{"id":7439,"date":"2005-05-01T13:51:10","date_gmt":"2005-05-01T11:51:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7439"},"modified":"2019-07-17T13:58:20","modified_gmt":"2019-07-17T11:58:20","slug":"rs_8_2005_illettrismus-zum-problem-und-seinen-herausforderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_8_2005_illettrismus-zum-problem-und-seinen-herausforderungen\/","title":{"rendered":"Illettrismus. Zum Problem und seinen Herausforderungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir haben es in der Schweiz also mit mehrfachen Literalit\u00e4tsproblemen zu tun: Sie betreffen Kinder, Jugendliche und Erwachsene.<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/andrea-bertschi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Bertschi-Kaufmann<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Seit PISA 2000 und mit der Testwiederholung im Jahr 2003 ist \u00abLesen\u00bb ins Zentrum von bildungspolitischen Diskussionen ger\u00fcckt. Ein erheblicher Teil der Heranwachsenden verf\u00fcgt nicht \u00fcber jene Grundkompetenzen, die zur Bew\u00e4ltigung der allt\u00e4glichen Informationsvielfalt und zum Weiterlernen mit Texten, B\u00fcchern und mit anspruchsvollen Medien notwendig sind. Mangelhafte Schriftf\u00e4higkeiten sind aber l\u00e4ngst nicht nur bei Jugendlichen auszumachen. Literalit\u00e4t, die F\u00e4higkeit, verschriftete Texte zu verstehen und selber sich auch schreibend einzubringen \u2013 diese F\u00e4higkeit ist auch bei Erwachsenen keineswegs gesichert. Bereits 1999 hat der Verein Lesen und Schreiben f\u00fcr Erwachsene (VLSE) in seiner Petition \u00abLesen und Schreiben: ein Recht\u00bb darauf hingewiesen, dass die Lesef\u00e4higkeiten bei einem erschreckend grossen Teil der Schweizer Bev\u00f6lkerung (19%) ungen\u00fcgend sind.<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Lesen \u2013 ein Problem mehrerer Generationen und eine Frage der Bildungsgerechtigkeit<\/b><\/p>\n<p class=\"p5\">Wir haben es in der Schweiz also mit mehrfachen Literalit\u00e4tsproblemen zu tun: Sie betreffen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Befunde aus verschiedenen Studien deuten darauf hin, dass zwischen den Leseschw\u00e4chen der verschiedenen Generationen durchaus ein Zusammenhang besteht. \u00dcber ausreichende Lesef\u00e4higkeiten verf\u00fcgen jene Jugendlichen am wenigsten, die in so genannt bildungsfernen Umgebungen aufgewachsen sind und deren Eltern ihrerseits einen schlechten Zugang zur Schrift haben. Die Vermutung liegt deshalb nahe: Das Problem schleppt sich von Generation zu Generation, und dies in einer Zeit der medialen Vielfalt, in der Lesekompetenzen in hohem Mass verlangt sind. W\u00e4hrend die einen Zugang zu allen Informationsquellen haben, ihr Wissen und ihre Kommunikationsm\u00f6glichkeiten laufend erweitern, bleiben andere davon ausgeschlossen. Was in der Fachsprache als \u00abDigital Divide\u00bb bezeichnet wird, die unterschiedlich guten Zug\u00e4nge zu den elektronischen Medien in unserer Gesellschaft, ist tats\u00e4chlich zugleich auch ein Bildungsgraben.