Einführung in Interessierte Selbstgefährdung

Auf dieser Internetseite finden Sie Informationen, Fragebögenskalen/-items sowie Publikationen zum Konzept der Interessierten Selbstgefährdung aus arbeits-, gesundheits- und organisationspsychologischer Perspektive.
Wenn die Zeit knapp ist und Erwerbstätige viel zu tun haben oder sich bewähren müssen, können folgende Bewältigungsstrategien im Alltag zum Einsatz kommen:
- Pausen auslassen, um Arbeit fertigzustellen oder engagiert zu wirken
- Länger arbeiten als vereinbart, z.B. regelmässige Abend- oder Wochenendarbeit
- Auf Freizeitaktivitäten verzichten zugunsten der Arbeit
- Krank zur Arbeit kommen
- Urlaubstage nicht nutzen
- Ständig erreichbar bleiben
- Schlaf reduzieren
- Mehr Aufgaben annehmen, als realistisch bewältigbar
- Warnsignale wie Erschöpfung, Stress oder Schlafprobleme ignorieren
- Abends Alkohol trinken, um sich in gute Stimmung zu bringen und länger arbeiten zu können
- Tagsüber sehr hoher Kaffeekonsum, um leistungsfähig zu bleiben
- Multitasking und hohes Arbeitstempo, um Zielvorgaben zu erreichen
- Extra-Schleifen drehen, um sich abzusichern und möglichst perfekt abzuliefern
- Arbeitsschritte verkürzen oder fachliche Standards reduzieren, obwohl das eigentlich gar nicht erlaubt ist, aber nur so können Deadlines eingehalten werden
- Hilfe nicht einholen, um nicht als überfordert zu erscheinen
- Feedback und Konflikte vermeiden, um reibungslos dazustehen
- Fehler und Schwierigkeiten verbergen, um sich nicht angreifbar zu machen
Diese ganz unterschiedlichen Bewältigungsstile können mit der praktizierten Leistungssteuerung in der Organisation zusammenhängen, welche auf Erfolg ausgerichtet ist und von den Mitarbeitenden erwartet, sich zu legitimieren, etwa um als High Performer zu leuchten. Mitarbeitende haben aufgrund dieser betrieblichen Rahmenbedingungen ein Interesse, erfolgreich und eben nicht schwach dazustehen.
„Aus diesem Interesse am Erfolg entsteht interessierte Selbstgefährdung… Diese umfasst Strategien, die kurzfristig problemlösend sind, um sich in der Organisation zu legitimieren und erfolgreich zu erscheinen, sich jedoch bei mittel- und langfristigem Einsatz negativ auf Gesundheit und Befinden auswirken und somit langfristig maladaptiv sein können.“ (Krause et al., 2023)
Interessierte Selbstgefährdung beschreibt also Verhaltensweisen, mit denen Beschäftigte kurzfristig Probleme lösen oder Leistung demonstrieren – etwa indem sie Pausen auslassen, länger arbeiten, Aufgaben allein übernehmen oder körperliche Warnsignale ignorieren. Diese Strategien helfen dabei, kurzfristig leistungsfähig und erfolgreich zu wirken und sich innerhalb der Organisation zu legitimieren.
Langfristig jedoch können sie Gesundheit und Wohlbefinden beeinträchtigen. Was zunächst zweckmässig erscheint, wird bei dauerhaftem Einsatz maladaptiv: Erschöpfung, Stress, gesundheitliche Beschwerden und Leistungseinbrüche können die Folge sein.