{"id":7456,"date":"2004-05-01T14:35:21","date_gmt":"2004-05-01T12:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/?p=7456"},"modified":"2019-08-30T17:21:13","modified_gmt":"2019-08-30T15:21:13","slug":"rs_4_2003_poetisches-binom-kaese-und-licht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/rs_4_2003_poetisches-binom-kaese-und-licht\/","title":{"rendered":"Poetisches Binom \u2013 K\u00e4se und Licht"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><strong>Wie bringt man Menschen, wie bringt man Kinder dazu, anregende, spannende, fantasievolle, kreative Texte zu schreiben? Oder anders gefragt: Wie erfindet man Geschichten, wie setzt man seine Fantasie in Gang?<\/strong><\/p>\n<p>von <a href=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/de\/personen\/thomas-lindauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Lindauer<\/a><\/p>\n<p><strong>Thema<\/strong><\/p>\n<p class=\"p1\">Wer seine Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen dazu verleiten will, Geschichten so zu schreiben, dass man sich selbst f\u00fcr deren Geschichten interessiert, muss gen\u00fcgend Zeit in das Vorbereiten des eigentlichen Schreibens investieren. Dem wird leider viel zu wenig Rechnung getragen: Je nach Thema ist eine Lektion f\u00fcr die Vorbereitung des Schreibanlasses nicht \u00fcbertrieben viel. Beim Gestalten des Schreibunterrichts sollte man sich immer Folgendes vor Augen halten:<\/p>\n<p class=\"p1\">Schreiben ist ein Prozess, der im Wesentlichen in drei Phasen abl\u00e4uft, wobei jeder Phase gen\u00fcgend Zeit einger\u00e4umt werden muss: 1. Phase: Erzeugen, Erarbeiten eines Plots, eines Erz\u00e4hlfadens. Daf\u00fcr soll man sich so lange Zeit nehmen, bis jeder Schreiber und jede Schreiberin eine Textidee entwickelt hat. 2. Phase: Produktion einer ersten Fassung der Schreibidee auf Papier. Auch das braucht Zeit. 3. Phase: \u00dcberarbeitung der auf Papier gefassten Schreibidee. Und dies braucht erst recht nochmals Zeit.<br \/>\nHier folgt nun eine Unterrichtsidee, die sich auf die erste Phase bezieht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-7457 \" src=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/binom.jpg\" alt=\"\" width=\"303\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/binom.jpg 981w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/binom-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.fhnw.ch\/plattformen\/zl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/binom-768x520.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 303px) 100vw, 303px\" \/><\/p>\n<p class=\"p2\"><b>Arbeitsschritte<\/b><\/p>\n<p class=\"p1\">Zur Herstellung von Spannung, das weiss jede Physikerin, braucht es zwei Pole: Ein einziger Pol reicht nicht aus, um einen Funken zu z\u00fcnden. Jeder Linguist wiederum weiss, dass ein Begriff f\u00fcr sich allein keine Bedeutung hat: Erst in der Beziehung zu andern Begriffen erf\u00e4hrt der Begriff seine Kontur, seine Gestalt, seine Grenzen. Ein Begriff von \u00abhell\u00bb steht in einer Beziehung zu einem Begriff \u00abdunkel\u00bb. Am Anfang steht also nicht das Wort, sondern der Gegensatz. Das meint auch Paul Klee, wenn er schreibt \u00abder Begriff [ist] unm\u00f6glich ohne sein Gegenteil\u00bb. Anders gesagt: Es gibt also eigentlich nur Bi-Nomen \u2013 und eine Geschichte kann allein aus einem solchen Binom heraus gez\u00fcndet, in Gang gebracht werden.<\/p>\n<p class=\"p1\">Bei der im Folgenden ausgef\u00fchrten Schreibidee geht es darum, zwei Begriffe zu finden und sie miteinander reagieren zu lassen. Dies l\u00e4sst sich ganz unterschiedlich bewerkstelligen: Ich kann beispielsweise zwei Kinder bestimmen, die sich je einen Begriff ausdenken, diesen aber noch still f\u00fcr sich behalten m\u00fcssen. Ich kann auch jedes Kind einen Begriff auf ein Blatt schreiben lassen und dann per Zufall daraus Paare bilden. Oder \u2026<\/p>\n<p class=\"p1\">Wenn sich beide einen Begriff ausgedacht haben, kann ich nun das erste Kind bitten, seinen Begriff an die Wandtafel zu schreiben. Das erzeugt schon einmal Erwartung. Stellen wir uns vor, das erste Kind schreibt das Wort \u00abHund\u00bb an die Tafel. Allein durch das Schreiben an die Tafel wird aus dem Wort \u00abHund\u00bb ein besonderer Hund: unser Hund. Dieser Hund ist kein x-beliebiger Hund mehr, er wird bereits zu einer Figur in unserer zuk\u00fcnftigen Geschichte, wir beginnen ihn uns schon vorzustellen als kleiner Pudel, als grosse Dogge, als \u2026 Die Spannung wird gr\u00f6sser, wenn nun das zweite Kind an die Tafel geht und seinen Begriff dazuschreibt. Mit jedem Buchstaben, den es schreibt, steigt die Spannung weiter. Und wenn dann zum Beispiel \u00abSchrank\u00bb an der Tafel steht, entstehen in den einzelnen K\u00f6pfen bereits Fantasie anregende Fragen: Wie sollen nur die beiden Begriffe in eine Geschichte gepackt werden? Wie soll aus diesen beiden Bildern ein Text entstehen? Hier ist dann meist die Hilfe der Lehrerin, des Lehrers gefragt.