: Es braucht wohl kaum betont zu werden, dass dies ebenfalls notwendige Entspannungsmomente im Leben von <span class=\"s1\">S<\/span>chreibenden bietet.<\/p>\n<p class=\"p6\">\u2013 Und schliesslich wird selten so viel gelesen und auf Gelesenes mit eigenen Texten reagiert wie in dieser kommunikativen <span class=\"s1\">S<\/span>chreib- und Lesesituation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abIch selbst fand es toll, einfach drauf los zu schreiben und mit jeder Person eine eigene Beziehung aufzubauen. 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