{"id":7454,"date":"2003-05-01T14:28:19","date_gmt":"2003-05-01T12:28:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7454"},"modified":"2019-09-02T17:14:49","modified_gmt":"2019-09-02T15:14:49","slug":"rs_4_2003_gut-lesen-was-heisst-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_4_2003_gut-lesen-was-heisst-das\/","title":{"rendered":"\u00abGut lesen\u00bb \u2013 Was heisst das?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00abWenn ich lese, sind so viele Ideen in meinem Kopf\u00bb, schreibt Thomas im vierten Schuljahr am Ende einer Lesestunde in sein Tagebuch. <\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/andrea-bertschi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Bertschi-Kaufmann<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a><\/p>\n<p class=\"p1\">Er macht damit auf die kognitiven Prozesse aufmerksam, zu denen Texte anregen. Wie aber entstehen die \u00abIdeen\u00bb und was vollzieht sich eigentlich beim Lesen? Zu dieser Frage liegen noch keine abschliessenden Antworten vor. Sicher ist auf jeden Fall, dass es sich beim Lesen um einen Austauschprozess handelt, um eine Interaktion zwischen den Lesenden und dem jeweiligen Text. Diese Interaktion kann erweitert und bereichert werden, wenn sich weitere Personen daran beteiligen: andere Kinder, die sich einen Ausschnitt erz\u00e4hlen lassen, die Lehrerin, die interessiert nachfragt und damit an den Leseerfahrungen teilnimmt, der Bibliothekar, der sich erkundigt, ob das ausgeliehene Buch \u00abgut\u00bb war. Immer aber stellt \u00abLesen\u00bb zun\u00e4chst einmal hohe Anforderungen an die einzelnen Leserinnen und Leser:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen Schriftzeichen, W\u00f6rter und S\u00e4tze interpretieren und in Zusammenh\u00e4nge bringen.<\/li>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen den Textteilen Sinn zuordnen.<\/li>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen Informationen aus dem Text mit eigenen Erfahrungen verkn\u00fcpfen.<\/li>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen das f\u00fcr sie zun\u00e4chst Verst\u00e4ndliche in den Texten zuerst erkennen, sich einen Sinn daraus konstruieren und von da die L\u00fccken schliessen, welche sich an den schwierigen, noch unverst\u00e4ndlichen Textstellen oder mit einzelnen W\u00f6rtern aufgetan haben.<\/li>\n<li class=\"p2\">In Texten, die nicht linear aufgebaut sind, sondern auch Bilder, Grafiken und Tabellen enthalten, m\u00fcssen sie Zahlen und W\u00f6rter sinnvoll aufeinander beziehen.<\/li>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen entscheiden, ob sie dem Gelesenen zustimmen oder nicht, das heisst, sie m\u00fcssen reflektierend lesen.<\/li>\n<li class=\"p2\">Sie m\u00fcssen das eben Gelesene in Erinnerung behalten, es vergleichen k\u00f6nnen mit anderen Texten, deren Lekt\u00fcre weiter zur\u00fcckliegt. Nur so verbinden sich die einzelnen Lesemomente zu einer Erfahrungskette, auf welche Leserinnen und Leser bewusst oder unbewusst zur\u00fcckgreifen.<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p1\">Lesen erfordert also ein ganzes B\u00fcndel von Kompetenzen, und die jeweiligen Teilkompetenzen werden \u2013 je nachdem welche Arten von Texten gelesen werden \u2013 in unterschiedlicher Zusammensetzung gebraucht:<\/p>\n<p class=\"p1\">Wer einen kurzen Text, zum Beispiel einen Witz liest, muss die knapp vermittelten Informationen vollst\u00e4ndig aufnehmen und diese in einen Lebenszusammenhang bringen, den er von ausserhalb des Textes kennt. Dann erst wird die Pointe verst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p class=\"p1\">Wer eine l\u00e4ngere Geschichte, einen Roman liest, muss Informationen zu Personen und Handlungen \u00fcber viele Seiten hinweg in Erinnerung behalten und sie dann zum richtigen Zeitpunkt im Geschichtenverlauf mit den neuen Ereignissen verbinden. Nur so sind Handlung und auch die Spannung beim Lesen \u00fcberhaupt erfahrbar.