<\/p>\n<p class=\"p1\">Die einfachste M\u00f6glichkeit, zwischen diesen Begriffen eine Beziehung herzustellen, besteht darin, sie mit einer Pr\u00e4position zu verbinden: \u00abder Hund vor dem Schrank\u00bb. Na ja, besonders spannend t\u00f6nt das noch nicht. Aber vielleicht kommt eine Geschichte mit \u00abder Hund auf dem Schrank\u00bb in Gang. M\u00f6glicherweise braucht es aber noch weitere Kombinationen, zum Beispiel \u00abder Hund im Schrank\u00bb. Manchmal ist es angebracht, den Beginn einer Geschichte zu formulieren, auch das kann zu einer z\u00fcndenden Schreibidee f\u00fchren: \u00abEines Tages kam Herr K. nach der Arbeit m\u00fcde nach Hause. Er zog seinen Mantel aus und wollte ihn in seinem Garderobeschrank versorgen. Er \u00f6ffnete die T\u00fcr \u2013 und darin sass ein Hund! \u2026\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p1\">Ein Teil der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen entwickelt meist relativ schnell eine eigene Idee, worum es in ihrer Geschichte gehen k\u00f6nnte. Sie k\u00f6nne sich bereits aus der Gruppe entfernen und mit dem Verfassen der ersten Textfassung beginnen. Andere f\u00fchlen sich aber noch nicht so weit und brauchen noch mehr Hilfe oder warten auf eine noch spannendere Beziehung zwischen den Begriffen; vielleicht auf \u00abder Schrank auf dem Hund\u00bb: \u00abEs war einmal ein Hund, der seinen Kleiderschrank immer auf seinem R\u00fccken mittrug wie eine Schnecke ihr Haus. Dies tat er deshalb, weil er \u2026\u00bb.<\/p>\n<p class=\"p1\">Wie auch immer die Begriffe zustande kommen: Grunds\u00e4tzlich soll man versuchen, mit den Schreibern und Schreiberinnen zusammen die Beziehung zwischen den Begriffen auf vielf\u00e4ltige Weise auszuloten. Dabei werden immer schon erste Schreibideen entwickelt \u2013 nicht bei allen, aber doch bei einigen. Mit den anderen muss man so lang weitersuchen, bis auch sie das Gef\u00fchl haben, eine Idee entwickeln zu k\u00f6nnen, die dann zu einem Text f\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"p1\">In meiner Arbeit hat sich dabei Folgendes bew\u00e4hrt: Die Begriffe sollen Dinge bezeichnen oder zumindest Nomen sein. Verben, aber auch zusammengesetzte Nomen haben sich als sehr schwer kombinierbar entpuppt \u2013 wenn auch \u00abrudern\u00bb und \u00abHunde\u00bb zu wunderbaren Texten gef\u00fchrt hat (vgl. Elke Heidenreich und Bernd Schr\u00f6der: <i>Rudernde Hunde<\/i>). Man muss sich gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr das Kombinieren der Begriffe lassen. Zuerst lohnt es sich, dabei nur Pr\u00e4positionen zu verwenden. Manchmal kommt aber auch eine Schreibidee durch eine andere syntaktische Kombination zustande (vgl. \u00abrudernde Hunde\u00bb).<\/p>\n<p class=\"p1\">Nicht jedes Begriffspaar erzeugt Spannung. In solchen F\u00e4llen kann man zwar mit dem oben beschrieben Verfahren den Begriffen manchmal doch noch etwas abgewinnen, aber meist ist es sinnvoller, nochmals zwei Begriffe miteinander oxydieren zu lassen und auf eine bessere Spannung zu hoffen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Und manchmal z\u00fcnden zwei Begriffe so gut, dass eine Weiterentwicklung mithilfe von Pr\u00e4positionen gar nicht n\u00f6tig ist. In einer Gruppe von Lehramtsstudierenden hatten wir ein mal dieses Gl\u00fcck mit den Begriffen \u00abK\u00e4se\u00bb und \u00abLicht\u00bb. Es entstand unter anderen dann eine Geschichte, die wie folgt begann: \u00abEs war einmal ein K\u00e4se, der lag so vor sich hin und erfreute sich seines Lebens. Er war reif und brannte darauf, jemandem eine Freude, einen echten Genuss zu bereiten. Er fragte sich, \u2026\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bringt man Menschen, wie bringt man Kinder dazu, anregende, spannende, fantasievolle, kreative Texte zu schreiben? 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