<\/p>\n<p class=\"p6\"><span class=\"s1\"><b>Alltag bew\u00e4ltigen und Zugang zum Wissen erhalten <\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"p6\">Was als unzul\u00e4ngliche, gen\u00fcgende oder elaborierte Lese- und Schreibf\u00e4higkeit gelten kann, wird in Fachkreisen in Bezug auf ein Literacy-Konzept diskutiert. Es beschr\u00e4nkt sich nicht allein auf Lesekompetenzen. Mit dem \u2013 nicht zuletzt in der Folge von PISA \u2013 verbreitet verwendeten Begriff ist vielmehr eine jeweils hinreichende Ausr\u00fcstung mit den f\u00fcr den jeweiligen Bereich wichtigen Kenntnissen, Fertigkeiten und Strategien zum Probleml\u00f6sen und kontinuierlichen Weiterlernen gemeint. Lesen gilt dem Literacy-Konzept entsprechend als basale Kulturtechnik. Kaum ber\u00fccksichtigt worden sind hier die motivationalen und emotionalen Aspekte des Lesens, etwa die F\u00e4higkeit, vom Lesen einen pers\u00f6nlichen Gewinn zu erwarten oder mit anderen \u00fcber Gelesenes zu diskutieren. In den Ergebnissen aus verschiedenen anderen Studien der Leseforschung zeigt sich allerdings, dass positive Motivation und emotionale Beteiligung den Schrifterwerb wesentlich unterst\u00fctzen und dass das Aufwachsen in einer f\u00f6rderlichen Umgebung eine bedeutende Rolle spielt. Was im Hinblick auf das Verst\u00e4ndnis von Literacy f\u00fcr den Erwerb von Lesef\u00e4higkeiten festgestellt wurde, gilt weitgehend auch f\u00fcr Prozesse des Schreibenlernens und f\u00fcr den Aufbau von Rechenf\u00e4higkeiten: Der Begriff umfasst ein ganzes B\u00fcndel von Teilf\u00e4higkeiten und ist Voraussetzungen unterworfen, die innerhalb der Schule, in der Familie, mit verschiedenen bildungs- und kulturpolitischen Massnahmen und Angeboten gegeben sein m\u00fcssen. Der Begriff Illettrismus bezeichnet die Unf\u00e4higkeit, Lese- und Schreibfertigkeiten ad\u00e4quat anzuwenden. In den meisten Definitionen sind Rechenf\u00e4higkeiten bzw. die diesbez\u00fcglichen Defizite miteingeschlossen. Illettrismus als gesellschaftlicher Befund verweist eben auf die Tatsache, dass es Erwachsene gibt, die der Landes- oder Regionalsprache m\u00e4chtig sind, die Schule mehr oder weniger regelm\u00e4ssig besucht haben und dennoch jene Grundfertigkeiten (Lesen und Schreiben) kaum oder gar nicht beherrschen, die ihnen die Schule h\u00e4tte vermitteln sollen.<\/p>\n<p class=\"p1\"><b>Illettrismus: Leidensgeschichten aus der Sicht der Betroffenen<\/b><\/p>\n<p class=\"p2\">Lange Zeit war dieser Befund mit einem Tabu belegt \u2013 und er ist es auch in unserem Land teils noch heute: Wer als Erwachsener nicht lesen und schreiben kann, traut sich kaum, sich mit dieser Schw\u00e4che zu zeigen. Sie gilt als Zeichen mangelnder Gesellschaftsf\u00e4higkeit, eben gerade deshalb, weil man mit Analphabetismus in einem hochindustrialisierten Land f\u00e4lschlicherweise schon gar nicht rechnet. Die Folge ist, dass die betroffenen Menschen sich mit ihrer Schw\u00e4che m\u00f6glichst nicht zeigen, dass sie Scham empfinden, Vermeidungs- und Ausweichstrategien entwickeln und Hilfe nicht auf direktem Weg holen. Einen tieferen Einblick in die Not solcher Defiziterfahrungen haben u. a. die Sektionen des Vereins Lesen und Schreiben f\u00fcr Erwachsene (VLSE), welche nicht nur Lernhilfen anbieten, sondern ihre Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer \u00fcberdies dazu ermutigen, die Geschichten ihres Schriftlernens und eben auch Misserfolgsgeschichten aufzuarbeiten und das Schreiben auf jeden Fall zu wagen.