<\/p>\n<p class=\"p1\">Wer einen Sachtext mit Grafiken, Skizzen und erkl\u00e4renden Bildlegenden, einen so genannt diskontinuierlichen Text liest, muss die Aussagen, die in den verschiedenen Elementen an unterschiedlichen Stellen im Text enthalten sind, in einen logischen, das heisst, der beschriebenen Sache angemessenen Zusammenhang bringen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Wer all diesen Herausforderungen, die sich mit den verschiedenen Textarten stellen, gewachsen sein soll, braucht ausgiebige Erfahrungen mit einer Vielfalt von Lekt\u00fcren. Je nachdem wird er die eine oder andere Textform besser bew\u00e4ltigen, er wird sich f\u00fcr unterschiedliche Textinhalte interessieren, das heisst, er wird Schwerpunkte in seinem Leserepertoire bilden. Solche Schwerpunktbildungen sind gerade f\u00fcr die heranwachsenden Leserinnen und Leser wichtig, weil sie erst einmal Vorlieben entdecken, entwickeln und pflegen m\u00fcssen, damit sie \u00fcberhaupt ein stabiles Interesse am Lesen aufbauen k\u00f6nnen und dadurch auch bereit sind, die entsprechende Lesearbeit zu leisten.<\/p>\n<p class=\"p3\"><b>Gern lesen \u2013 gut lesen: zwei Ziele des Leseunterrichts, die zusammengeh\u00f6ren<\/b><\/p>\n<p class=\"p1\">Leselust und Lesekompetenz sind zwar nicht dasselbe, in der Entwicklung, welche Kinder und Jugendliche durchlaufen, geh\u00f6ren sie aber eng zusammen.<br \/>\nWer Interesse an Texten und B\u00fcchern aufgebaut hat, hat alle Chancen eine gute Leserin, ein guter Leser zu werden, das heisst, laufend mit anspruchsvolleren Stoffen fertig zu werden und unerschrocken auch auf die noch nicht vertrauten Formen zuzugehen. Wer aber den Lesevorgang selber als m\u00fchsam empfindet, weil die technischen Anforderungen, die Texte stellen, zu hoch sind, oder weil die stille Konzentration beim Lesen schwer f\u00e4llt, dem wird der Spass von Anfang an verdorben sein. Gerne lesen ist eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr gutes Lesen, und beides sind wichtige Voraussetzungen f\u00fcr eine erfolgreiche Leseentwicklung; sie h\u00e4ngen wechselseitig voneinander ab: Nur wer die Lust an Texten und an dem, was sie erz\u00e4hlen oder aufzeigen, schon empfunden hat, wird weitere, zun\u00e4chst vielleicht m\u00fchevollere Schritte tun wollen und damit seine Lesekompetenz ausbauen. Und umgekehrt m\u00fcssen Menschen bereits m\u00f6glichst leicht mit Schrift, Grafiken und Bildern umgehen k\u00f6nnen, um Inhalte zu erschliessen. Erst dadurch kommen sie in die Lage, sich allm\u00e4hlich auch Schwierigeres zutrauen.<\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Lesen, verstehen, arbeiten mit Texten: das Lesetraining<\/b><\/p>\n<p class=\"p1\">Ein Drittes ist schliesslich das \u00abLesetraining\u00bb, das auf unterschiedlichsten Stufen der Leseentwicklung die Fertigkeiten im Umgang mit den verschiedenen Textformen und ihren lesetechnischen Herausforderungen schult. Das Ein\u00fcben von Techniken, mit denen dichte und lockere, kontinuierliche und nicht-kontinuierliche Texte bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen, ist auf allen Stufen der Leseentwicklung wichtig und die Ergebnisse aus PISA 2000 haben insbesondere hier auf die Defizite der Schule deutlich aufmerksam gemacht. Ein gemeinsames \u00dcbungsprogramm, das f\u00fcr die ganze Klasse geeignet w\u00e4re, ist allerdings nicht denkbar, zu unterschiedlich sind die Fertigkeiten der einzelnen Kinder und Jugendlichen. Viel eher empfiehlt sich ein Angebot, mit dem verschiedene Teilkompetenzen auf je unterschiedlichem Niveau trainiert werden. F\u00fcr die einzelnen Lernenden ist dann jener Schwierigkeitsgrad und jener Aufgabentyp auszuw\u00e4hlen, die ihrem jeweiligen Fertigkeitsstand angepasst sind. Wolfgang Menzel hat k\u00fcrzlich in Praxis Deutsch (s. Heft. 176\/2002, S. 20\u201348) ein Lesecurriculum zusammengestellt, das als Grundlage f\u00fcr eine eigene Sammlung genutzt werden kann. Einige wenige Beispiele daraus:<\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Lesen und Informationen ermitteln <\/b><\/p>\n<ul>\n<li class=\"p3\">Zu Text\u00fcberschriften Erwartungen an den Text formulieren<\/li>\n<li class=\"p3\">Nach Einzelabs\u00e4tzen Fragen \u00fcber den Textfortgang formulieren<\/li>\n<li class=\"p3\">Fragen beantworten, die im Text selbst gestellt werden<\/li>\n<li class=\"p3\">Fragen zu einzelnen W\u00f6rtern, die im Text enthalten sind, formulieren<\/li>\n<li class=\"p3\">Texte gezielt auf vorgegebene Fragen hin lesen<\/li>\n<li class=\"p3\">Orientierendes, \u00fcberfliegendes Lesen<\/li>\n<li class=\"p3\">Genaues, an vorgegebenen Teilinformationen orientiertes Lesen<\/li>\n<li class=\"p3\">Zu einzelnen Abs\u00e4tzen Zwischentitel formulieren<\/li>\n<li class=\"p3\">Die Zwischentitel sind verw\u00fcrfelt vorgegeben, man muss sie ordnen und richtig zuordnen<\/li>\n<li class=\"p3\">Die Zwischentitel werden selbst\u00e4ndig formuliert<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p2\"><b>Lesen und Informationen vergleichen <\/b><\/p>\n<ul>\n<li class=\"p3\">Zwei fast wortgleiche Texte miteinander vergleichen \u2013 Ver\u00e4nderungen feststellen<\/li>\n<li class=\"p3\">Textinformationen mit Bildinformationen vergleichen (z. B.: Welches Bild passt zu welchem Text?)<\/li>\n<li class=\"p3\">Textinfomationen mit tabellarischen Informationen vergleichen<\/li>\n<li class=\"p3\">Ineinander geschriebene Texte entflechten<\/li>\n<li class=\"p3\">Texte mit unterschiedlichen Absichten (Werbung, Ironie \u2026), aber mit \u00e4hnlichem Inhalt vergleichen<\/li>\n<li class=\"p3\">Texte mit sich erg\u00e4nzenden Inhalten vergleichen<\/li>\n<li class=\"p3\">Textentwurf und \u00fcberarbeitete Fassung vergleichen<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"p2\"><b>Lesen und Informationen verarbeiten <\/b><\/p>\n<ul>\n<li class=\"p3\">Aussagen zu einem Text mit dem Text selber vergleichen<\/li>\n<li class=\"p3\">Meinungen \/ Urteile mit dem Text vergleichen<\/li>\n<li class=\"p3\">Aus vorgegebenen S\u00e4tzen den passenden dem Text hinzuf\u00fcgen oder in ihn einf\u00fcgen<\/li>\n<li class=\"p3\">Schlussfolgerung aus einem Text ziehen<\/li>\n<li class=\"p3\">Zu einem Text eine Tabelle, zu einer Tabelle einen Text anfertigen<\/li>\n<li class=\"p3\">Zu Texten Skizzen \/ Bilder anfertigen<\/li>\n<li class=\"p3\">Meinungen zu einem Text selbst formulieren<\/li>\n<li class=\"p3\">Offene Fragen zu Texten formulieren<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abWenn ich lese, sind so viele Ideen in meinem Kopf\u00bb, schreibt Thomas im vierten Schuljahr am Ende einer Lesestunde in sein Tagebuch. von Andrea Bertschi-Kaufmann und Thomas Lindauer Er macht damit auf die kognitiven Prozesse aufmerksam, zu denen Texte anregen. 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