<\/p>\n<p class=\"p4\"><b>Koordinierte Massnahmen sind dringend notwendig<\/b><\/p>\n<p class=\"p5\">Der Trendbericht \u00abIllettrismus\u00bb, den das Bundesamt f\u00fcr Kultur (BAK) im Anschluss an die Petition des Vereins Lesen und Schreiben f\u00fcr Erwachsene in Auftrag gegeben hat und der 2002 erschienen ist, fordert als dringliche Massnahme ein Netzwerk, das die verschiedenen Institutionen in den Bereichen Lesen und Schreiben n\u00e4her zusammenf\u00fchrt und die Akteurinnen und Akteure unterst\u00fctzt. Das Bundesamt f\u00fcr Kultur hat diese Forderung in einem weiteren Schritt aufgenommen. Ebenfalls in seinem Auftrag hat das Zentrum Lesen der P\u00e4dagogischen Hochschule Aargau Kontakt mit verschiedenen Expertinnen und Experten aus Institutionen aufgenommen, welche in den Bereichen Lesen und Schreiben t\u00e4tig sind. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren Vernetzung und Koordination der Massnahmen zur Schriftf\u00f6rderung ist der Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen den Fachleuten, die teils in Bibliotheken, Kinderg\u00e4rten und Schulen mit der Pr\u00e4vention des Illettrismus befasst sind, und mit jenen, welche im Rahmen von Kursen und Alphabetisierungsprojekten f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung des Illettrismus arbeiten. Fragen stellen sich in den beiden Bereichen zum Teil sehr \u00e4hnlich:<\/p>\n<ul class=\"ul1\">\n<li class=\"li6\">Welche schulischen F\u00f6rderkonzepte sind hilfreich und effektiv f\u00fcr <span class=\"s4\">Kinder,<\/span> die aus schriftfernen Elternh\u00e4usern kommen und keine selbstverst\u00e4ndlichen Bez\u00fcge zwischen den kulturellen Erfahrungen zuhause und jenen in der Schule machen k\u00f6nnen?<\/li>\n<li class=\"li7\">Welche Methoden sind hilfreich f\u00fcr das Schriftlernen <span class=\"s10\">Er<\/span>wachsener? Und wie k\u00f6nnen sie im Hinblick auf die <span class=\"s8\">vielf\u00e4lt<\/span>igen Anforderungen heutiger Schriftwelten \u2013 zum Beispiel am Computer \u2013 unterst\u00fctzt werden? Zug\u00e4nge zur Schrift und Zug\u00e4nge zu Computertechnologien \u2013 sind sie sinnvollerweise miteinander zu verbinden?<\/li>\n<li class=\"li6\">Welche Erfahrungen, welche Stationen im Leben von <span class=\"s8\">Kin<\/span>dern aus schriftfernen Elternh\u00e4usern erm\u00f6glichen \u2013 trotz vergleichsweise ung\u00fcnstigen Voraussetzungen \u2013 ein <span class=\"s10\">er<\/span>folgreiches Schriftlernen und in der Folge einen <span class=\"s4\">erfolgrei<\/span>chen Bildungsweg?<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p9\"><b>Literatur<br \/>\n<\/b>Eine Liste mit Literatur zum Thema finden Sie auf unserer Website: http:\/\/www.zentrumlesen.ch\/rundschreiben.cfm<\/p>\n<p class=\"p12\"><b>Aktuelle Informationen<br \/>\n<\/b>Weitere themenbezogene Informationen finden Sie auf der erst k\u00fcrzlich aufgeschalteten Website LesenLireLeggere.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7440 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/illettrismus.jpg\" alt=\"\" width=\"279\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/illettrismus.jpg 982w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/illettrismus-300x254.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/illettrismus-768x651.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 279px) 100vw, 279px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben es in der Schweiz also mit mehrfachen Literalit\u00e4tsproblemen zu tun: Sie betreffen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. von Andrea Bertschi-Kaufmann Seit PISA 2000 und mit der Testwiederholung im Jahr 2003 ist \u00abLesen\u00bb ins Zentrum von bildungspolitischen Diskussionen ger\u00fcckt. 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